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07.06.2024 | Künstliche Intelligenz | Interview | Online-Artikel

"Technologischer Fortschritt bietet Gelegenheiten"

verfasst von: Alexander Lorber

5:30 Min. Lesedauer

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Im Interview erklärt KI-Experte Lukas Rintelen, wo Künstliche Intelligenz (KI) den Arbeitsmarkt am stärksten verändern wird und warum KI nicht zuletzt auf unserem europäischen Wertekanon basieren sollte.

Herr Rintelen, in welchen Bereichen kommt Künstliche Intelligenz (KI) gegenwärtig im Arbeitsalltag schon zum Einsatz?

Lukas Rintelen: Die Anwendungsbereiche von KI im Arbeitsalltag sind sehr umfangreich: von Prozessen in der industriellen Fertigung, über Diagnoseunterstützung in der Medizin bis hin zu Know-Your-Customer-Prozessen im Finanzwesen. Seit dem Launch von ChatGPT sind aber vor allem die Einsatzgebiete von generativer KI im Büro-Alltag ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt; zunehmend werden die Angestellten entlastet und bei geistigen Arbeitsprozessen unterstützt. KI kann beispielsweise in Meetings protokollieren, Zusammenfassungen erstellen, unternehmensinternes und externes Wissen intuitiv durchsuchbar und strategisch nutzbar machen. In Zukunft werden wir uns nicht mehr fragen, wo eine Datei abgelegt ist oder überlegen, in welchen Dokumenten sich Informationen für unsere aktuelle Aufgabe befinden. Wir fragen einfach die KI. Dieser Einsatz von KI revolutioniert die Art und Weise, wie wir täglich arbeiten.

Inwieweit ist die Sorge berechtigt, dass durch den Einsatz von KI mancher Arbeitsplatz komplett überflüssig werden könnte?

Laut Microsoft Work Trend Index 2023 befürchten zwar 49 Prozent der Befragten, dass KI ihre Jobs überflüssig machen könnte, dennoch würden 70 Prozent gerne so viele Aufgaben wie möglich an eine KI abgeben, um ihre eigene Arbeitslast zu reduzieren. Insbesondere die Nutzung von KI zur Auffindung der richtigen Informationen und Antworten (86 Prozent) oder zur Zusammenfassung ihrer Meetings (80 Prozent) finden breite Zustimmung. Wir müssen uns vor Augen halten, dass KI ein technisches Hilfsmittel ist – und niemals ein Ersatz für einen Menschen sein kann. KI macht uns nicht überflüssig. KI kann uns dabei helfen, uns noch effektiver und besser auf unsere Stärken zu konzentrieren. 

Sie ist eine Assistenz, die uns dabei hilft, bestimmte Entscheidungen schneller und fundierter zu treffen, weil sie Aufgaben wie Recherche und Analyse von Informationen in einer Geschwindigkeit erledigen kann, wie es ein Mensch schlichtweg nicht oder nur mit enormen Zeiteinsatz könnte. Je besser KI das leisten kann, desto eher wird sie zu einer Basistechnologie für den Menschen.

Welche Berufe werden von Künstlicher Intelligenz besonders stark profitieren oder sogar neu geschaffen?

KI wird vor allem da verstärkt zum Einsatz kommen, wo es viele Gespräche gibt und wo menschliche Routinetätigkeit und Informationsverlust sehr teuer sind. Zwei Brancheneinblicke: In der öffentlichen Verwaltung herrscht ein massiver Digitalisierungsstau. Gleichzeitig geht PwC Deutschland davon aus, dass dem öffentlichen Sektor bis 2030 mindestens eine Million Fachkräfte fehlen. KI kann hier Last von vielen Schultern nehmen. Sie kann Routineaufgaben übernehmen, in der Interaktion mit Bürgern unterstützen oder Prozesse lückenlos nachvollziehbar machen. Und wir unterstützen viele Unternehmen bei Due-Dilligence-Prozessen. Hier wird der Impact von KI besonders deutlich: Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssen 95 Standardfragen zu einem 300-seitigen Vertrag beantworten. Wenn Sie richtig gut sind, brauchen Sie pro Frage zehn Minuten. Das sind knapp 16 Stunden, also volle zwei Arbeitstage, für einen Standard Due-Diligence-Prozess.

Die KI ist auf genau diese Anwendungsfälle ausgelegt, da sie Textstellen sehr präzise referenzierbar macht. Technische Grundlage hierfür ist das sogenannte Chunking, bei dem ein langer Text in viele kleine "Häppchen" bzw. Chunks aufgeteilt wird. So kann der Mensch die KI generierten Ergebnisse direkt mit den originalen Textstellen abgleichen.

Welches Innovationspotenzial steckt in Künstlicher Intelligenz?

Vor 250 Jahren hat die Dampfmaschine die manuelle Arbeitskraft in vielen Bereichen verstärkt und die Industrie revolutioniert. Heute kann KI unsere kognitiven Fähigkeiten auf ähnliche Weise erweitern. Die Entwicklung wird aber nicht bei bloßer Automatisierung halt machen. Indem eine KI die menschliche Intelligenz ergänzt, lässt sich auch die Kreativität steigern. Sie wird damit zu einem Produktivitätsfaktor und birgt ein immenses Wertschöpfungspotenzial.

Wie kann ein verantwortungsvoller Umgang mit KI aussehen?

KI darf nicht halluzinieren. Das Wichtigste ist Transparenz. Vor allem im Arbeitsalltag müssen wir uns darauf verlassen können, dass die Antwort einer KI auf den zur Frage passenden Datenquellen beruht und somit korrekt ist. Die Antwort muss zu 100 Prozent nachvollziehbar sein. Gleichzeitig muss KI auf unserem europäischen Wertekanon basieren. Hier sind die Anbieter von KI-Lösungen in der Pflicht. Auf Seite der Unternehmen sehe ich zwei Verantwortlichkeiten: Sie müssen ihre Mitarbeitenden im sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit (generativer) KI schulen. Gleichzeitig – und das ist ebenso bedeutend – sollten Arbeitgebende die Motivation und Neugier ihrer Mitarbeitenden fördern, KI in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Gemeinsame Workshops, Co-Creation-Phasen oder Ideen-Wettbewerbe können ein wichtiger Baustein sein. Der Einsatz von KI muss zu einer Selbstverständlichkeit werden, so wie es heute E-Mails, Chatnachrichten oder Videoanrufe sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass Unternehmen, die das rechtzeitig erkennen und umsetzen, einen Wettbewerbsvorteil haben werden.

Für den Einsatz von KI sollen in der EU künftig strengere Regeln gelten. Halten Sie den "EU AI Act" für den richtigen Ansatz zur Regulierung von KI oder bremst er KI-getriebene Innovationen aus?

Die Intention hinter dem AI Act ist gut und zielt darauf ab, eine sichere Grundlage für KI-Anwendungen zu schaffen und deren Risiken zu minimieren. Dennoch müssen die Gesetzgeber sicherstellen, dass die resultierenden Vorschriften nicht kontraproduktiv wirken. Eine ausgewogene Regulierung ist entscheidend, um Innovation und Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen zu fördern, ohne die EU als Standort unattraktiv zu machen. Ein offener Dialog mit der Technologiebranche ist dabei unerlässlich, um angemessene Regulierungen für Datenschutz, Sicherheit und ethische Standards zu entwickeln. Der AI Act darf nicht zum Stolperstein für Europas Technologiezukunft werden, sondern sollte als Leitfaden dienen, um KI verantwortungsvoll und mit Weitsicht zu integrieren, ohne den Fortschritt zu hemmen.

Noch herrscht viel Unsicherheit und Skepsis gegenüber KI. Wie lässt sich das Vertrauen der Menschen in KI stärken?

Hier sehe ich uns als Technologieanbieter in der Pflicht. Wir müssen sicherstellen, dass KI Ergebnisse liefert, die nachvollziehbar und an die Arbeitsprozesse der Unternehmen angepasst sind – und nicht umgekehrt. Liegt der Vorteil erst einmal für alle klar auf der Hand, werden die Zweifel schnell aus dem Weg geräumt sein. Technologischer Fortschritt bietet Gelegenheiten. Die Dampfmaschine hat die Welt verändert und KI hat das Potenzial, dies erneut zu tun. Wir haben die Chance, diese Zukunft aktiv zu gestalten.

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