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Über dieses Buch

Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes interessieren sich für Spielfilme als Impulsgeber, empirische Basis und Medium einer theoriebildenden und erziehungswissenschaftlichen Forschung. Film wird dazu als kulturelles Gedächtnis und als Ort der Konstruktion und Aufführung von populärem Wissen über Lehr-, Lern- und Bildungsprozesse befragt.
Der Inhalt• Fußtritte: The Miracle Worker und die Gewalt des Spracherwerbs• Einblicke in die Erziehung eines Wolfsjungen. Itard (1801) / Truffaut (1970)• Dialektik der Übertragung, Subversion der Autorität• Detachment – Transformation eines Signifikanten• Die 36. Kammer – Kino. Über Kino, Kung-Fu und Bildungsprozesse in Lau Kar-Leungs The 36th Chamber of Shaolin• ,Die vierhundert Streiche der Adoleszenz‘ an Beispielen des Films Les 400 coups• Poetische Reflexionen des Lehrens im Gebirge im Film Blackboards• Happy-Go-Lucky – Begegnung mit einer tragischen Lehrerfigur• „Du hast doch mich angesprochen…“. Überlegungen zum Übertragungsbegriff in der Lehre am Beispiel des Spielfilms A Single Man
Die ZielgruppenErziehungswissenschaftler*innen, Filmwissenschaftler*innen, Lehrer*innen, Medienpädagog*innen, Psychoanalytiker*innen
Die HerausgeberDr. Jean-Marie Weber ist Dozent an der Universität Luxemburg.Dr. Manuel Zahn ist Professor für Ästhetische Bildung am Institut für Kunst & Kunsttheorie der Universität zu Köln.Dr. Karl-Josef Pazzini ist Professor em. und hat eine psychoanalytische Praxis in Berlin.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Wir machen Umwege. Um Differenziertes über Lehre in der Schule und an anderen Orten sagen zu können, ziehen wir Spielfilme zu Rate. Wir haben erfahren, dass wir das, was wir vom Lehren wissen, wissen wollen, gesehen haben, in der Auseinandersetzung mit den Spielfilmen anders sehen, erinnern und in einem neuen Anlauf und anders kombiniert formulieren können. Wir vermehren dabei zugleich die Akteure in der Forschung um Autor*innen, Regisseur*innen, Schauspieler*innen und Zuschauer*innen und nutzen die spezifische Verdichtung in der Artikulation der Spielfilme, ohne die sie nie den Eindruck erwecken könnten, realistischer zu sein als die Realität.
Karl-Josef Pazzini, Jean-Marie Weber, Manuel Zahn

Fußtritte: The Miracle Worker und die Gewalt des Spracherwerbs

Der Film von Arthur Penn aus dem Jahr 1962 erzählt die auf ihrer Autobiographie beruhende Geschichte der 1880 geborenen Helen Keller, die in frühester Kindheit ihr Seh- und Hörvermögen verlor und trotz ihrer Behinderung so gut Lesen und sich auszudrücken lernte, dass sie einen Hochschulabschluss erlangte. Penns Film inszeniert die brutale Gewalt der Hauslehrerin Anne Sullivan wie ein Erweckungsdrama. An einem drastischen Beispiel zeigt der Text mit Bezug auf Lacan die Gewaltförmigkeit jeglicher Einführung in Sprache. Und er plädiert darüberhinaus dafür, dass es zwar beim Sprachlernen um die Anerkennung und Durchsetzung von Regeln geht, dieses sich aber bei Weitem nicht darin erschöpft, sondern der Personen bedarf, die für das Kind etwas wollen, auch auf riskante Weise.
Johannes Binotto

Einblick in die Erziehung eines Wolfsjungen

Itard (1801)/Truffaut (1970)*
Der Beitrag liegt an einer doppelten Schnittstelle: zwischen der Erzählung und dem Wissen einerseits, zwischen zwei Disziplinen, d. h. der Erziehungs- und der Filmwissenschaft andererseits. Er stützt sich auf Truffauts Film Der Wolfsjunge (1970) sowie auf die Texte, die J.M.G. Itard Anfang des 19. Jahrhunderts verfasst hat. Die beiden Vorgehensweisen – ästhetisch und klinisch – werden in der analytischen Arbeit verschränkt. Der dabei vorgeschlagene Begriff des Bezugs zum Wissen, erlaubt es den Ausbildungsprozess und die psychische Position des Lehrers Itard zu verstehen und er unterhält gleichsam eine Nähe zum Begriff des Blicks, aus dessen Perspektive sich wiederum das prominente Motiv des Fensters im Film deuten lässt.
Anne Goliot-Lété, Sophie Lerner-Seï

Dialektik der Übertragung, Subversion der Autorität

Der Text zeichnet mit Josef von Sternbergs Film Der blaue Engel (1930) den Zerfall der autoritären Ordnung zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach – sowohl im individuellen als auch im politischen Sinne. Komödiantisch wird die Lehrerfigur als repräsentative Figur der Autorität ins Lächerliche gezogen und endet tragisch. Der Film legt dabei in einer langsamen subversiven Bewegung eine phantasmatische Schicht der Realität nach der anderen frei, die die Lehrerfigur Rath vor dem Realen schützen soll. Der Lehrer Rath wird gleichsam Stück für Stück aus der rituell, bisweilen zwanghaft strukturierten und abgesicherten Ordnung seines Heims und seiner Schule in eine ,andere Welt‘ geführt, verführt, in der andere Regeln gelten und die Erotik vorherrschend ist. Dieser erotischen und sexuellen Dimension steht der Lehrer machtlos gegenüber. Beschrieben wird dabei etwas an sich Unsichtbares: Die erotische Dimension der Übertragung.
André Michels

Detachment

Transformationen eines Signifikanten
Tony Kayes Film Detachment (2011) wird beim Wort genommen: „Detachment“ lässt sich ins Deutsche mit Begriffen wie Abtrennung, Distanziertheit, Ablösung, Loslösung oder Abspaltung übersetzen. Dieser Signifikant des Films steht in Beziehung zu anderen Signifikanten und Begriffen wie beispielsweise Verbundenheit, Engagement, Involviertheit und Präsenz. Die leitende Frage gilt den qualitativen Veränderungen der komplexen Beziehungsverhältnisse zu anderen (lebenden wie toten) Personen, in die der Protagonist Henry Barthes eingelassen ist. Deutlicher wird ein Entwicklungsprozess der Lehrerfigur, in dessen Verlauf diese sich von bestimmten Beziehungen lösen muss, um andere, neue Beziehungen, z. B. zu seinen Schüler*innen eingehen zu können.
Jean-Marie Weber

Die 36. Kammer – Kino

Über Kino, Kung-Fu und Bildungsprozesse in Lau Kar-Leungs The 36 th Chamber of Shaolin
Der Artikel analysiert anhand von Lau Kar-Leungs The 36th Chamber of Shaolin (1978) das besondere Verhältnis von Kino und Bildungsprozessen. Dabei wird der Film, der selbst vom Bildungsprozess seines Protagonisten San Te im Rahmen einer Ausbildung zum Kung-Fu Kämper erzählt in ein Verhältnis zu den eigenen Seherfahrungen beim Betrachten des Films gesetzt. Die folgende These fasst dieses Verhältnis wie folgt zusammen: Während San Te in den Kammern des Shaolin Klosters Kung Fu lernte, lernt der Betrachter in der Kammer des Kinos Kung Fu entlang des Films zu sehen. Die Erarbeitung dieser These folgt dabei zum einen einer genauen Betrachtung ausgewählter Filmausschnitte und setzt diese zugleich in ein Verhältnis zu Beobachtungen zur Montage, dem filmischen Dispositiv, zur filmischen Materialität und der Erfahrung des Filmsehens im Kino, die alle das spezifische Potential filmischer Bildungsprozesse mitbestimmen. Am Ende geht es auch darum, die Passivität der Filmerfahrung als Potenzial für bildende Prozesse zu begreifen und so jenem Diskurs entgegen zu arbeiten, der Kino und Bildung vor allem hinsichtlich einer Aktivierung des Zuschauers denkt.
Alejandro Bachmann

„Die vierhundert Streiche der Adoleszenz“

An Beispielen des Films Les Quatre Cents Coups von François Truffaut
Am Beispiel von Truffauts Film Les 400 coups wird das Film-Sehen als ein Träumen mit und im Film angegangen. Es gibt Aspekte, Bilder, d. h. letztlich Signifikanten, die uns als Zuschauer*innen berühren, affizieren und bewegen, entlang einer oder mehrerer Signifikantenketten. Die eigene Bewegung lässt etwas erahnen von einer Bewegung des Begehrens der Protagonisten des Films. Das passt zum Moment der Adoleszenz als ein wichtiges Thema des Films, auf der medialen Ebene zu den Schnitten zwischen Innen- und Außenräumen, kleinen privaten und größeren öffentlichen Räumen und den unterschiedlichen Zeitrhythmen darin. Die im Film gezeigten Streiche und Übertretungen sind auf der Ebene des Protagonisten in der Gegenwart, auf der Ebene des Regisseurs und dessen Vergangenheit, auch in der Vergangenheit der Autor*innen, stellvertretend für die meisten Leser*innen und Zuschauer*innen.
Liliane Goldsztaub, Jean-Marie Weber

Poetische Reflexionen des Lehrens im Gebirge im Film Blackboards

Der Beitrag ist angeregt durch den Film Blackboards (2000) von Samira Makhmalbaf: Damit Schule in Erscheinung tritt und wirkt, bedarf es eines individuellen wie auch gemeinsamen Phantasmas, eines Schirms/Screens. Dieser wird im Film als Schultafel durch das Gebirge im ehemaligen iranisch-irakischen Kriegsgebiet getragen. Die Schultafel ist Last, Bildungsmedium, Geradhalter und Schutz. Herausgearbeitet wird die poetische Darstellungsweise, die gleichzeitig realistisch und struktural ist, und damit Erfahrung verdichtet, die wiederum zu Forschungsgrundlage für die Untersuchung des Lehrens werden kann. Raum- und Zeitkonstellationen, auch Gespräche ändern sich, wenn die Schultafel als Medium und Projektionsschirm auftaucht. Der Platz des Lehrers wird definiert. Eine symbolische Ordnung erscheint, die sich über den Alltag legt. So wird das Begehren des Lehrers ,sichtbar‘.
Karl-Josef Pazzini

Happy-Go-Lucky

Begegnung mit einer tragischen Lehrerfigur
Mike Leighs Komödie Happy-Go-Lucky (2008) wurde in Improvisationen mit seinen Hauptdarsteller*innen entwickelt. Diese inszenatorische Freiheit spiegelt sich auch im Titel des Films wieder. Er lässt sich ins Deutsche mit den Adjektiven „unbeschwert“, „sorglos“ oder „leichtlebig“ übersetzen. Das ist auch die Grundstimmung von Poppy, Grundschullehrerin und Protagonistin des Films. Leigh zeigt die Lehrerin in mehreren Unterrichtsszenen. Zugleich wird Poppy als Schülerin vorgestellt: Sie besucht einen Flamenco-Tanzkurs und sie nimmt – nachdem ihr das Fahrrad gestohlen wurde – Stunden in einer Fahrschule, um ihren Führerschein zu machen. Insbesondere die Fahrstunden bei ihrem Fahrlehrer Scott zeigen wie schwierig Lehr- und Bildungsprozesse zwischen Erwachsenen sein können, da die Beziehung zwischen den Individuen immer auch vom Subjekt des Unbewussten, d. h. von Effekten der Sprache und des Sprechens mitstrukturiert werden. In der Kabine des Fahrschulautos erfahren wir als Zuschauer*innen demensprechend nicht nur viel über die unterschiedlichen Lehrperformances und die ihnen zugrundeliegenden Pädagogiken, darüberhinaus werden einige symbolische, imaginative und erotische Facetten der pädagogischen Beziehung thematisiert.
Jean-Marie Weber

„Du hast doch mich angesprochen…“

Überlegungen zur Übertragung in der Lehre am Beispiel des Spielfilms A Single Man
Ausgehend von der Romanverfilmung A Single Man, beschäftigt sich der Beitrag mit dem psychoanalytischen Konzept der Übertragung im Kontext von Lehr-Lern-Settings in Anschluss an Überlegungen von Heinrich Lühmann und Karl-Josef Pazzini. Hierbei werden insbesondere die Beziehungs- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Lehrenden und Lernenden in den Fokus genommen und in Bezug auf Unterstellungen von Wissen, der Einnahme symbolischer Plätze und der Ausrichtung von Begehren reflektiert. Anhand der Beziehung zwischen der Lehrerfigur Georg Falconer und seinem Schüler Kenny wird nachgezeichnet, wie singuläre Übertragungsprozesse durch die Unterstellung eines Mehr-Wissens beim Anderen in Gang gesetzt werden und deren Begehren zutage tritt. Neben dieser Unterstellung sind das Angeblickt-werden und die Forderung von Antworten Grundlagen von Lern- und Bildungsprozessen. Diese Prozesse bedürfen der Einnahme eines symbolischen Platzes und der leidenschaftlichen Verkörperung des Wissensobjektes durch den/die Lehrer*in.
Joana Abelha Faria
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