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Über dieses Buch

In der zweiten Auflage dieses Sammelbands werden aktuelle sicherheitspolitische Analysemethoden verständlich beschrieben und jeweils an einem aktuellen Fallbeispiel illustriert. Die Beiträge sind interdisziplinär ausgerichtet. Sie reichen von Frühwarn- und Zukunftsanalyse über Bürokratie- und Organisationsanalyse, Diskursanalyse, kulturtheoretische Analyse und vergleichende Außenpolitikanalyse bis hin zum umfassenden Ansatz im Krisenmanagement und zur Katastrophenforschung. Die Fallbeispiele erstrecken sich von der Transformation der NATO und der sicherheitspolitischen Identität Europas über die Fälle Irak, Kosovo und Bosnien bis zur Nationalen Sicherheitsstrategie der USA. Das Buch repräsentiert einerseits den aktuellen Forschungsstand. Andererseits ist es ein praxisbezogener an Beispielen orientierter Leitfaden für die Analyse internationaler Sicherheitspolitik sowie für die Sicherheitsforschung entlang des Kontinuums von „innerer“ und „äußerer“ Sicherheit.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einführung – Sicherheitspolitik als Methode

schrieb Aristoteles am Anfang seiner Nikomachischen Ethik (1967: Absatz I 1, in der Übersetzung nach Gigon). Theorie zählte Aristoteles also klassischerweise nicht zu den Tätigkeiten, mit denen man nach einem praktischen Gut streben kann, sondern verstand sie als „interessenloses Wissenwollen, wie sich die Dinge an sich verhalten“ (Bien 1980: 124). Methode ist demgegenüber der praktische Weg zur Ursachensuche und zur Erkenntnisbildung, der Weg des wissenschaftlichen Vorgehens, das Forschungsverfahren.
Alexander Siedschlag

Strategische Kulturanalyse: Deutschland, Frankreich und die Transformation der NATO

Strategische Kultur ist seit langem ein Terminus in der Sicherheitspolitik, und der Begriff wurde schon vor zweihundert Jahren von Clausewitz verwendet. Clausewitz meinte damit, dass nicht nur die Truppen, sondern auch die „Moral“ des Gegners ein Angriffsziel seien, und dass darüber hinaus selbst die rational ausgeklügeltsten Kriegsziele und Strategien von Regierungen keinen Wert hätten, wenn sie nicht auch die Gesellschaft mobilisieren könnten. Genau das hänge jedoch vom jeweiligen Nationalcharakter ab, wie das Napoleonische Volksheer, die levée en masse, zeige. Die in diesem weiten Sinn kulturorientierte Interpretation im Militärwesen geht letztlich auf Thukydides und auf klassische chinesische Strategen zurück. In der politikwissenschaftlichen Forschung ist das Konzept strategische Kultur seit an die vierzig Jahren einschlägig. Jedoch wurde es zunächst sehr eng verstanden und bezog sich einerseits auf die nationalen – unter anderem durch historische Erfahrung bedingten – Charakteristika von Militärstrategie und andererseits auf das – auch emotional geladene – Weltbild militärischer Führungsgruppen wie etwa des sowjetischen Generalstabs (klassisch: Snyder 1977: z.B. 8).
Alexander Siedschlag

Strategische Zukunftsanalyse am Beispiel der Bundeswehrplanung

Große westliche Industrienationen stehen heute vor der grundlegenden Frage, welche Aufgaben Streitkräfte in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts wahrnehmen müssen und über welche Fähigkeiten diese hierfür verfügen sollten. Insbesondere die führenden Mitglieder der NATO und der EU stehen vor der Herausforderung, sowohl längerfristige, breit angelegte konzeptionelle Vorstellungen als auch technologische Entwicklungsmöglichkeiten bei Planungen und Entscheidungen einzubeziehen.
Klaus-Markus Brust, Gerd Föhrenbach, Roland Kaestner

Sicherheitspolitische Vernetzung und Transformation aus organisationsanalytischer Perspektive

Als Organisations- und Führungsphilosophie steht die Vernetzung seit einiger Zeit hoch im Kurs. Neuere Ausarbeitungen aus den Bereichen der Politik- und Verwaltungswissenschaft sowie der Managementlehre legen den Schluss nahe, dass die bisherigen Ansätze zur Sicherstellung der Problemlösungs- und Steuerungskompetenz bestehender Institutionen durch eine Reihe von Umfeldentwicklungen infrage gestellt werden. Die Vernetzung wird dabei als ein Ansatz interpretiert, der durch den Einbezug eines erweiterten Akteurskreises sowie alternative Formen der Koordination zwischen diesen neue Wege aufzeigt, um die mit den Umfeldveränderungen zusammenhängenden Herausforderungen zu bewältigen.
Heiko Borchert

Bürokratie- und organisationstheoretische Analysen der Sicherheitspolitik: Vom 11. September zum Irakkrieg

In vielen Analysen wird das Geschehen zwischen dem 11. September 2001 und dem Irakkrieg 2003 als eine Ereigniskette interpretiert, die vor allem eine Stunde der Exekutive war. Es sei der zum Krieg entschlossenen Administration von Präsident George W. Bush gelungen, die öffentlichen Reaktionen auf die terroristischen Anschläge (in den USA und anderen Gesellschaften) zu nutzen, ihre eigene Politik durchzusetzen. Daran ist einiges richtig – und doch verstellt diese monokausale Interpretation zugleich den Blick auf unterschiedliche Phasen der sicherheitspolitischen Reaktionen. Denn der 11. September war keineswegs der Tag der entschlossenen Entscheidungen, sondern verdeutlichte, dass in Notsituationen komplexe Institutionen vor allem nach zuvor einstudierten Plänen agieren. Im 9/11 Commission Report (2004: 278) heißt es deshalb einleitend zu den amerikanischen Reaktionen auf die Anschläge: „Emergency response is a product of preparedness.“ Die unmittelbaren sicherheitspolitischen Reaktionen können insofern nur durch eine organisationstheoretische Analyse der Routinen und Programme adäquat verstanden werden. Entgegen der bisherigen Einsicht in der Außenpolitikanalyse, wonach Routinen nur bei Problemen von mäßiger politischer Bedeutung und ohne Zeitdruck von Bedeutung sind (vgl. Haftendorn 1990: 403-404), spielen sie gerade beim Krisenmanagement eine kaum zu überschätzende Rolle.
Thomas Jäger, Kai Oppermann

Vergleichende Außenpolitikanalyse: Das Verhalten ausgewählter EU-Staaten in der Irak-Krise

Die vergleichende Außenpolitikforschung (comparative foreign policy analysis) erscheint zuweilen als schwierige Kost und teilt das Schicksal gesunder Ernährung: Allgemein geschätzt, aber in der Praxis oft verschmäht. Dieser Beitrag will versuchen, für die vergleichende Außenpolitikforschung zu werben. Zu diesem Zweck wird einleitend ein kurzer Abriss über den Literaturstand gegeben. Im Anschluss wird ein typischer Arbeitsgang für eine vergleichende Studie vorgestellt. Die wissenschaftlichen Implikationen werden dabei den praktischen Fragen untergeordnet, die einem „Bearbeiter“ einer Vergleichsstudie begegnen. Das darauf folgende illustrierende Fallbeispiel behandelt die Außenpolitik von acht EU-Staaten (Deutschland Dänemark, Spanien, Frankreich, Griechenland, Italien, die Niederlande, und Großbritannien) in der Irak-Krise (Sommer 2002 bis Frühjahr 2003).
Bernhard Stahl

Qualitative Inhaltsanalyse: Die soziale Konstruktion sicherheitspolitischer Interessen in Deutschland und Großbritannien

Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes ist das Interesse an der sozialen Konstruktion von Sicherheitspolitik in die Internationalen Beziehungen zurückgekehrt. Bis zum Ende des Kalten Krieges hatten in der Mehrzahl der theorie- und methodenbewussten Arbeiten nicht „Ideen“, sondern „Interessen“ als Schlüssel zur Analyse von Sicherheitspolitik gegolten. Gemeinsamer Ausgangspunkt der dominierenden rationalistischen Ansätze war dabei, dass Sicherheitspolitik auf einer rationalen Abwägung von Kosten und Nutzen beruht und dass die Art der Abwägung bei allen beteiligten Akteuren prinzipiell dieselbe ist. Dementsprechend erschien den Anhängern rationalistischer „actor-general“-Ansätze die Erhebung von akteursspezifischen „Weltbildern“, „Identitäten“ oder „Kulturen“ verzichtbar zu sein.
Wolfgang Wagner

Diskursanalyse: Die Entstehung der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA

Seit rund zwei Dekaden stehen die dominanten Theorieannahmen der Politikwissenschaft in der wissenschaftlichen Kritik. Insbesondere die in der sicherheitspolitischen Forschung noch immer vorherrschenden Ansätze des Neorealismus und des Neoliberalismus mit ihren positivistischen Grundannahmen und ihrem fast ausschließlich auf staatliches Handeln bezogenen Forschungsinteresse, das eine flexible Analyse komplexer Zusammenhänge erschwert, geraten bei einer Reihe relevanter politischer Phänomene in einen Erklärungsnotstand (Siedschlag 2002; Guzzini 2001). Dieses Defizit hat dazu geführt, dass sich die politikwissenschaftliche Forschung vermehrt konstruktivistischen Ansätzen und Fragestellungen zugewandt hat.
Myriam Dunn, Victor Mauer

Sozialwissenschaftliche Katastrophenforschung und Sicherheitsdiskurs

„Es war einmal …“ – Viele Märchen beginnen so, nicht aber Wissenschaft, und dennoch wäre dieser gänzlich ungebräuchliche Anfang geeignet, um auf einen beinahe märchenhaften Wandel aufmerksam zu machen: Zu Beginn der 70er- Jahre des letzten Jahrhunderts gab es in Deutschland noch keine Katastrophenforschung, schon gar keine soziologische. Es gab Spezialisierungen in anderen Disziplinen, die sich mit „Fehlverläufen“ befassten: die Arbeitsforschung, die ingenieurwissenschaftliche Sicherheitsforschung, die Materialforschung, und es gab in den USA „hazard research“ und „disaster research“, die freilich in Deutschland, bis auf ganz wenige Ausnahmen in den Geowissenschaften, noch nicht rezipiert worden waren (dazu Felgentreff/Dombrowsky 2008). Die Selbstbezeichnung „Katastrophenforscher“ erregte eher belustigtes Unverständnis („was es alles gibt!?“), zugleich aber auch wachsendes Interesse.
Wolf R. Dombrowsky, Alexander Siedschlag

Von der security community zur securitized community: Zur Diskursanalyse von Versicherheitlichungsprozessen am Beispiel der Konstruktion einer europäischen Identität

Auf den letzten Seiten ihrer Studie Political Community and the North Atlantic Area (1969) geben die Autoren um Karl W. Deutsch ihrer Hoffnung Ausdruck, die NATO werde in Zukunft mehr sein als ein rein militärisches Bündnis. Über die wechselseitige politische und militärische Unterstützung hinaus sollten die Mitgliedsländer zu einer nordatlantischen politischen Gemeinschaft heranwachsen, auf deren Gebiet Konflikte und Kriege aufgrund gemeinsamer Erfahrungen, Werte und Erwartungen zunehmen unwahrscheinlich werden. Dieser Transformationsprozess beruhe weniger auf den militärischen Kapazitäten des Verteidigungsbündnisses als vielmehr auf der Entwicklung einer „gesellschaftlichen Gemeinschaft“ (Talcott Parsons). „This indicates that opportunities to integrate the North Atlantic area do not necessarily depend upon the continuation of a Soviet military threat, although that threat does seem to have helped toward greater unity” (Deutsch u.a. 1957: 202).
Thorsten Bonacker, Jan Bernhardt

Die EU als Akteur in der internationalen Gemeinschaft – Variationen und Perspektiven des comprehensive approach im Fall Bosnien und Herzegowina im Spiegel von Leitfadeninterviews

Bosnien und Herzegowina befindet sich massenpsychologisch nach Volkan (1999a) nach wie vor in einem „gewählten Trauma“: dem sozial breit geteilten (Selbst-)Bild einer ethnischen Großgruppe der Hilflosigkeit und der Viktimisierung (des Gedrängtwerdens in eine „Opferrolle“; lat. victima: das Opfer). Während der Zustand der Traumatisierung von keiner Großgruppe bewusst angestrebt werde, könne solch eine Gruppe ‚ihr‘ Trauma jedoch sehr wohl bewusst „psychologisieren“ und „mythologisieren“ sowie das Bezugsereignis zusammen mit seinen affektiven Komponenten und den kollektiven Abwehrmechanismen gegen durch die ausgelösten Schamgefühle von Generation zu Generation weitergeben. Dieser Prozess institutionalisiert sich dadurch, dass das „gewählte Trauma“ zum Teil der Gruppenidentität wird und die Gruppengrenzen festlegt (Volkan 1999b; Volkan o.J.).
Andrea Jerković

Verstehende Soziologie von Gewaltakteuren: Fallbeispiel UÇK

In seinen Ausführungen zu „Wissenschaft als Beruf“ hat der Begründer der verstehenden Soziologie, Max Weber, darauf hingewiesen, dass „die Darlegung wissenschaftlicher Probleme“ dergestalt erfolgen muss, „dass ein ungeschulter, aber aufnahmefähiger Kopf sie versteht, und dass er – was für uns das allein Entscheidende ist – zum selbständigen Denken darüber gelangt“ (Weber 1968e: 587). Sich an dieser pädagogischen Maßgabe orientierend, stellt sich die Frage, welcher Kenntnisse ein zum Denken befähigter und williger Erkenntnissuchender bedarf, um sicherheitspolitisches Handeln von Gewaltakteuren im Sinne Webers zu „verstehen“. Mithin: Was heißt „Verstehen“ als Methode im Allgemeinen und „verstehende Soziologie“ im Speziellen? Was bedeutet dies für die Analyse von Gewaltakteuren? Welcher wissenschaftlich-forschungsrelevante und politisch-praktische Mehrwert ist mit solch einer Analysemethode verbunden?
Cornelia Frank

Ein multimethodischer early-warning-Ansatz zur Analyse und Evaluierung von „big patterns“ in komplexen sozialen Systemen: Regional virulente Konfliktpotenziale in der Türkei

Bereits der Zerfall der Sowjetunion führte zu einer Neubewertung von Ansätzen aus der Frühwarnung. Die 1990er-Jahre mit den teilweise rasanten Umbrüchen haben diese Neubewertung beschleunigt. Im Zentrum stand immer wieder die Früherkennung so genannter „humantarian desasters“. Wenig bis gar nicht beachtet wurde die Entwicklung des „neuen Terrorismus“ oder die Genese von Staaten, welche an Bruchzonen vielfältigster Natur liegen.
Andrea K. Riemer

Konfliktanalyse zur Entwicklung von Handlungsoptionen für gesellschaftspolitische Kooperationsprogramme. Ein methodischer Leitfaden

Die Rahmenbedingungen internationaler Politik haben sich seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes grundsätzlich gewandelt: An die Stelle zwischenstaatlicher Kriege sind neue Formen transnationaler, asymmetrischer Konflikte getreten, denen einerseits eine veränderte Logik zu Grunde liegt – sei es, dass sie ethnisch, religiös oder schlicht kommerziell motiviert sind – und die andererseits einen neuen Typus vielschichtigerer sicherheitspolitischer Risiken in sich bergen, gekennzeichnet durch Staatszerfall, Migration, Gewaltökonomien oder auch globalen staatlichen wie nicht-staatlichen Terrorismus. Dementsprechend wächst auch der Bedarf, Instrumente und Ansätze zur Bewältigung von Krisen und Konflikten von der Nutzung vorwiegend militärischer Mittel hin zu zivilen und an dem Postulat der Prävention und Nachhaltigkeit orientierten Strategien zu entwickeln.
Anja Dargatz, Armin Hasemann, Katharina Hübner-Schmid, Britta Joerißen

Fazit und Ausblick: Methoden der sicherheitspolitischen Analyse und Sicherheit als gesamtgesellschaftliche Gestaltungsaufgabe

Auch wenn die sicherheitspolitische Analyse von ihrem Potenzial für praktische Relevanz lebt, kann sie ihre konzeptuellen und methodischen Grundlagen nicht aus den politischen Mottos der Gegenwart herleiten. Würde die Analyse der jeweils „zeitgemäßen“ oder „bedarfsträgergerechten“ operanten Definition von Sicherheitspolitik folgen – Sicherheitspolitik als das auffassen und analysieren, was die dafür formal Zuständigen machen –, würde sie folglich gängige Praxis unreflektiert fortschreiben und jede politische Fehlentscheidung intellektualisieren (und umgekehrt auch jeden Erfolg kluger Sicherheitspolitik unsachgemäß versachlichen).
Alexander Siedschlag

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