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28.02.2018 | Leadership | Interview | Onlineartikel

"Beidhändige Führung ist ein ideales Denk- und Handlungsmodell"

Autor:
Andrea Amerland

Management im digitalen Zeitalter erfordert beidhändige Führung, meint Julia Duwe. Was der Begriff bedeutet und welche Vorteile Ambidextrie im Vergleich zum traditionellen Führungsverständnis bietet, erklärt die Springer-Autorin im Interview.

Springer Professional: Was meint die Bezeichnung Ambidextrie? Woher stammt der Begriff?

Julia Duwe: Ambidextrie beschreibt die Veranlagung zur Beidhändigkeit, wenn Sie als Mensch beide Hände gleichermaßen gut einsetzen können. Normalerweise haben wir ja eine Lieblingsseite, mit der alles einfacher geht und richtig gut läuft. Genauso ist das auch in Organisationen. Dazu zählen etwa die bekannten Produkte, aber auch Prozesse und Methoden, die sich bewährt haben. Es ist naheliegend, das Bestehende zu optimieren, die Produkte leistungsfähiger und immer günstiger zu machen (Exploitation).

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2018 | Buch

Beidhändige Führung

Wie Sie als Führungskraft in großen Organisationen Innovationssprünge ermöglichen

Dieses Buch bereitet Führungskräfte auf neue Aufgaben im Zuge des digitalen Wandels vor. Denn während sich Technologien und Märkte radikal verändern, wird Beidhändigkeit (auch Ambidextrie) für global agierende Industrieunternehmen zur neuen Schlüsselkompetenz.

Ist das schon beidhändig?

Wenn Unternehmen jedoch gleichzeitig in die Zukunft schauen, wenn sie sich trotz schwarzer Zahlen fragen, welche Entwicklungen auf Markt- und Technologieseite ihr Kerngeschäft zu ersetzen drohen und intensiv an ihren zukünftigen Geschäftsfeldern arbeiten (Exploration), dann gehen sie den Weg der Beidhändigkeit. Ob für die Industrie 4.0 oder die Mobilität der Zukunft – aktuell finden sich zahlreiche große Unternehmen, die ihr heutiges Kerngeschäft vorantreiben und gleichzeitig Innovationen für eine digitale Lösungswelt hervorbringen müssen.  

Was bedeutet dann "beidhändige Führung"?

Führungskräfte müssen heute täglich Entscheidungen für das bestehende Geschäft treffen und zugleich die Organisation in neue, unbekannte Gefilde lenken. Die amerikanischen Management-Forscher Michael L. Tushman und Charles O’Reilly beschreiben mit 'Ambidextrous Leadership' einen Führungsstil, der diesem Spagat Rechnung trägt. Die Unterschiede zwischen einer über Jahrzehnte erfolgreich gewachsenen und einer neuen schnelllebigen, digitalen Welt können dabei nicht widersprüchlicher sein. 

Was müssen Führungskräfte dabei beachten?

Zusätzlich zum digitalen Wandel in Technologie und Geschäftsmodell, gilt es einen kulturellen Wandel zu meistern: So müssen sich Führungskräfte heute in agilen Organisationen mit flachen Hierarchien und hoher Autonomie in den Teams ebenso gut bewegen, wie in hierarchisch organisierten Bereichen – zwei völlig unterschiedliche Führungsparadigmen. Eine Chance, in beiden Sphären erfolgreich zu agieren, liegt in der Kommunikation. Es gibt zwei grundverschiedene Naturen von Kommunikation, die das Navigieren durch die beidhändige Organisation deutlich erleichtern. 

Was macht die rechte Hand der Führungskraft?

Die bevorzugte, dominante Hand steht für einen traditionellen Führungsstil. Hier geht es darum, das Beste aus der bestehenden Organisation herauszuholen, die Prozesse effizienter zu gestalten, Kosten zu reduzieren und Produkte systematisch zu verbessern. Wenn klar ist, was zu tun ist und es um das effiziente Umsetzen von Aufgaben geht, ist eine formale, zentral gesteuerte Top-down-Kommunikation in der Organisationspyramide ein wichtiges Instrument. Sie bringt in kürzester Zeit Geschwindigkeit in ein Team und erzielt Einstimmigkeit bei den Handelnden. One company, one voice. Damit zentrale gesteuerte Top-down-Ansagen funktionieren, müssen Führungskräfte wissen, was sie tun. Der Weg setzt hohe Fachkompetenz bei den Führenden voraus. 

Was macht die linke Hand?

Bei der Entwicklung zunehmend komplexer, vernetzter Systeme und dem Aufbau völlig neuer digitaler Lösungen greift das Modell der allwissenden Führungskraft zu kurz. Wenn die richtige Antwort unbekannt ist, wenn Sie zahlreiche Disziplinen und Fähigkeiten benötigen, um Neuland zu erschließen, führen hierarchie-basierte Top-down-Ansagen nicht zum Ziel, im Gegenteil. Die zweite Hand beruht deshalb auf einem Verständnis, das Führung als das Ermöglichen und Moderieren von Interaktionen und Kommunikationsprozessen sieht. Das Fachwissen liegt jetzt im Team. 

Wie sieht dabei die praktische Umsetzung aus?

Hier rückt die Vernetzung und Interaktion zwischen Menschen innerhalb und außerhalb des Unternehmens in den Fokus von Führung. Die bewusst gestaltete Kommunikation zwischen Individuen erhält einen ganz neuen Stellenwert. Kommunikation dient nicht mehr nur der Informationsübertragung, sondern beschreibt einen interaktiven Prozess, in dem neue Lösungen entstehen. Führung bedeutet hier, die interdisziplinären und bereichs- und organisationsübergreifenden Kommunikationsprozesse überhaupt zu ermöglichen, das Entstehen von Netzwerken und Ökosystemen zu fördern und die cross-funktionale Zusammenarbeit von agilen Teams zu erleichtern.

Welche Vorteile bietet beidhändige Führung im Vergleich zu traditionellen Führungsstilen?

Beidhändige Führung ist ein ideales Denk- und Handlungsmodell für die digitale Transformation, in dem sich bestehende und neue Lösungswelten begegnen. Sie steht dabei nicht im Widerspruch zu traditionellen Ansätzen, sondern ergänzt diese um eine zusätzliche Sichtweise. Für den kräftezehrenden Zeitraum des digitalen Wandels benötigen Unternehmen Führungsinstrumente, die die Menschen im Hier und Jetzt abholen und sie in das Gesamtbild aus Gegenwart und digitaler Zukunft sicher einbinden. Es geht darum, ein schwierigen Übergang aktiv zu gestalten, neue Denk- und Verhaltensweisen bewusst in ein Unternehmen zu bringen und gleichzeitig mit Priorität das bestehende Geschäft voranzutreiben – beides im Einklang. 

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