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12.10.2015 | Medien | Im Fokus | Onlineartikel

Sieben Tipps, wie Sie Online-Nutzer garantiert vergraulen

3:30 Min. Lesedauer

Was ist erfolgreicher Online-Journalismus? Dieser Frage widmet sich Springer-Autorin Gabriele Hooffacker mit ihrer Kolumne und wirft einen satirischen Blick auf das redaktionelle Arbeiten im Web.

Das Internet macht es möglich. Jeder, der einen Computer oder ein Handy besitzt, kann heute Artikel online pubilizieren oder in sozialen Medien posten: Hinsetzen, schreiben, wie man spricht – fertig! Oder schnell ein Video mit den Smartphone drehen und auf YouTube stellen – Bearbeiten lohnt sich nicht! Schnell und möglichst kostengünstig soll es sein. Wer journalistische Qualität in Netz für unwichtig hält oder der Ansicht ist, dass alle weiteren Überlegungen in Richtung Schreiben und Gestalten für Online-Medien überflüssig sind, findet hier sieben wertvolle Tipps. Besonders Punkt sieben wird Ihre Reputation im Web garantiert verändern. Vorsicht, Satire!

Sieben Tipps mit Erfolgsgarantie

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  1. Content ist unwichtig: Content wird gnadenlos überschätzt. Deshalb kaufen Sie Ihren Content möglichst billig irgendwo ein. Überlegungen zu Zielgruppen, Ziel und Konzept oder gar zu Inhalten sind völlig überflüssige Zeit- und Geldverschwendung.

  2. Kümmern Sie sich nicht um Ihre Nutzer: Ihr Online-Angebot richtet sich ausschließlich an Experten auf genau einem speziellen Fachgebiet. Nämlich demjenigen, von dem der Beitrag handelt, den Sie als Superexperte gerade erstellt haben. Wer den nicht versteht, gehört sowieso nicht hierher. Und geben Sie auf keinen Fall Feedback-Möglichkeiten. Sonst müssten Sie sich mit der Meinung Ihrer Nutzer ja auch noch auseinandersetzen und eventuell darauf reagieren. Falls doch jemand mal was auf Facebook kommentiert: Schnell löschen.

  3. Verstecken Sie Ihre Informationen gut: Am besten am Textende. Das macht sich insbesondere bei mobiler Nutzung auf kleinen Bildschirmen gut. Sie wollen doch Ihre Nutzer neugierig machen. Und wer nicht bis zum Schluss liest, ist selbst schuld. Auch visuell kann man viel dazu tun, dass Informationen schlecht auffindbar sind – Links nicht optisch hervorheben, dafür Text unterstreichen, der sich nicht anklicken lässt, Nutzerfreundlich grün auf türkis schreiben...

  4. Online-gerechte Aufbereitung ist Zeitverschwendung: Ihre Nutzer haben Zeit in Hülle und Fülle. Sie lieben Hintergrund-Musik, Animationen, die Minuten zum Laden brauchen, Texte, die mehr als 500 Wörter umfassen und vor allem lange, kompliziert geschriebene Sätze. Das alles sorgt für möglichst lange Verweildauer auf Ihrem Online-Angebot oder Ihrer App.

  5. Aufbau und Impressum versteht sowieso niemand: Für möglichst langes Suchen und Navigieren auf Ihrer Site ist es wichtig, alle Inhalte zwischen den Menüpunkten „Information“, „Wissenswertes“ und „Interessantes“ aufzuteilen. Dann weiß garantiert niemand, was sich wo verbirgt – langes Suchen ist garantiert. Eine Rubrik „Impressum“ oder „Kontakt“ hingegen ist überflüssig – daran verdienen ohnehin nur die Anwälte. Und vor allem keine Mailadressen angeben. Am Ende schreiben die Leute Ihnen dann noch E-Mails. (Nur schade um die schönen Spam-Mails, die Sie dann nicht erhalten).

  6. Kümmern Sie sich nicht um SEO: Manche Ahnungslose benutzen Google. Was für ein Fehler – sie sollen sich lieber durch Ihr liebevoll gestaltetes Menü wühlen (siehe oben), anstatt die in Deutschland beliebteste Suchmaschine zu befragen. Wer es dann doch tut und Sie dort nicht findet – selber schuld. Auch nichtssagende und unaussprechliche Domainadressen sind hier sehr hilfreich.

  7. Ihre Nutzer sind blöd – behandeln Sie sie auch so: Online-Nutzer können nicht zwischen Werbung und Information unterscheiden, machen aber gern jede Design-Marotte mit. Insbesondere auf Facebook werden sie auch gern angeschrien (ALLES IN GROSSBUCHSTABEN; FETT; BUNT UND MIT VIELEN AUSRUFEZEICHEN!!!!). Dass es unterschiedliche Textsorten und Darstellungsformen gibt, die jeweils entsprechenden Aufbau verlangen, muss weder Ihre Nutzer noch Sie interessieren. Mischen Sie munter native Werbung und redaktionellen Content, dann verdienen Sie mit an der Dummheit Ihrer Nutzer. Packen Sie auf Ihre Startseite ein schönes Katzenvideo, das geht immer.

Wer diese Tipps beherzigt, verliert garantiert das Vertrauen seiner Online-Nutzer. Viel Erfolg!

Zur Person
Gabriele Hooffacker hat die Journalistenakademie in München gegründet und ist Professorin für den Lehrbereich "Medienadäquate Inhalteaufbereitung" an der HTWK Leipzig. Ihr Buch "Online-Journalismus" gibt praktische Anregungen für das Texten und Konzipieren von Online-Artikeln und ist in der Reihe Journalistische Praxis erschienen.

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