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13.11.2013 | Medien | Interview | Onlineartikel

"Journalisten stoßen permanent an ihre Grenzen"

Ein effektives PR-Instrument im wissenschaftlichen Gewand? Redaktionen greifen Studien gerne auf. Warum gerade Finanzjournalisten die Fakten besonders gründlich prüfen sollten, erklärt Thomas Leif im Interview.

Springer für Professionals: Wenn wissenschaftliche Institute oder Privatinstitute Studien zum Finanzwesen auflegen - welche Sorgfaltspflicht trägt hier der Journalist bei der Recherche? Wird aus Ihrer Sicht genug nachgefragt, woher Informationen stammen und sauber genug zitiert?

Thomas Leif: Gerade der Markt der Ökonomie und des Bankenwesens wird von einer Flut so genannter "Studien" überschwemmt, die sich häufig widersprechen und auf einer fragwürdigen wissenschaftlichen Grundlage beruhen. Es herrscht eine babylonische Sprachverwirrung und ein Hang zur einfachen, interessengeleiteten Botschaft, die nur von einer "Studie" untermauert werden soll. Viele Journalisten verbreiten diese "Studien", weil sie dem Lockstoff der Komplexitätsreduzierung folgen. Es geht auch nicht zunächst um eine Informationspflicht, sondern um Informationsverstehen. Journalisten müssen lernen das jeweilige Forschungsdesign und Forschungsinteresse zu entziffern und vor allem Vergleichsdaten bei der Überprüfung heranzuziehen. Die Nennung von Auftraggebern und des Kontextes einer Studie sind eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Oder muss man ehrlicherweise sagen, dass hier auch der Journalist an seine Grenzen stößt und man darauf pochen sollte, dass Interessenskonflikte offengelegt werden, wie es bei wissenschaftlich begutachteten Artikeln im Pharma-Bereich längst der Fall ist?

Journalisten stoßen permanent an ihre Grenzen. Der frühere Bundespräsident Horst Köhler hat sie deshalb ja auch als Experten für bewusstes Missverstehen bezeichnet. Sicher wäre die Verpflichtung auf die Standards der "Peer-Review-Verfahren" hilfreich. Aber damit würden die Auftraggeber ja ihr Motiv für die Studien - der Platzierung von bestellten Wahrheiten - selbst durchkreuzen. Diese Einsicht in Qualitäts-Standards ist eher unwahrscheinlich.

Was muss eine Finanzpublikation leisten, um wirklich unabhängig zu berichten? Worauf muss man gerade in einer Zeit, in der die Finanzbranche versucht, massiven Einfluss auf die Regulierung zu nehmen, beachten?

Ganz einfach. Zunächst nur Studienergebnisse veröffentlichen, die sauber erstellt und echten Neuigkeitswert oder aber Relevanz haben. Dies lässt sich mit Hilfe ausgewiesener Fachleute relativ schnell bewerkstelligen. Wenn dann noch der Kontext der Studie sorgfältig erläutert und ein historischer Abgleich zum jeweiligen Stoff hergeleitet wird, steigt der Nutzwert. Umgekehrt könnte man die primitiven, bestellten Botschaften - verpackt als Studie - kurz präsentieren und die offenkundigen Mängel dokumentieren. Also - die Spreu vom Weizen trennen.

Gibt es Strategien für verdeckten Lobbyismus, die für den Finanzbereich kennzeichnend sind? Also etwas, was Finanzlobbyismus von anderen Branchen unterscheidet?

Thomas Leif: Ja. Finanzlobbyisten sind meist härter, ausdauernder, konsequenter und noch besser mit der Politik (vor allem der Ministerialbürokratie) verdrahtet, als die Vertreter anderer Branchen. Dafür gibt es einen einfachen Grund: ihre Ressourcen-Ausstattung ist opulent, es geht um die Verhinderung bzw. Beeinflussung von Regulierungen. Auf diesen Regulierungen klebt meist ein Preisschild. Zweites Unterscheidungsmerkmal: Lobbyisten im Finanzmarkt waren in den vergangenen Jahren s e h r erfolgreich. Vielleicht zu erfolgreich, wie einzelne Top-Akteure einräumen. Der Preis dafür ist die Vertrauensvernichtung bei vielen Kunden; nur: der lässt sich nicht einmal mit der "passion to marketing" regulieren.

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