Skip to main content
main-content

13.02.2017 | Kläranlagen | Interview | Onlineartikel

"Die Kläranlage wird energieneutral arbeiten"

Autor:
Günter Knackfuß
Interviewt wurde:
Dipl.-Ing. Wolfgang Griebel

ist als Projektleiter des Unternehmens Obermeyer Planen + Beraten GmbH für die Sanierung der Monsheimer Kläranlage verantwortlich

Die Monsheimer Kläranlage wird mit dem Ziel saniert, eine 100prozentige Eigenstromversorgung zu erreichen. Wir sprachen mit Projektleiter Wolfgang Griebel über die Arbeiten bei laufendem Betrieb.

Springer Professional: Sie sind gerade mittendrin in der Modernisierungsphase. Welche Prioritäten hat das Planungskonzept gesetzt?

Wolfgang Griebel: Wir haben die Maßnahmen in vier Prioritätsstufen eingeteilt. In der ersten Stufe sollte zunächst der Betrieb der sanierungsbedürftigen Kläranlage gesichert werden. In der zweiten Stufe wird jetzt der Hauptverbraucher der Kläranlage, die biologische Reinigungsstufe saniert und damit der Gesamtenergieverbrauch der Kläranlage drastisch reduziert. Als dritte Stufe werden wir die Schlammbehandlung sanieren, mit dem Ziel, die Gasausbeute aus der Schlammfaulung zu maximieren und dadurch die Voraussetzung für eine weitgehende Eigenstromerzeugung zu schaffen. In der vierten Stufe ist geplant, die Gasausbeute durch Zugabe von Co-Substraten soweit zu steigern, dass die Kläranlage dann im Jahresmittel energieneutral arbeitet.

Es wurden projektbezogen neue verfahrenstechnische Aspekte entwickelt. Welche sind das?

Die Verfahrenstechnik der biologischen Reinigung wird umgestellt. Statt der derzeit praktizierten kombinierten vorgeschalteten und intermittierenden Denitrifikation werden die Belebungsbecken zukünftig mit einer Pfropfenströmung und Stoßbelüftung während der Denitrifikationsphasen betrieben. Dadurch kann auf energieintensive Rührwerke und Rezirkulationspumpen komplett verzichtet werden. Die Belüftungsinstallation wird mit neuen hocheffizienten Streifenbelüftern ausgerüstet. 

Empfehlung der Redaktion

2014 | OriginalPaper | Buchkapitel

Biologische Verfahren zur Abwasserbehandlung

Mikroorganismen in Gewässern setzen abbaubare organische Substanzen als Nährstoffe unter Sauerstoffverbrauch in Kohlendioxid, Wasser und Zellmasse um. Bei dieser Selbstreinigung der Gewässer spielen Mikroorganismen wie Bakterien, Algen, Protozoen und Pilze die entscheidende Rolle. 


Das Zulaufbauwerk wurde bereits optimiert. Wie sind Sie dabei vorgegangen? 

Es kam darauf an, die Pumpen genau auf die Zulaufverhältnisse auszulegen. Für den am häufigsten auftretenden Betriebspunkt wurden die Schnecken mit dem besten Wirkungsgrad eingesetzt. Dadurch kann viel Energie eingespart werden. Darüber hinaus mussten alle neuen ausgeschriebenen Motoren in der Energieeffizienzklasse IE4 ausgeführt werden. Schwierig war der Umbau im laufenden Betrieb der Kläranlage. Das Abwasser musste zeitweise über ein provisorisches Pumpwerk umgepumpt werden. Zudem musste eine Abmauerung im Pumpensumpf hergestellt werden, damit die neuen Schneckentröge für die Umbau- und Sanierungsarbeiten zugänglich wurden.

Auch die biologische Reinigung steht auf dem Prüfstand. Welche Wirkungen sollen dort erreicht werden?

Als größter Energieverbraucher der Kläranlage sollen hier die Prozesse soweit optimiert werden, dass unnötige Luft- und damit Energieeinträge vermieden werden. Höchste Priorität hat dabei die sichere Einhaltung der geforderten Ablaufwerte der Kläranlage und somit übergeordnet der Gewässerschutz. Planungsziel ist, durch den Einsatz von moderner Mess-, Steuer- und Regeltechnik die Belüftungszeiten so kurz wie möglich zu halten. Zudem wird der Überschussschlammabzug automatisiert. Dies hat zur Folge, dass überschüssige Bakterienmasse aus dem System abgezogen wird und nicht mit Luft versorgt werden muss. Zusätzlich erfolgt eine über den gesamten Fließweg angepasste optimierte Sauerstoffversorgung. Die einzelnen Phasen werden in Abhängigkeit der Zulaufbelastung und der tatsächlichen Abbaugeschwindigkeiten im Belebungsbecken optimal gesteuert.

Schließlich geht es um die Installation eines modernen Prozessleitsystems. Welche Effekte wollen Sie damit erreichen?

Der optimale Betrieb der Kläranlage kann nur sicher funktionieren, wenn die Betriebs- und Messdaten aus der kompletten Kläranlage an das Prozessleitsystem übertragen werden. Über das Leitsystem werden alle Prozesse überwacht, ausgewertet und protokolliert. Bei Bedarf kann aus dem Prozessleitsystem wieder rückwirkend in die Steuerung der Prozesse eingegriffen werden.

Noch ungeklärt ist der Einsatz einer Pyreg-Anlage. Was soll diese leisten?

Die Pyreg-Anlage ist ein thermisches Verfahren zur Schlammentsorgung. Derzeit wird der Schlamm noch landwirtschaftlich verwertet. Dies wird aufgrund der neuen Gesetzgebung künftig nicht mehr möglich sein. Beim Pyreg-Verfahren wird der Klärschlamm nach einer vorgeschalteten Trocknung bei 600 Grad Celsius karbonisiert. Als Produkt entsteht eine hygienisch unbedenkliche Kohle, die als Mineralstoff verwertet werden kann. Der große Vorteil des Verfahrens liegt darin, dass der in der Kohle enthaltene Phosphor pflanzenverfügbar und ohne Aufbereitung in der Landwirtschaft verwertbar ist, sofern die neuen angekündigten bodenbezogenen Grenzwerte der Düngemittelverordnung eingehalten werden. 

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Biogas

Quelle:
Regenerative Energiesysteme

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Grundlagen anaerober Prozesse

Quelle:
Anaerobtechnik

01.06.2014 | Fachaufsätze | Ausgabe 6/2014

Der Weg zur energieautarken Kläranlage Bremen-Seehausen

Das könnte Sie auch interessieren

11.10.2016 | Abwasser | Im Fokus | Onlineartikel

Wärme aus dem Abwasser nutzen

20.04.2016 | Umwelt | Kommentar | Onlineartikel

Klärschlamm – Ressource oder Schadstoff?

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Systemische Notwendigkeit zur Weiterentwicklung von Hybridnetzen

Die Entwicklung des mitteleuropäischen Energiesystems und insbesondere die Weiterentwicklung der Energieinfrastruktur sind konfrontiert mit einer stetig steigenden Diversität an Herausforderungen, aber auch mit einer zunehmenden Komplexität in den Lösungsoptionen. Vor diesem Hintergrund steht die Weiterentwicklung von Hybridnetzen symbolisch für das ganze sich in einer Umbruchsphase befindliche Energiesystem: denn der Notwendigkeit einer Schaffung und Bildung der Hybridnetze aus systemischer und volkswirtschaftlicher Perspektive steht sozusagen eine Komplexitätsfalle gegenüber, mit der die Branche in der Vergangenheit in dieser Intensität nicht konfrontiert war. Jetzt gratis downloaden!

Bildnachweise