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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Klingstedt

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0. Einleitung

Zusammenfassung
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts reist ein vom Potsdamer Garderegiment verabschiedeter Leutnant der Reserve durch Mitteleuropa. Sein Name: Heinrich von Kleist (1). Seine einzigen Kontaktstellen zur Heimatstadt Frankfurt an der Oder sind seine Verlobte Wilhelmine von Zenge und die Stiefschwester Ulrike, die beide von der geheim gehaltenen Reise wissen, aber zu absolutem Stillschweigen verpflichtet wurden.
Frank Haase

1. Auditive Halluzinationen

Zusammenfassung
In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts bewirkte Immanuel Kants Unternehmen, das menschliche Erkenntnisvermögen auszumessen, eine Revolution der Denkungsart, die es nicht mehr gestattete, „zwischen Repräsentationen ein geordnetes Tableau von Identitäten und Unterschieden einzuführen“ (1). Die Scheidung von empirischer und transzendentaler Erkenntnis, wobei letztere das Fundierende ist, lenkte den Blick von den Erscheinungen (Phaenomena), von welchen der populärste Aufklärungsphilosoph Preußens Christian Wolff glaubte, daß in ihnen die Wahrheit liege, weil die Dinge logisch begründet seien (2), auf das menschliche Subjekt, welches als das subiectum in sich die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis (wie auch die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung der Gegenstände überhaupt) enthält. Transzendentale Erkenntnis nannte Kant diejenige Erkenntnis, die die Bedingungen der Möglichkeit angeben kann, warum synthetische Urteile a priori möglich sind, die sich durch Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit auszeichnen. Entsprechend seinen Untersuchungen gliederte er das menschliche Erkenntnisvermögen in reine Sinnlichkeit, reinen Verstand und reine Vernunft im engeren Sinne, wobei die reine Vernunft die Totalitätsbegriffe, d.s. die Ideen (Unsterblichkeit, Gott und Freiheit) denkt.
Frank Haase

2. Sphärenmusik

Zusammenfassung
Kleists Bemühen, seine auditiven Halluzinationen in einem sinnvollen Bezugsrahmen denken zu können, erwuchsen aus seiner Auseinandersetzung mit Kant. Die Dezentrierung des Subjekts zeigte sich in der eigentümlichen Verschränkung von Absenz des Bewußtseins bei Präsenz einer Innerlichkeit, die nicht das Selbst (die Stimme der Vernunft), sondern eine ungreifbare Andersheit vorstellte, und der Nicht-Identität von Bewußtsein und Sinn. (1) In letzter Konsequenz bedeutete dies Wahnsinn.
Frank Haase

3. Kleinfamilientheater

Zusammenfassung
Ein preußischer Offizierssohn, dessen Kindheit seinen wenigen Äußerungen nach „starr, schematisch, lutherisch-orthodox und unpersönlich“ (1) war, halluziniert plötzlich, wie Kleinfamilienkinder es tun.
Frank Haase

4. Die Stimme und das Bild

Zusammenfassung
Die nächsten Monate nach Kleists Rückkehr aus Würzburg stehen ganz im Zeichen seiner neuen Identität (1). Von der Sehnsucht erfüllt, das auf Kanal ‚Liebe’ empfangene Programm ‚Sphärenmusik’ in sich darstellen zu können, beginnt er systematisch die Ausmessung seines mütterlichen Erbteils ‚Innerlichkeit’, wobei das väterliche mit einer Anstellung im preußischen Staatsdienst immer mehr in den Hintergrund rückt. Intensive Studien werden in der Hoffnung gemacht, Fingerzeige aus der vergleichenden Naturbertachtung zu erhalten. Die Anlegung eines „Ideenmagazins“ soll dabei das Material jener Momente enthalten, wo er in der Begegnung mit der Natur von jenem bedeutungsschwangeren Rauschen erfüllt wird. Kleists Wunsch, Schriftsteller zu werden, entspringt dem Glauben, seine Einheit der Mannigfaltigkeit in der „Geschichte meiner Seele“ niederschreiben zu können. Neben seinen Selbst-Studien in und an der Natur ist der Briefwechsel, ist Wilhelmine die zweite Quelle seiner Sphärenmusik-Übersetzung (2).
Frank Haase

5. Übersetzungsschwierigkeiten

Zusammenfassung
Die entscheidende Differenz, die Kleist von den matrilinear Sozialisierten trennt, ist das Fehlen visuellen Halluzinierens von Kindheitserinnerungen. Das Manko in seiner Kleinfamilienidentitätsinszenierung ist die Tatsache, daß auditive Halluzinationen bei Kleist keine visuellen auslösen. Ganz anders bei Kleists Dichterkollegen. Tiecks „Franz Sternbald“ sieht unter dem Anklang des Waldhorns eine Bilderwelt früher Kindheitserinnerungen und Wünsche auftauchen, die dem Halluzinierenden sein Begehren und das Verbot seiner Erfüllung bedeuten (1). Jean Pauls „Schulmeisterlein Maria Wutz“ weiß unterm Einschlafen von einer „tanzenden, taumelnden Phantasie“ zu berichten, und E.T.A. Hoffmanns „Ferdinand“ schließlich sieht die Sängerin seiner Sphärenmusik im Traumbild. Kleist hingegen lauscht nur einem Rauschen, ohne jemals nur von einer visuellen Halluzination berichten zu können (2). Aber gerade jene Bilder aus der Kindheit rücken in die Position einer unbewußten Übersetzung jener sphärenmusikalischen Klänge. Die wissenschaftliche Form dieser Hermeneutik wird Freuds „Traumdeutung“ sein.
Frank Haase

Das literarische Partisanentum Kleists

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0. Kleists Autorschaft

Zusammenfassung
Kleists Leben ist Literatur. Seine Literatur ist der Versuch, den Text seiner medial initiierten Einstimmung zu verbalisieren. Aber wer sein Schrei ben als die Übersetzung eines kulturellen Codes versteht, dessen Resonanzpunkte das bewußtseinsmäßige Sprechen befehlen, der schreibt, was üblicherweise hinter Texten vermutet wird. Dem Appell Friedrich Schlegels, Texte „philologisch (zu) lesen“ (1), versagen sich deshalb Kleists Texte. Der Anachronismus ist eklatant. In jenen Tagen, da Leser auf das Lesen zum „absoluten Verstehen“ (2) von Texten eingeschworen wurden, maßte sich ein ehemaliger Reserveleutnant an, diese Aufgabe seinen Lesern abzunehmen und das Ergebnis gleich selbst zu schreiben.
Frank Haase

1. Vorgeschichte

Zusammenfassung
Berlin 1806. Nach der Biederlage bei Jena und unter dem Eindruck der an stürmenden Truppen Napoleons beginnt ein Aufruf des Gouverneurs von Berlin, Graf v.d. Schulenburg-Kehnert, mit der Feststellung „Der König hat eine Bataille verloren“ und mit der Aufforderung „Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht“. Der Skandal, den diese Aufforderung auslöste, ist nicht so sehr in ihrem „polizeistaatlichen Tenor“ (1) zu sehen, sondern gründet vielmehr in ihrem pädagogischen Gegenstück aus Pestalozzis „Fragment über die Grundlage der Bildung“: „Ruherist für das menschliche Kind das erste Nothwendige“ (2). Daß Bürger Kleinkindern gleichgesetzt werden und Pflichten naturgemäß Notwendigkeiten (3) heißen, spricht zum ersten Mal unverhohlen das Wesen der bürgerlichen Gesellschaft und das Pädagogicum staatlicher Lebensorganisation und -Verwaltung aus. Die Empörung tadelte ein Sprechen offizieller Stellen, von denen die Bürger ansonsten gewohnt waren, daß dieser pädagogische Hintergrund zugunsten ihrer Selbstverantwortung verdeckt blieb. Aber gerade weil die Pädagogisierung des Alltags in Preußen schon im Gange war, konnte der Gouverneur die Wahrheit seiner Zeit aussprechen, Er konnte sie auch sagen, weil an den Grundlagen zur Bildung der Nation schon gearbeitet wurde. Was beim Kleinkind Affektivität, Spontaneität und Rezeptivität, sollte für die Nation „Treue und Glauben, Liebe zum Könige und Vaterlande“ (4), „der aktive Staatsbürger“ (5) und die erfolgreiche Alphabetisierung sein. Wenn Kant 1784 in seiner „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ die öffentliche Ruhe des friderizianischen Preußens noch von einem „wohldisziplinierten Heer“ (6) garantiert sah, so konnte in den Tagen, wo der Kollaps des alten Preußens erfolgte, jener Gouverneur den Versuch wagen, an eine andere Instanz zu appellieren, wodurch die öffentliche Ruhe gewährleistet werden sollte: an den „Geist des Volkes“ (7).
Frank Haase

2. Der andere „Michael Kohlhaas“ und der „Kleine Krieg“

Zusammenfassung
Den Glauben, den Kleist um 1800 noch an die Post und an die Treue, Pünkt lichkeit und Sicherheit des kaiserlichen Briefträgers hatte (1), wurde in wenigen Jahren zerstört. Beredtes Zeugnis seiner wachsenden Skepsis gegenüber den postalischen Einrichtungen ist jener schon erwähnte Brief an Marie von Kleist vom 2o. Juli 1805 aus Königsberg, wo sich Kleist seit dem 6.5. „als Diätar an der Domänenkammer unter Präsident von Auerswald“ (2) befand:
„...Was sind dies für Anstalten, meine Freundin, für Handel und Wandel, und für die Freundschafft! Zuletzt sind die Posten an allem Unheil Schuld, Schuld, wenn es war ist, was die Leute sagen, daß Treu und Glauben von der Welt verschwinden ...“ (3)
In der im selben Jahr in Königsberg begonnenen „Kohlhaas“-Novelle erinnert sich der Roßhändler eingangs in seinem Gespräch mit dem Zollwärter der alten Zeiten, da noch kein Schlagbaum die Heerstraße nach Leipzig unterbrochen hatte: „Ein würdiger alter Herr, der seine Freude am Verkehr der Menschen hatte, Handel und Wandel, wo er nur mochte, forthalf ...“ (4). Nun sind an die Stelle jenes „würdigen alten Herrn“ die neuen Herrscher der Tronkenburg getreten und aufgrund eines „landesherrlichen Privilegiums“ sind sie legitimiert, Wegzölle zu erheben. Auch wenn Kohlhaas dies bedauert, bezahlt er, wenn auch widerwillig, die Groschen, die der Zöllner von ihm verlangt. Zunächst scheint sich die Situation nur auf seinen Geldbeutel nachteilig auszuwirken. Doch, wie der Roßhändler den Schlagbaum passieren will, schreit der Schloßvogt vom Turm herab „Halt, halt, dort der Roßkamm!“ (5), eilt zu ihm hinunter und fordert einen „Paßschein“: „Der Schloßvogt, indem er ihn von der Seite ansah, versetzt, daß ohne einen landesherrlichen Erlaubnisschein kein Roßkamm mit Pferden über die Grenze gelassen werden würde“ (6).
Frank Haase

3. Die Individualisierung des Kohlhaas

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Unter der Voraussetzung freien Geleits und mit der Zusicherung eines ordentlichen Gerichtsverfahren begibt sich Kohlhaas nach Dresden, wo sein Rechtsstreit gegen den Junker Wenzel von Tronka erneut am Dresdner Tribunal aufgerollt wird. Doch die Hoffnung auf eine schnelle Abwicklung des Ver fahrens erfüllt sich nicht. Vielmehr erlebt der Roßhändler eine immer größer werdende Vereinsamung und Vereinzelung. ‘Äußerlich’ abgeschirmt durch Wachposten, die vorgeblich zu seinem Schutz vor der Bevölkerung aufgestellt wurden und ihn seitdem auf Schritt und Tritt be- und überwachen, wird er ‘innerlich’ von der Langwierigkeit des Prozesses und seiner Isolierung zermürbt. In seinem Wunsch nach Kohlhaasenbrück zur Bestellung der Wintersaat zurückkehren zu können, lesen offizielle Stellen seine Absicht zur Flucht. Sein Insistieren auf der Bewilligung von Reisepässen nutzen seine Gegenspieler dazu, ihm seine Hilf- und Machtlosigkeit zu verdeutlichen. Die Zermürbungstaktik, die in dem Ausreiseantrag erste Früchte zu tragen scheint, bekommt durch den Versuch Nagelschmidts, eines früheren Mitstreiters des Roßhändlers, neue Nahrung. Nagelschmidt, der aus Berichten Reisender um die Situation in Dresden weiß, bietet Kohlhaas seine Fluchthilfe an. Der Versuch aber, Kohlhaas einen Brief zustellen zu lassen, scheitert an der Kränklichkeit des Boten und an der Neugier der Polizei. Die systematische Abschottung hat Erfolg. Sogleich erkennen die Verwandten des Junkers Wenzel von Tronka in der Aufforderung des Räubers den Beweis für die Schuld des Roßhändlers und fordern seine sofortige Arretierung.
Frank Haase

4. Die Produktion der Schuld

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Die Voraussetzung für die Individualisierung des Roßhändlers und die Produktion seiner Schuld schafft die Amnestierung, die in zweifacher Hin sicht zu lesen ist, ‘Amnestie’ ist die vom Herrn/Landesvater/Souverän garantierte Entbindung von Schuld und Sühne unter den Voraussetzungen des Wiedereintritts in die kulturelle Ordnung und der Annahme der Gesetze. Zugleich aber ist sie die Amnesie einer Vergangenheit, die durch den Übergang in ‘Kultur’ versperrt wird. Weil dieses Vergessenmachen ein Verdrängen ist, rückt das Verdrängte in die Position des Unbewußten, auch wenn es allseits gewußt bleibt. Deshalb kann der Verwaltungsakt psychoanalytisch gelesen werden: Die Re-Sozialisation des Kohlhaas aus dem Naturzustand ‘Partisan’ in die Gesellschaft ist der Struktur nach seine Primär-Sozialisation, d.h. die Struktur ist der der ontogenetischen Entwicklung und der Ausbildung des psychischen Apparates analog. Dies bedarf der genaueren Darlegung.
Frank Haase

5. Die Wahrsagerin-Episode

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Die Wahrsagerin-Episode ist Kleists literarische Darstellung seiner phi losophischen Auseinandersetzung um das mediale Sprechen. Das ist keineswegs überraschend. Hatte sich nicht gezeigt, wie eng für Kleist das Problem des medialen Sprechens mit ‘Orakel’ in Beziehung stand? Und hatte sich Kleist nicht selbst seit seiner Dresdner Zeit in die Position des Herrn des Orakels gehoben, der seine ‘Wahrsagungen’ im „Phöbus“ verschickte? In jener Episode faßt Kleist die Ergebnisse seiner Auseinandersetzung zusammen. In ihr setzt er die Aufschub-Nachtrags-Struktur des medialen Sprechens auf ungewöhnliche Weise in Szene. Denn es gelingt ihm, für den Leser jenes Überraschungsmoment zu wiederholen, das ansonsten nur den Figuren der Novellen widerfährt. Der verspätete Nachtrag der Episode überrascht, verwirrt und zwingt den Leser zut Relektüre, um ihn schließlich bemerken zu lassen, daß die Episode vom Erzählraum nicht erfaßt wurde. Es gibt im Text keine Anzeichen, woraus auf die Ereignisse in Jüterbock und auf den Boten Kohlhaas geschlossen werden könnte. Der Erzähltext weist Hermeneutik ab.
Frank Haase

6. Kleists Kriegsliteratur

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Kleists Literatur steht im Dienste des ‘Kleinen Krieges’. Ihr Ziel ist die Einschreibung einer neuen Werteordnung, die für die Zukunft Preußens über eine literarische Öffentlichkeit jene Körperintensitäten erzeugt, welche die Bevölkerung zu gegebener Zeit den modernen Krieg zu führen heißt. Wer für die Zukunft Preußens an der Militarisierung seiner Bevölkerung arbeitet, des sen Schreiben will bewirken. Daß Kleists Texte diese Effekte hatten, bestätigen nicht nur zeitgenössische Lesereindrücke:
„Die Darstellung ist durchaus lobenswert, die Phantasie des Erzählers aber hängt am liebsten am Schrecklichen und mystisch Wunderbaren ... Wer aber durch Lektüre erheitert als bloß erschüttert oder gar in Furcht gesetzt sein möchte, der muß freilich andere suchen.“ (1)
„... so durchschauert ihn Frost und Glut in so großen wechselnden Zuckungen ...“ (2)
„... und nimmt uns die Muße, die Empfindungen, die er in uns erregen will gehörig zu verarbeiten ...“ (3)
„Man wird nur so durch die Geschichte hindurch getrieben, gejagt, gehetzt. Man kommt nicht mehr zu Atem. Es ist, als hätten die Sätze den Leser gepackt, ein Satz wirft den anderen Satz dem hilflosen Leser zu, wie ein Ball wird er weitergeworfen ...“ (4)
Kleists Texte verweigern die Identifikationsbedürnisse einer Leserseele, weil sie an den Körper adressiert sind.
Frank Haase

7. Nachrichtentechnik

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Eine Rezeptionsgeschichte des literarischen Wirkens Kleists muß die gängigen Bahnen literaturwissenschaftlicher Betrachtung verlassen, will sie Kleists literarischem Partisanentum gerecht werden. Kleists Schreiben ist ein subversives Mittel zur Produktion eines medial zu produzierenden militaristischen Volksgeistes. Seine Texte bereiten nicht nur die Ideen/ die „Stimme“ eines zukünftigen Zeitgeistes (Altenstein) vor, sondern übermitteln auch die notwendigen medientechnischen Maßnahmen für die Produktion jenes militaristischen Volksgeistes. In Kleists Kopplung von Wissenschaft und Poesie heißt Wissenschaft Nachrichtentechnik und Poesie Volksgeist (Gneisenau).
Frank Haase

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