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Über dieses Buch

Der Sammelband führt die verschiedenen Facetten der Transferforschung der international vergleichenden Berufsbildungsforschung zusammen. Dabei werden sowohl Befunde aus Projekten und länderbasierten Studien diskutiert als auch theoretische sowie pragmatische Ansätze referiert. Das Werk bietet somit einen umfassenden Überblick über die aktuellen Erkenntnisse und greift dabei auch historische Entwicklungen sowie interdisziplinäre Ansätze auf.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Frontmatter

Der internationale Berufsbildungstransfer im Lichte der deutschen Berufsbildungsforschung: Wie der Geist aus der Flasche

Was hat der internationale Berufsbildungstransfer mit einem ‚Geist aus der Flasche‘ gemeinsam? Der Leserin bzw. dem Leser mag sich im Kontext einer wissenschaftlichen Publikation der Verdacht eines Fehlers oder aber zumindest eines Missverständnisses aufdrängen. Die somit gegebenenfalls erzeugte Irritation ist jedoch durchaus erwünscht und lässt sich durch die nachfolgenden Ausführungen aufklären.
Michael Gessler, Martina Fuchs, Matthias Pilz

Stand und Historie der Transferforschung

Frontmatter

‚Lost (in) VET‘: Zum Stand der Transferforschung in der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit aus Sicht verschiedener Wissenschaftsdisziplinen

Die Frage nach der Transferierbarkeit berufsbildender Systemansätze bildet eine zentrale Fragestellung der international vergleichenden Berufsbildungsforschung. Doch auch wissenschaftliche Nachbardisziplinen rekurrieren auf Aspekte der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit. Dieser Beitrag skizziert einschlägige Erkenntnisse der vergleichenden Politikwissenschaften, vergleichenden Erziehungswissenschaften, der Wirtschaftsgeographie sowie der Berufsbildungsforschung und diskutiert Unterschiede sowie Parallelen. Dabei zeigen sich verschiedene Betrachtungsschwerpunkte: So fokussieren die vergleichenden Politik- und Erziehungswissenschaften vorrangig Transferaktivitäten auf systemischer Ebene, während die Wirtschaftsgeographie insbesondere lokale und regionale Aktivitäten einbezieht. Die Berufsbildungsforschung richtet den Fokus auf Erfolgs- und Hemmnisfaktoren für Berufsbildungszusammenarbeit. Doch wird ebenfalls deutlich, dass Erkenntnisse nicht innerhalb ihrer Disziplinen verbleiben, wie die zahlreichen gegenseitigen Bezugnahmen zeigen. Die Erkenntnisse der Nachbardisziplinen halten fruchtbare Erkenntnisse für die Untersuchung der Transferierbarkeit berufsbildender Systemansätze bereit.
Kristina Wiemann, Junmin Li, Judith Wiemann, Martina Fuchs, Matthias Pilz

60 Jahre internationale Förderung der Berufsbildung im Überblick: Veränderungsprozesse in der Wertschöpfungskette für Berufsbildung in der staatlichen deutschen Berufsbildungszusammenarbeit im Ausland

Ziel und Zweck des vorliegenden Beitrags ist es, Veränderungsprozesse in den Konfigurationen der Wertschöpfungskette in der staatlichen deutschen Berufsbildungszusammenarbeit (BBZ) zu untersuchen, die in den letzten 60 Jahren geplant, implementiert und evaluiert wurden. Die Untersuchungsmethode orientierte sich am Beispiel der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2003) mit einem deduktiv ermittelten Bezugsrahmen von sechs systemischen Bausteinen in BBZ-Reformen. Die induktive Identifizierung und Konzeptualisierung von bis zu vier Handlungsoptionen per systemischem Baustein führte zur Beschreibung einer Typologie von sechs unterschiedlichen Ansätzen für die BBZ-Wertschöpfungskette, die sich im Rahmen von Zehnjahresschritten aufgrund der Anwendung programmatischer Sektorpapiere und von Querschnittsevaluierungen bzw. Erfahrungslernen in der Durchführungspraxis herauskristallisiert haben. Seit 1956 durchliefen die jeweiligen Wertschöpfungsketten in der staatlichen deutschen BBZ insgesamt mehrere konzeptionelle Kurswechsel. Diese begannen in den ersten 30 Jahren mit einem Facharbeiterschul-, Trägerdiversifizierungsund Dualausbildungsansatz im Modellansatz bis hin zum System-, Matching- und Integrationsansatz im vernetzten Mehrebenenansatz auf Makro-, Meso und Mikroebene. Der besondere Mehrwert des Beitrages besteht in den Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die zukünftige Durchführungspraxis der staatlichen deutschen BBZ.
Werner Heitmann

Globalstudien zum Transfer

Frontmatter

Ziele, Wirkungen und Erfolgsfaktoren der deutschen Berufsbildungszusammenarbeit

Auf der Basis einer Metaevaluation (Widmer 1996; Caspari 2009) von Evaluationen sowie zwei Ex-post-Evaluationen sollen die Effektivität, Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von vor und nach dem Millennium durchgeführten Projekten der Berufsbildungszusammenarbeit (BBZ) analysiert werden. Ziel ist es, Befunde zu ermitteln, aus denen generalisierbare Faktoren für den Erfolg und die Nachhaltigkeit von Berufsbildungsprojekten und -programmen abgeleitet werden können.
Die Metaevaluation richtete sich am Ansatz der Grounded Theory aus, die beiden Ex-post Evaluationen verwendeten den CEval Ansatz (Stockmann 2006) und nutzten ein Längsschnittdesign. Als zentrale Ergebnisse können festgehalten werden, dass die BBZ in den letzten Jahrzehnten mit immer mehr konzeptionellen Ansprüchen überfrachtet wurde. Allerdings zeigt die Projektrealität, dass sich diese Förderziele nur zum Teil in den durchgeführten Projekten widerspiegeln. Grundsätzlich zeigten sich komplexe auf Systemveränderung und Breitenwirksamkeit ausgerichtete Projekte für deutlich risikoanfälliger und tendenziell weniger erfolgreich und nachhaltig als Projekte, in denen ein Wandel von institutionellen Komponenten angestrebt wurde.
Ein Vergleich der Ergebnisse aus den Evaluationen vor und nach dem Millennium deckt eine hohe Kontinuität der Erfolgsfaktoren auf. Aus den Design- und umweltbezogenen, institutionellen und systembezogenen Erfolgsclustern lassen sich vier Kernfaktoren identifizieren: 1) Flexible Steuerung, 2) Systemkompatibilität, 3) qualifiziertes Personal und 4) hohe Ownership.
Reinhard Stockmann

Berufsbildungsexport: Zentrale Bausteine der Geschäftsmodellentwicklung

Unternehmen, die Bildungsdienstleistungen exportieren wollen, stehen vor der schwierigen Aufgabe, sich an die Marktgegebenheiten in den Zielländern anzupassen und adäquate Geschäftsmodelle für den Export von Berufsbildungsdienstleistungen zu finden. Das Ziel dieses Beitrags ist es, Treiber und Hemmnisse des Berufsbildungsexports zu erfassen und zentrale Elemente der Geschäftsmodelle zu identifizieren. Ein zweistufiges Forschungsdesign bestehend aus einer Vor- und Hauptstudie wurde ausgewählt, um diese Forschungsziele zu erreichen. Die Vorstudie beschäftigt sich mit den Treibern und Hemmnissen des Berufsbildungsexports. Die Hauptstudie legt den Fokus auf das Thema Geschäftsmodelle. Die relevanten Daten für beide Studien wurden auf der Basis von qualitativen Interviews und Fokusgruppen generiert. Die Vorstudie hat zahlreiche Treiber und Hemmnisse ergeben. Beispielsweise ist die Marke ‚Made in Germany‘ sehr förderlich für den Export von Bildungsdienstleistungen. Gleichzeitig bestehen viele Probleme aufgrund der geringen gesellschaftlichen Akzeptanz beruflicher Bildung im Ausland sowie der Kommunikationsschwierigkeiten durch Sprache und aufgrund von kulturellen Differenzen mit den Kunden vor Ort. Die Hauptstudie untersucht Geschäftsmodelle der Berufsbildungsexporteure. Sie macht deutlich, dass sich in Deutschland erfolgreich praktizierte Geschäftsmodelle nicht einfach auf das Ausland übertragen lassen. Um auch im Zielland erfolgreich zu sein, sollten exportorientierte Bildungsdienstleister sich mit den Zielmärkten und der entsprechend notwendigen Anpassung ihrer Geschäftsmodelle intensiv auseinandersetzen. Dieser Beitrag beschreibt sechs zentrale Elemente der Geschäftsmodellentwicklung im Berufsbildungsexport, wie z.B. die Entwicklung kundengerechter Zertifizierungsmodelle, die Gestaltung der Bedarfsermittlung sowie die Auswahl geeigneter Vertriebswege. Einige Werkzeuge werden vorgeschlagen, um die Berufsbildungsexporteure bei der Erschließung ausländischer Märkte zu unterstützen. Insgesamt gibt der Beitrag Berufsbildungsexporteuren einen guten Einblick in die praktische und systematische Gestaltung von Geschäftsmodellen.
Thorsten Posselt, Nizar Abdelkafi, Marija Radić, Anzhela Preissler

Duale Ausbildung als betriebliche Strategie der Fachkräftesicherung im KFZ-Service: Fallstudien zu Motivation und Organisation im internationalen Vergleich

Der Beitrag stellt Ergebnisse aus dem Projekt ‚Duale Ausbildung als betriebliche Strategie der Fachkräftesicherung – Fallstudien zu Motivation und Organisation im internationalen Vergleich‘ vor, das von 2015 bis 2017 durch ein Team des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) durchgeführt wurde. Basierend auf der Annahme, dass es duale Qualifizierungsarrangements im Ansatz in vielen Ländern der Welt und nicht nur in denen mit einem ‚dualen System der Berufsausbildung‘ gibt, wurden in KFZ-Sevicewerkstätten in verschiedenen Ländern Fallstudien durchgeführt und das ‚Warum‘ und ‚Wie‘ des Ausbildungsengagements untersucht. Die gefundenen Muster werden verschiedenen Ausbildungstypen zugeordnet und es wird gezeigt, dass neben der Art des Bildungssystems betriebliche Faktoren eine bedeutende Rolle spielen. Bestimmte Formen der Arbeitsorganisationen stehen in einem Zusammenhang mit bestimmten Fachkräftetypen. Herstellerspezifische Vorgaben im Bereich der Werkstattorganisation und der Qualifizierung haben damit einen wesentlichen Einfluss, darauf, ob es gelingen kann Betriebe für stärker dualisierte Ausbildungsgänge zu gewinnen. Die transferierten Konzepte liegen damit weniger im Bereich der Bildungspolitik als im Bereich des Human Ressource Development.
Philipp Grollmann, Sara-Julia Blöchle, Anika Jansen

Analyse von Transfers auf Unternehmensebene

Frontmatter

Promotoren der Innovation im transnationalen Berufsbildungstransfer: Eine Fallstudie

Vielfältige Barrieren (z.B. Nicht-Wollen, Nicht-Wissen) verhindern den Erfolg von Innovationen. Promotoren verfügen über spezifische Ressourcen, um diese Barrieren zu überwinden. Auf Basis des Barriereansatzes wurde in den 1970er Jahren ein Promotorenmodell entwickelt, welches den Erfolg von Innovationen zu erklären vermag und in den nachfolgenden Jahrzehnten weiterentwickelt und ausdifferenziert wurde. An diese Forschungstradition knüpfen wir an und stellen die Frage, welche Bedingungen den Erfolg von Berufsbildungstransfer als Basisinnovation bzw. radikale Innovation begünstigen. Zur Beantwortung dieser Frage analysieren wir die Implementation dualer Ausbildungsstrukturen im nordamerikanischen Produktionswerk von Mercedes-Benz U.S. International (MBUSI) in Tuscaloosa. Bemerkenswert an diesem Fallbeispiel ist, dass in den ersten 15 Jahren nach der Eröffnung des Werks zunächst nur ein Anlernsystem und keine duale Berufsausbildung existierte. In 2009 wurde die Strategie geändert und im Herbst 2011 starteten die ersten dualen Ausbildungen. Der Erfolg der Basisinnovation kann, so unsere These, mithilfe des Promotorenmodells erklärt werden.
Michael Gessler

Transfer deutscher und japanischer Ansätze der Facharbeiterausbildung an die BRIC-Standorte: Volkswagen und Toyota im Vergleich

Der Artikel befasst sich mit Spielräumen und Grenzen eines Transfers der Ausbildungspraktiken durch deutsche und japanische Unternehmen am Beispiel von Volkswagen (VW) und Toyota, also zwei Flaggschiffunternehmen der jeweiligen Ökonomien. Die Analyse beruht auf umfangreichen Fallstudien an Standorten der beiden Unternehmen in Brasilien, Russland, Indien und China. Gezeigt wird erstens, dass der unterschiedliche Grad an Einbindung der Ausbildungspraktiken in institutionelle Systeme die Schwierigkeit des Transfers beeinflusst. Die Herausforderungen des Transfers der deutschen Ausbildungskonzepte liegen vor allem im Aufbau von Kooperationen und der Sicherung der Ausbildungsqualität an Berufsschulen. Toyotas on-the-job-basierter Ansatz bedarf einer solchen institutionellen Ergänzung nicht, war aber lange Zeit mit erheblichen Herausforderungen im Hinblick auf die Standardisierung konfrontiert. Als zweiter Einflussfaktor auf die Schwierigkeiten des Transfers wird die Einbettung der Ausbildungskonzepte in die unternehmensinternen Personalsysteme hervorgehoben. Hier zeigen sich die Schwierigkeiten des Transfers der japanischen Konzepte. Sie sind sehr stark auf Verhaltensprägung ausgerichtet und hängen zu diesem Zweck eng mit dem System der Kompetenzbeurteilung und den Rangstufensystemen im Unternehmen zusammen, die teilweise mit den Erwartungen der Beschäftigten in anderen Ländern nicht leicht vereinbar sind. Mit der Analyse der Einbettung der Ausbildungspraktiken in die unternehmensspezifischen Personalsysteme bietet der vorliegende Artikel einen neuen Beitrag zu der stark auf die Rolle institutioneller Systeme konzentrierten Debatte. Es wird gezeigt, dass die nationalen Ausbildungssysteme eine weniger prägende Wirkung haben als institutionalistische Theorien erwarten würden.
Martin Krzywdzinski, Ulrich Jürgens

Betrieblicher Transfer beruflicher Bildung: Fallbeispiel Südafrika

Das deutsche duale System der Berufsausbildung wird sowohl in Unternehmen am Arbeitsplatz als auch in Berufsschulen praktiziert. In der aktuellen Debatte um die Übertragbarkeit des dualen Systems auf andere Länder geht es zunächst häufig darum, ob ein Transfer auf Makroebene möglich ist. Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, inwieweit Bildungstransfers innerhalb eines Unternehmens weltweit möglich sind und wie im internationalen Bildungstransfer Erfolgskriterien definiert und bewertet werden können. Anhand einer Analyse auf Mikro- bzw. Mesoebene werden bereits vorgenommene betriebsinterne Bildungstransfers untersucht. Dabei kommt die Fallstudienmethodik zur Anwendung, um die inhaltsanalytisch erarbeiteten Kriterien praxisnah verwenden und einschätzen zu können. Als Fallbeispiel fungiert der Produktionsstandort des Konzerns Mercedes-Benz Cars in Südafrika. Mithilfe von Dokumentenanalysen, leitfadengestützten Experteninterviews und Ortsbegehungen wurden die Erhebungen durchgeführt. Zunächst ist zu konstatieren, dass der untersuchte Praxisfall ein Beispiel für einen erfolgreichen Bildungstransfer darstellt. Die Kriterien zur Bewertung des Erfolgs der Transfermaßnahme werden als sinnvoll und zielführend eingeschätzt, jedoch mangelt es den Kriterien an einer ursächlichen Dimension.
Susanne Peters

Duale Ausbildung im Ausland: Ein ‚Heimspiel‘? Zur Qualifizierung von Produktionsbeschäftigten in deutschen Unternehmen in China, Indien und Mexiko

Qualifizierung der Beschäftigten in technischen Bereichen stellt eine zentrale Herausforderung für international agierende Unternehmen in ihren weltweiten Niederlassungen dar. Zurzeit wird die Internationalisierung von Praktiken der dualen Berufsausbildung als Lösung diskutiert, um Qualifizierungsdefizite auszugleichen. Dieser Beitrag diskutiert theoretischkonzeptionell, welche Bedingungen und Probleme bei einer Übertragung dualer Ausbildungsformen auftreten können. Am Beispiel von China, Indien und Mexiko werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten örtlich angepasster Formen dualer Praktiken dargestellt und in die vorhandenen Qualifizierungskontexte eingeordnet.
Judith Wiemann, Kristina Wiemann, Matthias Pilz, Martina Fuchs

Neuartige Kooperationsmodelle zwischen privaten vietnamesischen Firmen und lokalen Bildungseinrichtungen: Eine explorative Studie zu den Formen der Zusammenarbeit und zur Bedeutung der Nähe-Dimensionen bei der Entwicklung neuartiger Kooperationsmodelle

Multinationale Unternehmen und private vietnamesische Unternehmen besitzen einen zunehmenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften. Das vietnamesische Berufsbildungssystem kann diese Nachfrage jedoch aufgrund praxisferner Lehrpläne und des unzureichenden Informationsaustauschs zwischen Berufsschulen und Industrie nicht decken. Während einige multinationale Unternehmen ihre Nachfrage an Fachkräften durch Kooperationen mit ausgewählten vietnamesischen Bildungseinrichtungen sichern, ist wenig bekannt, inwiefern private lokale Firmen ähnliche Strategien verfolgen.
Dieser Beitrag erörtert, in welchem Umfang und unter welchen Rahmenbedingungen private vietnamesische Unternehmen mit lokalen Bildungseinrichtungen kooperieren. Auf Basis sekundärstatistischer Daten sowie 22 durchgeführter Interviews mit Managern von privaten vietnamesischen Unternehmen im Delta des Roten Flusses kommt dieser Beitrag zu folgenden Ergebnissen.
Erstens, private vietnamesische Unternehmen kooperieren kaum mit lokalen Bildungseinrichtungen, um ihren Fachkräftebedarf zu decken. Zudem besitzen sie wenige Kenntnisse über neue kooperative Ausbildungsansätze der multinationalen Unternehmen. Jedoch zeigen die qualitativen Interviews, dass einige Unternehmen neuartige Kooperationen mit Bildungseinrichtungen anstreben, um die Qualität der Ausbildung zu verbessern. Zweitens, auf Basis des Nähe-Ansatzes konnte festgestellt werden, dass private vietnamesische Unternehmen mit neuartigen Kooperationsmodellen die fehlende institutionelle Nähe der Bildungseinrichtungen zur Industrie durch eine hohe räumliche, kognitive und soziale Nähe kompensieren.
Dieser Beitrag liefert mit der Konzeptualisierung des Nähe-Ansatzes hinsichtlich der Entstehung von Ausbildungskooperationen zwischen privaten lokalen Firmen und Bildungseinrichtungen einen neuen theoretischen Mehrwert für die Berufspädagogik.
Jöran Wrana, Javier Revilla Diez

Analyse von Entwicklungszusammen- arbeitsprojekten

Frontmatter

Regional Association for Vocational and Technical Education in Asia (RAVTE): Eine regionale Struktur zur Verbreitung von Berufsbildungsansätzen und Berufsbildungsforschung als Entwicklungsbeitrag in der ASEAN-Region

Im Kontext der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit gründeten im März 2014 vierzehn Universitäten, die mit der Ausbildung von Berufsschullehrkräften und mit der Berufsbildungsforschung beauftragt sind, die Regional Association for Vocational and Technical Education in Asia (RAVTE). Gegenwärtig besteht die RAVTE aus 27 Universitäten aus acht Ländern der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN)-Region. Die Universitäten befinden sich in einer ökonomisch und kulturell ausgesprochen diversen Region, die aus Official Development Assistance (ODA), also aus Ländern besteht, mit denen die Bundesrepublik Deutschland eine Entwicklungszusammenarbeit vereinbart hat und die wie Singapur (Post-ODA-Länder) zu den Gebernationen gehören.
Die RAVTE verfolgt durch die Förderung eines regionalen Wissenstransfers und durch länderübergreifende entwicklungs- und reformorientierte Handlungsforschungsansätze die Stärkung der Berufspädagogik als Wissenschaftsdisziplin, die Verbesserung der Ausbildung von Berufsbildungspersonal und eine Verbesserung der Fähigkeit, politische Reformen auf nationaler und regionaler Ebene zu unterstützen. Die RAVTE hat sich zudem als zivilgesellschaftliche Organisation verpflichtet, die ASEAN Economic Community 2015 (AEC) in der Erreichung ihrer Ziele zu unterstützen.
Der vorliegende Beitrag beschreibt die RAVTE als eine regionale Struktur sowie die ‚Lessons Learned‘ aus den Erfahrungen, Ergebnissen und Erfolgen der bisherigen Arbeit in der ASEAN-Region. Der Aufsatz schließt mit Perspektiven für eine Nutzung regionaler Strukturen für die deutsche Berufsbildungszusammenarbeit sowie Entwicklungs- und Forschungsdesideraten ab.
Thomas Schröder

Professionalisierung der dualen Berufsausbildung in Peru

In Peru existiert eine wenig bekannte, jedoch gut entwickelte duale Berufsausbildung, die von Servicio Nacional de Adiestramiento en Trabajo Industrial (SENATI), einer privaten Bildungsorganisation, getragen wird. Die Ausbildung zeichnet sich durch ein Lernen im Unternehmen in Verbindung mit einer theoretisch-praktischen Ausbildung bei SENATI aus. Knapp 9.800 Unternehmen beteiligen sich an der Ausbildung von SENATI.
Ziel dieses Artikels ist die Identifizierung der wesentlichen Momente, in denen durch Beratung und Begleitung Kernelemente des deutschen dualen Ausbildungssystems in das SENATI-Ausbildungsprogramm integriert wurden. In methodischer Hinsicht werden die Entwicklung und Gestaltung der dualen Ausbildung auf der Basis einer Dokumentenanalyse im Sinne einer Anwendungs- und Verwendungsforschung nachgezeichnet.
Es wird herausgearbeitet, wie neben berufsdidaktischen Elementen, wie Projektlernen, und einem Qualifizierungsprogramm der Ausbilder dem organisationalen Lernen in der Implementierung eine zentrale Aufgabe zukommt. Erst ein ganzheitlicher Beratungsansatz mit einer Vielzahl von Workshops und Seminaren konnte auf den unterschiedlichen Ebenen jene kritische Masse an Innovation und Neuerung generieren, die schließlich zur nachhaltigen Umsetzung der SENATI-eigenen Dualität des Lernens führte. Zum Erfolg gehört die flexibel agierende Organisationsberatung über einen längeren Zeitraum; eine Ausbildungskultur handelnden Lernens in der Werkstatt und im Betrieb und eine Verlagerung didaktischer Gestaltung aus der zentralen Curriculumentwicklung auf die Ausbilder können sich nur in mehreren Projektzyklen von Drei- oder Fünfjahresrhythmen entwickeln. SENATIs Ausbildungskultur erreichte seit der Etablierung der dualen Ausbildung in der Zeit von 1999-2003 Einmündungsquoten von über 70% in den formalen Arbeitsmarkt, was international einen beachtlich hohen Wert darstellt.
Enrique Angles, Hans-Jürgen Lindemann

Deutsche Berufsbildung in Partnerländern erfolgreich gestalten: Ein praxisorientierter Ansatz für bilaterale Transferprozesse

Mit hohen Vermittlungsquoten in den Arbeitsmarkt und der vorbildlichen Beteiligung der Privatwirtschaft in allen Ausbildungsprozessen scheint das deutsche Berufsbildungsmodell eine hohe Überzeugungskraft für andere Staaten zu besitzen. Verstärkt durch die Finanzkrise ab 2007 und der folgenden EU-Wirtschaftskrise wuchs das Interesse an Deutschland als einem traditionell wichtigen Partner in der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit erneut an, galt es doch in vielen Ländern eine ausufernde Jugendarbeitslosigkeit einzudämmen. Wirkungsbefunde und Analysen zu bilateralen Berufsbildungskooperationen deuten jedoch darauf hin, dass internationale Transferprozesse des deutschen Modells ein herausforderndes Unterfangen sind, sollen die Kernprinzipien der deutschen Berufsbildung erfolgreich vermittelt werden und erhalten bleiben.
Die deutschen Akteure in der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit haben überzeugende Handreichungen entwickelt, um die Kernprinzipien und Schlüsselbereiche des deutschen Systems anschaulich darzustellen. Für eine erfolgreiche Überführung dieser Kernprinzipien in ein Partnerland sind überdies auch praxisnahe Vermittlungsansätze und Einsichten liefernde Werkzeuge unentbehrlich, die der Gesamtstruktur deutscher Berufsbildung eine verständliche Form geben, um sie als ein heuristisches Grundgerüst in Transferprozesse einmünden zu lassen.
In diesem Beitrag werden typische und praxisbezogene Herausforderungen in den Vermittlungsprozessen der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit herausgestellt. Als Erwiderung darauf wird eine anschauliche Darstellungsform des deutschen Berufsbildungssystems in Matrixform entwickelt, die in 21 sogenannten Aktionsfeldern das gemeinsame Wirken deutscher Schlüsselakteure im Berufsbildungssystem darstellt und Zusammenhänge zwischen drei Wirkungsebenen und sieben wesentlichen Handlungskategorien offenlegt. Anschließend wird aufgezeigt, dass dieses Werkzeug in die Kernprinzipien deutscher Berufsbildung eingebettet ist, in vielfältiger Weise in der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit praktisch angewendet werden kann und welche zusätzlichen Aspekte bei einer zukünftigen Weiterentwicklung und potenziellen Erforschung von Wirkungen berücksichtigt werden sollten.
Johannes Strittmatter, Markus M. Böhner

Analyse von Transfers aus kultureller und historischer Perspektive

Frontmatter

Theoretische Rahmungen und historische Erfahrungen der Industrialisierung für einen Austausch mit Entwicklungsländern zur Weiterentwicklung der Erwerbsqualifizierung

Der vorliegende Text verfolgt das Ziel, deutsche historische Erfahrungen aus dem frühen Industrialisierungsprozess an zwei exemplarischen Beispielen, Preußen und Baden, transparent zu machen und als Inspirationsquelle für zukünftige, eigenständige Anstrengungen von Entwicklungsländern aufzubereiten. Hierzu wurden historische und zeitgenössische Sekundärstudien ausgewertet. Eingebettet wurde die historische Darstellung in notwendige theoretische Rahmungen, die einerseits die Stabilität und Beharrung von Berufsbildungsmodellen anhand der ihnen zu Grunde liegenden Regelungsmuster verständlich macht wie anderseits die Wandlungsmöglichkeiten aufzeigt, die in historischer Perspektive das Konzept des historischen Institutionalismus entfaltet hat. Beide theoretischen Konzepte dienen der Vermeidung technokratischer Kurzschlüsse und verkürzter Auffassungen einer einfachen Übertragung der deutschen historischen Erfahrungen als Blaupausen auf Entwicklungsländer.
Die historische Darstellung zeigt ein bisher in der Entwicklungspolitik nicht anzutreffendes ganzheitliches Konzept einer Verbindung von Gewerbeförderung und beruflichen Bildungsmaßnahmen auf. Es zeigt sich aber auch, dass eine eindeutige Ursache-Wirkungs-Kette für staatliches Handeln nicht feststellbar ist, sondern vielmehr die Berücksichtigung der institutionellen Ordnung und der Regelungsmuster von Erwerbsqualifzierung bedeutsam waren. Es ist mehr von unbeabsichtigte Nebenfolgen und indirekten Wirkungen als von technokratischen Steuerungsmöglichkeiten auszugehen, da der historische Prozess zu komplex und zu stark von Kontingenz durchzogen ist.
Für den Austausch mit Entwicklungsländern bedeutet dieser Befund, dass die bisherige Trennung in wirtschaftspolitische und bildungspolitische Förderung der Entwicklungspolitik aufgehoben werden muss und insbesondere bei Berücksichtigung der dort vorhanden Rahmenbedingungen, z. B. bei Förderung des traditionellen Ausbildungswesens, die vorgestellte historische Erfahrung der deutschen Frühindustrialisierung, ein inspirie-render Ausgangspunkt sein kann. Gleichzeitig ist durch den notwendigen engeren Austausch von lokalen mit internationalen Experten und Expertinnen, eine Weiterentwicklung der vorhandenen Analyseinstrumente zur Aufschlüsselung der Erwerbsqualifizierung besser möglich.
Stefan Wolf

Vom Transfer lernen: Potenzial des Policy-Transfers für die Weiterentwicklung der Policy im Geberland am Beispiel des Peer-Review-Verfahrens

Der Beitrag setzt sich mit dem Policy-Transfer auseinander. Dabei wird die Forschungsfrage aufgegriffen, inwieweit der Vergleich der ursprünglichen Policy im Geberland mit der transferierten Policy im Nehmerland zur Weiterentwicklung der Policy genutzt werden könnte. Der Beitrag untersucht diese Fragestellung am Beispiel des Peer-Review-Verfahren der Berufsbildung. Das Peer-Review-Verfahren ist ein Modell der Qualitätserhebung für Schulen, das eine partizipatorische Arbeitsweise verfolgt und eine flache Hierarchie besitzt. Das Verfahren wurde von Deutschland nach China im Rahmen einer Pilotstudie übertragen. Folglich verfolgte die Untersuchung ein Most-Different-Ansatz. Dabei wurden die Ergebnisse der Pilotstudien in Deutschland und China miteinander verglichen. Der Vergleich der Ergebnisse deckte die Stärken und Schwächen dieses Verfahrens auf, die unabhängig von nationalen Kontextfaktoren stabil waren. Anschließend wurden die Vergleichsergebnisse vor dem Hintergrund der Weiterentwicklung des Peer-Review-Verfahrens in Deutschland beleuchtet.
Junmin Li

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