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24.03.2020 | Kapitalmarkt | Nachricht | Onlineartikel

Aktienexperten geben keine Entwarnung

Autor:
Michael Fuchs
2:30 Min. Lesedauer

Die Börsen haben sich längst nicht beruhigt. Volkswirte beginnen jedoch, den Corona-Crash einzuordnen, auch wenn das ganze Ausmaß noch nicht absehbar ist. Jedoch gibt die Börsengeschichte Anhaltspunkte, was geschehen ist und wie es weitergehen könnte.

Der Kursabsturz durch die Corona-Epidemie wird als einer der großen Crashs in die Börsenhistorie eingehen. Dafür spricht zum einen seine Geschwindigkeit, zum anderen die Schnelligkeit des Umschwungs. Gerade noch in Hausse-Laune fielen die Kurse ins Bodenlose. Doch kam die Wende tatsächlich aus heiterem Himmel? Carl Heinz Daube, Professor für Finanzierung an der NBS Northern Business School, meint, nein. Er hält das Corona-Virus nur für den Funken, der den Brandsatz entfachte. Als Belege nennt er unter anderem rückläufige Wachstumsraten, Belastung der Wirtschaft durch Klimaschutzmaßnahmen, geopolitische Risiken und "möglicherweise überbewertete Aktienmärkte" unmittelbar vor dem Einbruch.

Hohe Aktienbewertungen vor der Talfahrt

Ein Blick auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis unterstreicht das. Das sogenannte Zwölf-Monats-Forward-KGV von Dax und S&P 500 bewegte sich vor dem Crash auf hohem Niveau. Das stellten die Aktienstrategen der LBBW in einer Studie fest. Schaut man auf die vergangenen zwanzig Jahre, waren Aktien Deutschland und den USA mit 15,0 und 19,4 deutlich teurer als vor der Finanzkrise 2007 und der Euro-Krise 2011. Nur während der Technologieblase war die Bewertung mit 30,3 im Dax und 24,8 im S&P 500 noch höher.

Der extrem schnelle Einbruch hat das freilich komplett geändert. Der Dax hat nicht nur seine Überbewertung abgebaut, sondern ist mittlerweile stark unterbewertet, wie die LBBW-Studie zeigt. Die Grenze zu "untypisch hoher Unterbewertung" liegt danach bei rund 10.000 Punkten, also grob 15 Prozent über dem aktuellen Stand. Und nicht nur das: Der Zwölf-Monats-Forward-Buchwert bewegt sich bei 8.630 Punkten. Auch diese Marke war in der Vergangenheit ein gutes Indizes für Unterbewertungen.

Weitere Talfahrt nicht ausgeschlossen

Doch ist die Talfahrt damit vorbei? Die Aktienstrategen sind nicht nur wegen der Unwägbarkeiten des Epidemieverlaufs vorsichtig. Auch die Historie gibt keinen Grund zur Entwarnung. "Wenn der Zwölf-Monats-Forward-Gewinn durch die Corona-Krise so stark in Mitleidenschaft gezogen würde, wie während der Finanzkrise, sänke das 'neutrale' Dax-Niveau auf im Tief rund 7.600 Punkte", warnen die LBBW-Experten. Und schlimmer noch: "Die untere Begrenzung des Bewertungsbandes liegt im Minimum dadurch bei 6.600 Zählern."

Zur Vorsicht mahnt auch der S&P 500. Das Zwölf-Monats-Forward-KGV analog zum Dax liegt zwar wieder unter dem neutralen Niveau bei 2.590 Punkten, aber noch nicht deutlich unter der Grenze für untypisch hohe Unterbewertung bei 2.265 Zählern. Und sollte der Gewinneinbruch das Ausmaß der Finanzkrise erreichen, sieht es trüb aus. Das neutrale Niveau wäre dann bei 1.575 Punkten, die Unterbewertung erst bei 1.375 erreicht. Das würde nicht nur für US-Aktien nochmals massive Verluste bedeuten, sondern dürfte auch den Dax nicht kalt lassen.


Da die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise aber noch völlig unklar sind, bleibt offen, wie weit die Unternehmensgewinne beeinträchtigt werden. Die LBBW-Aktienstrategen sind vorsichtig und gehen „davon aus, dass der Boden noch nicht gefunden wurde, zumal sich mit dem Vereinigten Königreich und den USA zwei sehr bedeutende Wirtschaftsnationen erst in einer frühen Phase der  Ansteckung  befinden.“

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