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28.05.2024 | Logistik | Interview | Online-Artikel

"Eine nachhaltige Lieferkette spart Kosten"

5:30 Min. Lesedauer

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Im Interview sieht Logistikexperte David Strauss von E2open jene Unternehmen ganz klar im zeitlichen Vorteil, die ihre Lieferketten bereits in den vergangenen Jahren auf Widerstandsfähigkeit sowie Nachhaltigkeit umgeformt haben.

Herr Strauss, geopolitische Konflikte, Inflation, Streik, außergewöhnliche Wetterereignisse: Wie groß ist der Druck aktuell auf die hiesigen Lieferketten?

David Strauss: Die Lieferketten sind aktuell weniger mit unerwarteten Lockdowns oder plötzlichen Nachfragespitzen, beispielsweise nach Toilettenpapier, konfrontiert, geraten dafür jedoch vermehrt durch geopolitische Konflikte unter Druck. Da für niemanden abschätzbar ist, wie lange diese dauern, müssen Unternehmen Alternativen finden. Der Druck auf die Lieferketten steigt dadurch, dass es sich um keine kurzfristigen Ereignisse handelt, die sich "aussitzen" lassen, sondern um mittel- bis langfristige Herausforderungen, die ein aktives Suchen nach Lösungen fordern.

Auch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) übt Druck auf die Unternehmen und ihre Supply Chains aus. Doch worin sehen Sie die Vorteile einer transparenten und nachhaltigen Lieferkette?

Eine transparente Lieferkette ist eine nachhaltige Lieferkette. Nur, wenn alle Daten entlang der Supply Chain vorliegen, können Unternehmen sehen, wo Einsparpotenziale bestehen. Dabei liegen für viele Unternehmen die Vorteile meist nicht unbedingt in der Einhaltung von ESG-Kriterien – es handelt sich um eine Kostenfrage. Langfristig gesehen spart eine transparente und nachhaltige Lieferkette Kosten ein und steigert die Effizienz. Unternehmen, die nachhaltig wettbewerbsfähig sein wollen, müssen zunächst eine transparente und nachhaltige Supply Chain aufbauen. Auch gerade, weil eine nachhaltige Lieferkette den immer weiter steigenden Kundenanforderungen in Sachen "Nachhaltigkeit" in all seinen Aspekten entspricht. Das LkSG stellt die Unternehmen natürlich vor neue Herausforderungen. Die Tatsache, dass Verstöße empfindlich strafbewehrt sind, treibt die Dringlichkeit mit Dampf in die Chefetagen. Unternehmen, die ihre Ketten bereits in den letzten Jahren auf Widerstandsfähigkeit sowie Nachhaltigkeit im Bereich "Umwelt und Soziales" umgeformt haben, sind nun ganz klar im zeitlichen Vorteil.

Mit welchen Herausforderungen ist die Umsetzung des LkSG verbunden? An welchen Stellen hakt es besonders?

Die Umsetzung der Anforderungen des LkSG für den eigenen Betrieb sollte für Unternehmen hoffentlich keine besondere Herausforderung darstellen. Die großen Probleme kommen dann sehr schnell, wenn es um die Überwachung und Nachverfolgung der Anforderungen bei unmittelbaren und mittelbaren Zulieferern geht. Hier stoßen viele Industrien an ihre Grenzen, da die einzelnen Parteien entlang der Supply Chain meist immer noch in Silos arbeiten. Hier gibt es leider noch große historische gewachsene Vorbehalte gegen Transparenz untereinander, unter anderem weil in der Vergangenheit oft jede kleinste Information von den großen Einkäufern und Kunden genutzt wurde, um die Zulieferer bei Konditionen und Preisen unter massiven und dauerhaften Druck zu setzen. Hier kann man in Deutschland die Automobil- und Landwirtschaftsbranche als Beispiele nennen. Diese jahrzehntelange Fixierung auf Preise rächt sich nun – ein Minimum an Vertrauen wieder aufzubauen, wird Zeit und Anstrengung benötigen. Interessanterweise dreht das LkSG nun das Spieß recht radikal um, da die "Großen" nun eindeutig im unangenehmen Rampenlicht stehen. Beim Maschinenbau und der Hochtechnologie beispielsweise herrschen auch raue Sitten, jedoch kann man dort auf einer viel längeren gemeinsamen Kultur der Kooperation und Co-Innovation aufsetzen.

Welche Rolle spielen digitale Technologien bei der Erhöhung der Lieferkettentransparenz?

Transparenz in der Lieferkette entsteht durch Vernetzung. Damit ein Unternehmen vernetzt arbeiten kann, müssen Silos aufgebrochen und Daten abteilungsübergreifend erhoben, ausgewertet und verarbeitet werden. Nur eine vernetzte Lieferkette, die alle notwendigen Echtzeitdaten und Prognosen bereitstellt, ist eine widerstandsfähige Lieferkette und gibt gleichzeitig Auskunft darüber, woher genau die einzelnen Bestandteile eines Produkts kommen, welche Partner entlang der Lieferkette involviert sind und wo es Optimierungspotenzial gibt. Digitale Technologien unterstützen dabei, die Daten zu sammeln, zu harmonisieren und auszuwerten, um Echtzeiteinblicke in die Supply Chain zu bekommen. Diese Investitionen in Transparenz, welche aus operativen Gründen getätigt wurden, liefern nun unerwartet Früchte, um die Herausforderungen des LkSG, des Uyghur Forced Labor Prevention Act (UFPLA) in den USA, der aktuellen Krise im Nahen Osten sowie dem Roten Meer oder auch der Subventionskämpfe zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China besser zu bewältigen.

Inwieweit kann Künstliche Intelligenz (KI) bei der Datenerhebung und -analyse für eine transparente Supply Chain helfen?

Daten sind das A und O einer transparenten Supply Chain. KI kann diese Daten sammeln, harmonisieren und vor allem bereinigen. Unstrukturierte Daten sind ein großes Problem für viele Unternehmen und sorgen dafür, dass beispielsweise Produkte ihrem Zulieferer nicht mehr zugeordnet werden können. Es ist wichtig zu verstehen, dass die KI nicht das Allheilmittel ist, zu dem die IT-Branche (vor allem KI-Unternehmen selbst) es hochstilisieren. Die Grunddaten, auf Basis derer das Netzwerk progressiv abgesucht wird, müssen auf der Datenbasis des Unternehmens und seiner direkten Zulieferer aufbauen. Die KI kann also auf jeden Fall helfen – jedoch ist es recht riskant, davon auszugehen, dass im Ernstfall vor Gericht die Gleichung "ausschließlich KI" = "ausreichende Erfüllung der Sorgfaltspflicht" bestand haben wird.

Was sind wichtige Standards im Supply Chain Management (SCM) und wer legt diese für die Logistikbranche fest?

Die Standards im Supply Chain Management entwickeln sich aktuell vor allem bezüglich Nachhaltigkeit und Compliance weiter. Transparenz durch Vernetzung ist wohl einer der wichtigsten. Gerade werden die Standards vor allem durch Regulierungen wie dem LkSG festgelegt. Generell wird die Einführung solcher Compliance-Praktiken tendenziell von den großen Marktteilnehmern vorangetrieben, die etwa auch vom LkSG betroffen sind. Dadurch bewegen sich Best Practices in diesen Bereichen eher am oberen Ende des Spektrums und kleine Unternehmen und Lieferanten müssen aufschließen.

Wie können Unternehmen anno 2024 – allem Druck zum Trotz – ihre Lieferqualität und damit auch die Kundenzufriedenheit weiter erhöhen?

Das Stichwort für 2024 bleibt das gleiche wie 2023: Transparenz. Unternehmen können ihre Kunden nur über den aktuellen Stand ihrer Lieferungen auf dem Laufenden halten, wenn sie zu jeder Zeit wissen, wo sich ein Produkt gerade befindet und welche Hindernisse es bei der Lieferung gibt. Daher ist eine ganzheitliche Sichtbarkeit entlang der gesamten Lieferkette unabdingbar. Auch das Thema "Cybersecurity" spielt 2024 eine große Rolle – nicht zuletzt aufgrund der NIS2-Richtlinie, die Unternehmen bis zum 17. Oktober dieses Jahres umsetzen müssen. Diese soll unter anderem dafür sorgen, dass Unternehmen besser vor Supply-Chain-Network-Attacken geschützt sind – wovon natürlich auch wiederum der Kunde profitiert.

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Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG)

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