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02.10.2019 | Künstliche Intelligenz | Interview | Onlineartikel

"Bis Commander Data in Star Trek ist es noch ein weiter Weg"

Autor:
Andrea Amerland
Interviewt wurde:
Lutz Tilker

ist Partner im Executive Search und Management Assessment bei Eric Salmon & Partners in Frankfurt.

Führung mittels Künstlicher Intelligenz scheint aktuell noch ein Science-Fiction-Phänomen zu sein. Nur wenige Führungsaufgaben kann KI bereits bewältigen. Warum der erste Androide als Chef noch Zukunftsmusik ist, erklärt Lutz Tilker im Interview.

springerprofessional.de: 30 Prozent der Beschäftigten würden gerne den eigenen Chef durch Künstliche Intelligenz ersetzen, hat eine Umfrage von Bitkom Research ergeben. Aber kann KI bereits Führungsaufgaben übernehmen?

Lutz Tilker: Führung ist vom Mitarbeiter akzeptierte Beeinflussung durch die Führungskraft. Ich würde hier erst einmal fragen, ob nicht vielleicht 30 Prozent aller Führungskräfte ein Akzeptanzproblem haben. Führung hat zwei Ebenen: Mitarbeiter akzeptieren Beeinflussung am ehesten, wenn sie sich am Vorbild sozialer Beziehungen orientiert. Diese Beziehungsorientierung des Führungsverhaltens kann Künstliche Intelligenz noch nicht darstellen. Aber die zweite Ebene, die Aufgabenorientierung, beherrscht Künstliche Intelligenz heute in vielen Bereichen besser als die menschliche Führungskraft. 

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Machine Learning verändert unsere Zivilisation dramatisch. Wir verlassen uns immer mehr auf effiziente Algorithmen, weil die Komplexität unserer zivilisatorischen Infrastruktur sonst nicht zu bewältigen ist. Aber wie sicher sind KI-Algorithmen?

Ein wenig populäres Beispiel für Führungsaufgaben, bei denen es nicht auf die Beziehungsorientierung ankommt, sind Sicherheitssysteme mit Kameraüberwachung. Eine Leitstelle auf Basis von KI identifiziert mit den Überwachungsbildern aus Kameras gesuchte Personen und übermittelt bei einem positiven Match dieser Information an die nächstgelegene Polizeidienststelle, die auf Basis dieser Anweisung tätig werden. Noch sind Kameras und Leitstelle stationär, aber der Schritt zum Robocop ist wahrscheinlich nur noch ein kleiner.

Viele Beschäftigte lehnen Roboter als Kollegen ab. Wie sollte die Zusammenarbeit zwischen KI und Mensch gestaltet werden, damit sie funktioniert?

Roboter sind zum Beispiel in produzierenden Unternehmen heute schon Standard. Das schließt schwierige, kognitive Aufgaben mit ein. Auch wenn Maschinen noch keine Beziehungsorientierung bieten, vermenschlichen wir sie und wenden schnell vergleichbare Verhaltensweisen und Stereotype an wie in einer rein menschlichen Interaktion – je nach Namensgebung der Maschine sogar Geschlechterstereotype. Wenn Algorithmen Mimik und Gestik eines Menschen interpretieren können, ist der Weg zur maschinellen Empathie nicht mehr weit. Menschen dürften Maschinen eher akzeptieren, wenn diese durch Modulation der Computerstimme und durch passende Wortwahl auf Emotionen reagieren. Bis zu einem Androiden wie Commander Data in Star Trek ist es noch ein weiter Weg, aber wer hätte sich vor 20 Jahren den heutigen Stand der Technik vorstellen können?

Maschinen fehlt die Empathie. Zu welchen Problemen kann das im Zusammenspiel mit Menschen führen und wie kann man diese ggf. lösen?

Nach heutigen Stand der Technik werden Computer irgendwann Emotionen für die Interaktion mit Menschen simulieren können, aber nicht empfinden. Für die Beziehungsorientierung von Führung mag das eine Einschränkung bedeuten. Andererseits hat diese Ebene von Führung nicht nur positive Seiten: Egoismus, Unehrlichkeit oder Ängste können ebenfalls Folgen der Beziehungsorientierung sein. Hier kann KI Boden gut machen, denn diese negativen Faktoren menschlichen Verhaltens sind in der Zusammenarbeit mit oder der Führung durch KI ausgeschlossen. Aber es bleibt die Frage, wie man Künstliche Intelligenz in Zukunft in die Lage versetzt, eine Beziehung mit Menschen aufzubauen und zu pflegen.

Welche Kompetenzen brauchen hybride Teams?

Diverse beziehungsweise hybride Teams sind weniger anspruchsvoll, als man meinen könnte. Multinationale Teams können höhere Anforderungen an interkulturelle Empathie stellen als die Zusammenarbeit mit einer Maschine. Zentral ist die Fähigkeit zur Zusammenarbeit auf der reinen Aufgabenebene, also ohne Beziehungsebene. Außerdem ist im hybriden Team mehr Lernfähigkeit gefragt, weil sich der Stand der Technik ständig weiterentwickelt. Das Versuchslabor für diese Zusammenarbeit sind wachstumsstarke Unternehmen. Nach einer Microsoft-Studie nutzen sie Künstliche Intelligenz drei- bis viermal so intensiv wie wachstumsschwache Unternehmen und werden so zu Pionieren in der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.

Ihre Prognose: Wann werden KI-Codes die Qualität erreichen, dass sie Menschen nicht nur bei monotonen Routineaufgaben unterstützen, sondern auch komplexere Aufgaben übernehmen und welche Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein?

Schon heute kann Künstliche Intelligenz Führungsaufgaben wie die Analyse von komplizierten und gleichermaßen dynamischen Zusammenhängen, zum Beispiel im technischen Projektmanagement, übernehmen. Die Lernfähigkeit und Spezialisierung von KI kann dazu führen, dass der Roboter aus der Rolle des Geführten in die Führungsposition wechseln kann, wie es auch heute für die menschliche Führungskraft gilt. Ein Unternehmen, welches hier eine Lösung entwickelt, wird entweder schnell für viel Geld gekauft werden oder zu den wertvollsten Unternehmen der Welt aufsteigen.

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