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24.03.2023 | Kryptowährungen | Interview | Online-Artikel

"Regulierung schafft einen Mehrwert für den Kryptomarkt"

verfasst von: Angelika Breinich-Schilly

7:30 Min. Lesedauer
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Mit MiCA, kurz für Markets in Crypto Assets, steht ein europäisches Regulierungsvorhaben kurz vor der Verabschiedung. Warum dieses zu mehr Vertrauen in den Kryptomarkt führt und Deutschland bei der Umsetzung nicht trödeln sollte, erläutert Ulli Spankowski von der Boerse Stuttgart Group im Interview.

springerprofessional.de: In jüngerer Vergangenheit hat der Kryptomarkt eher negative Schlagzeilen gemacht - etwa durch den UST-Crash oder wegen der Pleiten der beiden Krypto-Plattformen Celsius Network und Voyager. Wie bewerten Sie diese Entwicklungen? Ist das eine Form von Marktbereinigung, die Anleger mit Kryptowährungen im Portfolio aussitzen sollten?

Ulli Spankowski: In der Rückschau war das Jahr 2022 - von einem dramatischen Marktrückgang bis hin zum Zusammenbruch der Kryptobörse FTX - voller Herausforderungen für die Kryptowirtschaft. Intransparente Geschäftsmodelle und kriminelle Machenschaften, wie im Fall von FTX, gibt es jedoch in allen Branchen. Betrug ist daher technologie-agnostisch. Die bedeutsamste Erkenntnis dabei ist: Qualität und transparente Geschäftsmodelle setzen sich ebenso im Kryptomarkt durch. Auch die internationale Konkurrenz zwischen Kryptoanbietern ruht nicht. Wir haben mehrere Szenarien evaluiert, wie lange der Kryptowinter andauern könnte. Im Idealfall könnte die Talsohle des Bärenmarktes schon im Sommer durchschritten sein. Zumindest scheint eine Beschleunigung des Abwärtstrends bislang auszubleiben. Der Grund ist, dass die Nachfrage nach Kryptowährungen nach wie vor ungebrochen ist. Rund 200 Millionen Anleger setzen auf Kryptowährungen, davon etwa acht Millionen in Deutschland. Laut einer aktuellen Umfrage von Morning Consult, wollen außerdem 50 Millionen US-Amerikaner demnächst Kryptos kaufen. Was noch fehlt, ist häufig eine sinnvolle Regulierung. 

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Pleiten und Kursrutsche sind Wasser auf die Mühlen derjenigen, die schon lange eine strenge Regulierung fordern. Nun ist mit Markets in Crypto Assets, kurz MiCA, bereits ein entsprechender Vorschlag auf dem Weg durch das Europaparlament, um einen effizienten und gerechten Markt zu schaffen. Voraussichtlich im April wird darüber abgestimmt. Führt das Vorhaben aus Ihrer Sicht tatsächlich zu mehr Rechtssicherheit? Wo liegen die Schwerpunkte und Schwachstellen?

Die Boerse Stuttgart Digital unterstützt voll und ganz die regulatorischen Initiativen in Europa und Deutschland. Ein starker regulatorischer Rahmen ist die unverzichtbare Basis für das Vertrauen institutioneller Investoren und das wiederum bildet die Grundlage für eine breite Akzeptanz von Krypto- und digitalen Assets. Mit der geplanten Verabschiedung der MiCA-Verordnung im April 2023 wird die EU einen wichtigen Schritt zur Regulierung von Kryptoassets machen. 

Was bedeutet das konkret? 

Erstens: Regulierung schafft zunächst einen Mehrwert für den Kryptomarkt und es wird von nahezu allen Marktteilnehmern ausdrücklich begrüßt, wenn eine ineffiziente Regulierung oder Überregulierung vermieden wird. Zweitens: Die Ausgangslage in Deutschland bildet aufgrund der bereits bestehenden Gesetzgebung, wie etwa zur Kryptoverwahrlizenz, eine gute Grundlage. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, eine reibungslose und zeitnahe Umsetzung von MiCA, einschließlich einer klaren und pragmatischen Umstellung der bestehenden Lizenzen auf MiCA, zu bewerkstelligen. Drittens: Der Outcome einer effizienten Regulierung muss sein, dass in der EU gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen. Und zwar auch im Hinblick auf globale Marktteilnehmer, die jetzt nach Europa drängen. Das Ziel muss daher sein, das damit einhergehende Risiko einer regulatorischen Arbitrage zwischen den Ländern zu vermeiden. Eine Schwachstelle von MiCA ist allerdings, dass eine effiziente Regulierung für Decentralized Finance, kurz DeFi genannt, in der es keine Finanzintermediäre gibt, bislang fehlt.

Nach der Regulierung ist vor der Regulierung: Viele Experten sprechen bereits über MiCA II. Können Sie kurz schildern, was mit diesem Vorhaben geregelt werden soll?

MiCA geht ebenso nicht auf den wachsenden Trend des Kryptolending ein. Gemäß EZB-Präsidentin Christine Lagarde müsse ein MiCA-II-Framework diesen Bereich aber regulieren, um Betrug und kriminelle Machenschaften auch in diesem Teil des Kryptomarktes zu verhindern. Ferner möchte man unter anderem die Risiken der Verflechtung mit traditionellen Finanzinstituten überwachen. Bis MiCA II allerdings Realität wird, wird es noch einige Jahre dauern.

Nun fürchten Kryptoanleger, dass zu viel Regulierung den Fortschritt und die Entwicklung dieser jungen Assetklasse auf Dauer ausbremst. Entsprechende Unternehmen würden dann in Länder mit laxeren gesetzlichen Rahmenbedingungen abwandern. Sehen Sie das auch so oder wird Europa - und Deutschland im Speziellen - von den einheitlichen Bestimmungen eher profitieren? 

Ich sage fortwährend: Eine vorwärts gerichtete Regulierung, die technologische Weiterentwicklung unterstützt und diese im Blick behält, ist der Schlüssel zum Erfolg. Sie darf aber nicht zu einer Verbotsorgie ausarten. Das haben wir bereits im Jahr 2020 mit der Einführung der Kryptoverwahrlizenz in Deutschland gemerkt. Klassische Finanzdienstleister haben damals gesagt, dass man sich aufgrund dieser Rahmenbedingungen Kryptowährungen als alternative Assetklasse ab sofort genau anschauen und besser bewerten kann. Abgesehen davon, bin ich der Auffassung, dass Transparenz, einheitliche Bestimmungen sowie eine wohldurchdachte Regulatorik zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit der EU im internationalen Kontext führen. 

Schauen wir auf die klassischen Kryptowährungen, hält der Bitcoin nach wie vor die Top-Position bei der Marktkapitalisierung von rund 452,5 Milliarden US-Dollar. Ethereum und Tether folgen auf den Plätzen zwei und drei. Wo sehen Sie kurz- und mittelfristig gute Investmentchancen?      

Ich bitte um Verständnis, dass ich mich zur Entwicklung einzelner Kryptowährungen nicht äußern möchte. Ein Blick auf die Nachfrageseite kann jedoch auch in diesem Fall sehr hilfreich sein. Laut der jüngsten KPMG-Studie "Digital Assets in Deutschland 2022" möchten acht von zehn Kryptoinvestoren - genau sind es  81 Prozent - auch in Zukunft in Kryptowerte investieren. Und zwar unabhängig vom Zeitpunkt ihrer ersten Investition. 84 Prozent präferieren Bitcoin, 77 Prozent finden Ethereum spannend. Aber jeder zweite Kryptoinvestor legt sein Geld in unbekannte Altcoins an. 

Welche Einflüsse gibt es derzeit noch im Geschäft mit Kryptoassets?

Auch der Zufluss an Investitionsmöglichkeiten durch Erbschaften, könnte weiterhin zu deutlichen Investitionszuwächsen bei Kryptos führen. Das Marktpotenzial, also die maximal mögliche Absatzmenge an Kryptos, ist durchaus hoch, da neben der robusten Nachfrage auch immer wieder neue Currency Token am Markt erhältlich sind. Wenn letztere die Grundlage für Smart Contracts bilden, sind völlig neue und hoch innovative Geschäftsmodelle realisierbar. Neue Anlageklassen, die auf Kryptobörsen erhältlich sind, ermöglichen im Bedarfsfall zudem eine weitere Diversifizierung von Portfolios. Auch ein möglicher Inflationshedge mit Kryptos ist nicht gänzlich auszuschließen. 

Nun sind gerade auf dem Kryptomarkt etliche andere Anlagealternativen möglich. Diese reichen von Anteilen an digitalisierter Kunst oder Oldtimern über Non-Fungible Token (NFT) im Immobiliensektor bis hin zu digitalen Besitzansprüchen im Metaverse. Was wird uns langfristig noch beschäftigen und welche Assets werden wohl eher in der Nische bleiben?

Die Potenziale der Blockchain-Technologie sind immens und die Token-Ökonomie ist erst in ihren Anfängen. Als Teil der Gruppe Börse Stuttgart beobachten wir diese Entwicklung genau. Großes Potenzial sehen wir im Bereich der Security Token. Es handelt sich hierbei um tokenisierte Vermögensanlagen, die jetzt beliebig teilbar und prinzipiell für eine beliebig hohe Anzahl an Kaufinteressenten zugänglich sind. Weitere Anwendungsgebiete für den Vormarsch der Tokenisierung finden sich beispielsweise im Bereich der Immobilien oder in der Kunst. Ob sich letzteres am Markt breit durchsetzen wird, ist aber ungewiss. Ein sicherlich ebenso interessanter, wie auch rasch wachsender Markt ist Decentralized Finance. Hier können Finanzdienstleistungen und Finanzakteure ohne jegliche Intermediärsfunktion agieren. Man kann als Individuum, also zum Beispiel selbst, als Bank agieren und Kredite vergeben. Die Regulierung wird sich diesem besonderen, aber zum Teil auch noch ziemlich intransparenten Phänomen, jedoch künftig verstärkt annehmen müssen, da hier ein erhöhtes Risiko im Umgang mit dezentralisierten Applikationen und den sich dort tummelnden Akteuren herrscht. 

Wo stehen klassische Finanzdienstleister heute beim Thema Kryptomarkt und was müssen sie noch investieren, wenn sie in diesem Segment den Anschluss nicht verpassen wollen?

Klassische Finanzdienstleister erkennen, dass die Nachfrage nach Kryptowährungen anhält und der Markt strukturell wächst. Die Nachfrage nach Kryptocoins im Retailgeschäft scheint bis heute ungebremst. Zugleich wächst die Nachfrage durch neue institutionelle Kunden. Hier geht es vor allem um Portfoliodiversifikation sowie um Trendinvestments in die Blockchain-Technologie insgesamt. Gerade hier müssen klassische Finanzdienstleister Boden gut machen. Dabei beobachten wir schon jetzt viele Kooperationen und M&A-Aktivitäten. Kurzum: Time to market is key. Je länger klassische Finanzdienstleister warten, umso höher das Investment. Deshalb sagen wir: Im Kryptowinter ist jetzt Zeit zu bauen. Dann ist man rechtzeitig zum Bullenmarkt mit dabei. Hierfür braucht es einen verlässlichen Kryptoinfrastrukturanbieter für Finanzinstitute, der die gesamte Wertschöpfungskette von Brokerage und Execution bis hin zur Custody ganzheitlich und kundenfokussiert abbildet. Davon gibt es zurzeit - außer der Börse Stuttgart Digital, nicht so viele. Erst dann ist für klassische Finanzdienstleister die Aufholjagd möglich. 

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