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26.06.2024 | Künstliche Intelligenz | Interview | Online-Artikel

"Klug kann nur der Mensch sein"

verfasst von: Lea Sommerhäuser

5 Min. Lesedauer

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Bei der Entwicklung von Strategien zur Integration von Künstlicher Intelligenz in Geschäftsprozesse sollten Unternehmen immer darauf achten, dass der Mensch das letzte Wort hat, betont KI-Experte Elyas Achkar im Interview.

springerprofessional.de: Herr Achkar, wie bewerten Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Deutschland die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz (KI) in ihrem Arbeitsalltag?

Elyas Achkar: Sowohl Entscheider als auch Beschäftigte auf internationaler Ebene erwarten, dass neue Technologien wie Künstliche Intelligenz Geschäftsprozesse und repetitive Administrationsaufgaben automatisieren und dadurch vereinfachen. Im Rahmen unseres Global Growth Report sagen beispielsweise 46 Prozent der weltweit befragten Angestellten, dass sie sich am meisten auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Automatisierung sich wiederholender Aufgaben freuen. Analog dazu gaben 40 Prozent der Führungskräfte an, dass sie es begrüßen, wenn Beschäftigte KI zu genau solchen Zwecken einsetzen. Fast jeder zweite deutsche Befragte (46 Prozent) freut sich am meisten darauf, Künstliche Intelligenz dafür nutzen zu können, Dokumente an verschiedene Sprachen und Kulturen anzupassen. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund einer stark globalisierten Arbeitswelt sinnvoll. Doch während die potenziellen Einsatzmöglichkeiten von KI insgesamt positiv aufgenommen werden, zögern 84 Prozent der internationalen und deutschen Befragten, Künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz einzusetzen.

Was sind die Gründe hierfür?

In Deutschland sind die größten Bedenken der befragten Angestellten, dass Vorgesetzte die geleistete Arbeit weniger wertschätzen könnten (34 Prozent). Darüber hinaus hegen jeweils 30 Prozent Bedenken, dass die Arbeitsbelastung zunehmen und KI ihnen ihre Lieblingsaufgaben streitig machen könnte. Dies deckt sich mit den Zweifeln der internationalen Befragten. Dennoch überwiegt die positive Wahrnehmung.

Inwieweit kann KI die Unternehmen unterstützen, die international expandieren wollen – insbesondere mit Blick auf den Aufbau länderübergreifender Personalstrukturen?

Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels in allen Branchen müssen deutsche Arbeitgeber auch im Ausland nach potenziellen Kandidaten suchen. Die Einstellung von Mitarbeitern in anderen Ländern erfordert jedoch spezifische Kenntnisse über die lokalen Arbeitsmärkte, Steuervorschriften und andere relevante Gesetze. Hier kann KI unterstützen, indem sie die Compliance-Prozesse vereinfacht. Dies kann beispielsweise beim Einsatz von Human-Resources-Technologie (HR) geschehen, die auf dem Employer-of-Record-Modell (EOR) basiert. Dieses vor allem im anglo-amerikanischen Raum verbreitete Personaleinsatzmodell sieht vor, dass der EOR in definierten Zielländern Kandidaten für das auftraggebende Unternehmen einstellt. Er fungiert als formaler Arbeitgeber, während das Unternehmen keine lokale Einheit im Zielland aufbauen muss. Dies spart sowohl den Unternehmen als auch den Kandidaten viel Zeit und Mühe. In diesem Prozess kann KI unterstützen, indem sie repetitive Verwaltungsaufgaben automatisiert, was den Vorgang beschleunigt und die Fehlerwahrscheinlichkeit senkt. Angesichts der sich ständig ändernden Regeln und Vorschriften am Arbeitsmarkt stellt die Lernfähigkeit KI-basierter Systeme zudem sicher, dass Unternehmen lokale Arbeitsgesetze einhalten können. Gegebenenfalls weisen entsprechende Systeme sogar auf erforderliche Änderungen hin.

Was sollten Unternehmen bei der Entwicklung von Strategien beachten, damit KI-Anwendungen menschliche Arbeit ergänzen und nicht ersetzen? Wie lässt sich hier die Balance halten?

In einer Welt, die momentan Zeuge mehrerer KI-Revolutionen wird, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Menschheit bei alledem im Mittelpunkt steht. Künstliche Intelligenz mag intelligent sein, aber klug kann nur der Mensch sein. Unternehmen müssen Strategien festlegen, die sicherstellen, dass die Technologie menschliche Arbeit ergänzt und unterstützt, indem sie sie effizienter und skalierbarer macht, anstatt sie zu ersetzen. Daher ist es wichtig zu bedenken, dass KI bei der Automatisierung repetitiver Aufgaben mit hohem Standardisierungsgrad äußerst effizient sein kann. Sie kann Komplexität reduzieren, Probleme schneller lösen und so letztlich zu einer höheren Wertschöpfung beitragen. Allerdings ist die Technologie derzeit darauf beschränkt, ausschließlich die Aufgaben auszuführen, die ihr von den Nutzern übertragen wurden. Außerdem fehlt es ihr an menschlichem Einfühlungs- und Urteilsvermögen, das in bestimmten Situationen einfach erforderlich ist. Dies gilt für Personalentscheidungen, bei denen es in vielen Fällen darum geht, zwischenmenschliche Nuancen und Untertöne in einer bestimmten Situation richtig einzuschätzen. Wenn zum Beispiel ein Kandidat rein formal die besten Qualifikationen mitbringt, aber auf persönlicher Ebene nicht ins Team passt, ist er vielleicht doch nicht die beste Wahl für die Stelle. Bei der Entwicklung von Strategien zur Integration von Künstlicher Intelligenz in Geschäftsprozesse sollten Unternehmen daher immer darauf achten, dass der Mensch das letzte Wort hat. KI kann dabei helfen, monotone Routineaufgaben zu automatisieren, sodass menschlichen Experten mehr Zeit für anspruchsvollere Aufgaben zur Verfügung steht.

Welche größten KI-Stolpersteine sollten Ihrer Ansicht nach anno 2024 unbedingt in Angriff genommen werden?

Wie die Daten aus dem Global Growth Report zeigen, zögern viele Beschäftigte, KI einzusetzen. Dies kann als das größte Hindernis für die Ausweitung der Nutzung der Technologie und die Entfaltung ihres Potenzials angesehen werden. Unter den deutschen Arbeitnehmern geben 23 Prozent an, zu zögern, weil sie unsicher sind, wie sie die Technologie effektiv nutzen können, ohne ins Hintertreffen zu geraten. Unternehmen müssen solche Bedenken ernst nehmen und ihnen begegnen, indem sie ihre Mitarbeiter aktiv befähigen, KI-gestützte Technologien möglichst sinnvoll einzusetzen. Gezielte Schulungen im Rahmen umfassender Re- und Upskilling-Maßnahmen können dabei helfen. Die Einführung von KI und anderen neuen Technologien wird sich nicht verlangsamen. Im Gegenteil ist zu erwarten, dass im nächsten Jahr noch mehr Unternehmen KI-Lösungen anbieten oder entsprechende Partnerschaften eingehen werden. Daher ist es entscheidend, dass Arbeitgeber ihre Mitarbeiter gezielt auf den Umgang mit entsprechenden Technologien vorbereiten – ein Schritt, der nicht nur den Angestellten selbst, sondern auch dem gesamten Unternehmen zugutekommt. Erst durch die vollständige Einsatzbereitschaft ihrer Teams können Unternehmen das umfassende Potenzial von Künstlicher Intelligenz vollständig nutzen.

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