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20.01.2015 | Medien | Im Fokus | Onlineartikel

"Das Medium Tageszeitung wird nicht abgeschrieben"

2014 war eine weiteres Krisenjahr für den Journalismus. Doch die Redaktionen liegen nicht am Boden. Sie suchen ihr Glück mit neuen Strategien im Online-Geschäft, so Springer-Autor Leif Kramp im Interview. Mit Erfolg?

Springer für Professionals: Sie haben die Situation deutscher Tageszeitungsredaktionen aus Sicht der Betroffenen analysiert. Wie ist die Stimmung bei den Redakteuren? Herrscht Angststarre oder Aufbruchsstimmung? Schließlich geht das Zeitungssterben um … und die Anforderungen an Redakteure sind enorm gewachsen.

Leif Kramp: So unsicher und angespannt das derzeitige Geschäft mit Zeitungen und Zeitschriften auch erscheinen mag: Die Stimmung in den Zeitungsredaktionen ist überwiegend ausgeglichen. Angesichts der Schließung oder Zusammenlegung von Redaktionen und immer neuer Entlassungswellen war zu vermuten, dass Krisenstimmung vorherrscht. Doch lassen sich viele Journalistinnen und Journalisten in den Zeitungsverlagen nicht von der Sorge um das Medium Tageszeitung bekümmern und glauben an eine durchaus positive Zukunft für den Journalismus – meist jedoch nicht in Druckform, sondern online. Optimismus überwiegt: Eine wesentliche Voraussetzung für den überfälligen – und selbstbestimmten – Aufbruch in die digitale Moderne.

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Sie haben natürlich nicht nur die Befindlichkeiten von Tageszeitungsredakteuren in den Blick genommen, sondern auch Muster, Mechanismen und Zusammenhänge des digitalen Wandels betrachtet. Welches Ergebnis hat Sie am meisten überrascht und warum?

Der digitale Medienwandel verändert nicht nur die Presselandschaft, sondern prägt insgesamt und übergreifend die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir uns informieren und unsere Beziehungen pflegen. Überraschend daran ist weniger, dass sich neue Rollenbilder im Journalismus herausbilden, die von den Befragten hauptsächlich im Bereich des Community Managements, also z.B. bei der redaktionellen Nutzerbindung unter anderem über die sozialen Medien, gesehen werden. Es erstaunt vielmehr, dass angesichts dieser unumkehrbaren Entwicklung in den Redaktionen von den Möglichkeiten der Nutzerbeteiligung mittels Partizipationsangeboten nur rudimentär Gebrauch gemacht wird.

Wo sehen Zeitungsredakteure den größten Handlungsbedarf, um das Medium Tageszeitung in die digitale Zukunft zu retten?

Die Befragten kennzeichnet ein fester Glaube in die Relevanz des Journalistenberufs und seiner gesellschaftlichen Kontroll- und Kritikfunktion. Das Medium Tageszeitung wird zwar nicht abgeschrieben, doch trauen ihm die wenigsten zu, über den Zeitraum der nächsten zehn Jahre seinen Status zu behaupten. Für wichtig erachtet wird ein systematisches Innovationsmanagement, das nicht nur auf Geschäftsführungsebene Konzepte entwickelt und umsetzt, sondern auch die Redaktion einbindet: Viele unserer Befragten lassen sich als Innovatoren beschreiben, die mit ihrer Erfahrung und ihrem Handwerkszeug in den unternehmensrelevanten Entscheidungsprozessen ihren Beitrag leisten möchten, um für journalistische Inhalte neue Erlösoptionen zu erschließen. Dies wird auch in einem noch intensiveren Dialog mit den Nutzern gesehen, hat aber in der Breite noch keine vorrangige Priorität.

Und wo würden Redakteure bei sich selbst ansetzen, wenn es darum geht, neue Fähigkeiten zu erwerben, um dem digitalen Wandel erfolgreich begegnen zu können?

Der durchschnittliche Zeitungsredakteur möchte die Kommunikationsdistanz zum Publikum verringern. Wie dies jedoch geschehen soll, wird sehr unterschiedlich bewertet. Die meisten setzen in der redaktionellen Praxis auf die Nutzung von Social Media, also insbesondere sozialer Netzwerkplattformen. Auch können sich zumindest ein Drittel der Befragten vorstellen, den Leser in die Recherche und in die Publikation eines Themas einzubeziehen. Dies sind vor allem solche Befragten, die eine Aufbruchsstimmung in ihrem Feld diagnostizieren. Eine konstruktiv positive Sicht auf die aktuelle Entwicklung kann also durchaus zu einer größeren Veränderungsbereitschaft und Offenheit beitragen. Die Voraussetzungen dafür sind günstig: Die Befragten geben sich insgesamt nicht als lernscheu, sondern erklären zu über zwei Drittel, dass sie in den vergangenen drei Jahren mindestens eine Weiterbildungsmaßnahme besucht haben.

Wie sieht Ihre Handlungsempfehlung für die Zeitungsmacher aus?

Es braucht in erster Linie zielgerichtete Maßnahmen zur Entwicklung plattformübergreifender Projekte unter maßgeblicher redaktioneller Beteiligung: Setzt ein Verlag auf die crossmediale Vermarktung von journalistischen Inhalten, reicht das längst nicht mehr aus. Gefragt ist ein systematisches Innovationsmanagement, das die Erprobung neuer journalistischer Ideen nachdrücklich fördert. Dazu gehört zum einen die Verbesserung der verlagsinternen Zusammenarbeit von redaktionellem Print- und Online-Personal, von Entwicklern und Vermarktern statt ihrer gegenseitigen Entfremdung durch intransparente und hochdifferente Vertragsgestaltung. Zum anderen möchten und müssen die Redaktionen noch stärker in die Verantwortung genommen werden, wenn es um die Gestaltung publizistischer wie unternehmerischer Zukunftsstrategien geht – was jedoch eine nachhaltige Investition in die journalistischen Kernbereiche der Medienhäuser voraussetzt.

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