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2022 | Buch

Menschenbilder und Digitalisierung

The Human Default aus interdisziplinärer Sicht

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Über dieses Buch

Der Einfluss digitaler Technologien auf organisatorische Abläufe und die Interaktion zwischen Beteiligten nehmen in der Gesellschaft ständig zu. An der Schnittstelle von Mensch und Technik beschreibt dieses Buch im Rahmen eines interdisziplinären Ansatzes unterschiedliche Menschenbilder und -modelle. Es ermöglicht somit einen spannenden Perspektivwechsel auf die Entwicklung und den Einsatz digitaler Technologien. Erkennbar werden dabei zahlreiche Gemeinsamkeiten, aber auch gegenläufige Positionen aus technischer, ethischer, pädagogischer oder rechtlicher Sicht.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
1. Mensch, Person, Subjekt und Liebe – Über Modellierungen des Menschen in der Philosophie
Zusammenfassung
Modellierungen des Menschen in anderen Disziplinen steht das philosophische Interesse gegenüber, den Menschen in seinem Wesen zu entdecken und somit gerade von Vor- bzw. Verstellungen zu befreien. Im emanzipatorischen Ansatz der Aufklärung fordert die Philosophie dabei, dem Individuum die weitgehend unbehelligte Entfaltung seiner Persönlichkeit zu ermöglichen. Dem steht freilich teilweise entgegen, dass soziale Interaktion immer auch Einfluss nimmt auf das Gegenüber in seiner Wandelbarkeit. Daraus resultiert eine Verantwortung im Hinblick auf die Konsequenzen des eigenen Handelns, aber auch dessen Maximen.
Carmen Kaminsky
2. Über die Bedeutung digitalisierter Menschenbilder in der Sozialen Arbeit
Zusammenfassung
Die Digitalisierung der Gesellschaft führt zunehmend zu einem Verschmelzen der außer- mit den innermedialen Sphären, nicht nur im Bereich der Kommunikation. Das Menschenbild, das der Nutzung von digitalen Medien innewohnt, ist dabei zum einen von einer Kultur des Teilens geprägt: Partizipation kann insoweit als grundlegende Produktionsbedingung medialen Handelns wahrgenommen werden. Zum anderen können aber Strukturen der Digitalisierung menschliche Handlungen auch unterdrücken. Nutzeraktionen werden algorithmisch ausgewertet; welche Distributions- und Selektionsprozesse dabei wirksam werden, bleibt vielfach intransparent.
In der Sozialen Arbeit ist das – keineswegs einheitliche – Menschenbild handlungsleitend und gibt den Rahmen unter anderem für das Ziel sozialpädagogischer Hilfe, die Definition sozialpädagogischer Probleme oder auch die Methoden sozialpädagogischer Intervention. Daraus können aber auch paternalistische Forderungen an die Adressat:innen Sozialer Arbeit erwachsen oder digitale und letztlich soziale Ungleichheiten reproduziert werden.
Salvador Campayo
3. Das Menschenbild in der Softwareentwicklung
Zusammenfassung
Dieser Artikel beleuchtet die formalen Methoden und das dahinter liegende prinzipielle Denken in der Softwareentwicklung. Software wird entlang von Modellen erstellt, die sich Entwicklungsteams im Diskurs mit der Fachseite von der abzubildenden Wirklichkeit machen. Software bildet existierende Strukturen und Vorgänge ab, um sie für Anwender:innen in bequemer und möglichst automatisierter Weise digital umzusetzen oder zu unterstützen. Hierfür gibt es einen erprobten Satz formaler Modellierungssichten, die verschiedene relevante Aspekte der existierenden und gewünschten Realität abbilden. Diese formalen Methoden unterscheiden den Menschen nicht von dinglichen oder konzeptionellen Elementen der Wirklichkeit – es gelten dieselben Abstraktionen. Dies ist unabdingbar, um einen detaillierten und adäquaten technischen Entwurf formulieren zu können – es deckt aber nicht alle Aspekte der Einbindung des Menschen in den soziotechnischen Kontext ab, der durch die Software entsteht. Hierfür sind die Hinzunahme von partizipativen Methoden, wie etwa diejenigen des User-Centered Design (UCD), nötig. Abgerundet wird ein ganzheitlicher Entwicklungsprozess durch die integrale Einbindung von ELSI (Ethical, Legal, and Social Impact), die sich mit Auswirkungen einer digitalen Anwendung auf ihren Kontext – rechtlich, sozial und ethisch-moralisch – beschäftigt.
Stefan Bente
4. Die Modellierung des Menschen aus Sicht der Softwareentwicklung
Zusammenfassung
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Modellierung von Menschen innerhalb digitaler Systeme aus softwaretechnischer Sicht. Hier muss zunächst geklärt werden, welche Ziele mit digitalen Systemen verfolgt werden können. Die Abbildung und Unterstützung von Anwendungsdomänen ist Gegenstand des Softwaredesigns. Hier können verschiedene Paradigmen unterschieden werden, die letztendlich auch Einfluss auf die Modellierung von Menschen innerhalb digitaler Systeme haben werden. Implizit spielen auch die Menschenbilder, die Softwareentwickler:innen von ihren Nutzer:innen haben eine wesentliche Rolle. Für die Modellierung haben sich unterschiedliche Vorgehensweisen etabliert. Die Umsetzung der Modelle in Programmcode macht weitere Entscheidungen der Entwickler:innen erforderlich. Die Qualität und Angemessenheit der Modellierung sowie deren Umsetzung kann weitreichende Konsequenzen für Nutzer:innen und die Gesellschaft haben.
Christian Kohls
5. Das Menschenbild im Service Design
Zusammenfassung
Service Design gestaltet komplexe Produkt-Dienstleistungssysteme. Dieser Beitrag zeigt auf, welches Menschenbild dem Design im Allgemeinen und dem Service Design im Speziellen zugrunde liegt und wie sich dies in konkreten Arbeitsformen und Prozessen im Service Design widerspiegelt. Dabei wird deutlich, dass ein Menschenbild nichts Statisches ist, sondern sich genauso in Entwicklung befindet, wie unsere Kultur und unsere Technologien. Eine der wichtigen Entwicklungen, auf die dieser Beitrag verweist, ist die Transformation vom „human-centered“ zum „life-centered“ Design.
Birgit Mager
6. Modellierung des Menschen aus dem Blickwinkel der Rechtswissenschaften
Zusammenfassung
Modellierungen des Menschen aus Sicht der Rechtswissenschaften sind maßgeblich geprägt von der Bedeutung der unveräußerlichen Würde des Individuums. Daraus leiten sich wiederum Vorstellungen und Leitbilder ab, die die Freiheitsräume der Einzelperson im digitalen Kontext sichern, aber auch auf die gesellschaftliche Ebene hinausreichen und etwa die Mitwirkung in demokratischen Prozessen tangieren. Im „digitalen Alltag“ steht freilich im Zentrum rechtlicher Überlegungen, Transparenz und Rechtsschutz des Verbrauchers zu gewährleisten. Neue, faszinierende Möglichkeiten moderner Technologien verlangen dabei nach kreativen Lösungen im Sinne einer Kultur des Ermöglichens – etwa um digitale Unterstützungsangebote für Menschen mit Beeinträchtigungen in transparenter und rechtssicherer Weise umzusetzen
Claus Richter
7. Menschen- und Technikbilder in der (Sozial-)Robotik
Zusammenfassung
Gesellschaftliche Veränderungen lassen sich nicht zuletzt entlang des technischen Wandels beobachten. Aktuell sind es die Robotik und Künstliche Intelligenz (KI), denen großes Potenzial für Veränderungen in diversen Gesellschaftsbereichen nachgesagt wird (vgl. Heuser et al., 2018). Die Soziologin Sherley Turkle spricht von einem „robotic moment“, welcher eine grundlegende Bereitschaft sich auf Roboter einzulassen, beschreibt (Turkle, 2012, S. 37 f.). Mit entsprechenden Innovationen beschäftigt sich das relativ junge Forschungs- und Entwicklungsfeld der Sozialrobotik. Vor die Aufgabe gestellt, Human Defaults – d. h. Auffassungen, Vorstellungen oder Annahmen vom Menschen, am ehesten zu übersetzen als Menschenbilder – in der Sozialrobotik zu benennen, lässt sich schnell feststellen, dass es die Sozialrobotik gar nicht gibt. Vielmehr stellt dieses Feld ein höchst interdisziplinäres Unterfangen der Entwicklung und Erprobung neuester, in menschen- oder tierähnlichen Korpussen eingebetteten Technologien dar. Deren Entwicklung und Erprobung findet nicht selten in sensiblen Anwendungskontexten (Kindertagesstätten, Pflegeheimen, Therapiezentren) mit einerseits vulnerablen Zielgruppen (Kinder, ältere Menschen, Menschen mit einer Behinderung) und andererseits technikunerfahrenen Fachkräften statt. Womit sich die Sozialrobotik genau befasst, welche Fragen sie stellt und welche Methoden sie dafür nutzt, wird in diesem Beitrag aus einer techniksoziologischen Perspektive beleuchtet. Ziel ist, die in menschen- und tierähnliche Technologien implizit eingeschriebenen Vorstellungen des Menschen sowie des Verhältnisses von Mensch und Technik herauszuarbeiten. Dafür werden auch Robot Defaults, d. h. Voreinstellungen der Technik thematisiert, die in der Sozialrobotik mit Human Defaults einhergehen, da das Ziel dieses Feldes die Eroberung von Alltagswelten der Menschen ist.
Scarlet Schaffrath
8. Der Mensch als kommunizierendes Subjekt
Zum Menschenbild in der Kommunikations- und Medienwissenschaft
Zusammenfassung
Dieser Beitrag geht der Frage nach, welches Menschenbild der Medien- und Kommunikationswissenschaft zugrunde liegt. Dabei müssen wir nicht nur fragen, welches Menschenbild die unterschiedlichen Theorien und Methoden des Faches leitet, sondern auch, welches Bild vom Menschen die Medien vermitteln.
In der Forschungshistorie kann man auf Kommunikatorseite einen Perspektivenwechsel beobachten, der von einer Fokussierung auf die Akteur:innen über eine weitgehende Ausklammerung derselben bis hin zu einer Renaissance von Kommunikator:innen als handelnden Akteur:innen führt. Auf Rezipientenseite hat sich parallel der Blick auf das Publikum als unmündige, beeinflussbare Masse hin zur Vorstellung von aktiven, realitätskonstruierenden Subjekten gewandelt.
Wie die wissenschaftliche Auffassung des Menschen ist auch die Darstellung in den Medien von jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Paradigmen wechselseitig beeinflusst. Hier konzentrieren wir uns auf die mediale Darstellung vulnerabler Gruppen, da sich hier wie unter einem Brennglas zeigt, inwiefern mediale Berichterstattung Risiken wie Marginalisierung und Stereotypisierung, aber auch Chancen wie das Anstoßen gesellschaftlicher Veränderungsprozesse birgt. Auch wenn heute Social-Media-Plattformen die Teilnahme vieler gesellschaftlichen Gruppen am öffentlichen Diskurs ermöglichen, stellen die algorithmischen Kommunikationsprozesse des digitalen Zeitalters das aktiv handelnde Subjekt erneut in Frage: Der Mensch wird zur datafizierten Einheit.
Amelie Duckwitz, Petra Werner
9. Menschenbilder einer Bildung für Menschen mit und über Medien
Annahmen über Menschen in der Medienpädagogik
Zusammenfassung
Medienpädagogische Entscheidungen wie beispielsweise die Gestaltung von medial unterstützten Lern- und Kommunikationsangeboten, die Ermöglichung von selbstbestimmter Mediennutzung in oder die bewahrpädagogisch argumentierende Gestaltung von Schutz von Menschen vor Medieneinflüssen in pädagogischen Settings, beruhen auf Bildern vom Menschen. Dieses Kapitel eruiert, welche Annahmen oder empirischen Erkenntnisse dahinter liegen. Bildungs- und Erziehungstheorien, auch Medienbildungstheorien, setzen sich traditionell damit auseinander, was der Mensch ist und wie er werden soll, auch wenn in neueren Ansätzen die Selbstbestimmung des Menschen betont wird. Der Beitrag schildert diese Überlegungen im Kontext der Wechselwirkung mit Medien. Er zeigt Ziele und Anforderungen an Medienpädagogik auf und beschreibt, welche Methoden Medienpädagogik nutzt und entwickelt, um Erkenntnisse über pädagogische Herausforderungen für Menschen im Medienhandeln zu gewinnen und Menschen durch medienpädagogische Angebote in ihren Bildungsinteressen und ihren Entwicklungschancen zu unterstützen.
Isabel Zorn
10. Intelligenz, Denken und gesunder Menschenverstand in der Psychologie
Zusammenfassung
Psychologie ist die Wissenschaft vom Denken, Fühlen und Verhalten von Mensch und Tier. (In diesem Beitrag zu Human Default beschränke ich mich allerdings auf den Blick der Psychologie auf den Menschen.) Um zu verstehen, welche Antworten Psycholog:innen auf die Fragen finden, wie wir verstehen, denken, Probleme lösen und uns Urteile bilden, stelle ich zuerst die einflussreichsten Psychologischen Perspektiven und Fachdisziplinen kurz vor, um einen Eindruck zu vermitteln, wie unterschiedlich der Blick auf den Menschen auch innerhalb der Psychologie ist. Darauf aufbauend gebe ich eine Einführung in das Verständnis von Intelligenz und ihrer Diagnostik. Da Intelligenz nur einen kleinen Ausschnitt unseres Denkens und Problemlösens erklärt, werde ich darüber hinaus weitere Aspekte beleuchten, wie wir unseren Verstand gebrauchen, um zu denken, zu urteilen, zu entscheiden und Probleme zu lösen, und beleuchten, wie rational oder irrational wir dabei vorgehen.
Babette Julia Brinkmann
11. Betriebswirtschaftliche Menschenbilder in der Digitalität
Zusammenfassung
Die Bedürfnisse und das Verhalten von Menschen sind die Grundlage betriebswirtschaftlichen Handelns. Die betriebswirtschaftlichen Theorien und Modelle über Menschen bieten für die konkrete Umsetzung der Digitalisierung nur Anhaltspunkte. Die Praxis als Treiber der digitalen Abbildung setzt sich durch und schafft damit Modelle, die zu de-facto Standards werden. Das Handeln in der digitalisierten Welt, die sogenannte Digitalität, erfordert Klarheit über einen neuartigen Umgang miteinander und muss strategisch verankert sein. Diese Klarheit muss sich in den Modellen widerspiegeln, sie müssen detaillierter sein als die Theorie, denn sie sind ein essenzieller Bestandteil von Anpassungsprozessen. Historische Ansätze sind dennoch wichtig, um den Weg in die Zukunft besser verstehen zu können: Der Roboter als Fronarbeiter wird zum digitalen Mitarbeiter und das Modell des Menschen muss sich unweigerlich ändern. Wesentliche Fachgebiete für digitale Menschenbilder sind Unternehmensführung, Marketing und Personalwesen. Hier finden sich eine Vielzahl von Anwendungen, die mittlerweile so essenziell sind, dass Unternehmen ohne digitale Menschenbilder auf dem Markt kaum noch eine Chance haben. Eine nachhaltige Nutzung und Steuerbarkeit erfordern jedoch die Berücksichtigung ethischer, sozialer und rechtlicher Aspekte und eine Demokratisierung der Modelle.
Hans-Günter Lindner
Metadaten
Titel
Menschenbilder und Digitalisierung
herausgegeben von
Hans-Günter Lindner
Stefan Bente
Claus Richter
Copyright-Jahr
2022
Electronic ISBN
978-3-658-37164-7
Print ISBN
978-3-658-37163-0
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37164-7

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