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12.08.2015 | Management + Führung | Im Fokus | Onlineartikel

Dienst ist Dienst, aber Urlaub nicht Urlaub

Autor:
Andrea Amerland

Das Feriendomizil mit Meerblick verspricht einen schönen Urlaub. Doch viele Mitarbeiter sitzen lieber mit Laptop und Smartphone bewaffnet am Pool und lesen dienstliche E-Mails.

Rund 56 Prozent der deutschen Arbeitnehmer fühlen sich laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes im Beruf oft unter Zeitdruck und gehetzt. Und Stress am Arbeitsplatz schadet der Gesundheit nachweislich. Rücken- und Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Schlafstörungen, Bluthochdruck und Depressionen gehören zu den Symptomen, belegen zahlreiche Untersuchungen. Oft sind es aber die Mitarbeiter selbst, die Raubbau an der eigenen Gesundheit betreiben. Sie legen ein hohes Arbeitstempo vor, gehen auch noch krank zur Arbeit, machen keine Pausen und gefährden sich somit selbst, so eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung.

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Und damit nicht genug: Jeder vierte nimmt Arbeit mit in den Urlaub. Jeder Zehnte wird vom Chef oder den Kollegen gestört. Und jeder Sechste nimmt sich nur frei, um endlich in Ruhe arbeiten zu können. Das sind Ergebnisse einer Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Sie hat 1.002 Berufstätige gefragt, ob sie tatsächlich ihren Job im Urlaub vergessen können.

Arbeitnehmer können nicht mehr abschalten

Die Studienergebnisse demonstrieren nachdrücklich: Sie können es offensichtlich nicht. Um sich nach dem Urlaub tausender unbearbeiteter E-Mails zu ersparen, liest jeder siebte Arbeitnehmer (14 Prozent) berufliche E-Mails in den Ferien. Jeder Vierte (25 Prozent) packt auf jeden Fall sein Notebook ein. Ganz besonders schlimm: Ein Viertel aller Angestellten sieht sich sogar dazu verpflichtet, auch wenn es niemand von ihnen verlangt. Drei von vier Mitarbeitern (73 Prozent) hören erst eine Woche nach Urlaubsbeginn auf zu arbeiten. Der Arbeitswahn geht aber noch weiter: Viele Berufstätige opfern sogar von Zeit zu Zeit freie Tage, um von zu Hause mal in Ruhe arbeiten zu können. Jeder Sechste (17 Prozent) nimmt sich zumindest gelegentlich einen freien Tag, um Aufgaben abarbeiten zu können.

"In der guten alten Zeit gab es eine gute alte Regel, die da lautete: Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps. Die Regel war nicht ohne Ausnahme: Manche tranken im Dienst, andere schufteten am Feierabend", zitiert Springer-Autor Martin-Niels Däfler "Zeit"-Redakteur Jens Jessen in einem Beitrag zum Thema "Volkskrankheit Stress". Die Zeiten, in denen sich Arbeit- und Privatleben strickt trennen ließen, sind tatsächlich vorbei: E-Mails via Smartphone abrufen zu können und immer erreichbar zu sein, erschweren das Abschalten.

Eine gesundheitsförderliche Führung etablieren

Viele Unternehmen nehmen die Verfügbarkeit rund um die Uhr gerne hin und schieben die Verantwortung an den Mitarbeiter ab, der sich im Zuge des Selbstmanagements eigenverantwortlich um seine Gesundheit kümmern muss. Doch diese Haltung greift zu kurz. Bei der Prophylaxe sind "Führungskräfte in der Verantwortung", so Springer-Autor Ulrich Scherrmann. Er plädiert für eine gesundheitsförderliche Führung, die über das betriebliche Gesundheitsmanagement von der Stange hinaus geht. Führungskräfte beeinflussen die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und verhindern Distress unter anderem durch (Seite 137):

  • Aufbau bzw. Erhalt von Ressourcen;
  • Steuerung des Arbeitsinhaltes;
  • Möglichkeiten zur Arbeitsgestaltung;
  • Widersprüche in Strategie, Strukturen oder Prozessen etc. mit Zielen der Gesundheitsförderung aufdecken;
  • gute Planung und Organisation: gute Rollenklärung, klarer Führungszyklus, klare Ziele, Aufgaben und Kompetenzen;
  • gute Kommunikationsstruktur: einfache Informationswege, rechtzeitige und umfassende Informationen bei strategischen Entscheidungen;
  • Ermöglichung von Sinn;
  • gute finanzielle Bedingungen: gute Sozialleistungen, gerechter Lohn;
  • Respektvoller Umgang mit Mitarbeitern und Anerkennung für Leistungen.

Wichtig ist es zudem, so Scherrmann weiter, dass Führungskräfte Krisenmerkmale und Burnout-Symptome frühzeitig erkennen und intervenieren. Zu diesen Symptomen gehört auch mangelnder Abstand von der Arbeit. Und von dem kann bei Mitarbeitern, die auch im Urlaub arbeiten und rund um die Uhr für ihren Chef erreichbar sind, durchaus die Rede sein.

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