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2022 | Buch

Kunst der Provokation

Eine Einführung in die Skandalforschung

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Über dieses Buch

Wie können die Charakteristika, die Themen, Inhalte und Verläufe von modernen Skandalen in den Massenmedien beschrieben werden, wie die kommunikativen Verfahren und Ökonomien der Generierung öffentlicher Empörung, denen Skandale der Politik, der Kunst und Kultur heute folgen? Dieses Essential bietet eine prägnante Einführung in den Status quo der Skandaltheorie und zeichnet am Fallbeispiel Skandalisierungsverfahren als eine Kunst der Provokation öffentlicher Aufmerksamkeit nach.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Kapitel 1. Der moderne Skandal: Skandaltheorie
Zusammenfassung
Wenn Jean Baudrillard (1976, S. 28) in einem seiner frühen Essays über Watergate und damit über das Beispiel eines modernen politischen Skandals gleichermaßen beiläufig wie selbstverständlich behauptet: „Watergate ist kein Skandal – das gilt es auf jeden Fall festzuhalten“, dann liegt dem ein Skandalbegriff zugrunde, der mit der Offenlegung einer Verfehlung auch impliziert, dass die Verfehlung als Abweichung von der Norm eine Ausnahme darstellen muss. Und genau darum, weil Watergate in Baudrillards Beschreibung des westlichen Kapitalismus und seiner Institutionen, der Wissenschaft, der Justiz, der Medien und eben der Politik, keine Ausnahme darstellt, dürfe Watergate nicht als Skandal gelten. Vielmehr sei es mit dem ‚Watergate-Skandal‘ bloß „gelungen, den Eindruck zu erwecken, dass es tatsächlich einen Skandal gegeben“ habe, um damit „der Gesellschaft wieder eine ordentliche Dosis politische Moral“ zu verabreichen (1976, S. 27), eine politische Moral, die es in einer kapitalistischen Gesellschaft für Baudrillard nicht mehr gibt und die es für ihn nie gegeben hat: „Watergate war nur eine Falle, die das System seinen Gegnern gestellt hat – die Simulation eines Skandals“ (1976, S. 29).
Christer Petersen
Kapitel 2. Der Fernsehpreisskandal: Fallstudie
Zusammenfassung
Niemand wird sich beinahe 15 Jahre später noch erinnern können an ein so flüchtiges Ereignis wie einen Skandal in einem sich derzeit selbst verflüchtigenden Medium, dem linearen Fernsehen. Also erinnern wir uns gemeinsam, etwa anhand der auf YouTube verstreuten Aufzeichnungsschnipsel, wie bei der Gala zum zehnten Deutschen Fernsehpreis am 11. Oktober 2008 der damals 88-jährige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki den von ARD, ZDF, Sat.1 und RTL gestifteten Ehrenpreis für sein Lebenswerk ablehnte. Wir sehen dort, wie Moderator Thomas Gottschalk nach einer Laudatio und einem Einspieler mit Archivmaterial vor allem aus dem Literarischen Quartett den designierten Ehrenpreisträger zum Rednerpult führt. Dort angekommen, schaut Reich-Ranicki auf seine Uhr, wischt sich mit einem Taschentuch über den Mund und beginnt:
Christer Petersen
Kapitel 3. Die Kunst der Provokation: Ausblick
Zusammenfassung
Kehren wir auch deshalb abschließend noch einmal zu einem Rechtspopulisten nicht hiesiger, sondern US-amerikanischer Provenienz zurück, dessen Skandalpolitik, dessen populistische ‚Kunst der Provokation‘ nicht nur Unterschiede, sondern auch überraschende Ähnlichkeiten zu einer Skandalkunst einerseits sowie zur spezifischen Ökonomie des Fernsehpreisskandals andererseits aufweist. Dass Donald Trump nämlich trotz der zwei Amtsenthebungsverfahren, die seine Präsidentschaft begleiteten, bisher nicht oder nur unter Vorbehalt in eine Reihe mit Politikern wie Richard Nixon, Bill Clinton und hierzulande Björn Engholm gestellt wurde, hat einen entscheidenden Grund. So ließen sich der Reihe zwar noch viele weitere Politiker hinzufügen, in Deutschland etwa Helmut Kohl mit seiner Parteispendenaffäre, die seinem Renommee als „Vater des Euro“ und „Kanzler der Einheit“ nachhaltig geschadet hat; Trump jedoch steht als Prototyp eines Populisten für einen anderen und neuen Typus von Politiker, für den anscheinend auch in Rahmen der Skandalökonomie gänzlich andere Regeln gelten: Während Kohl und Engholm, Nixon und Clinton durch ihre Affären und Skandale, durch ihre Lügen und Vertuschungen ihrer Reputation als Politiker nachhaltig geschadet haben, während sie im Rahmen einer Glaubwürdigkeitsökonomie einen Großteil ihres Glaubwürdigkeitskapitals verspielt haben, scheint Trumps Skandalpolitik einzig einer Aufmerksamkeitsökonomie zu folgen.
Christer Petersen
Backmatter
Metadaten
Titel
Kunst der Provokation
verfasst von
Christer Petersen
Copyright-Jahr
2022
Electronic ISBN
978-3-658-37312-2
Print ISBN
978-3-658-37311-5
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37312-2