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06.05.2021 | Mentoring | Im Fokus | Onlineartikel

Wie Mentoring Azubis an Unternehmen bindet

Autor:
Michaela Paefgen-Laß
4:30 Min. Lesedauer

Unbesetzte Ausbildungsplätze und vorzeitig aufgelöste Ausbildungsverträge setzen Unternehmen zunehmend unter Druck. Mentoring-Programme könnten helfen, den Fachkräftebedarf zu sichern. Eine aktuelle Studie macht Hoffnung.

Passungsprobleme plagen den deutschen Ausbildungsmarkt seit Jahren und führen dazu, dass Betriebe und Jugendliche einfach nicht zueinander finden wollen. In der Folge bleiben Lehrstellen unbesetzt oder Verträge werden frühzeitig aufgelöst. Die Frage ist nun, ob es keine engagierten Azubis mehr gibt oder ob es die Betriebe versäumen, sich zeitgemäße Zugänge zum Fachkräftenachwuchs zu verschaffen.

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Zu den Fakten: Allein zwischen 2009 und 2018 hat sich die Zahl der freien Lehrstellen von rund 17.000 auf rund 58.000 mehr als verdreifacht, wie die Bertelsmann Stiftung im Ländermonitor berufliche Bildung 2019 berichtete. Hauptsächlich deshalb, weil Betriebe die Bewerber ungeeignet und Bewerber die Betriebe nicht attraktiv fanden. Auf diese Weise blieben 44 Prozent aller unbesetzten Lehrstellen auch weiterhin vakant. Aktuelle Zahlen aus dem Kurzbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) legen den Finger in eine weitere Wunde. 

Warum Ausbilder Verträge auflösen

Fehlendes Engagement, mangelndes Sozialverhalten und grundsätzlich mit der Ausbildungssituation überforderte Jugendliche veranlassen Unternehmen zunehmend dazu, bereits abgeschlossene Ausbildungsverträge vorzeitig aufzulösen. Im Ausbildungsjahr 2018/2019 scheiterten 15 Prozent aller abgeschlossenen Lehrverträge. In den meisten Fällen (40 Prozent) trennten sich die Betriebe von ihren Auszubildenden. Die Gründe differieren je nach Betriebsgröße. Mangelndes Sozialverhalten wurde von Kleinstbetrieben als häufigste Ursache für die Auflösung genannt. In größeren Betrieben behinderten Überforderung und fehlende Eignung die erfolgreiche Weiterbildung der Azubis. 

Mentoring-Programme bereiten Jugendliche auf Arbeitsmarkt vor

Mit konservativen Anreizen versuchten 63 Prozent aller Betriebe eine belastbare Brücke zu den Lehrstelleninhabern zu bauen. Allerdings ohne Erfolg, wie der IAB berichtet. Egal, ob im Ausbildungsvertrag Zuschüsse für die Altersvorsorge, Fahrtkostenzuschüsse, Prämien oder Sonderzahlungen vereinbart sind, Lehrstellen werden nach wie vor gekündigt oder gar nicht erst angetreten. Eine zusätzliche und weniger kostenintensive Lösung könnte der Beziehungsaufbau über erfahrene Mentoren sein. Mentoring-Programme haben das Potenzial, Jugendliche auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten und in den Arbeitsalltag zu integrieren. Das gilt vor allem, für diejenigen, die der Arbeitsmarkt kaum beachtet.

Hauptschüler und Jugendliche ohne deutsche Staatsbürgerschaft, auch das berichtete die Bertelsmann Stiftung 2019, haben die schlechtesten Aussichten auf einen Ausbildungsplatz. Berufliche Bildung, so fordert die Stiftung, muss aber chancengerecht sein und für "individuelle Zugangs- und Teilhabechancen von Menschen mit unterschiedlichen sozialen Merkmalen Sorge [...] tragen." 

Forscher des Münchner Ifo-Instituts fanden in einer mehrjährigen experimentellen Studie nun heraus, dass Mentoring-Programme die Arbeitsmarktaussichten von Jugendlichen aus stark benachteiligten Verhältnissen enorm verbessern, wohingegen die Wirkung bei Kindern mit günstigeren familiären Hintergründen ausblieb. "Unsere Untersuchung schätzt nicht nur erstmals einen kausalen Effekt von Mentoring-Programmen auf die Arbeitsmarktaussichten benachteiligter Jugendlicher in Deutschland, sondern erweitert auch die Literatur zu Mentoring-Maßnahmen insgesamt", so die Wissenschaftler. Mehr Integration, weniger Abbrüche, so positiv könnten Mentoring-Programme also den Ausbildungsmarkt beeinflussen?

Mentoren nehmen nicht, sie geben

Mentoren haben nur ein einziges Interesse, sie wollen hilfreich sein und Orientierung anbieten. In einer zunehmend individualisierten Umwelt ist der Entscheidungsbedarf gewachsen, Vorlagen für die eine gute Entscheidung gibt es kaum noch. Je nach Herkunft und Bildung sind vor allem junge Menschen darauf ganz unterschiedlich vorbereitet, was zu Folge hat, dass sie sich mit Berufs- und Karrierefragen häufig überfordert fühlen. Die besonderen Vorteile von Mentoring im betrieblichen Kontext  entfalten sich immer dann, wenn "Mentees durch das Mentoring eine gute Idee bekommen, wie sie für sich wichtige Entscheidungen treffen können", schreiben die Springer-Autoren Stephan Pflaum und Lothar Wüst (Seite 3).

Am meisten profitieren Mentees von den Erfahrungen ihres Mentors dann, wenn dieser nicht aus dem gleichen sozialen Umfeld kommt und durch wirkungsvolle Fragen aus einer anderen Perspektive die Reflexion des Mentees anregt. Der Mentee beginnt so, die eigene Biografie und deren Einfluss auf Verhaltens- und Entscheidungsmuster zu verstehen. Mithilfe des Mentoren kann sich sukzessive die Problemlösungkompetenz verbessern und die Persönlichkeit heranreifen. Damit ändert sich auch der Blick des Mentees auf die Organisation, die entsprechend profitiert (Seite 3 ff.):

  • Die Identifikation mit der Organisation steigt
  • Neue informelle Netzwerke füllen die formale Organisation mit Leben
  • Learning on the Job
  • Entwicklung der Unternehmenskultur

Betriebliches Mentoring: Formell oder informell?

Formelles Mentoring  im Unternehmen kann sich berufsbegleitend über Jahre erstrecken. In der Regel wird es vom Personalmanagement angeboten und ständig evaluiert. Den Mentoren werden Qualifizierungen, Austauschgruppen und Foren angeboten. Kostengünstiger und effektiver sind nach Ansicht von Springer-Autor Andreas Wihler informelle Mentor-Mentee-Beziehungen. Sache der Organisation ist es, dazu die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen, etwa über Veranstaltungen bei denen sich Neueinsteiger und "alte Hasen" kennenlernen um die Beziehung später selbstständig auszubauen.

 "Zusammengefasst lässt sich sagen, dass das Vorhandensein eines Mentors positive Auswirkungen auf den objektiven und subjektiven Laufbahnerfolg eines Protegés hat. Einen Mentor zu haben, der Unterstützung gibt, scheint also besser für den Laufbahnerfolg zu sein, als diesen nicht zu haben", schreibt Wihler über den Effekt des Mentorings von Erwerbstätigen in Unternehmen (Seite 799). Mentoring verbessert die Arbeitgeberattraktivität und die Unternehmensbindung -vorausgesetzt, es basiert auf Freiwilligkeit aller Beteiligten und wird nicht vom Personalmanagement erzwungen.

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