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02.05.2013 | Medien | Interview | Onlineartikel

Vom Informieren zum interaktiven Dialog

Autor:
Andrea Amerland
4:30 Min. Lesedauer

Abstrakt, trocken, nicht vermittelbar: Wissenschaftskommunikation steht vor vielen Herausforderungen wie jetzt auch dem Web 2.0. Ein Interview mit Klaus-Dieter Müller, Autor des Fachbuches "Wissenschaft in der digitalen Revolution".

Springer für Professionals: Wissenschaftlern wird oft vorgeworfen, empirische Forschungsergebnisse aufgrund der wissenschaftlichen und für den Großteil der Bevölkerung unzugänglichen Sprache nicht richtig an die breite Masse zu kommunizieren. Herr Müller, welche Probleme sehen Sie in der Wissenschaftskommunikation?

Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller: Es ist richtig, dass Spezialsprachen, methodische Spezialisierung und relative Abgeschlossenheit von Wissenschaft die Kommunikation und Interaktion mit vielen Gruppen der Gesellschaft erheblich erschweren. Um deutlich zu machen, dass es mir aber nicht um plakative Vorwürfe gegen Wissenschaftler/innen und ihre Kommunikationsfähigkeit geht, sei vorausgeschickt, dass die operationale Geschlossenheit selbstreferenzieller Systeme in hohem Maße identitätsfördernd ist und die Effizienz der Systeme steigert. Andererseits wird immer deutlicher, dass die Massenmedien den Kriterien "Nachrichtenwert“ und vor allem "Unterhaltung“ folgen und darüber hinaus diese beiden sich scheinbar widerstrebenden Formate noch miteinander verbinden. Diese Entwicklung scheint unvereinbar mit den Zielen der Wissenschaft.

Dennoch hat die Gesellschaft ein Recht darauf, vor allem in den stärker an die gesellschaftliche Umwelt gekoppelten Wissenschaften verständlich zu erfahren, welche Erkenntnisse es gibt und welche Handlungsoptionen bestehen. Dazu gehören etwa die sog. Lebenswissenschaften (Biowissenschaften) ebenso wie der von mir als "Überlebenswissenschaft" bezeichnete Bereich der Klima- und Klimafolgenwissenschaft. Das kann bei der Komplexität und Vielfalt von Medien im digitalen Zeitalter nicht zuerst Aufgabe des Wissenschaftlers/der Wissenschaftlerin selbst sein, es bedarf eines neuen Typus von Wissenschaftsjournalisten, der sich nicht in bloßer PR-Arbeit erschöpft, sondern weit darüber hinaus in der Lage ist, die Breite der Kommunikationsformate und -technologien zu bedienen. Dafür muss er/sie auch wissen, welche gesellschaftlichen Zielgruppen ich wo und mit welchen Medien erreiche.

Und wie verhält es sich mit der Kommunikation von wissenschaftlichen Themen im Zuge der steigenden Bedeutung des Webs 2.0?

Mit dem Internet und den so genannten "Social Communities“ sind völlig veränderte Kommunikationsmuster entstanden. Diese Entwicklung führt zu relevanten Kontrollverlusten der PR. Zum anderen werden Nachrichten nicht mehr nur "konsumiert“, sondern finden ihre Zielgruppen und das eigene Netzwerk entscheidet über die Relevanz eines Themas. Das erfordert für die Wissenschaftskommunikation neue Recherchetechniken, interaktive Formate und neue Formen der Distribution (z. B. Smart Education als Fortentwicklung des E-Learnings, Open University u.v.m.).

Anhand welcher Art von Medien kann die Wissenschaft kommunizieren, um den Durchbruch zum "Medium für jedermann“ zu schaffen?

Die Komplexität wissenschaftlicher Erkenntnisse muss je nach Zielgruppe der jeweiligen Medienformate so reduziert werden, dass die barrierefreie Aufnahme gewährleistet ist. Es geht um die Bereitstellung von Medien mit unterschiedlicher Komplexität und interaktiven Möglichkeiten des Verstehens und Gestaltens, um sehr heterogene Zielgruppen erreichen zu können (complexity on demand). Das beginnt mit den Kindern und Jugendlichen, die vor allem durch Animationsfilme, "Wimmelbilder“ und Games zunehmend geprägt werden, bis hin zu Unternehmern, denen man mit Beispielen dokumentarisch deutlich machen kann, wie viel mehr Geld mit nachhaltiger Wirtschaft zu verdienen ist als mit konventioneller.

Wie beurteilen Sie die oftmals reißerische mediale Darstellung von Wissenschaftsthemen in bekannten TV-Formaten? Was denken Sie, welche Gefahren bringen diese Sendungen mit sich?

Nach vielen – filmisch auch hervorragend produzierten – Blockbustern zu Naturgefahren fehlt der Bevölkerung in Deutschland und Mitteleuropa immer noch ein Mindestmaß an wirklicher Betroffenheit, die zu eigenen Verhaltensänderungen führen könnte. Der Effekt wird als gelungenes Erlebnistool wahrgenommen, führt aber nicht zum Umdenken. Es muss gelingen, den Menschen in seiner Realität abzuholen, ihm spielerisch die Alternativen zu vermitteln, die durch gesellschaftliches, aber auch sein eigenes Handeln bestimmt werden.

Welche Erkenntnisse rund um die Wissenschaftskommunikation lassen sich auf "grüne Unternehmen" oder auf etwa Energiekonzerne übertragen. Erstere müssen ihre Nachhaltigkeit beweisen, letztere gegen ein negatives Image kämpfen?

Die Bedingungen der digitalen Mediengesellschaft sind für alle Teilnehmer gleich. Und es ist langjährige Praxis, dass sich umweltproblematische Unternehmen medial gerne in ein anderes Licht rücken ("green washing“). Aber gerade die Möglichkeiten des Internets geben allen die Recherchemöglichkeiten an die Hand, das medial Behauptete an der Realität zu messen.

Viel schwerer wiegen die sog. "Klimaskeptiker“, die menschliche Verantwortung für den Klimawandel bestreiten. Sie sind zwar wissenschaftlich widerlegt, aber interessengeleitet und gut finanziert. Sie versuchen insbesondere im Netz die Themen selbst zu setzen und wie man an der "Tea-Party-Bewegung“ in den USA sehen konnte, sind sie auch nicht ohne politischen Einfluss. Hier gilt es, wachsam zu sein, auch bei uns.

Die Medien lieben das Thema "Klima". In Ihrem Fachbuch "Wissenschaft in der digitalen Revolution" beschreiben Sie Möglichkeiten der Wissenschaftskommunikation am Beispiel der Klimaforschung. Welche Bedeutung hat das Thema auch für andere Wirtschaftszweige?

Ich habe bereits von den Kontrollverlusten der PR gesprochen. In den nächsten Jahren wird sich die Wissenschafts-, aber auch die Unternehmenskommunikation vom Informieren zum interaktiven Dialog weiterentwickeln müssen. Was auch ungeheure Möglichkeiten für die Motivation und die Kundenbindung beinhaltet. Leider beschäftigen sich viele, insbesondere mittelständische Firmen, noch zu wenig mit den digitalen Medien und ihren Wirkungen auf Mitarbeiter und Kunden.

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