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16.09.2020 | Leadership | Im Fokus | Onlineartikel

Remote sind Führungskräfte weniger verantwortungsvoll

Autor:
Andrea Amerland
3:30 Min. Lesedauer

Rund um Homeoffice, Remote Work und virtuelle Teams rückt zumeist die Frage nach der Mitarbeitermotivation in den Fokus. Dabei leiden auch Führungskräfte durch die Distanz. Wie eine Studie ermittelt hat, verlieren sie an Verantwortungsbewusstsein.

Es sind nicht nur die Beschäftigten, die das Arbeiten im Homeoffice verändert. Auch bei Führungskräften entwickeln sich durch virtuell arbeitende Unternehmen wohl neue Einstellungen und Verhaltensweisen, haben Forscher in der Arbeitsgruppe Soziale Prozesse am Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien herausgefunden. Allerdings ist Wandel in diesem Fall nicht immer positiv.

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Trotz räumlicher Distanz die Zusammenarbeit mithilfe von Technologie zu ermöglichen, ist nicht erst seit der sogenannten Corona-Krise ein zentrales Thema. Auch wenn diese Art zu arbeiten lange Zeit als ineffizient und schwierig galt.

Denn offenbar ist das Verantwortungsbewusstsein von Führungskräften vor einem Mitarbeitergespräch vis-à-vis höher als vor einer virtuellen Begegnung in einer Video-Konferenz. Gilt also die Devise, aus den Augen, aus dem Sinn? Zumindest trägt die Studie der Wissenschaftler einen entsprechenden Titel. "Out of sight, out of mind: Power-holders feel responsible when anticipating face-to-face, but not digital contact with others", haben die Forscher ihre Untersuchung genannt.

Remote sorgt für Distanz - auch in der Führung

"Virtuelle Zusammenarbeit könnte bewirken, dass andere Personen weiter entfernt erscheinen – und deshalb kurzfristig weniger der Eindruck entsteht, sich um diese Personen kümmern zu müssen", führt Studienleiterin Annika Scholl die Untersuchungsergebnisse aus. Sie räumt allerdings ein, dass es dabei nicht unbedingt um die räumliche Distanz gehen müsse, sondern auch "um die subjektive Wahrnehmung von Nähe". 

Bislang bieten die Forschungsergebnisse des Tübinger Leibniz-Instituts nur erste Anhaltspunkte, dass das Verantwortungsgefühl von Führungskräften gegenüber ihren Mitarbeitern und dem Team im Homeoffice sinkt. Die Frage, wie sich diese Effekte entwickeln, wenn Personen mehr Erfahrung mit virtueller Zusammenarbeit gesammelt haben, müsse erst noch ausführlicher untersucht werden, so Scholl. 

Auf andere fokussieren für mehr Verantwortungsbewusstsein

Immerhin gelang es den Forschern zu zeigen, dass Führungskräfte verantwortungsbewusster sind, wenn sie sich vor wichtigen Entscheidungen nicht auf sich selbst fokussieren, sondern auf andere. Auch hänge ihr Verantwortungsgefühl davon ab, wie stark sich Führungskräfte mit ihrem Team identifizieren.  

Für die zwei Studien des Leibniz-Instituts für Wissensmedien wurden 181 Mitarbeiter unterschiedlicher Arbeitsbereiche online befragt. Sie sollten sich in die Rolle einer Führungs- beziehungsweise Assistenzkraft versetzen und teilweise gemeinsam Aufgaben virtuell, teilweise Face to Face bearbeiten. Anschließend gaben sie an, wie viel Verantwortung sie in der Zusammenarbeit für den jeweils anderen aufbringen konnten. Das Verantwortungsgefühl war besonders hoch, wenn Probanden die Rolle der Führungskraft einnahmen und persönlich und nicht virtuell mit anderen zusammenarbeitete.

Verantwortung und Führungshandeln

Verantwortung ist der entscheidende Faktor im Führungshandeln des Managements beziehungsweise Teil der Ethik von Führenden, schreibt Thomas Breyer-Mayländer, Professor für Medienmanagement an der Hochschule Offenburg und Leiter des Steinbeis-Beratungszentrums "Leadership in Science and Education". Es gehe "um die Bereitschaft und vor allem die Reife zur Übernahme von Führungsverantwortung", betont der Springer-Autor auf Seite 35 in einem Buchkapitel zum Thema. Diese brauche es, um Führungsrollen auch erfolgreich wahrnehmen zu können.

Virtuelle Führung nur mit emotionaler und sozialer Kompetenz

Für die besondere Situation des Homeoffice sollten sich Personalverantwortliche der Anforderungen an virtuelle Führung und Selbstführung bewusst sein, so Management-Coach Petra Bernatzeder in der Zeitschrift Digitale Welt, Ausgabe 3/2020. Teams zu führen, die an unterschiedlichen Orten arbeiten, erfordere mehr emotionale und soziale Kompetenz als bei Präsenzarbeit, schreibt sie in dem Artikel "Virtuelle Führung – mit und ohne Abstand?". Daher sollten sich Teamleiter laut Bernatzeder folgende Leitfragen stellen: 

  • Wie findet persönlicher Kontakt statt? 
  • Welche Rituale sind wichtig? 
  • Und was davon lässt sich virtuell umsetzen?

Sinnorientierung und Gestaltbarkeit, aber auch Zugehörigkeit und Vertrauen gewinnen in der Führung virtueller Teams an Bedeutung. Führungskräfte sollte sich daher mehr mit ihren Mitarbeitern abstimmen als sonst, um Orientierung zu geben und immer wieder auf die übergeordneten Ziel eingehen. Zudem sind die sozialen Faktoren nicht zu unterschätzen. So ist auch eine virtuelle "Café-Lounge" oder eine "After-Work-Drink" durchaus eine Überlegung wert, um auch per Video-Konferenz Nähe zu erzeugen. Davon profitieren Führungskräfte und Teammitglieder gleichermaßen. 

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