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28.05.2019 | Krisenkommunikation | Kommentar | Onlineartikel

Zur Souveränität zurückkehren

Autor:
Eva-Susanne Krah

Dem Vorstoß des Youtubers Rezo zu den Europa-Wahlen hat sich die Führungsspitze der CDU auch Tage danach hilflos ausgeliefert. Gute Krisenkommunikation sieht anders aus.


Die Öffentlichkeit reibt sich verwundert die Augen: Nicht mehr um das beste gemeinsame Europa geht es dieser Tage rund um die EU-Wahlen, sondern darum, wie Youtuber die Politik für sich entdecken und ob die Verbreitung von Videobotschaften im Internet vor Wahlen reguliert werden soll. An der einstigen Souveränität einzelner Volksparteien zweifeln derzeit nicht nur PR-Experten. Die Parteienlandschaft hat offenbar kein Rezept für die neue Kommunikationswelt und ist von der Schnelligkeit und Macht der sozialen Medien und ihrer Nutzer überfordert. Das zeigt sich an jüngsten Reaktionen der CDU auf den Wahl-Boykott-Aufruf des Youtubers Rezo.

Youtube/Rezo

Von der zurückgehaltenen Video-Antwort des CDU-Jung-Spunts Philipp Amthor über ein umfangreiches PDF-Papier, das mit der Ansprache "Du" startet und dann in die dritte Person wechselt, bis hin zu Regeln für regulierte politische Wahlkampf-Meinungen im Internet. Aber auch durch vorschnelle Twitter-Reaktionen anderer Parteien, die meinen, es besser zu wissen. Was diese dabei vergessen: Das hätte ihnen allen passieren können. Die so wichtige junge Wählergeneration nutzt die sozialen Medien, wann und wie sie es möchte. Dazu gehört eben auch Kritik an etablierten Parteien im Vorfeld von Wahlen. Rezo zeigt nur, wie eine junge Gesellschaft tickt, was sie beschäftigt. Man kann den Stil mögen oder auch nicht, aber man muss sich dem stellen und das Handwerk auf Augenhöhe beherrschen. 

Kommunikationsprofis ans Werk lassen

Allein der Aufruf, die Diskussion über digitale Medienregeln besonders offensiv anzugehen, wird die Internetgemeinde nicht überzeugen. Vielfach steht der Vorwurf der Zensur im Raum. Spätestens jetzt müssen Profis für Krisenkommunikation und Reputationsmanagement ran. Und die gibt es schließlich in der Parteien- und Medienlandschaft. Sie nennen sich Politik- und Kommunikationsberater, sie planen Medienauftritte, setzen Kampagnen und vor allem Krisenkommunikation um, kennen sich mit den Instrumentarien dafür aus. 

Der Springer-Autor Dr. Wolfgang Immerschitt gibt in seinem Kapitel "Erfolgsfaktoren der Krisenkommunikation" des Essentials "Aktive Krisenkommunikation"  schon mal einige Erste-Hilfe-Tipps für Management und Krisenstäbe. Dazu gehören:

  • das Eingehen auf die Interessen der Stakeholder;
  • der Dialog mit den Anspruchsgruppen, um Vertrauen zu schaffen – das sollte schon in normalen Zeiten passieren;
  • die strategische Vorbereitung auf verschiedene Anlassfälle. Vorteil: "Das Management fixiert die Krisensymptome nicht mehr tatenlos, sondern hat Spielraum zur kreativen Bewältigung der Situation."
  • Geschwindigkeit. Das Grundgesetz der effizienten Krisenkommunikation lautet aus Sicht Immerschitts: "schnell sein, konsistent und ohne Widersprüche mit einer Stimme sprechen und möglichst offen."

Die ersten kommunikativen Aktivitäten müssen spätestens eine Stunde nach Auftreten des Ereignisses gesetzt werden, rät er.

Doch wie der Politikberater Michael Spreng in der ARD-Talkshow "Hart aber fair" am 27. Mai den Kommunikationsgau rund um die CDU richtig einschätzte, wird dieser aktuell kaum noch einzufangen sein. Angela Merkel, nach außen fühlbar immer weniger aus ihren eigenen Reihen heraus aktiv, aber immer noch um Längen präsenter als die um neue Führung bemühte Annegret Kramp-Karrenbauer, hat bei ihrem einzigen Wahlkampfauftritt im Zusammenhang mit den Europa-Wahlen eigentlich alles gesagt: "Wir brauchen Brückenbauer und nicht Spalter“. Das können auch manche Youtuber noch lernen. Und wie immer betroffene Parteien sollten dem Kommunikationsphänomen mit der Souveränität und Professionalität begegnen, die sie auch früher einmal ausgezeichnet hat. Sie könnten den Dialog suchen und Chancen für sich nutzen, auch potenzielle Wähler aus dem Netz ins Boot zu holen. Das ist allemal besser als die nächste Regulierung.

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Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Erfolgsfaktoren der Krisenkommunikation

Quelle:
Aktive Krisenkommunikation

2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

Persönlichkeiten in der Reputationskrise

Quelle:
Personal Branding

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