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28.01.2021 | Kryptowährungen | Gastbeitrag | Online-Artikel

Kryptowerte bieten Banken neue Finance-Modelle

verfasst von: Hartmut Giesen

4:30 Min. Lesedauer
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2020 hat sich die Kryptowelt auf vielen Ebenen rasant entfaltet. Für Banken geht es also nicht mehr darum, ob sie sich mit diesen Entwicklungen auseinander setzen wollen – sondern wie sie dies tun. 

Vier Krypto-Fragekomplexe werden in den kommenden Monaten Einfluss auf die Strategie von Banken haben:   

  • Etablieren sich native Kryptowerte wie Bitcoin als neue Anlageklasse und wie reagiert man als Bank darauf?
  • Lösen elektronische Wertpapiere mit allen ihren prozessualen und infrastrukturellen Konsequenzen die aktuellen Wertpapiere ab?
  • Wird die Blockchain zur technischen Infrastruktur für Währungen und/oder den Zahlungsverkehr – also für Nicht-Banken-Stablecoins, digitale Zentralbankwährungen und/oder digitales Geschäftsbankgeld? 
  • Welche weiteren dezentralen Finance-Modelle jenseits des Mainstreams werden sichtbar?

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Digitale Geld- und Währungssysteme

Im Jahr 1998 arbeitete erstmals Nick Szabo an einer dezentralisierten digitalen Währung in Verbindung mit der Blockchain. Diese Währung nannte er "Bit-Gold". Die älteste und noch immer bekannteste Kryptowährung, welche in einem verteilten Datenbanksystem arbeitet, ist der "Bitcoin".

Kryptowerte – auf dem Weg zur  neuen Anlageklasse


Interessant bei Kryptowährungen ist, dass man über sie eher als Anlageklasse denn als alternatives, bankenunabhängiges Zahlungsmittel diskutiert – letzteres war schließlich der Zweck, zu dem sie einst geschaffen wurden und von deren Funktion sich eigentlich ihr Wert herleitet. Bisher haben sich jedoch weder der Bitcoin noch andere Kryptowährungen als Zahlungsmittel durchgesetzt. Der Grund: Transaktionen sind zu langsam, zu teuer und nicht massentauglich, zudem ist der Wert der Kryptowährungen zu volatil, wie die aktuellen Entwicklungen beim Bitcoin zeigen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Kryptowährungen in den nächsten Jahren als Assetklasse weiter etablieren werden. Dabei könnten auch neue Währungen auf den Plan treten. Die Bedeutung eines fundierten Auswahlprozesses, welche Währungen die Voraussetzungen als Investmentvehikel erfüllen, wird steigen. Auch für Privatanleger dürften die Einstiegsschwellen niedriger werden, etwa durch die Möglichkeit, indexbasiert in Kryptowährungen zu investieren.

Für Banken stellt sich die Frage, inwieweit sie sich dem Handel mit und/oder der Verwahrung von Kryptowerten sukzessive öffnen können,  und wie das Geschäft mit Kryptowährungen zu einem lohnenden Geschäftsfeld werden könnte.

Elektronische Wertpapiere – mehr als alter Wein in neuen digitalen Schläuchen


Beim Kauf und Verkauf von Wertpapieren ist das Thema Eigentumsübergang zentral. Bislang werden Wertpapiere durch eine Urkunde repräsentiert, die bei einem Zentralverwahrer hinterlegt ist. Bei elektronischen Wertpapieren wird die urkundliche Verkörperung in ein Register überführt und Rechte an einen Token auf einer Blockchain gebunden. Der große Vorteil liegt in der Beschleunigung von Prozessen und der Kostensenkung.

Elektronische Wertpapiere sind jedoch mehr als alter Wein in neuen digitalen Schläuchen. Denn die Infrastruktur ist nicht nur effizienter, sie macht auch qualitativ neue Arten von Wertpapieren möglich. Ein solches könnte etwa den Ertrag einer Maschine verbriefen und die Auszahlung dieses Betrages direkt an den Output der Maschine koppeln.

Für Banken ist die Frage nach den Konsequenzen elektronischer Wertpapiere sehr wichtig. Finanzdienstleister, die heute im Wertpapierhandel unterwegs sind, müssen sich auf eine neue Infrastruktur und damit auf mögliche neue Geschäftsprozesse vorbereiten.

Blockchain-basierende Zahlungssysteme – von freiwillig bis vorgeschrieben


Nachdem 2019 Facebook die Pläne für eine eigene Kryptowährung namens Libra (inzwischen Diem) vorstellte, denken auch Staaten, Zentralbanken und Geschäftsbanken intensiv über verschiedene Formen digitalen und programmierbaren Geldes nach. Die Charakteristika digitalen Geldes sind je nach Form sehr unterschiedlich:

  • Kryptowährungen sind sehr volatil und schwanken auch relativ zu staatlichen Währungen stark.
  • Stablecoins, die wie bei den Facebook-Plänen an reale Währungen gekoppelt sind, können zu einer Konkurrenz zu staatlichen Währungen werden – was Staaten und Zentralbanken auf den Plan ruft.
  • Digitales Geschäftsbankgeld, bestehend aus programmierbaren Stablecoins, die durch Banken herausgegeben werden, kann nur Wirkung entfalten, wenn Banken kooperieren und digitales Geld gemeinsam entwickeln. 
  • Digitales Zentralbankgeld stellt das digitale Äquivalent für Bargeld dar – zu klären ist jedoch, wie es etwa um die Konkurrenz zum Geschäftsbankgeld steht.

Im Bereich digitales Geld stecken für Banken verschiedene strategische Entscheidungen: Mithilfe von digitalem Geschäftsbankgeld können etwa die Zahlungsprozesse für Kunden optimiert werden. Große Player wie die Tech-Riesen könnten eigene Stablecoins herausgeben, die digitale Geschäftsbankgeldformen überflüssig machen. Erhebliche technische Investitionen wären notwendig, wenn Banken Digitalgeldentwicklungen von Zentralbanken oder Staaten Folge leisten müssen.

Dezentrale Finanzgeschäftsmodelle (DeFi)


Daneben gibt es weitergehende Blockchain-basierende Finanzprozesse, die unter dem Schlagwort Defi firmieren. Die meisten Defi-Anwendungen arbeiten heute im Kredit-Bereich: Über Smart Contracts können Sicherheiten (Collaterals) geblockt werden, gegen die Kryptotoken, zum Teil als Stablecoins mit fester Bindung an Fiat-Währungen, ausgeliehen werden. Eine neuere Entwicklung sind dezentrale Kryptobörsen, an denen ohne zentrale Stelle Kryptowährungen gegeneinander getauscht werden können (Uniswap).

Banken müssen diese Entwicklungen im Auge behalten und darüber nachdenken, inwieweit hier Chancen oder Risiken für das eigene Geschäft entstehen, wenn die Geschäftsmodelle zum Mainstream werden. 

Schlussfolgerungen: etwas mehr Wagemut


Das Tempo der Kryptoentwicklungen ist fulminant. Viele neue Geschäftsmodelle werden durch die Blockchain-Technologie möglich sein, was schon heute das Interesse von Neo-Banken oder großen Tech-Playern weckt. Banken dürfen auf Basis fundierter strategischer Überlegungen durchaus das eine oder andere wagen, um Opportunitäten im Kryptobereich konkret auszuloten. Wichtig dafür ist, technisches und aufsichtsrechtliches Know-how zügig intern aufzubauen oder von extern hinzu zu ziehen, um zeitnah voranzukommen.

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