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07.08.2017 | Luft | Interview | Onlineartikel

"Wir brauchen eine nachhaltige Mobilität in den Städten"

Autor:
Nico Andritschke
Interviewt wurde:
Prof. Dr. Claudia Hornberg Dipl.-Biol. Dipl.-Ökol.

ist Vorsitzende des Sachverständigenrates für Umweltfragen. Als Professorin lehrt und forscht sie an der Universität Bielefeld zum Schwerpunkt Umwelt und Gesundheit.

Stickoxide und Feinstaub führen zu negativen Effekten für die öffentliche Gesundheit. Professorin Claudia Hornberg erläutert, warum eine nachhaltige Mobilität in Großstädten unabdingbar ist.

Springer Professional: Das Thema Luftverschmutzung assoziiert häufig den Gedanken an China und die sichtbar werdenden Folgen ungebremster Industrialisierung. Ist die Luftqualität in Deutschland eine Herausforderung mit Priorität?

Claudia Hornberg: Die Luftqualität in Deutschland ist eine besondere Herausforderung für den Gesundheitsschutz, auch wenn die Belastungen nicht mit denen in China vergleichbar sind. Zum einen werden die Grenzwerte für Stickstoffoxide in den Städten nicht eingehalten. Aber auch die derzeit noch bestehenden Feinstaubbelastungen können negative Folgen für die Gesundheit haben. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass Luftschadstoffe in der Außenluft niemals einzeln auftreten, sondern immer Teil eines Gemisches sind, welches auf die Menschen wirkt.

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Luftqualität

Die Qualität der Luft beeinflusst in besonderer Weise die menschliche Gesundheit und hat auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft und Ökosysteme. Viele Luftschadstoffe absorbieren oder streuen zudem die Sonnen- oder Wärmestrahlung und sind daher klimawirksam.


Wo sind die wesentlichen Ursachen für die Luftverschmutzung in deutschen Großstädten zu suchen und welche messbaren Folgen haben sie für die Bevölkerung? 

Der Hauptverursacher für die unzureichende Luftqualität in den Städten ist der motorisierte Straßenverkehr. Dieselfahrzeuge weisen dabei besonders hohe Feinstaub- und Stickstoffoxidemissionen auf. Die Folgen sind höhere Krankenlasten aufgrund Herzkreislauf- und  Atemwegserkrankungen. Nachweisen lassen sich diese zum Beispiel anhand einer erhöhten Zahl von Einweisungen in Krankenhäusern bei Hochbelastungsereignissen. Besonders betroffen sind Kinder, ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen wie zum Beispiel Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Die städtische Bevölkerung ist ja nicht nur von Umweltverschmutzung betroffen, sondern auch Verursacher. Wird sich das Verhalten der Menschen in Ballungsgebieten ändern müssen und können?

Es ist richtig, dass die Menschen in den Städten nicht nur Betroffene sondern auch Verursacher sind. Interessanterweise reagieren die Menschen ja schon selbst auf die bestehenden Belastungen. Wohnstandorte, die stark von Luftbelastungen aber auch von Lärm betroffen sind, besitzen für viele Menschen eine eher geringe Attraktivität. Die Mobilität in den Städten muss sich verändern. Wir brauchen eine nachhaltige Mobilität in den Städten, die die Bedürfnisse aller Stadtbewohner und nicht eines einzelnen Verkehrsträgers in den Mittelpunkt stellt. Derzeit steigt der Zuzug in vielen Großstädten an. Die Menschen wollen in den Städten leben, und sie wollen dort auch eine hohe Lebensqualität. Insbesondere junge Menschen leben Mobilität schon heute neu. Deshalb bin ich mir sicher, dass eine nachhaltige Mobilität in den Städten nicht nur eine Chance hat, sondern in vielen Fällen auch gewollt ist.

Stichwort Mobilität: Trifft die Diskussion um Diesel-Abgaswerte den Kern des Problems? 

Dieselfahrzeuge stehen aufgrund ihrer hohen Schadstoffemissionen zu Recht in der Diskussion. Aber die Debatte darf an diesem Punkt nicht enden. Wir brauchen für die Zukunft nicht nur emissionsarme Fahrzeuge, sondern auch insgesamt eine Wende im Verkehr. 

Saubere Luft für Europa (CAFE) ist der wohlklingende Titel der EU-Strategie zur Bekämpfung der Luftverschmutzung. Wie weit ist man seit 2010 gekommen?

Die EU hat sich vorgenommen, eine Luftqualität zu erreichen, die keine negativen Folgen für die Gesundheit hat. Mit der Luftqualitätsrichtlinie haben sich die Mitgliedstaaten verpflichtet, diese umzusetzen. Die Kommunen haben dafür Luftreinhaltepläne aufgestellt. Bei der Feinstaubbelastung hat sich zum Beispiel die Umweltzone als durchaus erfolgreich erwiesen. Zu kritisieren ist aber, dass die Maßnahmen oftmals zu zögerlich auf den Weg gebracht wurden. Aber hier stehen nicht nur die Kommunen in der Verantwortung. Es ist nicht zu verstehen, dass über einen so langen Zeitraum Fahrzeuge zugelassen wurden, die nur im Labor unter ganz bestimmten Bedingungen die Grenzwerte einhalten, auf der Straße aber viel höhere Emissionen aufweisen. Hierfür und für die späte Einführung von schärferen Abgasnormen tragen die EU und die Bundesregierung die Verantwortung. 

Wie kann in den Ländern und Kommunen konkret gegengesteuert werden? Welche Strategien und Handlungsansätze haben Vorbildcharakter? 

Es gibt jede Menge Handlungsoptionen. Um eine nachhaltige Mobilität in den Städten auf den Weg zu bringen, ist es erforderlich, den ÖPNV sowie den Rad- und Fußgängerverkehr zu stärken. Hierfür gibt es bereits sehr gute Beispiele in Europa, wie Kopenhagen. Parkraumbewirtschaftung und die Förderung multimodaler Verkehrssysteme sind weitere wichtige Schritte. Die Bundesregierung ist ebenfalls gefordert, beispielweise in dem sie bestehende Fehlanreize korrigiert. So ist es unverständlich, warum Dieselfahrzeuge immer noch steuerlich begünstigt werden.

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