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26.09.2022 | Klimaschutz | Im Fokus | Online-Artikel

Gefährdet Klimaschutz den Betriebsfrieden?

verfasst von: Annette Speck

4:30 Min. Lesedauer
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Klimaschutz in Unternehmen ja, aber bitte ohne Nachteile für den eigenen Arbeitsplatz. Dies ist die Haltung der meisten Beschäftigten in punkto nachhaltige Transformation. Fragt sich, wie Unternehmen diesen Spagat meistern.

Bei einer Umfrage der Software-Firma Cozero, die digitale Lösungen für die Nachhaltigkeitstransformation anbietet, gaben 41 Prozent der Ende 2021 befragten 2.001 Arbeitnehmenden an, ihnen sei es wichtig, dass ihr Arbeitgeber sich um Klimaneutralität bemühe. Im Vorjahr waren es noch zwei Prozent weniger. Cozero-CEO Helen Tacke ist überzeugt, dass Ereignisse wie die Flutkatastrophe 2021 dafür sorgen, das Thema Klimaschutz auch verstärkt mit dem eigenen Arbeitsplatz in Verbindung zu bringen.

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Hitzige Diskussionen rund um den Klimaschutz

Allerdings sorgen die im Zusammenhang mit mehr Klimaschutz befürchteten Verbote sowie Fragen nach der Finanzierbarkeit für hitzige Diskussionen. Auch die "Beschäftigtenbefragung 2021" der Bertelsmann Stiftung, die im Mai/Juni 2021 unter 5.000 repräsentativ ausgewählten Beschäftigten der Privatwirtschaft durchgeführt wurde, weist auf sozialen Zündstoff hin.

Ziel der Befragung zum Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz war es, zu untersuchen, wie die Debatte um die sozialökologische Transformation eigentlich bei den Arbeitnehmenden ankommt. Insgesamt macht die Erhebung deutlich, dass die Mehrheit der Befragten (55 Prozent) mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz in Unternehmen auf einer eher abstrakten Ebene wünschenswert findet. Wenn es jedoch um Umsetzungen im eigenen Unternehmen und persönliche Betroffenheit geht, sinkt die Zustimmung auf nur noch 42,6 Prozent.

Beschäftigte sind auf Schneckentempo eingestellt

Baldige konkrete Maßnahmen erwarten offenbar nur Wenige. So glauben lediglich 18 Prozent der Befragten, dass Klimaschutz und Nachhaltigkeit sich in den nächsten zwölf Monaten direkt auf ihren eigenen Arbeitsplatz auswirken werden. 71 Prozent rechnen der Befragung zufolge hingegen nicht mit großen Veränderungen. Angesichts der Anforderungen an die neue Bundesregierung könnte dies jedoch eine Fehlannahme sein.

Wenn wir davon ausgehen, dass die deutsche Wirtschaft am Anfang einer Transformation steht, dann ist zu erwarten, dass sich an den Arbeitsplätzen der Beschäftigten noch viel verändern wird.“ Christian Schilcher, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung

Klimaschutzkosten sind ein heißes Eisen

Bei aller theoretischen Zustimmung zu mehr Klimaschutz wäre nur ein Drittel der Befragten bereit, Kosten für Maßnahmen mitzutragen, die den eigenen Arbeitsplatz nachhaltiger machen. Die Mehrheit (51 Prozent) lehnt eine solche Kostenbeteiligung laut der Erhebung ab.

Wie die Befragung außerdem zeigt, glaubt nur eine Minderheit an mögliche Wettbewerbsvorteile für nachhaltige Unternehmen. Wenn Chancen gesehen werden, dann vor allem in größeren Unternehmen: Hier erwarten immerhin 36,1 Prozent der Befragten, dass ihnen mehr Nachhaltigkeit unternehmerische Chancen bieten. Knapp 50 Prozent halten dies für unwahrscheinlich.

Finanzinvestoren bremsen Klimainvestments aus

Diese skeptische Einschätzung ist – zumindest kurzfristig betrachtet – nicht ganz falsch. So berichtet etwa die Finanzvorständin der Deutsche Post DHL Group, Melanie Kreis, von massiver Kritik von Finanzinvestoren als der Konzern große Summen in den Bau eigener E-Zustellfahrzeuge investierte. "Das Positive daran ist, dass wir dadurch nun aber die größte E-Zustellflotte überhaupt haben und wir merken, dass die Öffentlichkeit solche Themen zunehmend wahrnimmt und positiv bewertet", erklärt sie im Interview mit der Zeitschrift “Controlling & Management“. (Seite 41)

Darüber hinaus hofft die Finanzmanagerin, "dass es teurer wird, schmutzig zu sein". Es brauche klare, langfristige Anreize für den wirtschaftlichen Einsatz von umweltfreundlichen Lösungen und die Politik müsse den geeigneten Rahmen und Planungssicherheit schaffen, fordert Kreis. (Seite 42)

Der gute Ruf – eine Ressource, die es zu nutzen gilt

Die strategische Bedeutung des guten Rufs im Kampf um Wettbewerbsvorteile unterstreicht Daniel Gerbaulet in dem Buchkapitel "Strategische Wettbewerbsvorteile im Kontext nachhaltiger Unternehmensführung". Darin stellt der Springer-Autor unter Verweis auf eine Studie der Boston Consulting Group fest, dass CSR-Engagement zu erhöhtem Vertrauen und besserer Reputation führe und dadurch einen besseren Zugang zu neuen Kunden, Partnern und Märkten eröffne. "Die immaterielle Ressource 'Reputation', stellt also unweigerlich einen potenziellen Wettbewerbsvorteil dar, der sich allerdings erst durch die Ausübung von Unternehmerfunktionen, die für die optimale Instrumentalisierung von Ressourcen Sorge tragen, entsprechend entfaltet", schreibt er auf Seite 345.

Ein Beispiel, wie "Nachhaltigkeit als Ansporn und Motor für qualitatives Wachstum" in die Praxis umgesetzt werden kann, liefern Gerhard Keck und Christian Ziegler mit den Fischerwerken, dem Weltmarktführer im Bereich Befestigungstechnik. Das schwäbische Unternehmen startete seinen Weg zunächst mit der Implementierung eines Nachhaltigkeitsmanagementsystems. Später stieg es in das Projekt WIN-Charta des Landes Baden-Württemberg ein und initiierte kleinere Projekte mit Teilzielen für mehr Nachhaltigkeit. 

Ein weiterer Schritt war die Zusammenführung von Unternehmens- und Nachhaltigkeitsstrategie, sodass die strategischen Herausforderungen und Kennzahlen des Konzerns den jeweiligen Nachhaltigkeitsdimensionen zugeordnet und um spezifische Nachhaltigkeitsziele ergänzt werden konnten. Den Erfolg des konsequenten Vorgehens belegt unter anderem die Tatsache, dass die Fischerwerke zu einem der drei nachhaltigsten Großunternehmen Deutschlands 2020 gekürt wurden.

Politik muss Ängsten entgegenwirken

Zurück zum Blickwinkel der Beschäftigten. Hier gibt ein weiterer Befund der Befragung der Bertelsmann Stiftung zu denken: Fast Dreiviertel der Beschäftigten sieht die Gefahr einer zunehmenden sozialen Spaltung in Deutschland aufgrund von Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Ausgehend von ihren Befragungsergebnissen rät die Bertelsmann Stiftung deshalb, das Thema Nachhaltigkeit positiver zu besetzen, Vorteile herauszustellen und Leitbilder für die Zukunft anzubieten. Die Politik stehe in der Verantwortung, "intra- und intergenerationell Wohlstand zu sichern und dabei die Angst in der Bevölkerung vor Wohlstands- oder Freiheitsverlusten nicht zu schüren, sondern Lösungen für eine klimaschonende und nachhaltige Zukunft für Wirtschaft und Gesellschaft umzusetzen – gerecht und teilhabeorientiert", empfehlen die Experten der Bertelsmann Stiftung.

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