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25.09.2017 | Marktforschung | Im Fokus | Onlineartikel

Warum auf Wahlprognosen kein Verlass ist

Autoren:
Johanna Leitherer, Anja Schüür-Langkau

Die AfD geht als drittstärkste Partei aus den Bundestagswahlen hervor, die FDP hat deutlich aufgeholt und die Union kassiert trotz Wahlsieg herbe Prozentverluste. Wieso Trends und Prognosen den Wahlausgang nicht vorhersehen konnten.

Dass die als rechtspopulistisch geltende Alternative für Deutschland (AfD) dieses Jahr wohl die Fünf-Prozent-Hürde knacken und erstmals in den Bundestag einziehen würde, war abzusehen. Das unerwartet hohe Ergebnis von über 12 Prozent war für viele dann aber doch ein Schock. Zahlreiche Wählerinnen und Wähler hatten ihre Stimme dem rechten Lager offenbar spontan und aus Protest und Enttäuschung über die Regierungsarbeit der großen Koalition gegeben, heißt es am Abend der Bundestagswahlen 2017 in der Medienberichterstattung.  

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Wahlprognosen sind häufig falsch

Meinungsforscher liegen bei Wahlen oft daneben - das ist kein Einzelfall. Auch den Brexit und den Wahlsieg von US-Präsident Donald Trump hatten die Demoskopen nicht wirklich kommen sehen. Weitere Beispiele der jüngeren Vergangenheit sind die Wiederwahl des britischen Premiers David Cameron im Jahr 2015 und der erste Wahlsieg von Alexis Tsipras in Griechenland. Die Umfrageergebnisse ergaben im Vorfeld bei beiden Wahlen eine knappes Kopf-an-Kopf-Rennen der Kandidaten. Beide gewannen jedoch mit großen Mehrheiten.  "In praktisch allen Fällen hatten im Vorfeld bestimmte, vor allem durch demoskopische Befunde gespeiste Erwartungen bestanden, die sich dann an den jeweiligen Wahltagen nicht materialisierten", analysiert Springer-Autor Thorsten Fass in seinem Beitrag "Demoskopische Befunde – ihre Hintergründe, ihre Verarbeitung, ihre Folgen" auf Seite 8. 

Das liegt unter anderem daran, dass Institute immer nur eine begrenzten Gruppe an Wählerinnen und Wählern befragen, die nicht zwangsläufig das gesamte Meinungsbild widerspiegeln. Obwohl die Zweistimme den Wahlausgang entscheidend beeinflusst - wie man am Prozentzuwachs der FDP erkennen kann - steht bei Befragungen die Vergabe der Erststimme häufig im Fokus, was den Wahltrend verfälschen kann. Außerdem ist anzunehmen, dass Befragte nicht immer ihre ehrliche Meinung preisgeben. Viele, die ihr Kreuz bei der AfD gesetzt haben, hatten das in Umfragen möglicherweise nicht zugegeben - oder sich spontan kurz vor Abgabe ihres Stimmzettels umentschieden. 

Die Krux von Prognosen

Prognosen können also nur schwer verlässliche Aussagen über die Zukunft treffen, weil sie sich auf Meinungsforschungsergebnisse der Vergangenheit beziehen müssen. "Zunächst ist eine Prognose immer eine Fortschreibung bekannter Entwicklungen. Ihr Ziel ist nicht die perfekte Vorhersage, sondern eine Richtungsaussage, die Schätzungen über die zu erwartenden Abweichungen von ihr beinhaltet. Häufig wird jedoch übersehen, dass allein die Durchführung der Prognose die Realität selbst beeinflusst", schreibt Katharina Schüller im Buchkapitel "Politik und Weltgeschehen" auf Seite 32. 

Dass Umfragen selbst eine wichtige Rolle im Wahlkampf spielen und das Wählerverhalten durchaus beeinflussen können, bestätigt auch Springer-Autorin Christina Holtz-Bacha. Zu diesen Effekten gibt es zahlreiche Studien aus den USA, schreibt sie in ihrem Beitrag "Politik und Wählerschaft unter Beobachtung" auf Seite 201. Dazu zählen unter anderem der

  • Bandwagon- oder Mitläufereffekt: Bereitschaft, sich einer voraussichtlich erfolgreichen Handlungsweise anzuschließen
  • Underdog- oder Mitleidseffekt: Tendenz, sich der Handlungsweise einer prognostizierten Minderheit anzuschließen
  • Defätismuseffekt: Wähler, die nicht zur Wahl gehen, weil sie davon ausgehen, dass ihre Stimme nichts mehr ändern wird
  • Lethargie-Effekt: Wähler, die nicht zur Wahl gehen, weil sie denken, dass ihre Stimme nicht benötigt wird

Verantwortung der Medien

Diese Phänomene bestätigt auch Springer-Autorin Yasmin Fahimi: "Immer erfüllen diese Umfragen den gleichen Zweck: Sie sollen Objektivität vorgaukeln, Trends zu Massenphänomenen adeln und Medien wie Werbeagenturen einen Kommunikationsanlass bieten. Sie sollen den Politikern als Fingerzeig gelten, wie das Volk tatsächlich denkt. Die Umfragen sind eine Mischung aus Abstimmung und Zwischenzeugnis, im besten Falle bieten sie im Streit einer der beiden Positionen neue Argumentationsnahrung," schreibt sie im Buchkapitel "Zahlen machen Politik – Politik machen mit Zahlen?" auf Seite 59.

Umfragen und Prognosen können, egal ob sie stimmen oder nicht, als wirkungsvolles Wahlkampfinstrument eingesetzt werden. Vor diesem Hintergrund sollten sich vor allem die Medien ihrer Rolle in diesem Spiel bewusst sein und über Prognosen entsprechend verantwortungsvoll berichten. Das sei der deutschen Medienberichterstattung bei den Bundestagswahlen 2017 oftmals nicht gelungen, beschwerte sich beispielsweise CSU-Politiker Joachim Herrmann am Wahlabend in der ARD-Sendung "Berliner Runde".

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