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10.07.2019 | Kryptowährungen | Interview | Onlineartikel

"Libra könnte schnell geldpolitische Relevanz erhalten"

Autor:
François Baumgartner
Interviewt wurden:
Dieter Heiliger

ist Managing Principal und Payment-Experte bei Capco.

Jean Paul Kölbl

ist Principal Consultant GRC DSA bei NTT Security.

Die Vision vom Global Coin dauert an und hat nun Facebook aus der Reserve gelockt. Die Zahlungsverkehrsexperten Dieter Heiliger und Jean Paul Kölbl beleuchten im Interview Libra und das Konsortium rund um Facebook.

Springer Professional: Welche Ziele verfolgt Facebook mit Libra?

Dieter Heiliger: Facebook setzt vor allem auf die Vorteile, die eine Kryptowährung bietet. Das ist laut dem Whitepaper zu Libra Coins die Zahlungsmittelfunktion. Diese möchte man salonfähig machen und global etablieren. Und zwar im Hinblick auf jene Menschen in der Welt, die aufgrund der bekannten Hürden, kein Bankkonto haben oder sich Überweisungen einfach nicht leisten können.

Jean Paul Kölbl: Facebook ist ein Gründungsmitglied der Libra Association mit Geschäftssitz in Genf. Das Konsortium will mit dem neuen Kryptogeld Bewegung in den Finanzmarkt bringen. Letzterer ist heute immer noch schwach digitalisiert und damit ineffizient. Durch die Blockchain-Technologie lassen sich dagegen einfach und sehr schnell Informationen und Werte verschieben. Ein Business Case sind sogenannte Rimessen oder Heimatüberweisungen mit ihren hohen Gebühren, die in vielen, vor allem ärmeren Ländern zur allerwichtigsten Devisenquelle geworden sind. Eine globale Blockchain für internationale Zahlungen ist allein in diesem Fall viel effizienter, sicherer und schneller als das veraltete und anfällige SWIFT-System.

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Wie sieht das Geschäftsmodell für Libra genau aus?

Heiliger: Die geschäftspolitische Motivation liegt aus unserer Sicht vor allem darin, die bisherigen Umsatzsäulen von Facebook zu stärken, indem man die Datenqualität signifikant erhöht. Das direkte Umsatzpotenzial des Libra Coin ist folglich enorm. Beispielweise könnte Facebook für die vollumfängliche Nutzung entsprechende Know-Your-Customer-Verfahren etablieren und so den Kunden dazu bewegen, seine Libra-Daten mit einem Facebook-Profil zu verbinden. Die Ausweitung der Datenqualität durch Ausweisdaten und der Analyse von Zahlungsströmen und Einkaufverhalten stärkt die bisherigen Revenue-Streams des US-Konzerns. Darüber hinaus kann Facebook exklusiv auf Libra Coin für all seine Geschäftsgebaren setzen und so weiter eine Bindung herbeiführen. Jedenfalls wird jedes Mitglied an Libra an den Umsätzen der digitalen Währung etwa durch Zinserträge und Transaktionsgebühren partizipieren.

Kölbl: Die Gründungsmitglieder von Libra Coin sind allesamt  marktdominierende Unternehmen. Mit dabei sind unter anderem Visa, Mastercard, Paypal, Vodafone sowie Uber und Ebay. Sie alle erhoffen sich zusammen mit Facebook natürlich eine gute Marge. Mit Libra entsteht ein neuer, riesiger Handelsplatz für B2C- und B2B-Geschäfte ohne die herkömmlichen Barrieren.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal der neuen Währung?

Heiliger: Der Libra Coin soll im Gegensatz zum schwankenden Bitcoin einen stabilen Wert erhalten und durch einen milliardenschweren Reservefonds gedeckt werden. Die Menge des verfügbaren Stable Coin würde also nicht wie beim Bitcoin durch stromintensive Mining Farmen und aufwändige Rechenoperationen erfolgen, sondern durch Ein- und Auszahlungen in die vorgenannte Libra-Reserve. Für Libra braucht der Nutzer eine digitale Geldbörse, Wallet genannt. Facebook wird mit Calibra eine eigene Wallet anbieten. Die Anwender können Libra Coins mit klassischen Währungen wie Dollar, Euro oder Yen bei autorisierten Tauschbörsen sodann kaufen und verkaufen.

Kölbl: Geplant ist, dass Libra via Devisen stabil gehalten wird, was das Vertrauen in die neue Währung zunächst einmal stärkt. Bei Libra handelt es sich um eine Permissioned Blockchain, bei dem die zentralen Akteure für die Sicherheit verantwortlich sind. Da Libra ein komplett digitales System ist, bei dem man nur einen Handyzugang benötigt, um Waren gegen Geld zu tauschen, ist es äußerst attraktiv für neue, aber auch bewährte Dienstleistungen und den Handel. Wer an diesem Netzwerk teilnimmt, vertraut darüber hinaus den zentralen Akteuren wie den Gründungsmitgliedern.

Welche Schlagkraft hat das Projekt?

Heiliger: Das Konsortium umfasst schon jetzt etablierte Unternehmen, welche sowohl hinsichtlich der bestehenden Reichweite an Nutzern als auch hinsichtlich der Reichweite der technischen Voraussetzungen am POS für Endkunden ein sehr hohes Potenzial aufweisen. Die mögliche Schlagkraft ist daher als äußerst hoch einzuschätzen und wird Reaktionen am Finanzsektor auslösen. Sollten noch Amazon, Google oder Apple mitmachen, würde das Projekt einen weiteren gigantischen Auftrieb erhalten.

Kölbl: Effizienz, Sicherheit und eine gute Integration der Menschen in die digitale Welt werden dazu beitragen, dass die notwendigen Skaleneffekte erreicht werden können. Hierzu zählen ebenso die sogenannten digitalen Immigrants, also Menschen, die nicht mit digitalen Technologien aufgewachsen sind und diese erst als Erwachsene lernen mussten. Nicht dabei ist allerdings China mit seiner großen Bevölkerungszahl und der ausgeprägten digitalen Adaptionsrate, was ein herber Rückschlag für Libra ist. 

Welche Risiken sehen Sie?

Heiliger: Facebook ist mit dem Makel einer Datenkrake versehen und sorgte bis zuletzt für gravierende Datenschutzskandale. Die Gründungsmitglieder des Konsortiums werden sehr sorgfältig mit den Risiken umgehen und mit den Regulatoren kooperieren müssen, da sonst auch ihre eigene Reputation auf dem Spiel steht. Darüber hinaus hat Libra aus unserer Sicht ganz klar die Eigenschaft eines Zahlungsmittels und nicht nur jenes eines reines Vermögenwertes. Da Libra schon aufgrund des Potenzials sehr schnell systemrelevante Ausmaße annehmen kann, werden Finanzkriminalität, Terroristenfinanzierung und Geldwäsche zu bewältigende Gefahren darstellen.

Kölbl: Regulatoren der verschiedenen Länder könnten eingreifen und den Einsatz verhindern. Geldwäscherei könnte der Reputation des Netzwerkes schaden und potenzielle Nutzer abschrecken. Ein Worst-Case-Szenario wäre auch, wenn Hacker die Validator Nodes übernehmen und die Nutzer ihr Geld verlieren. Banken und Kreditkartenanbieter, welche die Liquidität für diesen neuen Markt beisteuern, können darüber hinaus Devisenzahlungen an Libra einschränken oder mit hohen Gebühren belasten.

Welche Konsequenzen hat die neue Digitalwährung auf Bitcoin & Co.?

Kölbl: Das kommt ganz darauf an, wie sich Libra durchsetzen wird und ob Libra den Bitcoin ebenfalls als Währung für die Speisung der Libra Wallet zulässt. Falls Libra versagt, wird der Bitcoin das bleiben, was er bis heute ist. Ist Libra erfolgreich, wird Bitcoin als Kryptowährung aber langsam verschwinden.

Welche geldpolitischen Effekte hätte eine starke Kryptowährung wie Libra?

Heiliger: Der Libra Coin verfolgt keine eigene Geldpolitik. Wir gehen von drei Effekten aus, welche eine Rolle spielen könnten. Erstens: Notenbankentscheidungen haben nach wie vor Relevanz, könnten aber abgeschwächt werden, denn der Libra ist nicht eins zu eins an eine Währung gebunden, sondern an einen Korb von Währungen. Entsprechende Zinsentscheidungen könnten so stark abgeschwächte Effekte zeigen. Zweitens: Libra wird bei entsprechend hoher Nachfrage eine hohe Reserve an Devisen anhäufen und dadurch ein wesentlicher Player am Devisen- und Anleihen-Markt. Und last but not least: Die Bindung auf verteilte Währungen ermöglicht es Libra auch, höhere Zinseffekte zu erzielen. Somit kann theoretisch Libra auch bessere Zinskonditionen bieten als jede europäische Bank und würde so schnell geldpolitische Relevanz erhalten.

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