Skip to main content
main-content

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung

Es ist eine Epochenwende für die Sozialdemokratie. Die einst stolzen Massenparteien auf Klassenbasis, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu immer noch imposanten linken Volksparteien runderneuert hatten, nehmen eine neue Gestalt an. Die soziale Basis wurde in einem lang anhaltenden Prozess auf zweifache Weise unterspült und ausgehöhlt: Im modernen Wohlfahrtsstaat enthomogenisierte und enttraditionalisierte sich das historische Subjekt der Sozialdemokratie, die Arbeiterschaft. Zudem: Immer weniger Bewohner der alten und neuen Arbeiterquartiere finden den Weg in die Sozialdemokratie, der Zustrom von modernen Arbeitnehmern, geschweige denn den Trägern der neuen sozialen Frage(n), den „Prekariern“, „Exkludierten“ und „Überflüssigen“, ist zu dürftig, um die alte Organisationsstärke zu erhalten. Die deutsche SPD und die britische Labour Party haben in den letzen 30 Jahren rund die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. All dies kennzeichnet gewiss einen „historisch säkularen Einschnitt“ (Walter 2004: 9).
Oliver Nachtwey

2. Institutionalistische Parteiensoziologie

In den entwickelten westlichen Demokratien üben Parteien eine Reihe von gesellschaftlichen und staatlichen Funktionen aus. Wie kaum ein anderer Akteur prägen sie die politische Willensbildung, fungieren als Sinnproduzenten, bündeln und vermitteln gesellschaftliche Interessen. Sie entscheiden über Gesetze, Maßnahmen und Interventionen. Parteien ermöglichen Partizipation, legitimieren Herrschaft, kanalisieren Opposition und tragen zur politischen Integration bei. Zu ihrer Geschichte und zu ihren Funktionen gehören ebenso Spaltung, Selektion und Polarisierung. Parteien sind auch heute noch, was Max Weber (1980: 167) klassisch als „Organisationen für die Werbung von Wahlstimmen“ bezeichnete. In der Parteienforschung betrachtet man Parteien deshalb zumeist aus der Perspektive des Parteienwettbewerbs. Dabei wird untersucht, inwieweit Parteien in der Lage sind, sich an veränderte Rahmenbedingungen erfolgreich anzupassen3 bzw. den Policy-Output zu prägen.4
Oliver Nachtwey

3. Vorkeynesianische Sozialdemokratie

Die Geschichte der Sozialdemokratie ist die Geschichte ihrer Umbrüche. Als parteiförmige Artikulation der Arbeiterbewegung hat sie sich seit ihrer Gründung mehrmals gehäutet, erneuert und gewandelt. In diesem Kapitel werden die Konstitutionsmerkmale der Labour Party und der SPD vor dem Zweiten Weltkrieg vergleichend dargestellt. Ziel ist hierbei keine Geschichte der beiden Parteien, sondern eine synoptische, problembezogene Darstellung ihrer historischen Institutionalisierung (d. h. ihres „genetischen Modells“) sowie ihrer politischen Paradigmen, da diese bis zum heutigen Tag die Wandlungsprozesse der Parteien strukturieren. Dazu werden auch die ersten Protoformen der Sozialmodelle Deutschlands und Großbritanniens dargestellt, da in ihrem Schoß sich Labour Party und SPD fortan entwickeln sollten. In der abschließenden Betrachtung des Regierungshandelns werden die Grenzen des vorkeynesianischen politischen Paradigmas aufgezeigt und wird sein Scheitern analysiert.
Oliver Nachtwey

4. Wohlfahrtsstaat und keynesianische Sozialdemokratie

Die Wege der beiden Parteien nach 1945 verliefen ungleichmäßig und ungleichzeitig. Sie teilten gleichwohl eine gemeinsame Entwicklung, eine neue Sattelzeit: die Herausbildung der modernen Nachkriegssozialdemokratie, die zunächst eine keynesianische war. Ihre strukturelle und politische Einbettung, ihre Zwänge, Zielkataloge und Möglichkeiten sind das Thema dieses Kapitels. Etwas mehr als ein Vierteljahrhundert, von 1945 bis etwa Mitte der 1970er Jahre, dauerte ihr Goldenes Zeitalter, das synchron zum Goldenen Zeitalter des Kapitalismus verlief. Danach begann die lange Erosion dieses politischen Modells. Im Folgenden werden zunächst die Einbettung in die wohlfahrtsstaatlich regulierte Arbeitsgesellschaft, die Bedeutung von Gleichheit und Gerechtigkeit sowie der Stellenwert der keynesianischen Epoche herausgearbeitet. Anschließend werden die Grundkonfiguration der Nachkriegssozialdemokratie, ihr erneuertes politisches Paradigma und der Wandel zur Volkspartei herausgearbeitet. Diese analytische Rekonstruktion erfährt in den nächsten Kapiteln dann Anwendung, Modifikation und Differenzierung in der Untersuchung der britischen und deutschen Spielart keynesianischer Sozialdemokratie.
Oliver Nachtwey

5. Das Goldene Zeitalter der Sozialdemokratie

Wiederum war es ein Weltkrieg, der zur Wasserscheide für SPD und Labour Party wurde. Nach 1945 waren die Ausgangsbedingungen für beide Parteien äußerst ungleich. Im Dritten Reich wurde die SPD verboten, ihre ehedem stolze Organisation zerschlagen, ihre Mitglieder wurden verfolgt. Im Jahr 1945 musste sie sich im besetzten und geteilten Deutschland politisch erst wieder konsolidieren. Die Labour Party war hingegen seit der Regierung MacDonald während der 1930er Jahre in die Opposition verbannt. Aber bereits 1940 trat sie in das Kriegskabinett unter der Führung ihres alten konservativen Widersachers Winston Churchill ein und hatte sich 1945 als „respektable“ Partei etabliert. In diesem Kapitel werden SPD und Labour Party von ihrer Konstituierung als keynesianische Sozialdemokratie bis zum Ende des Goldenen Zeitalters des Kapitalismus 1973 dargestellt. Am Ende wird eine vergleichende Einschätzung der beiden Varianten der keynesianischen Sozialdemokratie und ihrer Gerechtigkeitskonzeption entwickelt.
Oliver Nachtwey

6. Das böse Erwachen aus dem kurzen Traum

Mit ihren Prognosen lag die Sozialdemokratie historisch oft über Kreuz. Die frühe Sozialdemokratie harrte auf den Zusammenbruch des Kapitalismus, als dieser sich ausbreitete. Die keynesianische Sozialdemokratie erwartete Wachstum und Prosperität – und rutschte in die Krise. Seit den 1950er Jahren hatten SPD und Labour Party in einer globalen Wachstumskonstellation agiert, die – bei allen Problemen – eine bis dahin nicht gekannte sozialstaatliche Reformpolitik ermöglicht hatte. Diese Wachstumskonstellation fiel Anfang der 1970er Jahre auseinander. Das Jahr 1973 war das Jahr des Ölschocks, des Auseinanderbrechens des Bretton-Woods-Systems der festen Wechselkurse und der Auftakt zur weltwirtschaftlichen Krise. Es war der Beginn des weltwirtschaftlichen „long downturn“ (Brenner 1998). Dieser brachte zunächst nicht nur Arbeitslosigkeit, sondern ein Phänomen mit sich, das keynesianische Wirtschaftswissenschaftler bis zu diesem Zeitpunkt für unmöglich gehalten hatten: das simultane Auftreten von verlangsamtem Wachstum, steigender Arbeitslosigkeit und Inflation – der Stagflation.
Oliver Nachtwey

7. Die Transformation zur Marktsozialdemokratie

Als nach 1973 die ökonomische, soziale und nicht zuletzt politische Stabilität zu Ende ging, die die Welt seit 1945 geprägt hatte, war sich dessen noch niemand bewusst. Die meisten gingen davon aus, dass die Probleme der Weltwirtschaft temporär blieben. Ja, bis in die 1980er Jahre war nicht klar geworden, wie „unwiederbringlich die Fundamente des Goldenen Zeitalters bereits zerstört waren“ (Hobsbawm 1995b: 504). Erst nach den Ereignissen von 1989, dem Zusammenbruch der „realsozialistischen“ Staaten, setzte sich diese Erkenntnisse Stück für Stück durch.
Oliver Nachtwey

8. Legitimationsprobleme der Marktsozialdemokratie

In der Demokratie ist das politische System abhängig von der Massenloyalität der Bürger, die Parteien sind legitimatorisch rückgebunden an die Zustimmung in der Bevölkerung. Historisch förderte die Sozialdemokratie die Legitimität des politischen Systems durch die politische und soziale Integration der Arbeiterschaft. Nicht nur das System erhielt Legitimität, sondern auch die Sozialdemokratie als Akteur, der glaubwürdig für sich reklamieren konnte, politische und soziale Rechte sowie soziale Sicherheit durchzusetzen. Denn sozialstaatliche Sicherheit ist, „wenn nicht Grundlage, so mindestens eine notwendige Bedingung der Legitimität“ (Habermas 1973: 288).
Oliver Nachtwey

Backmatter

Weitere Informationen

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Entwicklung einer Supply-Strategie bei der Atotech Deutschland GmbH am Standort Feucht

Die Fallstudie zur Entwicklung der Supply-Strategie bei Atotech Deutschland GmbH beschreibt den klassischen Weg der Strategieentwicklung von der 15M-Reifegradanalyse über die Formulierung und Implementierung der Supply-Rahmenstrategie. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Ableitung und Umsetzung der strategischen Stoßrichtungen sowie die Vorstellung der Fortschreibung dieser Strategie. Lesen Sie in diesem Whitepaper, wie die Supply-Strategie dynamisch an die veränderten strategischen Anforderungen des Unternehmens angepasst wurde. Jetzt gratis downloaden!

Bildnachweise