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16.04.2019 | Künstliche Intelligenz | Kommentar | Onlineartikel

Wie vertrauenswürdig ist Künstliche Intelligenz?

Autor:
Dieter Beste

Die EU-Kommission möchte in einer internationalen Übereinkunft erreichen, dass bei Entwicklung und Anwendung der Künstlichen Intelligenz (KI) der Mensch im Mittelpunkt steht. Eine Expertengruppe legte dazu Anfang April ethische Leitlinien vor.


Künstliche Intelligenz verändert unsere Zivilisation dramatisch. Wir verlassen uns immer mehr auf effiziente Algorithmen, weil die Komplexität unserer zivilisatorischen Infrastruktur sonst nicht zu bewältigen wäre: "Unsere Gehirne sind zu langsam und bei den anstehenden Datenmengen hoffnungslos überfordert", konstatiert der Philosoph Klaus Mainzer in "Künstliche Intelligenz – Wann übernehmen die Maschinen?" – und fragt dort auf Seite 245: "Aber wie sicher sind KI-Algorithmen?" Werden wir Menschen auch künftig dem Anspruch gerecht, Herr unseres Tuns zu sein – oder werden wir kapitulieren und die Verantwortung für unser Leben an Maschinen delegieren? 

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Als eine dem europäischen Wertekanon gemäße Antwort auf derartige Fragen verstehen sich die ethischen Leitlinien, die jetzt eine unabhängige europäische Expertengruppe für vertrauenswürdige künstliche Intelligenz (KI) in Brüssel vorgelegt hat. Demnach muss eine KI, der wir vertrauen dürfen, die folgenden sieben Anforderungen erfüllen:

  • Vorrang menschlichen Handelns und menschlicher Aufsicht: KI-Systeme sollten gerechten Gesellschaften dienen, indem sie das menschliche Handeln und die Wahrung der Grundrechte unterstützen. Keinesfalls aber sollten sie die Autonomie der Menschen verringern, beschränken oder fehlleiten.
  • Robustheit und Sicherheit: Eine vertrauenswürdige KI setzt Algorithmen voraus, die sicher, verlässlich und robust genug sind, um Fehler oder Unstimmigkeiten in allen Phasen des Lebenszyklus des KI-Systems zu bewältigen.
  • Privatsphäre und Datenqualitätsmanagement: Die Bürgerinnen und Bürger sollten die volle Kontrolle über ihre eigenen Daten behalten und die sie betreffenden Daten sollten nicht dazu verwendet werden, sie zu schädigen oder zu diskriminieren.
  • Transparenz: Die Rückverfolgbarkeit der KI-Systeme muss sichergestellt werden.
  • Vielfalt, Nichtdiskriminierung und Fairness: KI-Systeme sollten dem gesamten Spektrum menschlicher Fähigkeiten, Fertigkeiten und Anforderungen Rechnung tragen und Barrierefreiheit gewährleisten.
  • Gesellschaftliches und ökologisches Wohlergehen: KI-Systeme sollten eingesetzt werden, um einen positiven sozialen Wandel sowie die Nachhaltigkeit und ökologische Verantwortlichkeit zu fördern.
  • Rechenschaftspflicht: Es sollten Mechanismen geschaffen werden, die die Verantwortlichkeit und Rechenschaftspflicht für KI-Systeme und deren Ergebnisse gewährleisten.

Gut gebrüllt, Löwe, möchte man kommentieren – wie weiter? Wie diesen Leitsätzen Lebenskraft und internationale Wirksamkeit einhauchen? In diesem Sommer noch will die Kommission eine Pilotphase einleiten, in die sie ein breites Spektrum von Interessengruppen einbinden möchte. Ab sofort ist es Unternehmen, öffentlichen Verwaltungen und Organisationen möglich, der Europäischen KI-Allianz beizutreten; sie werden benachrichtigt, wenn das Pilotprojekt startet. Zudem, so der Plan, sollen die Mitglieder der KI-Expertengruppe helfen, die ethischen Leitlinien in den Mitgliedstaaten bekannt zu machen und zu erläutern.

Der Plan der EU-Kommission, mit der Diskussion ethischer Leitlinien die weitere Entwicklung der KI in Europa im Konsens anzugehen, ist Teil der KI-Strategie, die vor rund einem Jahr veröffentlicht wurde. Damit verfolgt die Kommission das Ziel, die öffentlichen und privaten Investitionen für Künstliche Intelligenz im Laufe des nächsten Jahrzehnts auf mindestens 20 Mrd. Euro jährlich zu steigern, mehr Daten bereitzustellen und Talente zu fördern. Angesichts des Machtkampfs zwischen China und den USA um die Technologieführerschaft in der Welt und den dort in KI investierten Summen hat Europa keinen leichten Stand. Die zur Zeit von der Kommission für KI von 2021 bis 2027 vorgesehenen jährlichen Mittel in Höhe rund 1 Mrd. Euro wirken im Vergleich ein wenig wie der Tropfen auf dem heißen Stein – das weiß auch Juha Heikkilä, Referatsleiter Robotik und Künstliche Intelligenz in der Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien. 

Andererseits, so Heikkilä gegenüber Journalisten der Wissenschafts-Pressekonferenz (wpk) in Brüssel, könnte gerade der von Europa eingeschlagene "dritte Weg" für viele in der Welt attraktiv sein, die nicht dem "marktbasierten" Entwicklungsweg der Amerikaner und nicht dem "auf Kontrolle ausgerichteten" chinesischen KI-Weg folgen möchten. Man suche die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern wie Japan, Kanada oder Singapur. In die Pilotphase würden auch Unternehmen aus anderen Ländern und internationale Organisationen einbezogen. Und ja, Unternehmen verlangten auch nach Richtlinien, um Planungssicherheit zu haben. 

Die Rasanz, mit der Künstliche Intelligenz inzwischen in unser privates und berufliches Leben eindringt und alles verändert, wäre noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen. Was wird morgen sein, wenn die KI weiterhin an Tempo aufgenommen haben wird? Gut möglich, dass eine breit angelegte gesellschaftliche Diskussion anhand der ethischen Leitlinien der EU tatsächlich ein Wettbewerbsvorteil Europas ist. Denn folgt man dem Philosophen Klaus Mainzer, dürfe Ethik "keinesfalls als Innovationsbremse missverstanden" werden. ("Künstliche Intelligenz – Wann übernehmen die Maschinen?", Seite 278)

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