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Männlichkeit und Reproduktion

Zum gesellschaftlichen Ort historischer und aktueller Männlichkeitsproduktionen

  • 2015
  • Buch
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Über dieses Buch

Die Ambivalenz des Begriffs sozialer Reproduktion nimmt der vorliegende Band als Ausgangspunkt für die Analyse von Männlichkeiten in Geschichte und Gegenwart. Fokussiert werden gesellschaftliche Verhältnisse, in denen Männlichkeiten permanent ritualisiert und alltäglich hergestellt werden. Der Blick auf die Verschränkungen von Männlichkeiten und Reproduktion eröffnet einen inter- und transdisziplinären Zugriff und zeigt neue methodologische Perspektiven auf.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Männlichkeit als Reproduktionsbedürftigkeit

    Andreas Heilmann, Gabriele Jähnert, Falko Schnicke, Charlott Schönwetter, Mascha Vollhardt
    Zusammenfassung
    Als sozialer Tatbestand und dominante Position im Geschlechterverhältnis ist Männlichkeit historisch und kulturell kontingent und gesellschaftlichem Wandel unterworfen. Was als männlich gilt, reproduziert sich fortlaufend in Akten der Wiederholung dichotomer Geschlechterdifferenzierung, aber auch in Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Männlichkeiten. Diese Akte verweisen auf die grundsätzliche Instabilität und Legitimationsnotwendigkeit männlicher Herrschaft und ebenso auf eine soziale Offenheit, die das Potential für geschlechteremanzipative Transformationen enthält. Zugleich stützt sich Männlichkeit auf kollektive und/oder institutionalisierte Muster moderner bzw. industriegesellschaftlicher Arbeitsteilung mit geschlechtsspezifischen Zuweisungen von Produktions- und Reproduktionstätigkeiten.
  3. Narrative Strategien der Reproduktion von Männlichkeit

    1. Frontmatter

    2. Freundesklage

      Diskursive Reproduktion von Männlichkeit in Alfred Lord Tennysons Gedicht In Memoriam (1849) Andreas Kraß
      Zusammenfassung
      Das Verhältnis von Männlichkeit und Reproduktion hat nicht nur eine biologische, sondern auch eine symbolische Dimension. Dabei handelt es sich nicht um einen Gegensatz, denn die biologische Reproduktion ist immer schon in die Symbolik der Geschlechterverhältnisse einbezogen. Dies kann auch für männlich-homosoziale Beziehungen gelten, die, obwohl sie von der Option der biologischen Reproduktion ausgeschlossen sind, in symbolischer Weise darauf Bezug nehmen, um die Intimität ihrer Bindung zum Ausdruck zu bringen. Dieser Sachverhalt soll im Folgenden an einem Beispiel illustriert werden, nämlich an dem Gedicht In Memoriam des englischen Schriftstellers Alfred Lord Tennyson, das 1850 erschien. Es handelt sich um eine Klage, die der viktorianische Dichter seinem verstorbenen Freund Arthur Hallam widmete.
    3. Reproduktion in Gefahr

      Männliche Junggesellen in Literatur und Wissenschaften des 19. Jahrhunderts Ulrike Vedder
      Zusammenfassung
      In den wissenschaftlichen und literarisch-kulturellen Debatten des 19. Jahrhunderts um Familie, Genealogien und Geschlechterverhältnisse in Westeuropa stellt der Junggeselle eine umstrittene Figuration dar. Indem er immer wieder als Gegenfigur zur familialen und genealogischen Dimension gilt, wird er zu einer Schlüsselfigur in deren sozialen, politischen, wissenschaftlichen und literarischen Diskursivierungen. Dies wird er als explizit männliche Figur, während die weibliche Junggesellin in diskursiver Hinsicht als ein „Nichts“ gilt, wie Michelle Perrot für das 19.
    4. Der gebärende Mann

      Reproduktionsphantasien in der europäischen Avantgarde (1880-1933) Christine Kanz
      Zusammenfassung
      Wenn innerhalb der Literatur- und Kulturwissenschaften von männlicher Schwangerschaft oder männlicher Reproduktion die Rede ist, so wird damit meist auf Schwangerschaft als Metapher und Kunstschöpfungsanalogie angespielt. Geburt markiert dann den Beginn von etwas völlig Neuem im künstlerischen, kreativen, geistigen Bereich, steht etwa für einen ästhetischen Durchbruch, poetischen Neuanfang oder die Schaffung eines Werks per se. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass solch eine rein metaphorische Auslegung des Gebärmotivs im literarischen Text oder in anderen künstlerischen Produktionen nicht immer sinnvoll ist.
    5. „Ein Mann ist ein Körper, der in die Bilder will“

      Impotenz und (Un-)Männlichkeit in Norbert Krons Roman Autopilot (2002) Mascha Vollhardt
      Zusammenfassung
      Nobert Kron veröffentlichte im Jahre 2002 sein Romandebüt Autopilot, in dem die Zeugungsunfähigkeit des erfolgreichen Mittdreißigers Michael Lindberg im Zentrum der Erzählung steht. Der Protagonist sieht sich mit dieser Diagnose unerwartet vielen Problemen mit sich selbst und seinem Umfeld ausgesetzt. Krons viel gelobter Roman nimmt dabei die entstehenden Unsicherheiten und Ängste seiner Hauptfigur genau in den Blick und verschränkt den Topos der Impotenz mit dem Versuch Lindbergs, seine als verletzt erfahrene Männlichkeit durch beruflichen Erfolg wieder herzustellen.
  4. Reproduktionsarbeit und neue Männlichkeit

    1. Frontmatter

    2. Männlichkeit im Reproduktionsdilemma?

      Sozial- und zeitdiagnostische Perspektiven von Krisenanalysen Andreas Heilmann
      Zusammenfassung
      Die Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften des westlichen Typs befinden sich im Übergang vom fordistischen Erwerbs- und Wohlfahrtsregime zu einem noch unklar sich abzeichnenden Postfordismus. Dauerhafte Konturen und Charakteristika des neuen Regulationsregimes sind noch schwer zu bestimmen, aufb rechende Widersprüche der alten Ordnung drängen zu politischer Gestaltung. Zur Bestimmung der gegenwärtigen Verfasstheit von Gesellschaften im Übergang diagnostizieren regulationstheoretische Ansätze daher einen dynamischen Krisenzusammenhang, der das Gesamtgesellschaftliche mit allen seinen Teilbereichen von Ökonomie über Familie und Staat bis zur Ökologie umfasst. Ihnen gemeinsam ist der Befund, dass die notwendigen Voraussetzungen für die Art und Weise, wie wir gewohnt sind zu leben und zu arbeiten, dramatisch abhanden kommen.
    3. Zum Wandel von Väterlichkeit und Care/ Sorge in der Literatur

      Toni Tholen
      Zusammenfassung
      Der Wandel von Väterlichkeit und Care, wie er sich in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten unter dem Etikett eines neuen Vaterbildes und -diskurses abzeichnet, tangiert in signifikanter Weise auch die Literatur. Bevor dies im Überblick gezeigt wird, soll zuvor auf eine Verwendung der Begriffe Care bzw. Sorge eingegangen werden, die nicht nur in den erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, sondern auch im kultur- und literaturwissenschaftlichen Feld die Analyse und Diskussion beflügeln kann, und zwar gerade in Verbindung mit Gender- und Familienkonfigurationen. Neueste Ansätze im Bereich der Familienforschung lösen sich vom älteren Care-Begriff in der Nachfolge Carol Gilligans und versuchen stattdessen, re-produktive Tätigkeiten innerhalb familialer Zusammenhänge durch die Einführung eines „reflektierten Sorgebegriff[es]“ neu zu betrachten.
    4. Neue Väter auf Zeit?

      Praktiken und Hindernisse egalitärer Vaterschaft Johanna Possinger
      Zusammenfassung
      Seitdem 2007 das Bundeselterngeld in Kraft getreten ist, das gezielt einen Anreiz für Väter setzt, sich an der reproduktiven Sorgearbeit für Kinder zu beteiligen, ist immer wieder die Rede vom steigenden Anteil ‚neuer Väter‘ in Deutschland. Mit ‚neu‘ werden in der Regel Väter bezeichnet, die eine eigene Elternzeit- bzw. Elterngeldphase in Anspruch nehmen. Tatsächlich scheint das Elterngeld bei Vätern einen Nerv zu treffen, denn die Anträge von Vätern steigen seit 2008 kontinuierlich an und liegen derzeit bundesweit bei 29,3 Prozent. In den Bundesländern Sachsen und Bayern nehmen sogar knapp 38 Prozent der Väter die Partnermonate in Anspruch.
    5. Ambivalenzen und Spezifika in ostdeutschen Paar-Arrangements und väterlichen Praxen

      Cornelia Behnke, Sylka Scholz
      Zusammenfassung
      Das Thema Vaterschaft ist seit einem Jahrzehnt in den Medien äußerst präsent, die Anfänge einer solchen Diskursivierung lassen sich bis in die 1980er Jahre zurückverfolgen. Die ‚neuen Väter‘ waren seinerzeit jedoch, wie Marlene Stein-Hilbers konstatierte, mehr ein Medienkonstrukt als eine verbreitete soziale Praxis. Hinter dieser seitdem nicht mehr verstummenden Rede über die ‚neuen Väter‘ stecken tiefgreifende Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen, die auch die bisherige Organisation der gesellschaftlichen Reproduktion(sarbeit) grundlegend betreffen. In der öffentlichen, aber oftmals auch in der wissenschaftlichen Diskussion richtet sich der Blick dabei vorrangig – bewusst oder unbewusst – auf die westdeutschen Mittelschichten, die als Träger eines Wandels der Geschlechterverhältnisse hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit wahrgenommen werden, während andere soziale Milieus nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken oder gar als rückständig angesehen werden.
    6. Nicht/Männlich: Alltag, Prekarität und soziale Reproduktion

      Stephan Trinkaus, Susanne Völker
      Zusammenfassung
      In der sozialwissenschaftlichen Debatte um aktuelle Transformationsprozesse in westlichen, postfordistischen Ländern werden vielfältige soziale Phänomene in ihren Verflechtungen als Krise der sozialen Reproduktion verhandelt und problematisiert. Es geht dabei darum, dass gesellschaftliche Zusammenhänge als globalisierte und zugleich noch nationalstaatliche Raum- und Sozialkonstellationen sich nicht mehr in gewohnten Pfaden reproduzieren – weder auf der Ebene des staatlich-institutionellen noch des ökonomischen und gleichermaßen sozialen Handelns. Krise der sozialen Reproduktion meint, dass die Hervorbringungen und Sicherungen von Leben sich anders konstellieren und dass damit bisherige Reproduktionsmodelle gravierend verändert werden.
  5. Selbstreproduktion männlicher Kollektividentitäten

    1. Frontmatter

    2. Zur symbolischen Reproduktion von Männlichkeit am Beispiel der historischen Formierung des Ingenieurberufs

      Tanja Paulitz
      Zusammenfassung
      Die Reproduktion der Technik als Männerdomäne ist in unseren, sich als westlich- modern verstehenden Gesellschaft en – gleichsam allen gleichstellungspolitischen Initiativen zum Trotz – weitgehend ungebrochen. Ebenfalls trotz, ggf. aber auch gerade aufgrund dieser vermeintlichen Selbstverständlichkeit scheint der Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Technik nur ein relativ geringes Forschungsinteresse in den Sozial- und Kulturwissenschaft en zu wecken. Auch innerhalb der Männlichkeitenforschung spielt die Technikfrage bislang nur eine marginale Rolle. Demgegenüber sind die technischen Männerdomänen ein bevorzugter Gegenstand, wenn es um die Persistenz horizontaler Segregation von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt geht.
    3. „Eine große Familie“

      Das historische Seminar und die Vermännlichung der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert Falko Schnicke
      Zusammenfassung
      Die deutsche Geschichtswissenschaft gilt als Disziplin, die während ihrer diskursiven und institutionellen Etablierung im späten 18. und 19. Jahrhundert männlich kodiert worden ist.
    4. Ausweisungen als Element der (Re-)Produktion kolonialer Maskulinität während der deutschen Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika (1884-1915)

      Jan Severin
      Zusammenfassung
      Maskulinitätskonzeptionen wurden auf verschiedenen Ebenen des deutschen Kolonialismus in Deutsch-Südwestafrika (DSWA) verhandelt und beeinflussten die Formierung kolonialer Herrschaftspraktiken. Dies hat bislang kaum einen Niederschlag in der Forschung gefunden, auch wenn es zu den Kolonialismen anderer Nationen mittlerweile eine wachsende Anzahl von Arbeiten gibt, welche die Bedeutung von Maskulinitäten analysieren. Die folgenden Ausführungen sind deshalb explizit als ein Beitrag dazu zu verstehen, diese These mit historischem Material zu belegen.
    5. Männlichkeit im Radikal-Pietismus des 18. Jahrhunderts

      Christina Petterson
      Zusammenfassung
      Der Fokus dieses Artikels liegt auf einer kleinen, aber bedeutsamen religiösen Gemeinschaft, der (Herrnhuter) Brüdergemeine und seiner besonderen geschlechtsspezifischen Mitgliederorganisation. Die Brüdergemeine hatte im 18. und 19. Jahrhundert viele Gemeinden in ganz Europa sowie in verschiedenen Kolonien und ist bis heute noch aktiv. Im Folgenden geht es um den Ursprungsort Herrnhut in der Oberlausitz in der Mitte des 18. Jahrhunderts.
  6. Reproduktion männlich dominierter Machtverhältnisse im Netz und in den neuen Medien

    1. Frontmatter

    2. Reproduktion männlicher Machtverhältnisse in der Online- Enzyklopädie Wikipedia

      Andreas Kemper, Charlott Schönwetter
      Zusammenfassung
      Vor allem postkoloniale und Genderforschungen der letzten Jahrzehnte haben offen gelegt, wie Wissensproduktionen durch Differenzkategorien wie Geschlecht, race und Klasse beeinflusst werden. So spiegeln Enzyklopädien wie die Encyclopaedia Britannica oder der Brockhaus keine ‚objektive‘ Abbildung eines Wissenstands wider, sondern reproduzieren Machtstrukturen durch Auswahl, Textgestaltung und Zugänglichkeit. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wollte dieser Art der Wissensproduktion und –sammlung etwas entgegensetzen, das eben jene Machtstrukturen aufb richt.
    3. Männliche Strategien im deutschsprachigen Gangsta-Rap im Umgang mit weiblichem Empowerment

      Malte Goßmann, Martin Seeliger
      Zusammenfassung
      Gangsta-Rap ist ein beliebtes Beispiel für Machismo und starre Geschlechtervorstellungen. So findet sich kaum ein Feuilleton-Artikel zum Thema, in dem nicht explizit auf misogyne Darstellungsweisen weiblicher Personen in Songtexten und Musikvideos verwiesen wird. Auch wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema teilen den Befund, dass im Gangsta-Rap männliche Dominanz und Frauenverachtung herrschen.3 Bei näherer Betrachtung erscheint die Geschlechterordnung allerdings keineswegs so eindeutig.
    4. Männlichkeiten in queer-feministischen Blogs

      Gesche Gerdes, Anna Seidel
      Zusammenfassung
      In der letzten Zeit hat sich im deutschsprachigen Raum ein queer-feministischer Diskurs entfaltet, der weniger eine einheitliche Theorie ist, sondern vielmehr „ein offenes politisches und theoretisches Projekt“. Als besonders geeignete Orte für die offene Auseinandersetzung um Diskriminierung und Privilegierung mit intersektionaler Perspektive haben sich Blogs etabliert, da hier relativ barrierearm Diskussionen geführt werden können, was zum Beispiel bei queer-feministischen Periodika schwieriger ist, da diese zeitlich und räumlich begrenzter sind als Blogs.
    5. Touch of Concern

      Queere Mikropolitiken affektiver Reproduktion bei GayRomeo und Grindr Katrin Köppert
      Zusammenfassung
      Die Beschreibung ‚schwules Einwohnermeldeamt‘ ist eine im Feuilleton häufig wiederverwendete Setzung der Gründer und Administratoren des Online-Dating- Portals GayRomeo. Die sexuelle Identität als behördliches Melderegister zusammengefasst, legitimiert nicht nur den Zugang und Aufenthalt, sondern standardisiert den Raum als solchen des Zusammen-Wohnens – so zumindest verankern es die Gestalter GayRomeos und ist es der unterschwellige Tenor der Organisation und Kanalisation ihres diskursiven Sprechens und Handelns. Die Registrierung als Einwohner soll, den (bild)diskursiven Markierungen zufolge, Idee einer weltweiten Kommunikation werden und die Wohngemeinschaft mit Sendungsbewusstsein ausstatten.
  7. Backmatter

Titel
Männlichkeit und Reproduktion
Herausgegeben von
Andreas Heilmann
Gabriele Jähnert
Falko Schnicke
Charlott Schönwetter
Mascha Vollhardt
Copyright-Jahr
2015
Electronic ISBN
978-3-658-03984-4
Print ISBN
978-3-658-03983-7
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-03984-4

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