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29.06.2020 | Kapitalmarkt | Im Fokus | Onlineartikel

Wirecard bringt Staat unter Zugzwang

Autoren:
Angelika Breinich-Schilly, Swantje Francke
6:30 Min. Lesedauer

Die Akte Wirecard wird nicht nur Kunden, Anleger und Mitarbeiter für lange Zeit beschäftigen, sondern auch Politik und Behörden. Im Fokus steht unter anderem die Struktur der Bafin. Die Chronik eines Wirtschaftsskandals.

"Der Beruf des Aufsehers ist undankbar. Funktioniert auf dem Finanzmarkt alles, dankt der Bafin niemand, läuft dagegen etwas schief, sind sie der Prügelknabe", schreibt Maximilian Volz in der Einleitung seines Beitrags "Bafin in der Kritik" der Zeitschrift Versicherungswirtschaft (Ausgabe 1 | 2020). "Natürlich gibt es an einigen Stellen auch zu lasche gesetzliche Vorgaben. Aber dort, wo die Bafin aktiv werden könnte, tut sie es zu oft nicht", zitiert der Autor die Bürgerbewegung Finanzwende.

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Definitions

Die Darstellung eines Abschlusses zeichnet sich durch bestimmte Aussagen aus, die sich zum Beispiel auf den "Bestand" von Forderungen oder auf die "Vollständigkeit" von Rückstellungen beziehen können. Diese Aussagen verwendet der Prüfer, um die verschiedenen Arten von möglichen Fehlaussagen in Erwägung zu ziehen.

Bafin steht in der Kritik

Dass die Behörde auch im Fall Wirecard hätte anders reagieren müssen, kritisieren viele Finanzexperten. So wird sich der Sturz des Aschheimer Unternehmens zur Chefsache. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will als Konsequenz aus Bilanzskandal die Arbeitsweise der Aufsichtsbehörde unter die Lupe nehmen lassen. "Auch hier müssen die Strukturen durchleuchtet, mögliche Fehler rasch identifiziert und sofort abgestellt werden", erläuterte der Politiker vergangene Woche in Berlin. Um internationale Konzerne künftig besser kontrollieren zu können, arbeitet sein Ministerium nun an einem Konzept. 

Erste Konsequenzen wurden aber bereits in anderer Richtung gezogen: Demnach ist der Vertrag zwischen der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) und dem Bundesjustizministerium gekündigt worden. Der privatrechtlich organisierte Verein DPR war als Folge von Bilanzskandalen um den US-Konzern Enron und Comroad und Flowtex in DeutschlandJahr 2004 gegründet worden. Im Rahmen einer zweistufigen Bilanzprüfung untersuchte die DPR stichprobenartig, auf Verlangen der Bafin oder im konkreten Verdachtsfall die Bücher börsennotierter Unternehmen. Bei Ungereimtheiten schreitet die Bafin als nachgelagerte Prüfungsinstanz ein. Wie die Zeitung "Financial Times" berichtet, habe Finanzstaatssekretär Jörg Kukies bestätigt, dass die Bafin künftig selbst die Ermittlungen durchführt.

Mitbewerber wittern ihre Chance 

Derweil bringen sich deutsche Mitbewerber von Wirecard in Stellung, um Kunden des Zahlungsdienstleisters abzuwerben. So äußerte sich etwa Computop-CEO Ralf Gladis, sein Unternehmen habe sich "mit mehreren Acquirern und Partnern abgestimmt, um allen Wirecard-Kunden schnell mit neuen Lösungen zur Seite zu springen." Es dauere nur eine Woche, um alternative Zahlungssysteme zu Wirecard einzurichten, die dann die Zahlungen von Online-Shops oder von Kartenterminals in den Ladengeschäften abwickeln könnten.

Gladis rechnet mit einer beschleunigten Konsolidierung im Markt der Payment Systeme, nach der "keineswegs nur wenige große Player den Markt unter sich aufteilen werden, es werden eher hunderte sein. Ganz einfach, weil das Feld so groß und komplex ist, dass kein einzelner Spieler überall glänzen können wird."

Chronik des Versagens

Auf jeden Fall zeigen die Entwicklungen bei Wirecard, wie Führungskräfte und Mitarbeiter Kontrolllücken für dolose Handlungen ausnutzen. Eine Übersicht der Geschehnisse fasst die Ereignisse rund um den einstigen Star unter den deutschen Fintechs noch einmal zusammen. 

Wirecards turbulente Chronik:

Datum

Ereignis

1999

Gründung der Wirecard AG aus der Fusion von Wire Card mit Infogenie. Das Zahlungsdienstleistungsunternehmen hat seither seinen Sitz in Aschheim bei München

Juni 2008

Auf der Hauptversammlung beschuldigt Carsten Straub, Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), Wirecard, die Bilanzierung sei untransparent. Die Aktie von Wirecard bricht daraufhin ein. Wirecard stellt eine Anzeige gegen die Aktionärsschützer wegen "Insiderhandel und mittäterschaftlicher Marktmanipulation". Straub hatte auf einen Kursverfall der Aktie gewettet. Im Juli 2008 muss er von seinem Amt zurücktreten. 2011 erhebt die Staatsanwaltschaft München Anklage, unter anderem gegen zwei Mitglieder des SdK. Beide werden zu einer Haftstrafte verurteilt.

2015


Die Commerzbank fällt aus dem Dax, Wirecard tritt an deren Stelle

2015

Dan McCrum und Stefania Palma beginnen unter dem Serientitel "House of Wirecard" regelmäßig Beiträge zu veröffentlichen, die auf Inkonsistenzen in der Rechnungslegung von Wirecard hinweisen.

15. April 2019

Die Bafin setzt das in Deutschland bisher höchste Bußgeld wegen verspäteter Veröffentlichung eines Finanzberichts in Höhe von 1,52 Millionen Euro gegen die Wirecard AG fest.

12. September 2019

Wirecard platziert erste Investment-Grade-Anleihe bei institutionellen Investoren. Die Ratingagentur Moody‘s vergibt ein Rating von Baa3, Emittenten- und Emissionsrating. Das Anleihevolumen in Höhe von 500 Millionen Euro ist zweifach überzeichnet.

28. April 2020

KPMG legt die Ergebnisse seiner forensischen Untersuchung vor. Wirecard gibt in einer Pressemeldung und einem Investor Relations Conference Call das übergreifende Statement ab, belastende Belege für Bilanzmanipulation seien nicht gefunden worden. In allen vier Prüfbereichen hätten sich keine Feststellungen ergeben, die zum Untersuchungszeitraum 2016, 2017, 2018 zu Korrekturbedarf geführt hätten.

13. Februar 2020/29. Mai 2020

Wirecard veröffentlicht einen Report über "Fundamental Financial Data" mit Daten der Geschäftsjahre 2013 und 2018. Die Veröffentlichung des Geschäftsberichts 2020 wird für den 18. Juni 2020 avisiert. Fazit: Der Cashflow entwickele sich parallel zum Umsatz, die Eigenkapitalausstattung sei überdurchschnittlich. "Wirecard ist ein finanziell solides Unternehmen."

18. Juni 2020

Der Vorstand von Wirecard gibt eine Stellungnahme ab, dass der Abschlussprüfer EY den Bestätigungsvermerk für den Jahresabschluss des Geschäftsjahres 2019 aufgrund unberechtigter Bankbetätigungen weitere Prüfungshandlungen erfordert. Laut EY besteht der Verdacht, dass dem Wirtschaftsprüfer seitens von Treuhändern oder der beteiligten Banken falsche Salden in betrügerischer Absicht übermittelt worden seien. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden sei.

22. Juni 2020

Kurz vor drei Uhr morgens teilt Wirecard mit, dass Salden auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro, die in der Bilanz als Aktivposten behandelt wurden, höchstwahrscheinlich nicht existieren. Das Geschäft der Third Party Acquisition sei in der Bilanz nicht korrekt wiedergegeben worden.

22. Juni 2020

Bafin-Chef Hufeld räumt Fehler bei der Aufsicht ein. Er bezieht sich unter anderem darauf, dass im Februar 2019 eine Untersuchung der Vorgänge bei der DPR in Auftrag gegeben wurde. Bei der DPR ist jedoch im Wesentlichen nur ein einzelner Mitarbeiter mit der Sache betraut. Auch externe Hilfe wurde nicht hinzugezogen. Der Bafin-Präsident wies aber darauf hin, dass die deutsche Bankenaufsicht formal nur Durchgriffsrechte in die Wirecard-Bank habe und nicht in den gesamten Wirecard-Konzern, und gerade nicht in das zweifelhafte Asien-Geschäft.

23. Juni 2020

Geschäftsführer Markus Braun wird von der Staatsanwaltschaft München I verhaftet. Die Staatsanwaltschaft München wird aufgrund einer Anzeige der Bafin aktiv. Diese stützt sich darauf, dass der Wirecard Vorstand angegeben hatte, das KPMG-Gutachten entlaste ihn, was jedoch aus Sicht der Bafin nicht der Fall war.

23. Juni 2020

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) tritt vor die Presse. Er bezeichnet die Vorgänge als Weckruf, die Finanzaufsicht müsse effizienter gestaltet werden.

25. Juni 2020

Wirecard stellt Antrag auf Insolvenz.

25. Juni 2020

Die Bafin setzt einen Sachwalter für die Wirecard Bank AG ein: Die Bank soll vom Mutterkonzern abgespalten und damit vom Insolvenzverfahren ausgenommen werden.

25. Juni 2020

EY äußert sich gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, es gäbe klare Anzeichen für betrügerische Absprachen, Dokumentenfälschung und gezielte Täuschung der Öffentlichkeit.

26. Juni 2020

Die FAZ berichtet aus Kreisen der 15 Gläubigerbanken, dass die Kredite der Wirecard verlängert worden wären und eine Insolvenz Erstaunen hervorrufe.

26. Juni 2020

Die EU-Kommisision beauftragt die ESMA bis Mitte Juli einen Bericht über die Finanzaufsicht im Fall Wirecard vorzulegen. Valdis Dombrovskis, der für die Finanzdienstleistungspolitik zuständige EU-Exekutiv-Vizepräsident, erklärte der Financial Times, die ESMA solle klären, was schiefgelaufen ist. Werden Unregelmäßigkeiten in den Aufsichtstätigkeiten der Bafin aufgedeckt, könnte der Bafin eine formelle Untersuchung ins Haus stehen, ob sie gegen Gemeinschaftsrecht verstoßen hat.

28. Juni 2020

Die FAZ berichtet, dass ein Hamburger Anwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, im Auftrag von rund 300 geschädigten Wirecard-Anlegern eine Klage gegen die Bafin und EY vorbereitet. Die Anwälte stützen sich auf die Aussage des Bafin-Chefs Hufeld, der Fehler der Behörde bei der Finanzaufsicht eingeräumt hatte. Die Berliner Rechtsanwälte Marc Liebscher und Wolfgang Schirp bereiten eine Sammelklage wegen Staatshaftung gegen die Bundesrepublik Deutschland vor.



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