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14.06.2022 | Kohle | Im Fokus | Online-Artikel

Wie schnell der Kohleausstieg kommen könnte

verfasst von: Frank Urbansky

3:30 Min. Lesedauer
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Der Kohleausstieg ist per Gesetz fixiert und könnte sogar noch schneller erfolgen. Der Ukraine-Krieg hat jedoch einige Annahmen über den Haufen geworfen. Welches Szenario wird nun realistisch?

Der Kohleausstieg ist beschlossen und könnte gesellschaftliche Verwerfungen mit sich bringen. "Die jüngeren verkehrs- und klimapolitischen Auseinandersetzungen zum Beispiel um Dieselfahrverbote oder den Kohleausstieg verdeutlichen, dass eine derartige Transformation massives Konfliktpotenzial beinhaltet. Insofern es bei Nachhaltigkeitsfragen immer auch um die Verteilung von ökonomischen Vorteilen und sozialen Belastungen geht, betreffen sie den Kern der Sozialpolitik", benennen dies die Springer-VS-Autoren Thomas Barth und Stephan Lessenich in ihrem Buchkapitel Nachhaltige Arbeits- und Sozialpolitik auf Seite 298.

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Bundestag und Bundesrat haben den Ausstieg aus der Kohleverstromung am 3. Juli 2020 beschlossen. Mithilfe eines Strukturprogrammes sollen die sozialen Folgen in den betroffenen Regionen, vor allem Rheinland, Lausitz und Mittedeutschland, abgefedert werden.

Planmäßige Leistungsreduzierung

Im Gesetz vorgesehen ist der Ausstieg bis spätestens 2038, möglichst schon 2035. Die ersten Kraftwerke gingen 2020 vom Netz. Ende 2022 werden von aktuell 40 Gigawatt Kohlekraftwerksleistung noch 30 Gigawatt (je hälftig verteilt auf Stein- und Braunkohlekraftwerke) in Betrieb sein. 2030 soll es nur noch 17 Gigawatt Kohlestrom geben. Die verbleibenden elf Braunkohlekraftwerksblöcke sollen spätestens 2038 stillgelegt werden.

2026, 2029 und 2032 wird überprüft, ob das Enddatum für die Braun- und Steinkohlekraftwerke, deren Stilllegung nach 2030 vorgesehenen ist, um jeweils drei Jahre vorgezogen werden kann. Damit soll ein Ausstieg 2035 erreicht werden. Die neue Koalition hat aber angekündigt, einen Kohleausstieg schon 2030 erreichen zu wollen. Doch dann kam der Ukraine-Krieg.
Zwar ist Deutschland von Russland auch bei Steinkohle zu 50 Prozent abhängig. Doch die Abhängigkeit von Gas ist signifikanter. Zudem können die Bezüge von Gas, im Gegensatz zu Steinkohle, nicht schnell diversifiziert werden. Die Idee: Man lässt die Kohlekraftwerke, insbesondere die mit der heimischen Braunkohle befeuerten, länger laufen und ersetzt damit die Gaskraftwerke.

Das würde zwar funktionieren, doch nur unter großen Anpassungsschwierigkeiten am Markt. Fast alle Kohlekraftwerke sind in der Gigawatt-Klasse gebaut und dienen der Grundlasterzeugung. Gaskraftwerke hingegen sind in der unteren dreistelligen Megawattklasse angesiedelt und decken Spitzenlasten sowie die Residuallast ab. Dennoch wäre ein Austausch möglich.

Habeck vielleicht für längere Laufzeiten

Wirtschafts- und Energieminister Robert Habeck hat bereits angedeutet, dass die Kohlekraftwerke etwas länger laufen könnten: "Kurzfristig kann es sein, dass wir vorsichtshalber, um vorbereitet zu sein für das Schlimmste, Kohlekraftwerke in der Reserve halten müssen, vielleicht sogar laufen lassen müssen", so der Minister im Deutschlandfunk. Der Energiekonzern RWE prüft schon jetzt, ob einige der betroffenen Kraftwerke länger laufen können. Doch einen verzögerten Kohleausstieg muss das keinesfalls bedeuten.

Die Umweltschutzorganisation BUND rechnet sogar weiter mit einem vorgezogenen Abschaltplan. Er sieht vor, deutlich mehr, und zwar die Hälfte der Kohlekraftwerke, kurzfristig vom Netz zu nehmen – beginnend mit den ältesten. Dabei, so der Umweltschutzverband in seinen Planungen vom Jahr 2020, gehe der Leistungsüberschuss in Deutschland zwar zurück, aber die Versorgung bleibe auch in Stunden ohne Sonne und mit wenig Wind gewährleistet. Die installierte Leistung würde sich damit auf 20 Gigawatt halbieren. Durch weitere Abschaltungen sollten nochmals zwei Gigawatt pro Jahr eingespart werden. 2030 wäre Deutschland dann kohlefrei.

Der Ukrainekrieg und insbesondere die Preissteigerungen quer durch alle Energieträger könnten solche Pläne verzögern. Dennoch kann es auch einen wirtschaftlichen Druck für einen früheren Ausstieg geben. "Durch die politische Lenkung mit CO2-Zertifikaten wird der Kohleausstieg aus wirtschaftlichen Gründen deutlich früher als politisch geplant erfolgen", erklärt Springer-VS-Autor Gerhard Halder in seinem Buchkapitel Dimension Bezahlbarkeit im Wechselspiel von Angebot und Nachfrage auf Seite 25. Falls die Kohlekraftwerke aus Gründen der Versorgungssicherheit doch länger laufen müssten, müsste der Staat die Mehrkosten tragen – so wie jetzt schon für die Reservekraftwerke, die zwar nicht kontinuierlich laufen, für den Fall der Fälle von den Betreibern aber vorgehalten werden.

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