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12.04.2019 | Kanzlei | Interview | Onlineartikel

"Den Trend zur Boutique gibt es auch in der Steuerberatung"

Autor:
Thorsten Garber
Interviewt wurde:
Dr. Raoul Riedlinger

ist Präsident der Bundessteuerberaterkammer (BStBK).

 

Warum der ganzheitliche Beratungsansatz von Steuerberatern Sinn macht und wo die aktuellen Herausforderung der Branche liegen, erklärt BStBK-Präsident Raoul Riedlinger im Gespräch mit Springer Professional.

Springer Professional: In Ihrer täglichen Praxis betonen Sie den ganzheitlichen Beratungsansatz, um Mandanten zu wirtschaftlichen Erfolg zu verhelfen. Können Sie uns ein konkretes Beispiel liefern, wie Sie in Unternehmen dazu beigetragen haben?

Raoul Riedlinger: Es kommt durchaus vor, dass Steuerberater von Unternehmen bei Fragen zur Wertschöpfung eingebunden sind. Ganzheitlich meint für unsere Kanzlei allerdings vor allem das ganze Spektrum aus rechtlicher, steuerlicher und betriebswirtschaftlicher Beratung. Dies umfasst insbesondere die Kosten- und Leistungsrechnung – von der monatlichen Betriebswirtschaftlichen Auswertung bis zum Jahresabschluss. Mit zeitgemäßen Tools erkennen wir sofort auch Schieflagen. Größere Unternehmen bewegen zusätzlich strukturelle Fragen, etwa zum Gesellschaftsrecht, zu Betriebsstätten im Ausland oder grenzüberschreitenden Verrechnungspreisen und zuletzt verstärkt zu Aspekten der Nachfolge. Wenn es um detaillierte Branchenberatung geht, sind wir außen vor, denn dafür gibt es spezialisierte Unternehmensberatungen.

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Außer Steuer-Erklärungen obliegt Ihren Kammer-Mitgliedern auch, Unternehmer in Fragen der Vorsorge und Vermögen zu begleiten. Können Sie den Entscheidern hierzu eine Faustregel mit auf den Weg geben?

Es ist richtig, dass der qualifizierte Jahresabschluss unsere wichtigste Dienstleistung für Unternehmen ist. Oder, wie der bis heute speziell für seine Erkenntnisse zu Rechnungslegung und Unternehmensbewertung  angesehene BWL-Professor Adolf Moxter einst formulierte, die "Ermittlung des entnahmefähigen Gewinns". Selbstverständlich fragen uns Unternehmer dann nicht selten: "Was mache ich mit dem Geld – noch ein Haus kaufen oder besser in die Firma investieren?" Meist beziehen sich die Fragen aber eher auf Gestaltung des Erbrechts. Reine Anlage-Themen erörtern Kunden weniger mit dem Steuerberater, sondern vielmehr mit der Bank. Ich selbst hatte als Steuerberater in Versorgung und Vermögen wenig Mandantenanfragen aus der Unternehmerschaft. Mein Rat wäre wohl auch oft gewesen: "Kaufe Boden und baue drauf." Aber Betongold ist ja nicht alles. 

In welchen Gebieten der Unternehmens- und Finanzierungsberatung sehen Sie künftig die meiste Arbeit auf die Kanzleien zukommen?

Das kommt sehr auf die weitere Entwicklung an. Etwa, was noch im Unternehmenssteuerrecht passiert und ob der Unternehmer beispielsweise im Hinblick auf die Abgaben besser dasteht in einer Personengesellschaft oder in einer Kapitalgesellschaft. Einiges ist unvorhersehbar und schwebt wie ein Damoklesschwert über Unternehmern. Muss das Unternehmen nun hinein in die GmbH oder doch besser heraus? Lange Zeit hatten wir Ruhe in der Frage der Rechtsform-Wahl. Auch ist derzeit die Finanzierungsberatung angesichts der niedrigen Zinsen nicht so stark gefragt. Meines Erachtens gewinnt die Frage nach Investitionen ins menschliche Kapital an großer Bedeutung. Mitarbeiter gelten heute als hohes Gut, nicht nur wegen des Fachkräftemangels. Das wirft neue Fragen auf nach Entlohnungssystemen, sozialen Einrichtungen und sozialem Verhalten ihnen gegenüber, aber vor allem nach geeigneten Akquisitionsbemühungen.

Die BStBK-Zukunftsinitiative "Steuerberatung 2020" empfahl sechs Kanzleitypen vom Einzelkämpfer  als überlebensfähig. Diese reichten vom Einzelkämpfer bis zu Organisationen mit Steuerberater, Rechtsanwalt und Wirtschaftsprüfer. Haben sich Ihre 96.000 Mitglieder alle schon dementsprechend aufgestellt?

Die Empfehlung war als Idealbeschreibung zu verstehen. Die sechs Kanzlei-Typen sind in der Praxis in Reinform nicht durchgängig anzutreffen. Die Mischung ist womöglich auch besser, damit die Kanzleien zukunftsfähig aufgestellt sind. Drastischer formuliert: Im Südschwarzwald braucht es keine Spezialkanzlei für Hochseefischerei. Tendenziell sehen wir den Trend zur Boutique auch bei Steuerberatern, wie das bei Anwälten schon Realität ist. Diese Entwicklung hatten wir in Steuerberaterkanzleien schon einmal vor 20 bis 30 Jahren. Das hatte sich aber nicht durchschlagend durchgesetzt hat. Spezialisierte Fachkanzleien zielen zudem weniger auf Branchen oder Berufsgruppen, sondern eher auf steuerliche Fragen und Bewertungen etwa zu Großinvestitionen wie beim Engagement im Ausland und der dortigen Finanzgerichtsbarkeit.

 Wo im Tagesgeschäft der Kanzlei greift verstärkt digitale Transformation?

Die bereits begonnenen Entwicklungen setzen sich in den kommenden Jahren mit Tempo fort. Aber so schnell wie einst vom damaligen Datev-Chef prognostiziert, also in einem Zeitraum von zwei bis fünf Jahren, treten Veränderungen dann doch nicht flächendeckend ein. Allerdings sind allein bei Jahresabschlüssen mehr digitale Transformationen zu erwarten. Doch bisher wurden solche Herausforderungen in den Kanzleien immer gut gemeistert. Auch der Digitale Finanzbericht, also der Austausch mit den Kreditinstituten, war anfangs für die Steuerberater technisch nicht ganz einfach.

Wie viel Prozent der Jahresabschlüsse werden mittlerweile digital an Finanzämter gesendet?

Alle gewerbliche Abschlüsse gehen seit zwei Jahren digital ans Finanzamt. Es geht manchmal also schneller als gedacht. Die Technik-Affinität soll zwar im Alter abnehmen, aber für unsere Steuerberater gilt dies offensichtlich nicht.

Ein ausführliches Interview mit Raoul Riedlinger finden Sie in der aktuellen Ausgabe von "return – Magazin für Transformation und Turnaround".

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