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18.01.2021 | Klimawandel | Im Fokus | Onlineartikel

Deutschland kann bis 2050 klimaneutral werden

Autor:
Christoph Berger
5:30 Min. Lesedauer

Laut einer aktuellen Studie kann Deutschland bis 2050 in Summe klimaneutral werden. Zudem könnten die Emissionen bis 2030 um 65 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden. Und Maßnahmen zum Erreichen dieser Ziele werden auch mitgeliefert.

Der im November 2016 von der Bundesregierung verabschiedete Klimaschutzplan 2050 sieht für Deutschland vor, bis 2050 weitgehend treibhausgasneutral zu werden. Zudem will man mittelfristig, bis 2030, die Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 senken. Andreas Luczak schreibt dazu im Kapitel "Wie muss die Energiewende weitergehen?" des Springer-Fachbuchs "Deutschlands Energiewende – Fakten, Mythen und Irrsinn", dass es am leichtesten sei, einen Konsens zu erreichen, wenn man sich nur auf Ziele einige, nicht aber die dazugehörigen Maßnahmen zur Erreichung dieser aufzeige. Konkret: "So lobenswert es ist, dies als Ziel zu formulieren, hat es die Bundesregierung aber leider immer noch nicht gewagt, auch nur annähernd die notwendigen konkreten Maßnahmen darzulegen, wie dieses Ziel tatsächlich erreicht werden kann. Glaubwürdigkeit der Politik sieht man nicht an der Formulierung langfristiger Ziele, sondern bei kurzfristigen, gegebenenfalls auch unbequemen Entscheidungen, und hier passiert seit Jahren nicht annähernd das, was zur Umsetzung der selbst gesteckten langfristigen Ziele notwendig wäre."

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Mit welchen Maßnahmen die Treibhausgasemissionen bis 2030 nicht nur um 55 Prozent, sondern sogar um 65 Prozent gesenkt werden könnten, und dass das Ziel Klimaneutralität im Jahr 2050 durchaus erreicht werden kann und technisch umsetzbar ist, zeigt hingegen unter anderem die von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und Stiftung Klimaneutralität in Auftrag gegebene Studie "Klimaneutrales Deutschland". Erstellt wurde sie zusammen von Prognos, dem Öko-Institut sowie dem Wuppertal Institut. Wobei die Autoren auch ihre Definition von Klimaneutralität erläutern: So gebe es 2050 durchaus noch Branchen und Prozesse mit Restemissionen. Allerdings würden diese durch die gezielte CO2-Entnahme aus der Atmosphäre und Speicherung als sogenannte "negative Emissionen" ausgeglichen. Unter dem Strich würde damit schließlich Klimaneutralität erreicht. Derartige Rechnungen sind keine Seltenheit bei Vorschlägen zur Erreichung der Klimaschutzziele.

Verzicht ist keine Voraussetzung für Klimaneutralität

Realitätsnähe zeigen die Autoren auch in ihren weiteren Untersuchungsansätzen. So legten sie ihre Aufmerksamkeit besonders auf die Kosten der Maßnahmen, deren technische Umsetzbarkeit sowie den möglichen Markthochlauf. Und Verzicht als notwendige Voraussetzung für Klimaneutralität wurde explizit ausgeschlossen. So steigt in den aufgestellten Szenarien der Studie die Pro-Kopf-Wohnfläche weiter und die Mobilität bleibt vollumfänglich erhalten. Bei der Ernährung wurden aktuelle Trends fortgeschrieben, wie ein moderat sinkender Milchkonsum, eine Verschiebung des Fleischkonsums hin zu mehr Geflügel sowie ein leichter Anstieg bei Biolebensmitteln. In den Berechnungen behält der Industriestandort Deutschland sein hohes Produktionsniveau und die Investitionen werden im Rahmen der normalen Modernisierungszyklen getätigt.

Was die konkreten Maßnahmen betrifft, so fokussierten sich die Studien-Verfasser auf die Sektoren Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft und Abfall sowie auf die Bereiche Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft und schließlich auf die effiziente Gewinnung und Nutzung von Bioenergie.

Energiewirtschaft kann großen Beitrag leisten

Im Bereich der Energiewirtschaft könnten zum Beispiel mit der Beendigung der Kohleverstromung im Jahr 2030, einem ambitionierten Ausbau erneuerbarer Energien im Stromsektor auf rund 70 Prozent des Bruttostrombedarfs, dem Ausbau von erneuerbaren Energien in den Wärmenetzen sowie einem Einstieg in die Wasserstoffnutzung in Gaskraftwerken die Emissionen bis zum Jahr 2030 um etwa zwei Drittel gesenkt werden. Sollte es dazu kommen, wäre dies ein großer Schritt für Deutschland.

Für die Industrie schlagen die Autoren von Prognos, dem Öko-Institut und dem Wuppertal Institut Effizienzmaßnahmen, einen weitgehenden Umstieg auf erneuerbare Energieträger, innovative Produktionsrouten – genannt werden hierbei die Herstellung von Roheisen in Direktreduktionsanlagen und chemisches Recycling – sowie den Einsatz von CO2-Abscheidung und Speicherung zur Erreichung der Klimaneutralität vor. Durch den gezielten Einsatz von biogenen Energieträgern sei es in Kombination mit Carbon Capture and Storage, kurz CCS, sogar möglich, negative Emissionen in diesem Sektor zu erzielen.

Auch der Verkehrssektor kann klimaneutral werden

Im Verkehrssektor brauche es hingegen mehr öffentlichen Rad- und Fußverkehr. Auch die Pkws müsste mehr ausgelastet, der Gütertransport auf die Schiene verlagert und die Entwicklung emissionsfreier Antriebe vorangetrieben werden. Und der Blick in die Zukunft: Während es 2030 rund 14 Millionen Elektroautos geben soll und etwa ein Drittel der Lkw elektrisch mit Batterien, Oberleitungen oder Brennstoffzellen fahren, soll 2050 sowohl der Pkw- als auch der Lkw-Bestand nahezu vollständig elektrifiziert sein; Güter werden mit 230 Milliarden Tonnenkilometern 2050 auf der Schiene transportiert; der Luftverkehr und die Seeschifffahrt werden langfristig vollständig auf dem Einsatz strombasierter Kraftstoffe basieren. Davon ausgehend, dass dieses Szenario kommen und über entsprechende Maßnahmen umgesetzt werden, kommt es für diesen Sektor zu folgender Prognose: Im Jahr 2050 ist der Verkehr klimaneutral.

Im Gebäudesektor, in dem laut den Autoren Emissionen hauptsächlich bei der Erzeugung von Raumwärme und Warmwasser entstehen, verringern sich der Verbrauch in diesen Segmenten bis 2050 um 36 Prozent gegenüber 2018. Erreicht werde dies durch eine steigende Sanierungsrate im Bestand sowie aufgrund der Sanierungstiefe, gemeint sind damit die Qualität der für Sanierungen eingesetzten Bauteile. Die dann noch gebrauchte Wärme werde durch den vermehrten Einsatz von Wärmepumpen und die steigende Bedeutung von Wärmenetzen in urbanen Gebieten CO2-neutral erzeugt.

Restemissionen in der Landwirtschaft und beim Abfall

In der Landwirtschaft wird es vor allem aufgrund der Tierhaltung auch 2050 noch zu CO2-Emissionemn kommen. In dem Sektor sehen die Studienautoren die wesentlichen Maßnahmen im Zusammenhang mit einer Reduktion von diesen vorrangig in der Reduktion von Düngemitteln und Tierbeständen, einer verstärkten Wirtschaftsdüngervergärung, in der Ausweitung des Ökolandbaus und der Anpflanzung von weniger stickstoffintensiven Kulturarten.

Und auch im Abfallsektor werden 2050 aufgrund von biologischen Prozessen bei der Deponierung und der Abwasserbehandlung noch Restemissionen vorhanden sein. Die Methanemissionen aus der Deponierung werden sich aber durch verstärkte Maßnahmen der Deponiebelüftung bis 2030 verringern.

In Summe kann Deutschland also bis 2050 klimaneutral werden, das aufgestellte Szenario scheint realistisch und technisch umsetzbar. Doch global betrachtet geht es laut dem gerade veröffentlichten Production Gap Report, Mitherausgeber sind vom unter anderem das Uno-Umweltprogramm (UNEP) und das Stockholm Environment Institute, eher in die entgegengesetzte, eine klimafeindliche Richtung. Demnach habe die COVID-19-Pandemie mitsamt den Lockdown-Maßnahmen zwar zu einem kurzfristigen Rückgang der Kohle-, Öl- und Gasproduktion im Jahr 2020 geführt. Die Pläne vor COVID und die Fördermaßnahmen nach COVID würden jedoch auf ein Fortbestehen der wachsenden weltweiten Produktionslücke bei fossilen Brennstoffen hinweisen, wodurch es zu einer weiterhin schwerwiegenden Störung des Klimas komme.

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