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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Vorwort

Vorwort

Zusammenfassung
Journalisten arbeiten in Redaktionen, sie berichten über tagesaktuelle Ereignisse. Die Nachrichtenbeschaffung hat sich im Laufe der Zeit ausdifferenziert. Nachrichtenagenturen unterhalten Büros in aller Welt, Fernseh- und Rundfunkanstalten sowie manche Tages- und Wochenzeitungen haben ihre eigenen Korrespondenten. Journalisten suchen nach Fakten und versuchen, sie zu vermitteln. Schriftsteller hingegen sitzen meist zu Hause an ihrem Schreibtisch und denken sich Geschichten aus. Ihre Fiktionen sind künstliche Welten, virtuelle Realitäten, die als Spiegel bestimmter Zeiten gelesen, aber auch auf die eigene Zeit und Umwelt bezogen werden können.
Bernd Blöbaum, Stefan Neuhaus

Einführung

Von Texten, Menschen und Medien

Die Literaturwissenschaft und ihr Gegenstand
Zusammenfassung
Schriftsteller und Journalisten schreiben Texte. Sie sind nicht die einzigen, doch ihre Texte entfalten öffentliche Wirkung und sind in ein Netz von Beziehungen eingebunden, denen gesellschaftliche und dann auch historische Relevanz zugebilligt wird. Fragt man nach den Unterschieden, dann werden mehrere Kriterien genannt, vor allem zwei: Journalistische Texte sind nichtfiktional und tagesaktuell, literarische Texte fiktional und überzeitlich. Betrachtet man aber diese beiden Unterscheidungskriterien genauer, dann beginnen sie sich sehr schnell aufzulösen. Der Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass Autoren mit Gedichten zu Zeitereignissen direkt in die politische Debatte eingegriffen haben, berühmt-berüchtigte Namen Anfang des 19. Jahrhunderts sind Ernst Moritz Arndt und Theodor Körner. Heinrich Heine formulierte später mit satirischen Texten eine politische Gegenposition. Er rückte seinen Landsleuten nicht mit Pathos, sondern mit Ironie zu Leibe. So heißt es in der Vorrede zu Atta Troll. Ein Sommernachtstraum:
Unser Vaterland ist ein gesegnetes Land; es wachsen hier freilich keine Zitronen und keine Goldorangen, auch krüppelt sich der Lorbeer nur mühsam fort auf deutschem Boden, aber faule Äpfel gedeihen bei uns in erfreulichster Fülle, und alle unsere großen Dichter wußten davon ein Lied zu singen (Heine 1994: 335).
Stefan Neuhaus

Kontextualisierungen

Literatur und Journalismus

Zur Struktur und zum Verhältnis von zwei Systemen
Zusammenfassung
Zwischen 1968 und 2002 liegt nicht nur ein Stück Fußballgeschichte mit sportlichen Berg- und Talfahrten des Clubs aus Nürnberg. Die beiden Mannschaftsaufstellungen sind verschiedenen Bezugssystemen zurechenbar. Der Text von Peter Handke., der den Titel Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vorn 27.1.1968 (Handke 1969: 59) trägt, gehört zur Gattung Lyrik. Als Teilelement des literarischen Systems schließt das Gedicht an andere literarische Kommunikationen an und steht etwa literaturwissenschaftlichen Interpretationen zur Verfügung. Konsens über die Zurechnung der Aufstellung zum Literatursystem besteht im literaturbezogenen Diskurs nicht. Bei dem Text aus der Sportzeitschrift Kicker handelt es sich um ein Element des journalistischen Systems. Aktuelle Informationen werden vermittelt; dafür wird eine im Sportjournalismus typische Form verwendet — die Aufzählung der Fußballer der Anfangsaufstellung in einer durch Konvention festgelegten Reihenfolge: Torwart, Abwehrspieler, Mittelfeldspieler, Angriffsspieler. Durch die Veröffentlichung der Aufstellung mit den Spielernachnamen erfüllt der Journalismus eine Chronistenpflicht; Personen, die nicht an dem Ereignis direkt teilgenommen haben, werden über Mitwirkende informiert. Es gehört zur eingeübten sportjournalistischen Praxis, die Mannschaftsaufstellungen der Bundesligaspiele zu veröffentlichen.
Bernd Blöbaum

Vom Sinn und Unsinn der Literaturkritik

Mit einigen grundsätzlichen Überlegungen zum Verhältnis von Literatur und Journalismus
Zusammenfassung
‚Die‘ Literaturkritik ist ein zu weites Feld, um in gebotener Kürze vermessen werden zu können. Daher sind Beschränkungen notwendig. Es findet keine historische Grundlegung der auf die Gegenwart bezogenen Ausführungen statt (vgl. Barher 1990; Hohendahl 1985). Nur gestreift wird die — umstrittene — Wirkung, die Literaturkritik haben kann.’ Ausgeklammert bleiben daher die wirtschaftliche Bedeutung (für den Buchverkauf) und die kognitiven Prozesse (Bestätigung oder Korrektur von Meinungen), die sie auslösen kann. Zunächst soll das Selbst- und Fremdbild der Literaturkritik kurz skizziert werden, um dann ein Modell für ein neues Verständnis des Begriffs und letztlich der Funktionen zu entwickeln. Auch dies kann nur skizzenhaft geschehen. Die Ziele sind,
1.
Denkanstöße zu geben, wie die weitgehend als unbefriedigend empfundene Situation der bundesdeutschen Literaturkritik verbessert werden könnte,
 
2.
und darüber hinaus nach dem Grenzbereich, nach den gemeinsamen Schnittmengen von Literaturkritik und Literatur zu fragen.
 
Stefan Neuhaus

Ist die Wirklichkeit Fiktion oder ist die Fiktion Wirklichkeit?

Gedanken zum Bild des Journalisten in der Literatur
Zusammenfassung
Erstes Beispiel: „Alle Wetter, kommt der wieder mit der alten Seeschlange! Ich wollte, sie würde ihm als Gelee gekocht, und er müsste sie kalt aufessen“ (Freytag 1854: 19), so der Redakteur der Tageszeitung Union zu seinem Mitarbeiter, und weiter: „wie konntest du die abgedroschene Lüge wieder hineinsetzen? (...) Erfinde deine eigenen Geschichten, wozu bist du Journalist?“ (Ebd.) Der Leser kennt bestimmt jene Seeschlange, wenn auch unter dem Namen als ‚Ungeheuer von Loch Ness‘ oder liebevoll abgekürzt als ‚Nessie‘. Im Internet findet man sie zumindest unter diesem Namen rund 800 Mal, inklusive Nessie-Homepage, PR-Vermarktung durch schottische Gemeinden, Angebote über Reisebüros, dubiose PSI-Seiten, die sich selbst als paranormal bezeichnen, Verlage, Filmfirmen, Tauchartikel-Hersteller, Bootsverleihe, Forschungsgemeinschaften, Expeditionsmitglieder, Sponsoren, Fotografen und Historiker (vgl. http://​www.​nessie.​de;14.6.2001). Nessie taucht darüber hinaus auch heute noch jeweils etwa ab Juni zur Sauregurkenzeit selbst in seriösen Zeitungen auf.
Cecilia von Studnitz

Anfänge

Der Essayist auf der Weltbühne: Erasmus und Montaigne

Zusammenfassung
Der Essay ist heute ein allseits beliebtes Genre. Er begegnet als eine Form der philosophischen oder kulturkritischen Reflexion, des politischen Kommentars oder der Betrachtung zu Phänomenen des Alltagslebens. Essays treten in Buchform ebenso in Erscheinung wie in der journalistischen Publizistik; inzwischen spricht man vom Radio-Essay, ja sogar vom Film-Essay. Die Vielzahl der Spielarten weckt Zweifel an einem präzisen Gattungsbegriff. Dennoch besteht heute — trotz der zahlreichen und oft divergierenden Definitionsversuche — ein Konsens darüber, dass der Essay zwei Eigenschaften miteinander vereint, die gewöhnlich in einem konträren Verhältnis stehen. Zum einen ist ein essayistischer Text behauptend, oft auch argumentativ, das heißt er vertritt einen Wahrheitsanspruch und bezieht sich in empirisch nachprüfbarer Weise auf die Wirklichkeit. Zum anderen weist er literarische Qualitäten auf, die von stilistischen bzw. rhetorischen Merkmalen über narrative Verfahren bis hin zu quasi-fiktionalen Formen reichen können.1 Dieser Misch-Charakter hat nicht gerade zur Anerkennung als Gattung beigetragen. Inzwischen darf man von einer integrativen Form sprechen, deren experimentelle Möglichkeiten in der Zusammenführung — oder auch in der Subversion — heterogener Denk- und Schreibweisen liegen. Als eine litera-risch-argumentative Mischform kann dem Essay, der Wortbedeutung nach ein ,Versuch‘, eine „Affinität zur offenen geistigen Erfahrung“ zugesprochen werden (Adorno 1974: 21). Diese Flexibilität ließe sich auch mit der These in Übereinstimmung bringen, wonach der Ursprung dieser Form im (platonischen) Dialog liege (vgl. Rohner 1966: 595f.). Es handelt sich also um eine Schreibart, mit der das Subjekt über ganz unterschiedliche Strategien der Selbst- und Weltdarstellung verfügt.2
Reinhard Heinritz

Defoes „Faktionen“ und die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit

Zusammenfassung
Defoe gilt heute als Vater des Journalismus und Vater des Romans in England im frühen 18. Jahrhundert (vgl. Earle 1976: 3; Escott 1911: 51 ff.). In dieser Darstellung geht es nicht darum, die bekannte These zu wiederholen, dass Defoes fiktionale Konstruktionen von Personen und Geschichten in journalistischen Texten als Vorformen seiner realistischen Fiktionen gelten (vgl. Novak 2001: 512; Ehrismann 1991: 8f.), sondern Absicht ist es, anhand exemplarischer Texte Defoes die Probleme und Funktionen des Zusammenspiels zwischen Fakten und Fiktionen für die Glaubwürdigkeit bei der Meinungsbildung der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit zu analysieren.
Michael Meyer

Kommunikationsgeschichte als Literaturgeschichte

Robert Eduard Prutz’ Geschichte des deutschen Journalismus (1845) als Vorläufer einer historischen Kommunikationswissenschaft
Zusammenfassung
In seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit aus dem Jahr 1841 betont der Schriftsteller (vgl. Bergmann 1997), Literaturwissenschaftler und Publizist (vgl. Spilker 1937) Robert Eduard Prutz die Notwendigkeit, eine Geschichte des deutschen Journalismus zu schreiben. Es heißt dort fordernd und anregend — bezeichnenderweise in einer Fußnote:
Eine vollständige Geschichte des deutschen Journalismus von Thomasius an ist nun aber eine ebenso mühselige und die Kräfte eines Einzelnen fast übersteigende, als nach gerade unentbehrlich gewordene Arbeit: gerade in dem Treiben der Tagesschriften, in der Kritik, den Neigungen und Abneigungen der Zeit, liegt gleichsam das feine Nervengeflecht der Literatur in offener Thätigkeit vor uns; sie sind die Gradmesser der öffentlichen Bildung, die Quellen, aus denen wir das literarische, das ästhetische Bewußtsein der Zeit erkennen und das eigentliche Werden und Weben der Literatur selbst begreifen. Und diese reichen Schachte der Erkenntniß liegen nun verschüttet und verschlossen, wir kennen kaum die Titel jener Journale und auch diese sind uns, der ungeheuren Mehrzahl nach, leere Namen und nichts weiter. Welche Frucht dagegen und welche lebendige Einsicht in die Entwicklung des deutschen Geistes dürfte die Literaturgeschichte sich versprechen, wenn diese Schachte geöffnet, diese hohlen Schemen unter der Hand des Geschichtsschreibers zu lebendigen und beredten Gestalten würden! (Prutz 1841: 354)
Diese Anmerkung des zu dem Zeitpunkt noch auf eine akademische Karriere hoffenden Schützlings von Georg Gottfried Gervinus und Arnold Ruge enthält in nuce Prutz’ Vorstellung sowohl von den Aufgaben und Leistungen des Journalismus als auch von dessen gesellschaftlicher Funktion. Gleichzeitig beauftragt Pnitz die zeitgenössische Literaturgeschichtsschreibung mit einer kommunikationshistorischen Aufgabe, deren Ergebnisse fur das Verhältnis der Literatur zur Politik im Allgemeinen und der Tagespresse im Besonderen und fur die Herstellung einer öffentlichen Meinung aufschlussreich sind.
Claude D. Conter

Fallstudien

Ironie als Widerstand

Heinrich Heines frühe Feuilletons Briefe aus Berlin und ihre Bedeutung für den modernen Journalismus
Zusammenfassung
Kurz nach dem Ersten Weltkrieg greift Victor Auburtin im Berliner Tageblatt eine Begebenheit aus dem Reichstag auf. Dort hatte Walther Rathenau, der Minister für Wiederaufbau, eine wohlgeformte Rede gehalten, woraufhin ein Abgeordneter der Rechten das Wort ,Feuilleton‘ in den Saal rief. Es war als Schimpfwort gemeint. Das Feuilleton, schreibt der Feuilletonist Auburtin in seinem Kommentar, sei den Deutschen eben höchst verdächtig. Der Begriff stehe für die Fähigkeit, „eine ernste Sache unterhaltend und in guten Formen darzustellen“; genau das aber habe „ein strebsamer Schriftsteller und Politiker“ unter allen Umständen zu vermeiden (Auburtin 1970: 371f.).
Gunter Reus

Erlebnisfähigkeit, unbefangene Zeugenschaft und literarischer Anspruch

Zum Reportagekonzept von Egon Erwin Kisch und seiner Durchführung in Paradies Amerika
Zusammenfassung
Die noch junge, aber schon bedeutende, von Willy Haas im Rowohlt Verlag herausgegebene Literaturzeitschrift Die literarische Welt veranstaltete im Frühjahr 1926 unter namhaften zeitgenössischen Autoren eine Rundfrage zum Thema „Reportage und Dichtung“. Anlass waren die Diskussionen über den Begriff der Sachlichkeit, der neuerdings ähnlich wie in der bildenden Kunst auch in der Literatur als Etikett einer neuen Stilrichtung verwendet wurde. Ob wohl „die Dichtung, insbesondere die epische Kunstform, von der neuen Sachlichkeit der Reportage entscheidend beeinflußt werden“ würde, dazu sollten sich die Autoren äußern. Es äußerten sich Max Brod, Alfred Döblin, Leonhard Frank, George Grosz, Max Hermann-Neisse, Hermann Kasack, Klabund, Hans Leip, Emil Ludwig, Heinrich Mann, Erich Mühsam, Hans José Rehfisch, Ernst Toller und Ernst Weiss, und entsprechend vielfältig fielen die Meinungen aus, die das Blatt in der Ausgabe vom 25. Juni 1926 veröffentlichte. „Ich hoffe und erwarte“, poltert etwa Alfred Döblin, „daß die Journalisten nie auf die Dichtung entscheidenden Einfluß gewinnen werden.“ Auf „entscheidenden“ legt Döblin hier die Betonung; das zeigt der nächste Satz, in dem er nämlich einräumt: „Allerdings fürchte ich, daß der Journalismus schon einen gewissen Einfluß auf die Dichtung ausübt.“ Am anderen Ende des Spektrums positioniert sich Klabund: „Die epische Kunstform ist immer von der Sachlichkeit der Reportage beeinflußt worden.“ Als Beleg greift Klabund auf Homer zurück und führt den „Schiffskatalog in der Ilias“ an (Reportage und Dichtung 1926: 2f.).
Thorsten Unger

Inländische Perspektivierungen

Erich Kästner als Feuilletonist der Neuen Zeitung
Zusammenfassung
Der Schriftsteller und Publizist Erich Kästner übernahm im Oktober 1945, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Leitung der Feuilletonredaktion der Neuen Zeitung in München. Die Neue Zeitung war eine „amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung“, herausgegeben wurde sie von der amerikanischen Militärregierung. Erich Kästner leitete das Feuilleton bis April 1948, danach schrieb er noch bis 1953 vereinzelte Beiträge. Insgesamt veröffentlichte er 107 Artikel in der Neuen Zeitung. Was veranlasst einen Schriftsteller und Publizisten wie Erich Kästner, nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Zeitung der amerikanischen Militärregierung zu arbeiten? Welche Gedanken will er in seinen Artikeln vorstellen? Welche besonderen Auffassungen vertrat der „Inländer“ Erich Kästner, also ein Literat, der sich gegen die Emigration und für das Ausharren in Deutschland entschied, um, wie er es in seinem ersten Artikel für die Neue Zeitung ausdrückte, Deutschland den Puls zu fühlen? (Vgl. Münchner Theaterbrief, NZ 18.10.1945)1
Benjamin Wagener

Medienthriller — Ein neues Genre ist entstanden

Deutsche und internationale Entwicklungen
Zusammenfassung
Erfolgreiche Journalisten1 verpacken ihre Botschaft in eine Erzählung, bedenken sorgsam den Beginn des zu Berichtenden, übersetzen das zu Sagende in eine Abfolge von Szenen, in denen Zeit und Raum des Geschehens entwickelt werden und zentrale Figuren durch die Handlung führen. So werden die getrennt angelegten Erzählteile wieder miteinander verknüpft, zu einem Gesamtkunstwerk komponiert. Der Königsweg journalistischer Stilformen ist bekanntlich die Reportage, die ohne bedachte innere Dramaturgie fade und eintönig bliebe. Ebenso gilt, dass Medien Realitäten nicht einfach wiedergeben, sondern nach journalistischen Kriterien aufbereiten, also (re)konstruieren. So sehr ein Beitrag auch auf Fakten baut, er enthält immer auch fiktive Elemente, die ihm Bildhaftigkeit und Eindringlichkeit vermitteln, womit er erst fair den Leser interessant wird. Dies alles ist nicht neu.
Hans J. Kleinsteuber

Der U.S.-amerikanische New Journalism der 60er und 70er Jahre

Zusammenfassung
„(...) they never dreamed that anything they were going to write for newspapers or magazines would wreak such evil havoc in the literary world“. Das aus diesem Zitat aus der Einleitung zu seiner Anthologie The New Journalism herauslesbare naive Staunen des Brandstifters Tom Wolfe (1973: 3) über das von ihm mitentfachte Feuer wirkt auch heute noch wenig überzeugend bei einer Person, die so gar nicht unserer Vorstellung eines Biedermanns entspricht. Wenn man etwa das Umschlagfoto auf Wolfes jüngster Publikation, der Essaysammlung Hooking Up (2000), betrachtet, so erinnert man sich eher an seine Etikettierung als „Dr. Pop“ (Hentoff 1968), die Beschreibung seines Metiers als „KandyKolored Journalism“ (Grossman 1973) und als „His Job Is to Hide His Opinions“ (Wood 1973). Wenn man zudem erfährt, dass Tom Wolfe in Yale im Fach American Studies promovierte, kann man davon ausgehen, dass ihm die immer wieder beschworene große und historisch weit zurückverfolgbare Affinität zwischen Journalismus und amerikanischer Literatur bekannt ist. Die Person des Autors wird bereits an dieser Stelle ganz bewusst betont, weil drei der vier ausgewählten Autoren sich selbst im Werk und als öffentliche Person ausgiebig inszeniert haben.
Heiner Bus, Truman Capote, Michael Herr, Norman Mailer, Tom Wolfe

Möglichkeiten und Grenzen literarischer Kriegsberichterstattung

Am Beispiel Bodo Kirchhoffs und Peter Handkes
Zusammenfassung
Im Krieg, so lautet ein altes Sprichwort, schweigen die Musen. Dass das Gegenteil wahr ist, beweist die Literaturgeschichte aller Jahrhunderte. Denn auch wenn selten Autoren während eines Krieges über denselben geschrieben und veröffentlicht haben, so ist doch zugleich der Krieg selber in all seinen Formen von Homers Ilias (700 c.C.) über Wolfram von Eschenbachs Parzival (1200/1210),Grimmelshausens Simplicissimus (1668), Gleims Preußische Kriegslieder (1758), Kleists Hermannsschlacht (1810/21) und Plieviers Des Kaisers Kulis (1930) bis zu Erich Frieds Vietnam-Gedichten (etwa in und Vietnam und, 1966) eines der konstantesten und am häufigsten aufgegriffenen Themen der Literatur. Gleiches gilt für den Journalismus: Da immer schon kaum eine Nachricht für die Bevölkerung wie für die Herrschenden eines Landes wichtiger sein konnte als die über Sieg oder Niederlage der eigenen Truppen, waren Kriegszeiten stets Hochzeiten des Nachrichtenbedarfs (vgl. Richter 1999: 58), auch wenn die Nachrichtenübermittlung oft mit den verschiedensten Formen der Zensur zu kämpfen hatte.
Johannes Birgfeld

Krieg im Feuilleton?

Inszenierung und Repräsentanz der öffentlichen Debatten um Martin Walser und Günter Grass
Zusammenfassung
Goethes im ansonsten so friedlichen Wandsbecker Boten 1774 veröffentlichte Polemik auf den schnorrenden Gast (vgl. Goethe 1774/1978: 62), der sich auch noch beim Nachbarn über die genossenen Speisen beklagt, mag angesichts des ungewohnt bellikosen Tons im Kontext des Wandsbecker Boten irritieren. Leicht könnte man die über die Greuel des Siebenjährigen Krieges erschrockenen Ausrufe seines Herausgebers Claudius vergessen, „S’ist Krieg! S’ist Krieg und ich begehre nicht schuld daran zu sein!“ — doch Goethes satirisch aggressive Töne sind in der Terminologie literarischer Auseinandersetzungen tief eingeschrieben, ja eine geradezu militärische Topik ist fest mit der Rhetorik ästhetischer Debatten1 verbunden.
Andreas Meier

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