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Über dieses Buch

Die Stimmen der MigrantInnen sind für die Kämpfe gegen Linguizismus konstitutiv. Die Abwertung und Prekarisierung migrantischer Mehrsprachigkeit ist aber ein weitreichendes Problem, dessen Thematisierung und Veränderung durch das hegemoniale Versprechen des living in harmony eingeschränkt wird. Assimina Gouma untersucht Erfahrungen mit und gegen Linguizismus im Rahmen eines partizipativen Sprachlern- und Radioprojekts im Salzkammergut. Gewaltvolle Ordnungen in der Migrationsgesellschaft fordern jedoch Konzepte sowohl der Partizipation als auch der agonistischen Öffentlichkeit heraus. Die Addition linguistischer Vielfalt in Medien adressiert die Anliegen einer emanzipatorischen Öffentlichkeit nicht ausreichend. Gefragt sind auch Verhältnisse, die oppositionelle Stimmen und gegenhegemoniale Harmonieprojekte in der Migrationsgesellschaft stützen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Zusammenfassung
„Mehrsprachigkeit“ ist nicht nur ein von unterschiedlichen Gruppen und Interessen umschwärmter Begriff, sondern auch ein wichtiges Mittel für die Kämpfe der MigrantInnen um soziale Rechte und Partizipation. Der gesellschaftliche Diskurs um Mehrsprachigkeit, stark vorangetrieben vom andauernden Hype um Fremdsprachen im Zusammenhang mit beruflichem Erfolg, schafft widersprüchliche Bedingungen für die Auseinandersetzung mit migrantischem Sprechen und migrantischen Sprachen: Die Debatten, migrantische Alltagspraktiken, Maßnahmen und Projekte in Zusammenhang mit „Mehrsprachigkeit“ bieten eine Chance für MigrantInnen, sich kollektiv als politisch mehrsprachige Subjekte, als „Wissende“ statt als „Unwissende“ in das gesellschaftlich hegemoniale Mehrsprachigkeitsverständnis einzureklamieren. Oder eben nicht.
Assimina Gouma

Kapitel 2. Wissensproduktion in der Migrationsgesellschaft

Zusammenfassung
Ist Migration ein Problem? Sozialwissenschaftliches Denken baut häufig auf dieser Annahme auf. Spätestens seit der Chicagoer Schule werden MigrantInnen mit dem „Problem“-Image in den Sozialwissenschaften konfrontiert. (Park 1922, 1928) Auch der überwiegende Teil der politischen „Eliten“ (Dijk 1992) in der westlichen Welt versteht und behandelt Migration bzw. MigrantInnen als Problem, das gestoppt bzw. kontrolliert werden soll. In der medialen Öffentlichkeit wird die „Problem“-Perspektive – von redaktioneller Routine, prekären Reflexions- und Rechercheressourcen (Weish 2015) und populistischer Dynamik vorangetrieben – verbreitet und vervielfältigt.
Assimina Gouma

Kapitel 3. Die Migrationsfrage und die Medien

Zusammenfassung
MigrantInnen und Medien teilen sich ein gesellschaftliches Urteil: „Die Medien sind an allem schuld!“. Oder: „Die ‚Ausländer‘ sind an allem schuld!“. Diese sich gegenseitig ausschließenden Aussagen sind bezeichnend für ein umstrittenes Forschungsfeld, das die Kommunikationswissenschaft immer wieder intensiv beschäftigt und zutiefst herausfordert.
Assimina Gouma

Kapitel 4. Mehrsprachigkeit, Medien und Öffentlichkeit in der Migrationsgesellschaft

Zusammenfassung
Gesellschaft verstanden als Migrationsgesellschaft bedeutet, dass Migration kein Sonderfall, sondern eine Tatsache und Realität ist, die sich im Leben der gesamten Bevölkerung widerspiegelt. (Mecheril et al. 2010a; Edthofer et al. 2014) Migration wird insofern als ein Motor für gesellschaftliche Veränderungsprozesse betrachtet. (Mecheril 2010: 8f.) MigrantInnen ebenso wie Nicht-MigrantInnen gestalten demnach aktiv gesellschaftliche Prozesse in der Migrationsgesellschaft: „Migrant/innen können in dieser Perspektive als Akteure gesehen werden, die neues Wissen, Erfahrungen, Sprachen und Perspektiven in unterschiedliche soziale Zusammenhänge einbringen und diese mitgestalten.“
Assimina Gouma

Kapitel 5. Das Feld, die Methoden und Partizipation

Zusammenfassung
Das partizipativ angelegte Projekt „Emanzipatorische Sprachlernmethoden im Salzkammergut“ (ESPRIS) mit dem Schwerpunkt migrantischer und regionaler Mehrsprachigkeit fand zwischen Februar 2012 und September 2014 im Bezirk Gmunden im Salzkammergut stattfand. Das Ziel der Fördergeber war die Entwicklung und Adaption von innovativen Sprachlernangeboten für die Region. Als weitere Ziele wurden in der Ausschreibung angegeben: a) die Erweiterung des gesellschaftlichen und politischen Handlungsspielraums für MigrantInnen im Sinne des Community Developments, b) die Erweiterung der interkulturellen Kompetenz, c) die Unterstützung der Medienkompetenz, d) das Stärken von Antirassismus, e) die Schaffung neuer Lernorte durch das Einbinden von Kommunen und f) die Begleitung durch wissenschaftliche ExpertInnen.
Assimina Gouma

Kapitel 6. „What Kind of Place is This?“ – Eine Raum- und Regionanalyse

Zusammenfassung
Migration, Raum und Medien stehen in einer komplexen Beziehung zu einander. Je nach Perspektive, Herkunft und Biographie erleben wir die „Festung Europa“ oder die kosmopolitische Seite der Globalisierung. Parallel zum Erfahrungswissen produzieren mediale Inhalte, Texte und Bilder, sozial verbindliche Wirklichkeitsentwürfe (vgl. Weischenberg/Kriener 1998: 15), die Identitätsangebote machen.
Assimina Gouma

Kapitel 7. „Die gleiche Sprache sprechen“ – Linguizismus und Interventionen

Zusammenfassung
Sprache strukturiert auf vielfältige Weise das Leben sowohl der MigrantInnen als auch der Nicht-MigrantInnen im Salzkammergut. MigrantInnen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, erleben in der Region den Einfluss der Sprachideologien im Alltag stärker als Menschen, die unterschiedliche Sprachvarietäten oder österreichische Dialekte sprechen, was im Salzkammergut vielfach vorkommt. Diese Feststellung entspricht dem theoretischen Wissen, dass Sprache migrantische Erfahrungen kontrolliert und reguliert.
Assimina Gouma

Kapitel 8. Radioarbeit, mediale Sprachregime und Linguizismus

Zusammenfassung
Radioarbeit ist eine kollektive Strategie für MigrantInnen und Nicht-MigrantInnen, um aktiv und lokal beim Wuchern der Diskurse (Foucault 1978) mitzumischen bzw. eigene diskursive Positionen an die Öffentlichkeit zu bringen. Freie Radios unterstützen marginalisierte Gruppen bei ihrem Anliegen, kommunikative Macht zu erlangen, sowie darin, Teilöffentlichkeiten des Protests zu gestalten. Im Gegensatz zur subkulturellen Verortung der Freien Radios in den Städten versteht sich das Freie Radio Salzkammergut (FRS) als eine Verschränkung von zwei Projekten: Es ist sowohl ein Freies Radio als auch – im Gegensatz zu großstädtischen Radios wie zum Beispiel Radio Orange in Wien – ein Lokalradio.
Assimina Gouma

Kapitel 9. Gegenstrategien – Den Linguizismus beschämen

Zusammenfassung
Die Kämpfe um Sprachenrechte und migrantische Mehrsprachigkeit wie auch jene um die hegemoniale Sprache produzieren eine Reihe von Dilemmata, Ambivalenzen und Widersprüche. Daraus wird die soziale Konstruktion der „korrekten Sprache“ sowohl in Bezug auf die Erst- als auch die Zweitsprache sichtbar. Das Wissen über die Verschränkung von sprachlichen Ge- und Verboten mit Machtverhältnissen und die ambivalente Konstruktion der „korrekten Sprache“ produziert eine Reihe von individuellen und kollektiven Strategien. Gleichzeitig kann dieses Wissen zu Solidaritäten, aber auch zu weiteren Antagonismen führen.
Assimina Gouma

Kapitel 10. Harmonie und migrantische Mehrsprachigkeit – Conclusio

Zusammenfassung
Willkommen in der Wohlfühlzone! Der entspannende Duft der Demokratie, die kuschelige Weichheit des Friedens, der himmlische Klang der Gleichheit, das herzerwärmende Knistern der Toleranz und auch – was heißt auch?! –, vor allem der süße Geschmack des Wohlstands. Doch die Wohlfühlzone schrumpft, und das immer schneller. Von heute auf morgen kann sich Mensch wieder draußen vor der Tür finden.
Assimina Gouma

Backmatter

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