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08.02.2021 | Kapitalmarkt | Gastbeitrag | Onlineartikel

Revolte gegen Hedgefonds ruft Regulierung auf den Plan

Autor:
Dr. Tracy Dathe
4 Min. Lesedauer

Mittlerweile ist der Höhenflug der Gamestop-Aktie wieder beendet. Doch über Wochen kauften vor allem Privatanleger massiv Papiere der Einzelhandelskette für Videospiele, um die Leerverkäufspläne großer Hedgefonds zu durchkreuzen. Nun sind die Regulierer gefragt.

Im Januar 2021 verabredeten sich Kleinanleger im Diskussionsforum Wallstreetbets (WSB) auf der amerikanischen Online-Plattform Reddit zum Kauf von Gamestop-Aktien (GME). Zuvor hatten die US-Hedgefonds Citron Research und Melvin Capital auf einen Kursverlust gesetzt und die Papiere leerverkauft. Doch durch die Gegenbewegung, die zum massenhaften Kauf aufrief und  ein enormes Medienecho auslöste, stieg der Aktienkurs in weniger als einem Monat um rund 2.000 Prozent.

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Alternative Anlagen im Allgemeinen wie auch Hedgefonds im Speziellen haben heutzutage in sehr vielen Vermögensverwaltungen Einzug gehalten. Dabei kann der Vermögensverwalter selbst, die mit dem Kunden bestimmte Anlagestrategie oder der gezielte Kundenwunsch den Ausschlag dazu gegeben haben. Die Entwicklung in den letzten 20 Jahren zeigt, dass die durch Hedgefondsmanager verwalteten Vermögen eindrücklich gewachsen sind.

Handelsbeschränkungen führten zu Verschwörungstheorien

Dann schränkte der Trading-App-Betreiber Robinhood kurzerhand den Handel der GME-Aktien ein, um die radikalen Preiserhöhungen zu verhindern. Ihm folgten innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl weiterer Online-Broker, darunter auch das deutsche Unternehmen Trade Republic. Die Folge: Der Kurs brach zeitweilig um die Hälfte ein. Dann kam es schließlich zu einem Aufruhr im Netz und wilden Verschwörungstheorien. Die Betreiber der Handelsplattformen hatten ihr Handeln damit begründet, dass sie das Handelsvolumen auf der Plattform haben drosseln müssen, um selbst der stark wachsenden Kapitaleinlagepflicht nachkommen zu können.  

Die vielen Privatanleger, die bei der Aktion Verluste erlitten, fühlten sich betrogen. So habe Robinhood laut Medienberichten den Hedgefonds Citadel über das Kaufverhalten der Kleinanleger auf seiner Plattform vorabinformiert, und diesem so ermöglicht, den Preisbewegungen am Markt zuvorzukommen. Dennoch erlitten die Shortseller bis Anfang Februar einen geschätzten Verlust von rund zehn Milliarden US-Dollar. Zugleich war die Anzahl der angemeldeten WSB-Forumteilnehmer auf 7,8 Millionen geklettert. Dieser Vorfall am New Yorker Börsenparkett sorgte damit weltweit für Aufsehen.

Kleinanleger revoltieren gegen Leerverkäufe

Hedgefonds nutzen eine spezielle Art der Geldanlage, die einem kleinen Kreis kapitalstarker Investoren vorbehalten ist. Während traditionelle Fondmanager Anlagenpositionen wie Aktien kaufen, um diese später bei einem Kursanstieg mit Gewinn zu verkaufen (long), setzen Hedgefondmanager auch auf spekulative Alternativen wie Leerverkäufe. 

Dabei werden zunächst geliehene Aktien zum Marktpreis verkauft. Bei einem Kursabfall kauft der Hedgefonds die Aktien günstiger wieder ein und verdient an der Kursdifferenz (shorten). Steigt der Marktpreis an, muss auch dieser im Rahmen der Rückgabepflicht gezahlt werden. Und dieser Anstieg kann theoretisch unendlich hoch ausfallen. Daher handelt es sich beim Leerverkauf um ein hochriskantes Instrument. Da ein solches Shortselling ungesunde Unternehmen verdrängt, gilt es auch als Werkzeug, um den  Kapitalmarkt bereinigt.

Auch im Fall von Gamestop hatte durch die globale Verbreitung von Internetspielen das Geschäftsmodell sukzessiv an Attraktivität verloren. Durch das leerverkaufen von GME-Aktien wollten Citron Research und Melvin Capital aus der voraussichtlich negativen Kursentwicklung Kapital schlagen. Doch die Hedgefonds hatten die Rechnung ohne die vielen Kleinanleger, vorwiegend Millenials, gemacht, die diese Geschäftspraktiken als unethisch oder sogar illegal werteten.

Unterstützer in den sozialen Medien

Als die WSB-Forummitglieder entdeckten, dass mit verschiedenen Rückgabefristen das Leerverkaufsvolumen bereits 140 Prozent aller herausgegebenen GME-Aktien erreichte, beschlossen sie, durch Aktienkäufe den Marktpreis hoch zu treiben und gegen die Shortpositionen zu wetten. In den sozialen Medien erhielten sie zudem Unterstützung durch Chamath Palihapitiya, ein milliardenschwerer amerikanischer Venture-Capital-Investor, und dem Tesla-CEO Elon Musk.

Es kam zur beschriebenen Angebotsknappheit der Aktie, dem sogenannten Short Squeeze. Um die notwendigen Finanzmittel für den Aktienrückkauf bereitzustellen, trennten sich die großen Gesellschaften unter anderem von ihren sonstigen Wertpapieren. Das führte zu einer Marktverunsicherung, die sich in Kursabschlägen der Aktienindizes nicht nur in den USA, sondern auch in Europa niederschlug.

Finanzaufsicht muss Regularien überdenken

Der Vorfall erschütterte den globalen Kapitalmarkt und wirft viele juristische Fragen auf, die nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Deutschland beantwortet werden müssen. Denn weitere Aktien wie Cinema Group (AMC), Blackberry oder Nokia werden von der WSB-Community ins Visier genommen. Die heftige Volatilität der Aktienkurse bescherte einigen Kleininvestoren dabei ein unerwartetes Vermögen. Doch im Fall von Gamestop hat sie auch manchen finanziell ruiniert.

Marktexperten fordern nun die Regulierungsbehörden auf, die aktuellen Regelungen zu überdenken, da die radikale Handlung der Privatanleger Hedgefonds dauerhaft verdrängen und somit die traditionelle Marktordnung strukturell verändern könnten. Angesichts der gesellschaftlichen Spaltung sollte dabei auch berücksichtigt werden, dass die riskanten und renditenreichen Finanzinstrumente bislang allein den etablierten Marktspekulanten zugänglich sind, für die in der Regel die Gesellschaft bürgt.

Fazit: Dieser Fall zeigt, wie die fortschreitende Digitalisierung die grundlegende gesellschaftliche Ordnungen verändert. Die gebührenfreien Online-Trading-Plattformen wie Robinhood fördern häufige, kurzfristige Transaktionen von Kleinanlegern. Über Social Media wie Reddit und Twitter organisiert, werden Millionen Menschen für gemeinsame Ziele effektiv mobilisiert. Nun sind die Staaten gefragt, die die Stabilität nicht nur am Finanzmarkt, sondern für die gesamte Gesellschaft gewährleisten müssen.

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