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04.06.2024 | Logistik | Interview | Online-Artikel

"Der Druck auf die Lieferketten ist hoch"

verfasst von: Lea Sommerhäuser

3:30 Min. Lesedauer

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Im Interview betont Logistikexperte Friedrich Schierenberg von Cargosoft, dass ohne digitale Technologien keine Erhöhung der Supply-Chain-Transparenz möglich ist.

Herr Schierenberg, geopolitische Konflikte, Inflation, Streik, außergewöhnliche Wettereignisse: Wie groß ist der Druck aktuell auf die hiesigen Lieferketten?

Friedrich Schierenberg: Der Druck eines einzelnen Ereignisses wäre beherrschbar. Die Herausforderungen sind die Vielzahl der Ereignisse und deren gegenseitigen Wechselwirkungen. Wir beobachten, dass dies selbst bei den erfahrenen Akteuren in der Logistik Probleme verursacht in Bezug auf die kurzfristige Nachsteuerung von Kapazitäten, Routen und weiteren Maßnahmen. Also: Der Druck auf die Lieferketten ist hoch und der Bedarf nach Informationen und Entscheidungsunterstützung ebenso.

Einen besonders hohen Druck übt beispielsweise das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) auf die Unternehmen und ihre Supply Chains aus. Doch worin sehen Sie die Vorteile einer transparenten und nachhaltigen Lieferkette?

Das LkSG zielt darauf ab, menschenwürdige Arbeitsbedingungen über die ganze Supply Chain zu gewährleisten. Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern unterliegen seit diesem Jahr dieser Regelung. Da auch viele Speditionen unterhalb dieser Beschäftigtengrenze Teil der Lieferkette eines Auftraggebers sind, stehen sie bereits in der Pflicht. Hier liegt der Fokus bei der Transparenz darauf, nachzuweisen, dass die Arbeitsbedingungen eingehalten werden. Eine andere Form von Transparenz wird geschaffen, indem der Warenfluss getrackt wird. In diesem Fall unterstützen die Echt- und Statusinformationen das Unternehmen, auf Störungen in der Supply Chain zu reagieren. Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Logistik überwiegend verladerseitig getrieben. In diesem Segment registrierten wir in den vergangenen Monaten eine steigende Nachfrage, beispielsweise bei Reporting-Tools mit Schwerpunkt CO2-Berichtswesen.

Mit welchen Herausforderungen ist die Umsetzung des LkSG verbunden? An welchen Stellen hakt es besonders?

Besonders komplex wird die Umsetzung in der internationalen Logistik durch die Einbindung aller Akteure. Die Branche ist geprägt durch die kleinteilige Zusammenarbeit mit verschiedenen Logistikpartnern und Subunternehmen, die wiederum weitere Subunternehmer beauftragen. Diese Strukturen über die Kontinente hinweg zu monitoren und gemäß den Gesetzesanforderungen unter einen Hut zu bekommen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Insbesondere die mittelbaren Dienstleister mit einzubeziehen, stellt die Logistiker vor eine Herausforderung. Da diese in keinem direkten Geschäftsverhältnis zueinanderstehen, ist die Einhaltung nicht immer einfach zu kontrollieren.

Welche Rolle spielen digitale Technologien bei der Erhöhung der Lieferkettentransparenz?

Kurz: Ohne digitale Technologien ist keine Erhöhung der Lieferkettentransparenz möglich. Die Kunst ist heute, die Vielzahl an Datenquellen und Informationen zu orchestrieren und in dem Datenpool die Übersicht zu behalten.

Inwieweit kann Künstliche Intelligenz (KI) bei der Datenerhebung und -analyse für eine transparente Supply Chain helfen?

Der Einsatz von KI ist an verschiedenen Stellen möglich. Beispielsweise kann Künstliche Intelligenz mithilfe von E-Mails mit Akteuren in der Kette kommunizieren, um Informationen zu erhalten, die nicht aus einer anderen Datenquelle zur Verfügung stehen. Oder KI hilft, in dem riesigen Datenpool, Zusammenhänge herzustellen und Prognosen zu erzeugen.

Was sind wichtige Standards im Supply Chain Management (SCM) und wer legt diese für die Logistikbranche fest?

Aus Sicht eines Anbieters für Transparenz in der Supply Chain sind die Standards wichtig, die einen einheitlichen Datenaustausch ermöglichen. Im Straßentransport gibt es national bzw. europaweit Quasistandards wie Fortras, in der Luftfracht werden viele Standards durch den Welt-Spediteursverband Fiata gesetzt und in der Seefracht gibt es beispielsweise mit der Digital Container Shipping Association gute Ansätze. Das Thema ist sehr dynamisch und entwickelt sich jeden Tag weiter.

Wie können Unternehmen anno 2024 – allem Druck zum Trotz – ihre Lieferqualität und damit auch die Kundenzufriedenheit weiter erhöhen?

Früher reichte es, dem Kunden nur ein Tracking-Portal zur Verfügung zu stellen. Bei zuverlässigen und getakteten Lieferketten genügte ein Blick, um gegebenenfalls einzelne Störungen selbst zu erkennen. Doch ausgelöst durch die zunehmend volatilen Rahmenbedingungen, sind die Anforderungen heute vielfältiger. Kunden wollen proaktiv informiert werden und das System soll – wenn möglich – gleich Alternativen vorschlagen. Das wird beliebig aufwendig bei immer mehr Störungen.

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