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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung

Zusammenfassung
Die Frage, was denn ‘der’ Kommunitarismus sei, hat nun schon eine beträchtliche Zahl von studentischen Jahrgängen in den Sozialwissenschaften, der Philosophie und der Theologie umgetrieben. Auch die Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen fragten eine geraume Weile, halb neugierig, halb bangend, was hinter der Heraufkunft dieser neuen geistigen Strömung und sozialen Bewegung stecke, die ihren Weg von Nordamerika über den Atlantik nach Europa fand. Das Ziel dieser Bewegung wurde nicht nur in einer Stärkung des gemeinschaftlichen Zusammenhalts angesichts einer sich zunehmend in Privatinteressen und Egoismus auflösenden Gesellschaft gesehen (denn vom englischen community leiten sich, wie inzwischen weithin bekannt ist, die Ausdrücke communitarian und communitarianism ab). Es wurde auch der Verdacht gehegt, daß die Kommunitaristen zugleich auf eine Umstürzung oder doch Umwertung der für moderne Gesellschaften leitenden Begrifflichkeiten und Legitimitätsvorstellungen abzielten.
Michael Haus

I. Warum Moral?

Zusammenfassung
Die charakteristische Struktur kommunitaristischer Argumentation wurde als zweistufige Vorgehensweise beschrieben: Als erstes würden vorhandene allgemein-formale Moralbegründungen einer eingehendenDestruktion unterzogen, als zweites ersetze man sie durch narrative Techniken, also Formen der erzählerischen Bewußtmachung kultureller Moralüberzeugungen (Reese-Schäfer 1997: 264). Doch ‘Zerstören’ und ‘Erzählen’ ist nicht alles, was kommunitaristische Theoretiker zu bieten haben. Von besonderem Interesse für die moraltheoretische Diskussion ist nämlich ihremethodologische und sozialontologische Reflexion über das Wesen normativer Auseinandersetzungen und die Rolle, welche jene narrativen Techniken hierin spielen können. Kommunitaristen erzählen nicht einfach, sondern denken auch darüber nach, was eine gute Erzählung ausmacht und welche Erzählungen heute möglich sind. Hierin liegt der eigentliche konstruktive Beitrag zur sozialphilosophischen Metatheorie.
Michael Haus

II. Welche Gemeinschaft?

Zusammenfassung
Die Kommunitarismusdebatte hat die Frage aufgeworfen, inwiefern der Begriff der ‘Gemeinschaft’ im politischen Diskurs moderner Gesellschaften als normativer Bezugspunkt trägt. Gerade das ‘Gemeinschaftsdenken’ hat eine heftige Polemik seitens der Kritiker kommunitaristischer Positionen hervorgerufen. Diente das Etikett des ‘Neoaristotelismus’ des öfteren zur Disqualifierung kommunitaristischer Positionen im Bereich der Moraltheorie als ‘prämodern’ (s.o. Kap. 1), so war in der stärker soziologisch geprägten Debatte über die Bedeutung von ‘Gemeinschaft’ sogar der Eindruck weit verbreitet, daß die Kommunitaristen auf gefährliche Weise vom begrifflichen Reservoir der Anti-Moderne Gebrauch machten. Galt bereits der Neoaristotelismus als „Theorie vergangener, hochintegrierter Sozialwelten“ (Kersting 1994a: 1), so schien der Gemeinschaftsbegriff erst recht als Chiffre einer verlorenen Welt dichter sozialer Beziehungen, blinden Einverständnisses und problemloser sozialer Integration zu dienen. „Politische Romantik“ (S. Tönnies 1996: 15) warf man deshalb den Kommunitaristen vor und daß sie sich „rückwärtsgewandt in die Zukunft“ (Philipp 1998) bewegen wollten.
Michael Haus

III. Wessen Gerechtigkeit?

Zusammenfassung
Der in den 80er und 90er Jahre intensiv geführten Diskussion um das Wesen und die Bedeutung sozialer Gerechtigkeit kommt im Hinblick auf die Kommunitarismusdebatte ein besonderer Stellenwert zu. So war es Michael Sandels Kritik an der Gerechtigkeitstheorie John Rawls’ in seinem Buch Liberalism and the Limits of Justice, die gemeinhin als ‘Auftakt’ für die kommunitaristische Kritik am Liberalismus betrachtet wird (Sandel 1982). Sandel widmete der Rawlsschen Theorie ein ganzes Buch und präsentierte somit eine Fundamentalkritik ausgerechnet am unbestrittenen Flaggschiff des zeitgenössischen politischen Liberalismus, welche die Gemeinschaft als ‘Grenze’ der Gerechtigkeit vorstellte. Erst so konnte eine (wenn auch oft übertrieben dargestellte) Frontenbildung zwischen einem liberalen und einem kommunitaristischen Theorielager entstehen. Mit seiner Stellungnahme hat Sandel im übrigen auch die weiteren zentralen Stichworte der Kommunitarismusdebatte geliefert, indem er auf die geltungslogische Priorität einer substantiellen Vorstellung des Guten verwies (s. Kap. 1), die identitätskonstituierende Rolle moralischer Gemeinschaften ins Blickfeld rückte (s. Kap. 2) und die Revitalisierung eines republikanischen Demokratieverständnisses einforderte (s. Kap. IV.).
Michael Haus

IV. Wie Demokratie?

Zusammenfassung
War im Hinblick auf die Moraltheorie der Aristotelismus der ideengeschichtliche Bezugspunkt kommunitaristischen Denkens (s.o. Kap. 1), so ist es im demokratietheoretischen Kontext der Republikanismus. Als klassisches Modell der Demokratie war der Republikanismus, anknüpfend an antike Vorbilder, in der Renaissance ein Modell des Gemeinwesens, welches die aktive Teilhabe aller Bürger an den öffentlichen Angelegenheiten in den Mittelpunkt stellte und als unabdingbare Voraussetzung für ihre Freiheit betrachtete.1 Republikanischem Denken ging es infolgedessen um die Frage, welche politischen und sozialen Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um eine politische Praxis der Freiheitsrealisierung möglich werden zu lassen (etwa gleiche Teilhaberechte für alle Bürger, aber auch die Entlastung dieser Bürger von den Zwängen der Erwerbsarbeit — verbunden mit geschlechts- und schichtspezifischen Ungleichheiten auf Kosten der Nicht-Bürger). Sie stützte sich andererseits auf ein Ethos der ‘Bürgerehre’, welches dem Bürger nicht nur bestimmte Tugenden abverlangte, sondern von ihm auch erwartete, dem Schicksal der politischen Gemeinschaft den obersten Rang auf der Liste seiner persönlichen Prioritäten einzuräumen.
Michael Haus

V. Schluß: Im Zweifelsfall für die Gemeinschaft?

Zusammenfassung
Im folgenden soll in einer Zusammenschau und Weiterfuhrung der voran stehenden vier Teile der Versuch gemacht werden, die von kommunitaristischem Denken ausgehenden Anstöße für die politische Theorie der Gegenwart herauszustellen, aber auch auf spezifische Probleme und Defizite des Kommunitarismus hinzuweisen. Dabei möchte ich auf die in der Einleitung dargelegte Fragestellung zurückkommen (s.o. Einleitung, Abschn. 4). Anschließend an Allbrecht Wellmer ist dort gefragt worden, was den ‘Zweifelsfall’ ausmache, in welchem Kommunitaristen die Option für die Integrität gemeinschaftlicher Praxiszusammenhänge auf Kosten individueller Rechtsansprüche für zulässig erachten, während Liberale diese Option kategorisch ausschließen und Diskurstheoretiker die Frage an sich für unsinnig ausgeben. Unter ‘individuellen Rechten’ sind dabei Abwehrrechte (negative Freiheiten) sowie Ansprüche auf Gleichbehandlung in Form von Chancengleichheit und gleichen sozialen Teilhaberechten zu verstehen.
Michael Haus

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