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2022 | Buch

Menschsein in einer technisierten Welt

Interdisziplinäre Perspektiven auf den Menschen im Zeichen der digitalen Transformation

herausgegeben von: Eva-Maria Endres, Dr. Anna Puzio, Carolin Rutzmoser

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

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Über dieses Buch

Digitalisierung und technologischer Fortschritt verändern das menschliche Selbstverständnis. Während sich der Mensch in Abgrenzung zu Tier und Natur als kultiviertes und autonom handelndes Wesen definiert, steht er angesichts der zunehmenden Technologisierung nun vor der Frage: Was bedeutet Menschsein vor dem Hintergrund der neuen Technologien? Wie verändern sich die menschliche Lebenswelt, Verantwortungsstrukturen und Identitätskonzepte? Was können Menschen, was Technologien nicht können? Was macht den Menschen aus und wo wird er in Frage gestellt? Der Band bietet einen umfassenden Blick auf diese Fragestellungen. Im ersten Teil befassen sich Beiträge aus der Philosophie und Anthropologie mit dem Spannungsfeld Mensch-Maschine. Die anschließenden Beiträge eröffnen interdisziplinäre Perspektiven auf die technisierte Lebenswelt des Menschen in den Bereichen Kultur, Kommunikation und Bildung. Im letzten Teil des Bandes wird schließlich als Kontrapunkt das Menschsein in einer technisierten Welt aus der Perspektive von Spiritualität und Pflege in den Blick genommen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Menschsein in einer technisierten Welt – Einleitende Bemerkungen zu einer interdisziplinären Auseinandersetzung mit der digitalen Transformation
Zusammenfassung
Technologien haben schon lange Eingang in unseren Alltag gefunden und transformieren zahlreiche Lebensbereiche wie Politik, Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und Pflege. Mittels Social Media pflegen wir zwischenmenschliche Beziehungen und kommunizieren miteinander, wir haben Apps zum Schlafen oder für die Ernährung und in der Medizin werden Technologien in den Körper implantiert oder zur Untersuchung des Körpers verwendet. Wearables, wie z. B. die Smart Watch, werden direkt am Körper getragen und müssen kaum noch abgenommen werden. Smart Watches messen den Puls und Herzschlag, zählen unsere Schritte, melden sich, wenn man wieder aufstehen sollte und erfassen den Schlafrhythmus. Wir schlagen Wissen bei Wikipedia nach und lernen interaktiv über Smart Boards in der Schule. Über digitale Tools lässt sich das orts- und zeitunabhängige Zusammenarbeiten organisieren. Wie verändert sich das Menschsein in einer solchen technisierten Welt? Wie verändern sich die menschliche Lebenswelt, Handeln, Verantwortungsstrukturen und Identitätskonzepte?
Anna Puzio, Carolin Rutzmoser, Eva-Maria Endres

Spannungsfeld Mensch und Maschine

Frontmatter
Denkende Maschinen – Metaphysische Überlegungen zur Möglichkeit starker Künstlicher Intelligenz aus prozessphilosophischer Perspektive
Zusammenfassung
Um die Frage nach der metaphysischen Möglichkeit starker Künstlicher Intelligenz zu prüfen, ist der Blick in die aktuelle Debatte um das Leib-Seele-Problem unumgänglich, soll starke Künstliche Intelligenz doch menschlichem Bewusstsein ebenbürtig sein. Hierbei zeigt sich, dass die Position des (nicht-)reduktiven Physikalismus als Erklärungsversuch der Genese des Bewusstseins erheblichen Schwierigkeiten ausgesetzt ist. Es wird dafür plädiert, dass die Prozessphilosophie A. N. Whiteheads einen besseren Ansatz bietet. Diese soll in diesem Beitrag als Gegenmodell dargestellt werden, um dann aus ihrer Sicht die Frage nach der Möglichkeit starker Künstlicher Intelligenz zu beantworten. Dafür werde ich zuerst die Problematik des Physikalismus beschreiben, dass er Phänomenen wie Qualia oder Intentionalität nicht gerecht werden kann. Dies ist insofern von Bedeutung, da es die Position des Physikalismus ist, auf der die aktuellen Gedanken zur metaphysischen Möglichkeit starker Künstlichen Intelligenz aufbauen. Als Nächstes wird exegetisch als Gegenentwurf die Prozessphilosophie A. N. Whiteheads dargestellt werden, um in Anschluss daran zu zeigen, wie mit ihr die Probleme des Physikalismus vermieden werden können. Mit dieser neuen Position kann dann die Frage nach der metaphysischen Möglichkeit starker Künstlicher Intelligenz geprüft werden. Es wird dafür argumentiert werden, dass starke Künstliche Intelligenz metaphysisch möglich ist, jedoch nicht auf die Art und Weise, wie es der Physikalismus konzipiert.
Friedrich Sieben
Können Maschinen handeln? Über den Unterschied zwischen menschlichen Handlungen und Maschinenhandeln aus libertarischer Perspektive
Zusammenfassung
Durch neue technologische Entwicklungen ist die Entstehung von Maschinen vorstellbar, die dem Menschen immer ähnlicher werden und in manchen Eigenschaften sogar überlegen sein könnten. Eine dieser Eigenschaften, die wir in der Regel als typisch menschlich erachten, ist das selbstständige und verantwortliche Handeln. Doch ist es wirklich möglich, dass Maschinen diese Fähigkeit entwickeln können, wenn sie nur komplex genug werden oder gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen menschlichen Handlungen und Maschinenhandeln? Um diese Frage zu beantworten, wird aus philosophischer Perspektive untersucht, was es heißt, eine Handlung auszuführen, inwiefern man für Handlungen verantwortlich sein und ob man Maschinen freies Handeln zusprechen kann. Dabei wird sich zeigen, dass sich Maschinen nicht als freie Handelnde in einem libertarischen Sinn qualifizieren, da sie mit dem, was sie tun, keine neuen Anfänge machen und sich dadurch nicht selbst bestimmen können.
Carolin Rutzmoser
Die Computermetapher – Wie Künstliche Intelligenz das menschliche Selbstverständnis herausfordert
Zusammenfassung
Das Schlagwort ‚Künstliche Intelligenz‘ dominiert gegenwärtig große Teile der wissenschaftlichen und feuilletonistischen Diskussionen und durch Erfolge in der KI-Forschung ist es inzwischen möglich, kognitive Leistungen, die vormals dem geist- und bewusstseinsbegabten Menschen vorbehalten waren, nun durch selbstlernende Maschinen zu realisieren. Auf diese Weise wird in einem noch nie dagewesenen Ausmaß die Sonderstellung des Menschen infrage gestellt. Diese Herausforderung unseres Menschenbildes wird insbesondere durch die Computermetapher begünstigt. Diesem Modell zufolge ist der Mensch als Computer aufzufassen, wobei sein Körper der Hardware und sein Geist der Software des Computers entsprechen. In einer gegenläufigen Dynamik wird einerseits der Mensch ausschließlich als eine neurokybernetische Maschine betrachtet und mit informationstechnischem Vokabular beschrieben. Andererseits werden die bisher als genuin menschlich geltenden Fähigkeiten und Eigenschaften, wie rationales Denken, autonomes Entscheiden oder Kreativität, dem künstlichen Computersystem zugeschrieben. Ziel dieses Aufsatzes ist es die impliziten metaphysischen und weltanschaulichen Voraussetzungen der Computermetapher offenzulegen und die Computermetapher mittels einer technischen Rekonstruktion der Mittel der KI-Forschung einer philosophischen Kritik zu unterziehen.
Kilian Karger
Der berechenbare Mensch im Transhumanismus
Der neurowissenschaftliche Diskurs in der transhumanistischen Anthropologie als philosophisch-theologische Herausforderung
Zusammenfassung
Durch die vielfältigen technologischen Entwicklungen werden der Mensch und das menschliche Dasein stark verändert. Der Transhumanismus strebt eine radikale technologische Transformation des Menschen an und setzt dabei ein bestimmtes Menschenverständnis voraus. Der Beitrag untersucht die Anthropologie des Transhumanismus und fokussiert dabei besonders dessen neurowissenschaftlichen Diskurs. Im Transhumanismus wird der Mensch im Wesentlichen mit dessen neuronalen Prozessen, v. a. dem Gehirn, gleichgesetzt. Im Beitrag wird die transhumanistische Argumentation auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft. Dabei stellt sich nicht nur heraus, dass der Transhumanismus nicht tragfähig argumentiert, sondern auch, dass er den Menschen statt nur auf das Gehirn vielmehr auch auf Information reduziert. Der Mensch erscheint im Transhumanismus als Informationsstruktur und als berechenbar. Anschließend wird die transhumanistische Positionierung zur Religion dargestellt und aufgezeigt, wie auf Basis der Untersuchungsergebnisse eine christlich-theologische Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus aussehen kann. Dem berechenbaren Menschen des Transhumanismus wird das Postulat des unberechenbaren Menschen gegenübergestellt. Es wird die Bedeutsamkeit einer theologischen Mitgestaltung der Technologieprozesse betont, aber zugleich auch dargelegt, wie die Technologien eine Chance für die Weiterentwicklung ebenfalls der theologischen Anthropologie sein können.
Anna Puzio
Die Algorithmisierung der Moral. Über die (Un-)Möglichkeit moralischer Maschinen und die Grenzen maschineller Moral
Zusammenfassung
Mit steigender Autonomie werden künstliche Systeme vermehrt mit Situationen konfrontiert, die komplexe moralische Handlungsentscheidungen erfordern. Doch sind Maschinen überhaupt zu einem eigenständigen moralischen Handeln fähig? In diesem Aufsatz wird zunächst erläutert, inwiefern künstliche Systeme als in primitiver Form handlungsfähig gelten können. Darauf aufbauend werden relevante maschinenethische Positionen entlang verschiedener Kriterien moralischer Handlungsfähigkeit skizziert. Dabei wird begründet, weshalb artificial moral agents (AMAs) nur in einem sehr eingeschränkten Maße als moralische Akteure gelten können. Während die einschlägige Forschungsliteratur in diesem Zusammenhang vornehmlich die fehlende Verantwortungsfähigkeit von Maschinen diskutiert, wird in diesem Aufsatz deren begrenzte Fähigkeit zur Kontextsensitivität in den Vordergrund gerückt. Auf der Grundlage eines partikularistischen Moralverständnisses wird argumentiert, dass insbesondere auf maschinellem Lernen basierende Systeme die spezifischen Umstände komplexer moralischer Entscheidungssituationen nur in begrenztem Maße berücksichtigen können. Dies wird schließlich am Fallbeispiel moralischer Dilemmata im Anwendungskontext autonomer Fahrzeuge veranschaulicht.
Vanessa Schäffner

Digitale Transformation des Sozialen

Frontmatter
Digitalisierung als Kritik von Subjektivität. Über Kontingenz und Politisierung von Menschsein in einer digitalen Welt
Zusammenfassung
Die Digitalisierung führt zu einem kontingenten Verständnis etablierter Formen von Subjektivität sowie zu einer damit einhergehenden Politisierung. Diese Beobachtung bildet den Ausgangspunkt des vorliegenden Beitrags. Mit Subjektivität ist dabei die Art und Weise gemeint, wie wir uns selbst verstehen und zu uns selbst verhalten. Subjektivität antwortet auf Fragen wie „Was ist mein oder unser Selbstverständnis als Mensch?“. Indem die Digitalisierung aufzeigt, dass bisher als „normal“ oder „allgemeingültig“ geltende Antworten auf solche Fragen instabil sind, legt sie Subjektivität als kontingent offen: Unser Menschsein könnte auch ganz anders sein. Diese Instabilität kann schließlich zu einer Politisierung etablierter Formen von Subjektivität führen. Insofern bisher ausgeschlossene Seinsweisen sichtbar werden, entsteht die Möglichkeit sich politisch für ihre Realisierung einzusetzen. Die These dieses Beitrags – „Digitalisierung ist Kritik von Subjektivität“ – verknüpft dieses „Tun“ der Digitalisierung mit einem an Michel Foucault orientierten Kritikverständnis: Indem die Digitalisierung die Kontingenz von Subjektivität offenlegt und zu ihrer Politisierung beiträgt, entspricht sie dem, was eine Foucaultsche Kritik beabsichtigt. In beiden Fällen wird der Zusammenhang von Wissen, Macht und Subjektivität offengelegt. Diese These hat abschließend Konsequenzen für die Bewertung der Digitalisierung, für ein Verständnis von Kritik sowie für die Politisierung von Subjektivität.
Julian Prugger
Ernährungsdiskurse in Sozialen Medien
Über die Aushandlung von Moral und Identität
Zusammenfassung
Technologische Veränderungen, insbesondere die Digitalisierung fordern den Menschen heraus. Das Bedürfnis nach Orientierung und damit der Bedarf an Ethik und moralischer Reflexion ist gestiegen. Ernährungsthemen nehmen hierfür eine wichtige Funktion im gesellschaftlichen Diskurs ein. Wenn über Ernährungsthemen gestritten wird, werden Grundüberzeugungen einer Gesellschaft verhandelt. Soziale Medien bilden diesen Diskurs ab und gestalten ihn. Sie dienen dabei auch als Identitätsplattform. Identität wird dann über die Darstellung und Verteidigung der eigenen Essmoral ausgedrückt. In diesem Beitrag soll die Aushandlung von Moral und Identität im Rahmen von Ernährungsdiskursen in Sozialen Medien explorativ erkundet werden. Dabei wird zunächst darauf eingegangen, warum gerade die Ernährung einen wichtigen Beitrag zu Moral und Identität leistet und welche Rolle Soziale Medien hierbei spielen könnten. Schließlich wird anhand eines Fallbeispiels aufgezeigt, wie sich Ernährungsdiskurse in Sozialen Medien gestalten. Dabei wird die Frage aufgeworfen: Tragen Soziale Medien zur Orientierung bei der Identitätsentwicklung bei oder werden Soziale Medien vielmehr zum Schauplatz disparater Debatten, die durch fehlende Sinnstrukturen Überforderung und Resignation befördern?
Eva-Maria Endres
Die digitale Sinn-Flut: Wie Digitalisieren Komplexitätsüberschüsse begünstigt und sozialen Wandel befeuert
Zusammenfassung
Hypothese: In der digitalen Moderne produziert die Techniksphäre an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technologien, die Sinninhalte transportieren, um ein Vielfaches mehr Komplexität, als sie zu reduzieren imstande ist. Dieser Trend schreibt sich ruhelos fort. Wir leben in einer Epoche präzedenzloser Sinn-Flut, die Prozesse sozialen Wandels befeuert. Um diese Perspektive zu plausibilisieren, entwickelt das Papier ein Verständnis davon, wie dieser Umstand möglich wird und wie er sich äußert: (1) Technologie wird als Mittel zur Komplexitätsreduktion gefasst sowie ein Zusammenhang zwischen technologischen Entwicklungen und sozialem Wandel beschrieben. Zur Analyse soziotechnischer Veränderungsprozesse wird die modernisierungstheoretische Konzeption von Van der Loo und Van Reijen (1992) vorgestellt. (2) Es wird aufgezeigt, wie die Quantifizierungs- und Vervielfältigungslogiken des Digitalisierens zu einer Überproduktion von Komplexität führen. (3) Aufbauend darauf werden selektierte zeitgenössische Phänomene anhand der vier Dimensionen des zuvor eingeführten modernisierungstheoretischen Ansatzes reflektiert, um dadurch auf Brennpunkte soziotechnischen Wandels im Kontext der Digitalisierung zu verweisen.
Ludwig M. Hanisch

Bildung in einer digitalisierten Gesellschaft

Frontmatter
Libertarische Freiheit als Voraussetzung von Bildung
Wie buddhistische Praxis Bildungsprozesse zu befördern vermag
Zusammenfassung
Ausgehend von der These, dass der Begriff der „Bildung“ über die mit einem kompatibilistischen Freiheitsverständnis vereinbaren Begriffe des „Lernens“, der „Sozialisation“ und der „Erziehung“ hinausgeht und darauf abzielt, dass sich das sich bildende Subjekt reflektiert, kritisch und selbstbestimmt mit den es disponierenden Einflüssen, Erfahrungen und Lerninhalten auseinander zu setzen vermag, soll zunächst dafür argumentiert werden, dass Bildung ein wie von Geert Keil vertretenes, libertarisches Freiheitskonzept voraussetzt. Da libertarische Theorien in der derzeitigen philosophischen Debattenlandschaft jedoch noch eine Minderheitenposition darstellen, soll zunächst kurz skizziert werden, wie ein libertarisches Freiheitsvermögen theoretisch fundiert werden kann, bevor auf die Frage eingegangen wird, wie es auch praktisch kultiviert werden kann. In diesem Zusammenhang soll dafür argumentiert werden, dass im Buddhismus Techniken zur Bewusstseinsschulung entwickelt wurden, um eine gezielte Kultivierung jenes Freiheitsvermögens zu ermöglichen, wobei zur Untermauerung dieser These zunächst ein kurzer Überblick über die Wurzeln und das Grundanliegen des Buddhismus gegeben wird, bevor auf einige zentrale Lehren des Mahāyāna-Buddhismus bei Nāgārjuna eingegangen wird. Der Beitrag schließt mit einer zusammenfassenden Darstellung, welchen Beitrag buddhistische Praxis somit zu leisten vermag, um Bildungsprozesse zu befördern, wobei jener Emanzipationsprozess von den das Subjekt prägenden Dispositionen am Beispiel der digitalen Einbettungsverhältnisse in der modernen technisierten Welt verdeutlicht wird.
Krishan Voigt
Über die Vereinbarkeit von kritischer und digitaler Bildung
Zusammenfassung
Digitale Bildung gibt es gar nicht. Zumindest ist diese Begrifflichkeit irreführend und weckt Erwartungen, die unerfüllt bleiben müssen. So oder so ähnlich könnte die Leserschaft nach dem schnellen Überfliegen dieses Aufsatzes resümieren. Dass die Beurteilung nicht so radikal ausfallen muss, wenn (a) zwischen formaler und inhaltlicher Betrachtungsebene getrennt wird, und wenn (b) interdisziplinär bildungstheoretische, gesellschaftskritische und medienphilosophische Stimmen zu Wort kommen, versuche ich im Folgenden aufzuzeigen. Was muss gegeben sein, damit (digitales) Lernen und Lehren (und damit ein wesentlicher Teil von akademischer Bildung) mit den und für die Studierenden gelingen, sodass neben der Verbesserung technischer und digitaler Fingerfertigkeiten die geisteswissenschaftliche Intention eines Verstehens vom Verstehen unserer kulturellen Praktiken, politischen Ordnungen und ethischen Orientierungen nicht auf der Strecke bleibt? In nahezu allen formalen Bildungseinrichtungen stehen Lehrpersonen vor dieser Frage. Insbesondere im Austausch mit der Studierendenschaft während der Corona-Pandemie ist dabei der Kontrast deutlich geworden zwischen den Hoffnungen, die das klassische Ideal einer universitären am Menschen orientierten Bildung bei den Studierenden weckt und den wirklichen Verhältnissen und Anforderungen eines komplett digital durchgetakteten Studienjahres.
Tobias Lensch
Eine Wittgensteinsche Herausforderung für die Digitalisierung der Bildung
Zusammenfassung
Dieser Beitrag soll zeigen, inwiefern Wittgensteins Sichtweise auf Technologie eine Herausforderung für die Digitalisierung der Bildung darstellt. Zu diesem Zwecke wird hier die kulturelle Interpretation von Wittgensteins Sichtweise auf Technologie herangezogen, wonach Technologien, wie Wörter, vor einem Hintergrund von Sprachspielen und Lebensformen verstanden werden müssen – und nicht umgekehrt. Ausgehend von Wittgensteins Annahme eines gemeinsamen Hintergrundes menschlicher Lebenswelten wird eine paradigmatische Auffassung vom Verhältnis zwischen modernen technologischen und primitiven Gesellschaften, gemeinsam mit der Idee tief gehender Meinungsverschiedenheiten, zurückgewiesen. Gemäß der kulturellen Interpretation stellt dieser Beitrag klar, dass sich die Digitalisierung der Bildung den Risiken mechanischer Ansätze bewusst sein sollte. Eine Wittgensteinsche Herangehensweise an diese Risiken erfordert, dass wir die Probleme erkennen, die durch die Verwechslung kultureller und mechanischer Verwendungen von Wörtern entstehen, und diese lösen, indem wir zu den ursprünglichen alltäglichen Verwendungen jener Wörter zurückkehren.
Zoheir Bagheri Noaparast
Die Herstellung des organlosen Körpers als Ent-Subjektivierung. Vorschlag einer deleuzianischen Perspektive auf das Feld Bildung und Digitalisierung
Zusammenfassung
Der französische Philosoph Gilles Deleuze entwickelt, zunächst in seinem Werk „Logik des Sinns“ und dann in Zusammenarbeit mit dem Psychoanalytiker Félix Guattari in den Werken „Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I“, „Rhizom“ und „Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II“, den Gedanken des organlosen Körpers. Dieser Artikel nimmt Ausgang von einer Vorstellung von Subjektivierung innerhalb gesellschaftlicher Dispositive, die spezifische Formen von Selbstbezüglichkeiten ermöglichen und fragt nach der Bedeutung digitaler Technologien für Subjektivierungsprozesse. Digitale Technologien ermöglichen gesellschaftliche Partizipation und können dadurch eine demokratisierende Wirkung haben. Zugleich führt ihre Allgegenwärtigkeit dazu, dass digitale Technologien Einfluss auf gesellschaftliche Ordnungen üben und damit unmittelbar Vorstellungen von unserem Selbst betreffen. Dieser Beitrag thematisiert die produktive und machtvolle Dimension digitaler Technologien und konzeptualisiert diese als Teil von Subjektivierungsprozessen. Als Gegenbewegung zu einer Auslegung des Selbst entlang von Funktionalitäten, wird der Gedanke des organlosen Körpers als Ent-Subjektivierung vorgestellt. Dies soll eine neue Perspektive auf eine nicht-deterministische Relation von Selbst und Digitales werfen.
Corinna Eich
Ästh-ethisches Labor?
Perspektiven auf AR/VR für kunstpädagogische Handlungskontexte aus künstlerischer Warte
Zusammenfassung
Ausgehend von Perspektiven zwischen künstlerischer und pädagogischer Praxis werden methodische Grundlagen sowie Projektskizzen mit dem Einsatz von Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) in ästhetischen Handlungskontexten erarbeitet. Datengrundlage sind Künstler*inneninterviews und deren Auswertung in Anlehnung an die Grounded Theory (GT) Methodologie (Situationsanalyse nach Clarke). Die Erkenntnisse dienen als erste Anhaltspunkte für medien-/kunstpädagogische Praxis in Anlehnung an post-digitale Positionen. Abschließend wird eine Reihe von methodischen Impulsen und Inspirationen für die Projektarbeit (Schnittstelle von Kunst/IT/Medienethik) präsentiert. Die Dimensionen Körper, Rolle, Reflexionsebenen bzgl. AR/VR-Technologien werden schließlich auf Basis der künstlerischen Perspektiven als Rahmenmodell vorgestellt.
Regina Maria Bäck

Menschsein im Kontext von Pflege und Spiritualität

Frontmatter
Spiritual Care – eine gemeinsame Aufgabe für das Gesundheitswesen des 21. Jahrhunderts
Zusammenfassung
Die hoch technisierte Welt des 21. Jahrhunderts hat einen gesteigerten Bedarf nach menschlicher Fürsorge (Care). Der Einbezug von Spiritualität in diese Fürsorge bekommt eine immer größere Bedeutung, da unsere Gesellschaft kulturell vielfältig und damit multispirituell geprägt ist. Spiritual Care ist die Fürsorge für die spirituelle Dimension der Gesundheit, im Rahmen einer ganzheitlichen Patientenbehandlung. Die Ausübung von Spiritual Care liegt in der Verantwortung jedes Caregivers, d. h. aller Gesundheitsfachpersonen. In der klinischen Praxis wird dies zum einen durch Zeit- und Ressourcenknappheit erschwert, zum anderen durch eine wahrgenommene Inkompetenz für Spiritual Care auf Seiten der Caregiver. Geeignete Trainingsangebote für alle Gesundheits- und Sozialberufe können den Umgang mit spirituellen Themen erleichtern. Ziel sollte sein, Spiritual Care in unterschiedlichen Settings und für möglichst viele Patientengruppen anbieten zu können und damit sowohl den interprofessionellen Austausch als auch die Selbstfürsorge der Gesundheitsberufe zu stärken.
Susanne Magin
Spiritualität – Eine Aufgabe des Alter(n)s?
Zusammenfassung
Sich im Spannungsfeld zwischen zunehmender Technisierung mit den damit verbundenen Möglichkeiten und dem bloßen Menschsein mit all seinen Dimensionen zu bewegen, ist eine Herausforderung für alle Caregiver. Dieser Beitrag beleuchtet die Dimension der Spiritualität mit Bezug zur spezifischen Gruppe der alten Menschen. Er geht den Fragen nach, inwieweit von einer typischen Altersspiritualität gesprochen werden kann und ob es gar im Alternsprozess „spirituelle Aufgaben“ zu bewältigen gilt, wie die australische Altersforscherin Elizabeth MacKinlay (2017) dies propagiert. Dabei wird auch das Thema des potenziell damit verbundenen Erfolgsdrucks aufgegriffen.
Beate Mayr
Metadaten
Titel
Menschsein in einer technisierten Welt
herausgegeben von
Eva-Maria Endres
Dr. Anna Puzio
Carolin Rutzmoser
Copyright-Jahr
2022
Electronic ISBN
978-3-658-36220-1
Print ISBN
978-3-658-36219-5
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-36220-1

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