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Über dieses Buch

Globale Klimaveränderung und Klimakollaps sind in Medien und Gesellschaft ein inzwischen viel beachtetes Thema geworden. Der Zusammenbruch alter Hochkulturen wird dabei in Verbindung mit plötzlichen Klimaveränderungen gebracht.

Anhand neuester Forschungsergebnisse gibt das Buch Antworten auf die Rolle von Klimaveränderung für den Kollaps alter Hochkulturen zu unterschiedlichen Zeiten und Kontinenten – von Mesopotamien bis nach Grönland. Dabei erfolgt eine Zusammenschau von archäologischen und paläoklimatischen Erkenntnissen unter Berücksichtigung der damaligen ökonomischen, politischen und religiös-kulturellen Verhältnisse.

Der Geograph Gerhard Gerold legt mit diesem Buch eine detaillierte Analyse der schon in historischer Zeit bestehenden komplexen Vernetzung kulturgeschichtlicher und umweltökologischer Bedingungen vor, die für unsere heutige globalisierte Welt eine große Aktualität besitzen. Das Buch bietet zahlreiche Beispiele für den Vergleich damaliger und heutiger Umweltkrisen.

Der Autor:

Gerhard Gerold gehört als Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zu den Wissenschaftlern, die sich schon seit den 80er Jahren mit Themen der Umweltzerstörung in den Tropen beschäftigt haben. Der Zusammenbruch früher Hochkulturen in Verbindung mit regionalen Klimaänderungen faszinierten ihn im Rahmen seiner umfangreichen geoökologischen Forschungsarbeiten.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einführung – Klimawandel und Kollaps

Zusammenfassung
Ist die Welt am Rande des Abgrunds? Anlässlich zahlreicher globaler Krisen wie Pandemien, Klimawandel, Artenverlust und Finanzkrise 2007 reichen die Bewertungen von pessimistischen Szenarien wie das Buch „Welt am Abgrund“ von Ewald Weber (Weber, 2018) bis hin zu optimistischen Szenarien wie im Buch „Welt mit Zukunft“ (Radermacher, 2007), das auf eine neue ökosoziale Entwicklung unter Einbezug des technologisch-wissenschaftlichen Fortschritts Hoffnung gibt. Seit 200–300 Jahren hat der Mensch entscheidend die natürliche Umwelt auf der Erde verändert und steuert mit dem Klimawandel auf ein neues, deutlich erhöhtes Temperaturniveau zu, wie es letztmalig im Pliozän vor 2,6–5,3 Mio. Jahren mit 380–427 ppm CO2-Gehalt in der Atmosphäre gewesen war! Im Mai 2020 wurde ein CO2-Gehalt von 417 ppm erreicht.
Umweltkrisen wirken, sieht man von kurzzeitigen Katastrophen wie Hurrikans oder Überflutungen ab, mit einer Zeitverzögerung und langfristig. Dies ist nicht neu! Auch beim Kollaps der früheren Hochkulturen entwickelte sich die Klimaverschlechterung über Jahrzehnte und es gab früh genug Anzeichen des Klimawandels, zum Beispiel mit Beginn der Dürrephasen. Erst mit der Verbesserung der naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden hinsichtlich der Ableitung früherer Klimazustände und ihrer zeitlichen Auflösung in Dekaden ergaben sich seit ca. 20–30 Jahren neue Erkenntnisse über die Umweltfaktoren, wie Dürrejahre, die zum Kollaps von Hochkulturen beigetragen haben. Basierend auf den neuen Erkenntnissen aus Archäologie, Geschichte und der Paläoklimaforschung wird in diesem Buch daher der Zusammenbruch einiger bedeutender Hochkulturen im Kontext von wirtschaftlicher Entwicklung und Klimaveränderung detailliert aufgezeigt. Am Schluss werden Parallelen zur heutigen globalen Krise diskutiert und der Frage nachgegangen, ob der Klimawandel Charakteristika eines zukünftigen Kollapses auf der Erde annehmen kann.
Gerhard Gerold

Kapitel 2. Untergang früher bronzezeitlicher Hochkulturen in Mesopotamien – Großreich Akkad

Zusammenfassung
Ägypten, Kleinasien und Mesopotamien mit den frühen Hochkulturen gelten als eine Wiege der antiken zivilisatorischen Menschheit. Die altsteinzeitliche Jäger- und Sammlergesellschaft mit geringer Bevölkerungsdichte im Übergang vom Pleistozän zum Holozän veränderte sich mit der Wiederbewaldung hin zu einer frühe Landnutzung betreibenden Bevölkerungsgruppe, zeitlich je nach Region zwischen 10.000 und 5000 Jahren v. Chr. (neolithische Revolution). In Mesopotamien und dem Nahen Osten sowie Kleinasien entstanden bevölkerungsreiche Hochkulturen während der Bronzezeit, die jedoch nicht kontinuierlich aufeinander folgten. Während Uruk sich im Verlaufe des 4. Jt. zu einer großen Stadt entwickelte, endete relativ abrupt das große Reich von Akkad um 4200 Jahre v. h.. und die spätbronzezeitlichen Hochkulturen um 3100 Jahre v. h.. Für den Niedergang dieser Hochkulturen wird unter anderem ein Klimawandel mit Dürrephasen verantwortlich gemacht. Mit einer deutlich trockeneren Klimaphase von 3300–3000 v. Chr. in Mesopotamien und Westanatolien zerbrach das hoch entwickelte „Uruk-System“. Kleinregionale Fürstenstaaten als Handelszentren mit handwerklicher und landwirtschaftlicher Innovation folgten. Unter der Herrschaft von Sargon von Akkad wurde der erste territoriale Staat 2.300 v.Chr. geschaffen (Großreich von Akkad). Zwischen 2150 und 2115 v. Chr. zerbrach jedoch das Akkadische Reich, wofür eine Megadürre (4.2-ka-BP-event) mit verantwortlich gemacht wird. Die Megadürre von 2200 v. Chr. hatte weitreichende Auswirkungen im östlichen Mittelmeerraum mit zerstörten oder aufgelassenen Städten am Ende der frühen Bronzezeit. Die Megadürre wirkte sich somit vor allem auf den Zusammenbruch der anatolisch-südwesttürkischen, obermesopotamischen, levantinischen und ägyptischen Kultur aus, während in Festlandgriechenland, Kreta und Untermesopotamien adaptiv kulturelle Entwicklungen zur Mittleren Bronzezeit hin stattfanden.
Gerhard Gerold

Kapitel 3. Untergang der Hochkulturen in der Spätbronzezeit – Hethiter, Mykene und Levante

Zusammenfassung
Die Späte Bronzezeit kann als „goldenes Zeitalter“ bezeichnet werden, was Handel und Reichtum und Vernetzung von Stadtstaaten wie Ugarit oder Aleppo mit den vorherrschenden Reichen der Hethiter, Assyrer und Ägypter sowie Stadtstaaten von Mykene und der minoischen und zyprischen Kultur betrifft. Die klimatischen Bedingungen waren zunächst günstig. Sowohl Agrarprodukte wie Fertigwaren und Luxuswaren wurden über Karawanenwege und Schiffsrouten im Mittelmeer intensiv gehandelt. Zwischen den konkurrierenden Reichen der Hethiter, Assyrer und Ägypter wurde ein weltweit erster Friedensvertrag ausgehandelt (Ägyptisch-hethitischer Friedensvertrag 1259 v. Chr.). Ein großräumig komplexes arbeitsteiliges stabiles Wirtschaftssystem existierte damals! Im gesamten Zeitraum von 1200–900 v. Chr. fand jedoch ein Zusammenbruch von Großreichen und Stadtstaaten statt. Der Fernhandel und das Handelsnetz als eine Grundlage des Wohlstands in der Spätbronze brachen völlig zusammen. Die Rolle der ominösen Seevölker ist dabei weiterhin umstritten. Die Megadürre von 1200–850 v. Chr. mit einer kurzen Unterbrechung von 1050–1000 v. Chr. wirkte sich im gesamten östlichen Mittelmeerraum gravierend aus. Mit einer Reduktion der Winterniederschläge um 30–50 % wie auch kühleren Temperaturen ab 1100 v. Chr. gerieten weite Teile Anatoliens, Syriens, der Levante wie auch des Peloponnes in einen kritischen Bereich für den Getreideanbau und damit zerbrach eine wichtige Ernährungsgrundlage, die aufgrund der gestörten Handelsbeziehungen mit Importen nicht ausgeglichen werden konnte. Detailliert diskutiert wird, dass der große Zusammenbruch auf eine Kombination verschiedenster Faktoren zurückzuführen ist, wobei die Megadürre einen entscheidenden Auslöser mit darstellt.
Gerhard Gerold

Kapitel 4. Blüte und Zusammenbruch der Maya-Kultur

Zusammenfassung
Die Liste der Maya-Ruinen für Mittelamerika zählt ca. 83 größere und kleinere Tempelstädte und religiöse Zentren und zeigt damit über den Zeitraum von 400 v. Chr. bis 1150 n. Chr. die enorme Besiedlungsdichte. Mit Ausnahme einiger weniger Königsstädte wie Lamanai in Belize (700–15. Jh. n. Chr.) und Mayapan in Nordyucatan (1000–1442 n. Chr.) verschwanden die Stadtstaaten unter dem üppigen Dach des Regenwaldes und wurden in der Neuzeit als Ruinenstädte wiederentdeckt. Die klimatische Niederschlagsvariabilität mit ihren Dürren war sicher nicht alleiniger Auslöser des Zusammenbruchs der Maya-Königsstädte. Ihr gehäuftes Auftreten im 9. Jh. (vier langjährige Dürrephasen) und im 11. Jh. fällt jedoch zusammen mit gravierenden Umweltproblemen der Ressourcenübernutzung im Zusammenhang mit starkem Bevölkerungsanstieg und einer politisch-sozialen Krise durch unzureichende Landverfügbarkeit für die Nahrungsmittelproduktion und damit politischer Desintegration zwischen 750–1000 n. Chr. mit zahlreichen Konflikten und Kriegen. Der gesellschaftliche Zusammenbruch ereignete sich auf dem Höhepunkt von Bevölkerungszahl und Bautätigkeit und war regional zeitversetzt.
Gerhard Gerold

Kapitel 5. Das Rätsel der Nazca-Kultur

Zusammenfassung
Im Zeitraum 800 v. Chr. – 600 n. Chr. entwickelte sich in der heutigen Atacama-Küstenwüste von Peru die Paracas- und Nazca-Hochkultur mit ihren berühmten Geoglyphen (Scharrbilder). Der Anbau basierte auf einem ausgeklügelten Flussoasenbewässerungssystem und terrassiertem Ackerbau an den Gebirgshängen. Ab 500 n. Chr. wurde es trockener und ab 700 n. Chr. setzte eine langandauernde Trockenheit bis etwa 1150 n. Chr. ein, der Wüstenrand stieg bis auf 2000 m ü. M. nach Osten an. Damit trat ein Zerfall der Nazca-Kultur ein, fast alle Siedlungen wurden aufgegeben. In einem ökologisch fragilen Raum hinsichtlich der Wasserversorgung waren es vor allem Missernten mit Ernährungsprobleme durch die Megadürre mit Verlust von Prestige und Macht der lokalen Priesterfürsten wegen des ausbleibenden Regens, die den Kollaps der Hochkultur verursachten.
Gerhard Gerold

Kapitel 6. Zusammenbruch der Tiwanaku-Kultur im 11. Jh.

Zusammenfassung
Zusammen mit dem Wari-Imperium (600–1100 n. Chr.) war der Staat Tiwanaku im Altiplano von Bolivien (300 v. Chr.–1100 n. Chr.) eine der bedeutendsten andinen Hochlandkulturen. Basierend auf der ertragreichen Hochbeetkultur und der Kontrolle der Fernhandelsroute Yungas (Amazonastiefland) und Pazifik entwickelte sich nach 500 n. Chr. Tiwanaku zur soziokulturellen Macht und einem religiös-spirituell geprägten multiethnischen Staatswesen. Dabei kam es zwischen 700–1000 n. Chr. zu einer Agrarkolonisation im südlichen zentralen Andenraum. Mit der Blütezeit der Tiwanaku-Kultur (Mittlerer Horizont: 600–1000 n. Chr.) war es klimatisch wärmer und feuchter. Danach trat eine lange Abfolge von Dürrejahren ein (1040–1490 n. Chr.), der Seespiegel des Titicacasees erreichte um 1200 n. Chr. seinen niedrigsten Stand. Ab 950 n. Chr. brach auch der Fernhandel mit der Maisversorgung aus den Kolonien (wie Moquegua-Tal) durch interne Revolten zusammen. Aufgrund langanhaltender Dürre mit Maisernährungsproblemen zerbrach durch interne Revolten die staatlich-religiöse fragile Einheit Tiwanakus.
Gerhard Gerold

Kapitel 7. Untergang der Wikinger auf Grönland

Zusammenfassung
Von 984 n.Chr. bis 1300 n.Chr. hatte sich mit der Ostsiedlung (192 Höfe) und der Westsiedlung (90 Höfe) eine wirtschaftlich stabile Wikinger-Besiedlung auf Grönland entwickelt. Die autarke Wirtschaft der Wikinger-Höfe beruhte auf der Viehhaltung, der Jagd und dem Handel mit dem Mutterland (Norwegen) mit hochwertigen Naturprodukten. Nach 1300 n. Chr. verschlechterten sich die klimatischen Bedingungen zusehends. Zwischen 1300 und 1350 n. Chr. trat eine Abfolge sehr kalter Jahre ein, mit länger anhaltender Meereisbedeckung und Verkürzung der Vegetationsperiode. Das erhöhte Risiko der Ernährungssicherung bei Umstellung auf vermehrte Robbenjagd führte zum Zusammenbruch der Wikingersiedlungen. Die Westsiedlung wurde 1350 n. Chr. aufgegeben und 1541 n. Chr. wurde auch in der Ostsiedlung kein Überlebender mehr angetroffen.
Gerhard Gerold

Kapitel 8. Lehren für die Zukunft?

Zusammenfassung
In allen beschriebenen Kulturepochen spielte der Klimawandel für den Zusammenbruch der Hochkulturen in ganz verschiedenen Kontinenten eine große Rolle. Vor dem Hintergrund des vom Menschen über die Treibhausgasemissionen erzeugten Klimawandels in der Jetztzeit stellt sich die Frage nach den Konsequenzen in einer hochkomplexen industrialisierten globalisierten Welt und droht ein Kultur/Gesellschaftskollaps zukünftig wie in früheren Hochkulturen? Die gewählten Beispiele in diesem Buch zeigen ohne Frage mit dem Auftreten langer Dürrephasen (Vorderer Orient, Maya-Kultur, Nazca-Kultur, Tiwanaku-Reich) oder Temperaturerniedrigung (Wikinger) einen markanten Stressfaktor für die Hochkulturen auf. Sowohl Aspekte des gesellschaftlichen Kollaps wie auch der Transformation werden in diesem Kapitel diskutiert. Dabei liefern die neuen, zeitlich hochauflösenden naturwissenschaftlichen Methoden mit der Paläoklimaforschung eine veränderte Sichtweise auf den Zusammenbruch früherer Reiche und deren Transformation in neue Gesellschaftssysteme. Es können zahlreiche Parallelen zu den drohenden globalen Effekten des anthropogenen Klimawandels mit den Ressourcengrenzen des Erdsystems und seinen Schwellenwerten (tipping points) gezogen werden. Unter anderem wird diskutiert: drohen Ernährungskrisen, Gewaltkonflikte und in deren Folge Migrationsschübe?
Gerhard Gerold

Kapitel 9. Historischer Kollaps und Zukunftsrisiken

Zusammenfassung
Abschliessend werden die heutigen globalen krisenhaften Instabilitäten auf der Erde diskutiert. Sektorale Lösungen krisenhafter Zustände hatten sowohl in der Vergangenheit – Ausweitung der Waldrodung zur Ernährungssicherung unter den Maya – wie auch heute keinen Erfolg. Hatten es die alten Hochkulturen vor allem mit dem Problem von Klimawandel (Dürreperioden) und Ernährungskrise zu tun, so sind die heutigen Umweltprobleme multifaktoriell mit enger Vernetzung untereinander („Trilemma“). Mit der Zerstörung und Fragmentierung naturnaher Ökosysteme steigt z.B. weltweit das Risiko von Pandemien, da der Kontakt von Mensch und Nutztier mit den Virenträgern (Wildtieren) immer enger wird. Aus Anlass der Covid-19-Pandemie hat der „Club of Rome“ daher dringende Maßnahmen für eine globale Transformation vorgeschlagen. Wir können nicht weitere 50 Jahre warten, um vermeidbare Krisen zu erleben!
Gerhard Gerold

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