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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Vorwort

Zusammenfassung
Überblickt man die wirtschaftliche und politische Entwicklung in Lateinamerika während der letzten beiden Jahrzehnte, so erscheinen die 1980er Jahre zugleich als Krisen- und Reformjahre. Einerseits wurde der Subkontinent von der Verschuldungskrise erfasst, welche die Wachstumsperspektiven des Modells importsubstituierender Industrialisierung zerstörte und die staatszentrierte Entwicklungsstrategie selbst verabschieden half. Anderseits unterminierte diese Krise die Herrschaft des Militärs, das in den beiden vorhergehenden Jahrzehnten fast überall in Lateinamerika die Macht übernommen hatte. Und auch dort, wo die Militärregime selbst den Wechsel der Entwicklungsstrategie in Form der neuen Betonung des Marktes und der Außenöffnung der Wirtschaft eingeleitet oder gar vollzogen hatten, fand die Demokratisierung der politischen Systeme statt. Die 1980er Jahren bestätigten somit die Erfahrung, dass Krisen auch Reformchancen eröffnen. Zu Beginn der 1990er Jahre verzeichnete Lateinamerika einen historisch einmaligen Verbreitungsgrad der Demokratie. Wirtschaftspolitisch wurde allgemein, freilich mit nach Ländern unterschiedlicher Intensität und Reichweite, neoliberalen Konzepten gefolgt. Es ergab sich somit eine doppelte Homogenität: Zum einen zwischen politischem Systemtyp und Wirtschaftssystem, zum anderen unter den lateinamerikanischen Ländern, die in den vorhergehenden Jahrzehnten im Widerstreit kapitalistischer und sozialistischer Modelle jeweils unterschiedliche Wege gegangen waren. Des Weiteren stellte sich ein höheres Maß an Kontinuität ein. Die Tradition des zyklischen Wechsels in den Herrschaftsformen wurde unterbrochen. Die Demokratie wurde kaum mehr ernsthaft in Frage gestellt.
Dieter Nohlen, Hartmut Sangmeister

Zur Konsolidierung der Demokratie. Öffentliche Meinung und Zivilgesellschaft in Lateinamerika

Zusammenfassung
Die Lage der Demokratie in der Welt von heute lässt sich allgemein in Form von krisenhaften Herausforderungen beschreiben. Für die Welt der westlichen Industrieländer, also der gestandenen Demokratien, wurden als solche die Verringerung der Fähigkeit der Politik benannt, jene langfristigen Weichenstellungen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung vorzunehmen, welche gegenwärtige öffentliche Leistungseinbußen zur Folge haben, des Weiteren eine geringere Problemlösungskompetenz der Politik schlechthin sowie, unter anderem als deren Folge, ein Vertrauensverlust in die demokratischen Institutionen. Für Lateinamerika, also die Welt der jungen Demokratien, liegen die Herausforderungen vornehmlich in der Konsolidierung der Demokratie, deren Gewinnung bzw. Wiedergewinnung erst eineinhalb bis zweieinhalb Jahrzehnte zurückliegt. Die Konsolidierung ihrerseits ist mit Fragen der Vertiefung der Demokratie und der Schaffung ihrer wirtschaftlichen, sozialen und politisch-kulturellen Voraussetzungen verbunden. Sie bezieht sich folglich auf viele Reformdimensionen, einerseits auf den Staat (etwa im Sinne des Ausbaus der Rechtsstaatlichkeit), auf das politische System (etwa im Sinne erweiterter Partizipation und effektiverer Rechenschaftslegung, accountability) und auf die politische Kultur (im Sinne der Entwicklung demokratischer Werte, Einstellungen und Verhaltensmuster), andererseits auf die Wirtschaft (etwa im Sinne von Wirtschaftswachstum und nachhaltiger Entwicklung) und auf die Gesellschaft (etwa im Sinne sozialer Sicherheit, von Umverteilung und Armutsverringerung).
Dieter Nohlen

Die Überlebenschancen der Demokratien Lateinamerikas

Zusammenfassung
In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten gelangen nach und nach in fast allen Ländern Lateinamerikas Regimeweehsel vom Autoritarismus zur Demokratie1. Darunter waren auch einzelne Fälle, in denen es noch nie zuvor zu einer nicht-autoritären Form der Herrschaft gekommen war, wie etwa Paraguay und einige zentralamerikanische Republiken2. Heute lässt sich sagen: Noch nie wurden in Lateinamerika so viele Länder so demokratisch regiert. Um die Jahrtausendwende hat sich allerdings der wirtschaftliche und soziale Problemdruck, unter dem diese demokratischen Regime operieren, durch die Verbindung der ungelösten internen Strukturprobleme mit einer weltweiten Konjunkturschwäche erheblich verstärkt3. Mit Sorge wird danach gefragt, welche Auswirkungen dies auf die Stabilität der Demokratien haben wird. Sind Vorkommnisse wie die sozialen Unruhen in Argentinien und in Bolivien, der zugespitzte Konflikt zwischen dem venezolanischen Präsidenten und einer breiten gesellschaftlichen Oppositionsbewegung oder der gescheitere Staatsstreich in Ecuador als Vorboten einer anstehenden Wende zurück zu autoritären Herrschaftsformen zu interpretieren? Eine solche Sichtweise würde die Prognose Huntingtons (1991) unterstützen, wonach auf jede Welle der Demokratisierung eine Welle autoritärer Rückschläge folgt. Die jüngste der drei globalen Wellen der Demokratisierung hatte (so Huntington) Mitte der 1970er Jahre in Südeuropa begonnen, sich in Lateinamerika in den 1980er Jahren fortgesetzt, um dann Gebiete Afrikas, Asiens und schließlich Osteuropas zu erfassen.
Harald Barrios

Lateinamerika zwischen Populismus und Neopopulismus. Die britische und amerikanische Theoriediskussion der späten 1990er Jahre und ihre Anwendung auf Brasilien, Chile und Peru

Zusammenfassung
Es ist gerade fünf Jahre her, als ich in einem Arbeitspapier für die Universität Münster1 eine state-of-the-art Analyse der Diskussionen um eines der umstrittensten historisch-sozialwissenschaftlichen Konzepte vornahm: den Populismus (Hentschke 1998). Ich sprach von einem Begriff von theoretischem Anspruch und globaler Anwendung, der bis zur Unkenntlichkeit verwässert worden ist: Zuweilen wird der Populismus als reformistisch oder gar revolutionär, dann wieder als reaktionär bezeichnet. Der eine sieht in ihm die Verwandlung der bisher abstrakt-legitimatorischen Kategorie des „Volkes” in einen direkten und wahrgenommenen Agenten der Politik, der andere ein irrationales Phänomen in einer durch Zweckrationalität bestimmten und verregelten Welt (vgl. Goodwyn 1976). Populismus erscheint nahezu als Synonym für Faschismus2 und Bonapartismus (vgl, Koval 1975, Ramos 1973), als Entwicklungsstil oder Entwicklungsbremse, im Zusammenhang mit Demokratie und mit Autoritarismus (Dix 1985), als Ausdruck des Übergangs zum Wohlfahrtsstaat oder von dessen Abbau3, von Volksnähe und Charisma oder von Demagogie und Prinzipienlosigkeit.4 Er fasziniert die einen und stößt die anderen ab. Populismus bleibt letztlich eine durch den Analytiker geprägte Residualkategorie für alle jene Bewegungen und Ideologien, die mit der üblichen Terminologie nicht erklärbar sind, wobei wissenschaftssoziologisch die sich im historischen Zeitverlauf ändernden Anschauungen des Forschers zum Verhältnis Masse-Elite (bzw. Minderheit) eine große Rolle spielen. Es sei nur an die Auseinandersetzung mit dem Faschismus, dem McCarthyismus, der 68er-Bewegung und dem Zusammenbruch des Ostblocks gedacht.
Jens Hentschke

Argentinien. Ursachen und Folgen einer Staats- und Gesellschaftskrise

Zusammenfassung
Argentinien ist ein Land, das nur schwer zu verstehen ist. Es ist eines der großen Länder Lateinamerikas. Es ist ein potentiell reiches Land. Es nahm seit seiner Integration in den Weltmarkt im letzten Drittel des 19. Jahrunderts einen enormen Aufschwung, so dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den zehn wohlhabendsten Ländern der Welt zählte. Nach der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre brach diese Entwicklung ab. Argentinien fiel hinter Länder zurück, die weniger gute geografische und klimatische Voraussetzungen haben, Fortschritte in menschlicher Entwicklung zu erzielen. Seit den 1950er Jahren unter die Entwicklungsländer eingereiht, wird es seit Jahrzehnten zu den Schwellenländern gezählt, also zu jenen Ländern, die auf dem Sprung sind, sich als Industrieland zu etablieren. Doch es verharrte nicht nur auf diesem Status (vgl. Waldmann 1985), es sackte auch im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern ab. Bis vor wenigen Jahren kannte Argentinien keine Armut. In der Sozialstruktur dominierten die Mittelschichten. Seit den 1990er Jahren nahm die Massenarmut bei gleichzeitiger Zuspitzung der Ungleichheit in der Einkommensverteilung dramatisch zu. Jetzt hungern Menschen in Argentinien. Teile der Mittelschichten verarmten. In der Literatur wird vom „Wunder der Unterentwicklung“ gesprochen.
Dieter Nohlen

Der verweigerte Leviathan — Demokratisierung, Marktreformen und Regieren in Lateinamerika

Zusammenfassung
Die Entwicklung in Lateinamerika während der letzten beiden Dekaden des vergangenen Jahrhunderts war durch zwei Trends gekennzeichnet. Erstens wurde in den meisten Staaten der Region ein Wandel von der Autokratie hin zur Demokratie vollzogen. Zweitens hat parallel zum Prozess der politischen Transformation eine Phase des wirtschaftlichen Wandels eingesetzt. Wenngleich in unterschiedlichem Ausmaße, so verloren binnenmarktgerichtete und staatsinterventionistische Entwicklungsmodelle an Bedeutung. An deren Stelle traten Strategien, in deren Mittelpunkt eine Kombination marktkonformer Reformen, Exportorientierung und Kapitalbilanzöffnung stehen. Beide Trends bedeuteten eine Veränderung des Staates. Mit Blick auf die politische Liberalisierung zielten Reformen darauf, den Staat seiner autokratischen Struktur zu entkleiden und mittels demokratischer Verfahren zu bändigen. Demokratisierung stellte daher zunächst eine Beschränkung des staatlichen Herrschaftsanspruchs dar. Die marktkonforme Stoßrichtung der ökonomischen Reformen verlief in eine ähnliche Richtung. Es galt, den Einfluss eines von gesellschaftlichen Sonderinteressen bzw. einer bürokratischen Klasse vereinnahmten Staates zu begrenzen. In Kombination mit politischer Liberalisierung sollten Privatisierung, Deregulierung und außenwirtschaftliche Liberalisierung die Möglichkeiten des Staates beschränken, über illiberale Entscheidungen ökonomische Ressourcen auf ineffiziente Art zu verteilen.
Jörg Faust

Eine soziale Marktwirtschaft für Lateinamerika

Zusammenfassung
Als zum Jahreswechsel 2001/02 Argentinien seine Zahlungsunfähigkeit erklären musste und das Land die Bedienung seiner immensen Auslandsschulden einstellte, war dies ein Fanal für ganz Lateinamerika: das Miterleben des Wandels von einem zeitweiligen „Musterschüler” bei der Durchführung neoliberaler Wirtschaftsreformen zu einem (fast) hoffnungslosen Sanierungsfall erschien in der argentinischen Zuspitzung als Menetekel für die gesamte Region! Argentinien war (wieder einmal) in der „Schuldenfalle” gefangen, die wirtschaftliche Ausgangslage konnte nach mehrjähriger Rezession für jegliche Sanierungsstrategie nicht ungünstiger sein und das Land drohte bei einer aufs Äußerste angespannten innenpolitischen Situation in Anarchie und Chaos zu versinken. Angesichts eines dramatischen Wertverlustes der eigenen Währung, steigender Arbeitslosigkeit und zunehmender Verarmung — auch der städtischen Mittelschichten — ist die in Argentinien lange Zeit gehegte Illusion verflogen, durch marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftsreformen und eine verstärkte Einbindung in die Weltwirtschaft zu einem Land der Ersten Welt zu werden. Ebenso wie für die Bevölkerungsmehrheit in anderen Teilen Lateinamerikas, bleiben auch für die große Mehrheit der argentinischen Bevölkerung die Lebensperspektiven vorerst begrenzt durch die bittere Realität eines exkludierenden Wirtschaftssystems. Schätzungen der Comisión Económica para América Latina y el Caribe (CEPAL) zufolge reichten 1999 die Einkommen von fast 44% der Einwohner Lateinamerikas nicht zur Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse aus und mehr als 18% lebten unterhalb der Grenze extremer Armut (CEPAL 2001: 14).
Hartmut Sangmeister

Wirtschaftliche Entwicklung auf breiter gesellschaftlicher Basis — eine Reformagenda für Lateinamerika

Zusammenfassung
Die Mehrzahl der lateinamerikanischen Länder hat seit der „verlorenen Dekade” der 1980er Jahre tiefgreifende wirtschaftspolitische Reformen durchgeführt, in deren Mittelpunkt die Öffnung zu den Weltmärkten stand. Dies geschah in etlichen Ländern unter dem Druck externer Verschuldungskrisen und unter ständiger Begleitung der Bretton-Woods-Organisationen, insbesondere des Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Bilanz der Reformen ist nach heutigem Stand jedoch unerfreulich: Zwar war das durchschnittliche wirtschaftliche Wachstum Lateinamerikas im vergangenen Jahrzehnt wieder positiv, aber die Wachstumsraten lagen erheblich niedriger als in den 1960er und 1970er Jahren. Sie waren vor allem zu niedrig, um Arbeitsplätze und Masseneinkommen in erforderlichem Umfang zu generieren und damit zur Armutsbekämpfung beizutragen. Lateinamerika ist seit langem die Weltregion mit den größten Einkommensdisparitäten. Die Wirtschaftspolitiken der letzten Jahrzehnte haben nicht dazu beigetragen, diese schon in der Kolonialzeit begründete Polarisierung zu verringern, und seit den 1920er Jahren haben sich auch die absoluten Maßzahlen für Armut und Einkommen nicht verbessert. Auch Lateinamerikas Anteil am Welthandel ist trotz der außenwirtschaftlichen Öffnung weiter gefallen. Von einer wirtschaftlichen Konsolidierung sind die meisten Länder nach wie vor weit entfernt.
Tilman Altenburg, Christian von Haldenwang

Frauen in Lateinamerika — ein ungenutztes Potential?

Zusammenfassung
Fragen nach dem ungenutzten Potential der Frauen gehen nicht selten von bislang brachliegenden und für den Entwicklungsprozess zu erschließenden Ressourcen aus. Zumeist richtet sich das Interesse hierbei auf das vermeintliche oder auch tatsächliche ungenutzte ökonomische Potential weiblicher Arbeitskraft. Nach 1970, dem Jahr, in welchem die erste, international vergleichend angelegte Studie erschien, die sich mit der ökonomischen Rolle der Frauen in Entwicklungsprozessen befasste (Boserup 1970; dt. 1982), haben derartige Fragen für die Untersuchung von Entwicklungs- und Modernisierungsprozessen in Entwicklungsökonomien an Bedeutung gewonnen. Auch in diesem Beitrag werden die Fragen nach der Bedeutung der Potentiale von Frauen in erster Linie auf ökonomische Prozesse fokussiert und die nach der Relevanz für die politischen Transformationen ausgeblendet (vgl. hierzu Braig 2001a: 226–243). Konkretisiert werden die Entwicklungen in Lateinamerika insbesondere anhand des mexikanischen Beispiels. Im folgenden soll gezeigt werden, dass die Vorstellung von den ungenutzten Potentialen der Frauen eine an der Wirklichkeit vorbeigehende Wahrnehmung gesellschaftlicher Arbeitsteilung und ihrer Veränderungen ist, dass also aus der Unsichtbarkeit der ökonomischen Aktivitäten von Frauen nicht selten auf die Unterauslastung von Frauen geschlossen wird. Dagegen wird hier argumentiert, dass die Arbeiten von Frauen nicht nur vielschichtigen Umstrukturierungsprozessen unterworfen sind, sondern dass sie in einem engen Wechselverhältnis mit ökonomischen Prozessen stehen.
Marianne Braig

Sozialpartnerschaftliche Arbeitsbeziehungen als konstitutives Element des Rheinischen Konsenskapitalismus — eine Orientierungshilfe für Lateinamerika?

Zusammenfassung
Bereits ein kurzer Rückblick auf die geschichtlichen Erfahrungen lehrt, dass manche institutionellen Arrangements für die politische, wirtschaftliche und soziale Ordnung einer Gesellschaft offensichtlich erfolgreicher sind als andere. So hat sich zum Beispiel das freiheitliche westliche Demokratiemodell gegenüber der kommunistischen Einparteienherrschaft als überlegen erwiesen; ebenso scheinen marktwirtschaftliche Ordnungen besser als planwirtschaftliche zu funktionieren. Und die sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Lebensverhältnisse in den einzelnen Ländern dieser Erde legen es nahe, dass es auch in sozialer Hinsicht offenbar bestimmte Determinanten gibt, die für die breite Mehrheit der Bevölkerung zu offensichtlich günstigeren Ergebnissen führen. Nachdem die jahrzehntelange Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus in dieser Hinsicht endgültig entschieden zu sein scheint, wird damit künftig die vergleichende Frage nach der wirtschaftlich und sozial (und möglicherweise auch ökologisch) erfolgreichsten institutionellen Ausgestaltung und Kombination von Marktwirtschaft und Demokratie auf der ordnungspolitischen Agenda stehen.
Hans Jürgen Rösner

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