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Über dieses Buch


Eva-Maria Schrage untersucht in ihrer Studie, wie junge Jüdinnen und Juden ihre Religion heute leben. Zugleich geht sie der Frage nach, wie Rabbiner, Rabbinerinnen und religiöse Gemeinschaften damit umgehen, dass die Religion im Leben vieler Jüdinnen und Juden heute eine untergeordnete Rolle spielt. Die Grundlage der Studie sind sowohl narrative Interviews religiöser Führungspersönlichkeiten als auch biographische Erzählungen von Mitgliedern verschiedener jüdischer Gemeinden. In der Beschneidungsdebatte 2012 wurde erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte eine religiöse Praxis des Judentums öffentlich diskutiert. Unabhängig davon gibt es innerhalb des hiesigen Judentums schon länger vielfältige Diskussionen darüber, wie man die Religion in der Gegenwartsgesellschaft praktizieren soll.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Zusammenfassung
Als im Sommer 2012 die Feldforschungsphase dieses Projekts schon abgeschlossen war, nahm die deutsche Gesellschaft Juden während der Debatte um die Beschneidung von Knaben vielleicht erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik als Religionsgemeinschaft wahr. Die Religiosität von Jüdinnen und Juden, von der Nichtjuden in Deutschland meistens kaum eine Vorstellung haben, wurde in den Massenmedien sichtbar.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 2. Judentum und Moderne

Zusammenfassung
In der Soziologie streitet man heute leidenschaftlich über das Schicksal der Religion in der modernen Gesellschaft (vgl. Pollack 2003). Während die soziologischen Klassiker selbstverständlich von der Säkularisierungsthese ausgingen – die einen Bedeutungsverlust der Religion in der modernen Gesellschaft postulierte (vgl. z. B. Luhmann 2002: 278) –, lehnen viele aktuelle Religionssoziologen dieses Konzept ab. Es hat sich eine außerordentlich facettenreiche Debatte entwickelt, in deren Zentrum grundsätzliche Fragen stehen: was ist Religion? (vgl. z. B. Pollack 1995; Knoblauch 2009) Was ist Moderne? (vgl. Eisenstadt 2000) und: inwiefern ist in welchen Kulturen Säkularisierung zu beobachten? (vgl. z. B. Berger 1999; Davie 2002; Martin 2005).
Eva-Maria Schrage

Kapitel 3. Der Forschungsstand zum Judentum in Deutschland

Zusammenfassung
Wenn man sich für die jüdische Religion bzw. religiöse Ausdrucksformen des Judentums in der modernen deutschen Gegenwartsgesellschaft interessiert, erforscht man heute ein weitgehend unbekanntes Terrain. Auf einen klassischen religionssoziologischen Forschungsstand – wie es ihn für andere jüdische Gemeinden auf der Welt gibt – kann nicht zurückgegriffen werden. Es gibt kaum Studien, die das Judentum in Deutschland als Religion zum Gegenstand haben. Aber es gibt einige Forschungsarbeiten, die sich allgemein mit den jüdischen Gemeinden befassen und auch religiöse Entwicklungen thematisieren.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 4. Fragestellung, Forschungsprozess und Methoden

Zusammenfassung
Die leitende Fragestellung dieser Studie ist, wie Jüdinnen und Juden heute als Führungspersönlichkeiten in Gemeinden (Mesoebene) und als religiöse Individuen (Mikroebene) mit dem Religion–Moderne–Problem umgehen. Die Facetten dieses Religion–Moderne–Problems im Judentum wurden in den Kapiteln 2 und 3 dargestellt, sodass die leitende Forschungsfrage noch einmal konkreter ausformuliert werden kann. Inspiriert von der Soziologie S. N. Eisenstadts wird das Religion–Moderne–Problem sowohl theoretisch als auch historisch–soziologisch bestimmt (vgl. Eisenstadt 1992; 2000).
Eva-Maria Schrage

Kapitel 5. Die Pluralität jüdischer Gemeinden in Deutschland heute

Zusammenfassung
Die wiedergekehrte Relevanz des Religion–Moderne–Problems in der heutigen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland manifestiert sich in der sichtbaren Pluralisierung religiöser Ausdrucksformen, die Gegenstand dieser Studie sind. Die folgenden Ausführungen sollen einen ersten Einblick in dieses Thema geben. Das Kapitel dient als Überblicksdarstellung der jüdischen Gemeinden in Deutschland in der Gegenwart.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 6. Das Modell der Gemeindeorthodoxie

Zusammenfassung
Das Herz des vorliegenden Forschungsprojekts ist die Frage: inwiefern gibt es im Judentum in Deutschland ein Spannungsverhältnis zwischen Religion und Säkularität? In diesem Unterkapitel wird anhand einer empirischen Analyse herausgearbeitet, dass in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland tatsächlich ein Spannungsverhältnis zwischen den säkularen und den religiösen Aspekten eines modernen Judentums besteht. Es wurde sogar im Modell der sogenannten Einheitsgemeinde institutionalisiert, dem Modell, nach dem die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland verfasst sind.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 7. Das Modell der liberalen Gemeinde

Zusammenfassung
Die Einheitsgemeinde repräsentiert nur ein Modell, ein gemeinschaftliches Judentum in der modernen Gesellschaft zu organisieren. Die Gemeindeorthodoxie soll die Kontinuität des Judentums in der modernen Gesellschaft sichern, indem traditionelle religiöse Praxen in der Gemeinde erhalten werden – ungeachtet der Tatsache, dass die meisten Mitglieder sie persönlich nicht praktizieren. Dieser vielerorts gemeindepolitisch tragfähige Kompromiss ist bekanntermaßen anfällig für Kritik von liberalen Juden, die immer wieder auf den Widerspruch zwischen Gemeindeorthodoxie und säkularer Lebensführung der Mitglieder hinweisen (vgl. Nave Levinson 1988; Brumlik 1995).
Eva-Maria Schrage

Kapitel 8. Das Modell der liberalen Erneuerungsgemeinde

Zusammenfassung
In der Alltagssprache jüdischer Milieus sind mit ‚religiösen Juden’ meistens Orthodoxe gemeint, die im Einklang mit einer traditionellen Lesart des Religionsgesetzes leben (vgl. Kapitel 6.2.1). Liberalen Juden wird meistens keine hochengagierte Religiosität unterstellt. Die Ergebnisse in Kapitel 7 legen auf den ersten Blick nahe, diese vorwissenschaftliche Perspektive auch in die religionssoziologische Analyse zu integrieren. Das liberal-pragmatische Gemeindemodell erscheint als eine eher reduzierte Variante des Judentums, die an die Erfordernisse der säkularen Gesellschaft angepasst ist.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 9. Das Modell der orthodoxen Gemeinschaft

Zusammenfassung
In der modernen Gesellschaft können Religionsgemeinschaften, wie die Einheitsgemeinden und die liberalen Gemeinden, ihre Ansprüche an die Lebensführung ihrer Mitglieder anpassen. Es gibt aber auch im Judentum religiöse Organisationen und Gemeinden, die bewusst einen gewissen kulturellen Widerstand gegen die Moderne leisten – und sich doch sehr intensiv mit der modernen Gesellschaft auseinandersetzen. Die jüdische Orthodoxie hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer solch vielfältigen, dynamischen und kreativen religiösen Bewegung entwickelt, deren hohes Engagement sich zunehmend auch in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland spiegelt.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 10. Jüdische Gemeindemodelle im Vergleich

Zusammenfassung
Der Ausgangspunkt der empirischen Untersuchungen in den Kapiteln 6-9 war die Annahme, dass die moderne Gesellschaft die jüdischen Gemeinden in Deutschland vor Herausforderungen stellt. Die leitende Forschungsfrage war, welche Modelle von Gemeinde und Judentum von religiösen Führungspersönlichkeiten als Antwort auf die moderne Gesellschaft konstruiert werden. Dieser Ansatz hat sich als fruchtbar für eine soziologische Analyse erwiesen: es konnten unterschiedliche Deutungsmuster des Judentums in der modernen Gesellschaft herausgearbeitet werden. In diesem Kapitel werden die Modelle von Judentum und Gemeinschaft systematisch miteinander verglichen und eingeordnet. Zuvor lassen sich aber noch einige allgemeine Forschungsergebnisse festhalten.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 11. Einführung: jüdische Biographien in Deutschland

Zusammenfassung
In der modernen Gesellschaft wird religiöser Wandel nicht nur von religiösen Eliten bestimmt, sondern er ist auch von der Lebensführung von Individuen abhängig. Rabbiner und Religionslehrer können wenig ausrichten, wenn sie keine Adressaten für ihre religiösen Botschaften finden. In den folgenden Kapiteln geht es deshalb nicht mehr um global gedachte Konzepte von Judentum und Gemeinschaft, sondern um Modelle jüdischer Lebensführung. Die folgenden Analysen sind beim Individuum, auf der Mikroebene des Sozialen (vgl. Krech 2011: 76), angesiedelt.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 12. Orthodoxes Judentum als biographische Innovation

Zusammenfassung
Im Judentum nennt man Juden, die sich für ein orthodoxes Leben entscheiden, Ba’alei Tschuwa (dt. etwa: Rückkehrer). Juden aus säkularen lebenden Familien, die sich dem orthodoxen Judentum zuwenden, gibt es auf der ganzen Welt. Danièle Hervieu-Léger hat dieses Phänomen zum Beispiel in Frankreich beobachtet (vgl. Hervieu-Léger 2004: 102). Für die USA und Israel wurde die Bekehrung von Juden aus säkularen Milieus zur Orthodoxie in mehreren Monographien dargestellt (vgl. Danzger 1989; Davidman 1991; Bunin Benor 2012).
Eva-Maria Schrage

Kapitel 13. Liberales Judentum als biographische Innovation

Zusammenfassung
In diesem Kapitel wird mit dem Fall von Laura eine individualistische Option jüdischer Religiosität dargestellt. In maximalem Kontrast zu Batya und Aaron lebt Laura ein Judentum, das sie in einem Passungsverhältnis zu ihrer Biographie, ihrem Habitus und ihrem Leben in der säkularen Gesellschaft entwickelt hat. Im Interview mit Laura geht es nicht nur um die gelebte jüdische Religion unter den Bedingungen der säkularen Gesellschaft. Es wird ein Prozess jüdischer Identitätsbildung erzählt, der diesmal nicht in einem russisch-jüdischen, sondern in einem deutsch-jüdischen Milieu spielt. Lauras jüdische Familie war vom Holocaust betroffen.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 14. Die Reproduktion der Familientradition

Zusammenfassung
Orthodoxe Konvertiten wie Batya und Aaron oder Individualistinnen wie Laura haben mit ihrem gelebten Judentum eine relativ große Nähe zu religiösen Strömungen wie der Orthodoxie oder dem liberalen Judentum. In diesem Kapitel wird mit dem traditionellen Judentum eine Form jüdischer Religiosität dargestellt, die relativ unabhängig von den religiösen Eliten des Judentums zu sein scheint. Unter den Bedingungen der individuellen Entscheidungsfreiheit, welche die Autorität von Rabbinern und anderen religiösen Experten relativiert, haben sich in der modernen Gesellschaft religiöse Einstellungen, Vorstellungen und Praxisformen über die traditionellen religiösen Strömungen hinaus pluralisiert.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 15. Reproduktion und Individualismus

Zusammenfassung
Im Kapitel über die Erzählung von Laura wurde der Übertritt zum liberalen Judentum als ein Prozess der Identitätsbildung dargestellt (vgl. 13). Die liberale Strömung des Judentums erschien in diesem Kontext eng mit dem individualistischen Typus jüdischer Religiosität verbunden: die individuelle Religiosität wird mit ihrem Passungsverhältnis zur Biographie, zur Lebensführung und zu den Präferenzen des Individuums legitimiert. Laura gestaltet ihr Judentum im Wesentlichen im Einklang mit ihrer Prägung durch das Herkunftsmilieu und die säkulare Gesellschaft.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 16. Modelle gelebten Judentums in Deutschland

Zusammenfassung
In Kapitel 11-15 konnte gezeigt werden, dass Juden und Jüdinnen in ihrem Leben in der Gegenwartsgesellschaft andere Fragen beschäftigen als die Expertinnen und Experten in den Gemeinden und Organisationen. Die rekonstruierten Typen ermöglichen es, Optionen jüdischer Religiosität im heutigen Deutschland herauszuarbeiten. Die Lebensgeschichten von Batya, Aaron, Laura, Amir, Jael und Michael, die in ihren Erzählungen als facettenreiche Persönlichkeiten erscheinen, sind eine Grundlage für die Bildung von Idealtypen, die nicht der Komplexität menschlicher Erfahrung gerecht werden können, aber dafür einen hohen analytischen Wert haben.
Eva-Maria Schrage

Kapitel 17. Säkularität, Traditionsbewahrung und religiöse Erneuerung

Zusammenfassung
Die Untersuchung jüdischer Gemeindemodelle und Lebensentwürfe hat gezeigt, dass man das Judentum in Deutschland sinnvoll mithilfe religionssoziologischer Theorien untersuchen kann. Die vielen Gespräche und Interviews, die ich führen durfte, gaben in Einblicke ganz unterschiedliche jüdische Lebenswelten – und nicht zuletzt die Möglichkeit zu Kontakten mit Jüdinnen und Juden aus der ganzen Welt, die heute in Deutschland leben. Die Auszüge aus transkribierten Interviews sollten nicht nur die empirische Analyse detailliert nachvollziehbar, sondern auch Stimmen von Jüdinnen und Juden ein wenig hörbar machen.
Eva-Maria Schrage

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