Zum Inhalt

Migration und Konflikt

  • 2025
  • Buch
insite
SUCHEN

Über dieses Buch

Konflikte im Bereich Migration nehmen zu: Brennende Asylbewerberheime, Anschläge auf Migant:innen, rassistische Hassrede im Internet, ein Anwachsen rechtspopulistischer xenophobischer Demonstrationen und Parteien. Gerade in solch beunruhigenden Ausprägungsformen treten migrationsbezogene Konflikte häufig in Politik und Medien in Erscheinung und nähren den demokratischen Krisendiskurs. Die demokratie- und ordnungstheoretische Bedeutung sozialer Konflikte reicht allerdings weit über dieses destruktive Erscheinungsbild hinaus. Konflikte sind nicht nur ein unvermeidbares Element gesellschaftlichen Zusammenlebens, die Möglichkeit zur Austragung und Bearbeitung ist in vielen politikwissenschaftlichen Ansätzen gar zu einem Gradmesser demokratischer Qualität avanciert. So werden in diesem Sammelband politische Anerkennungs-, Teilhabe- und Teilnahmekonflikte beschrieben und die Repräsentation von Migrant*innen sowie ihre Einbindung in demokratische Entscheidungsprozesse analysiert.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Konflikte und Migration. Eine Einführung
Zusammenfassung
Konflikte im Bereich Migration nehmen zu. Brennende Asylbewerberheime, Anschläge auf Migrant:innen, rassistische Hassrede im Internet, ein Anwachsen rechtspopulistischer xenophober Demonstrationen und Parteien. Soziale Konflikte können verheerende Auswirkungen haben. Gerade in solch destruktiven Ausprägungsformen treten sie häufig in Politik und Medien in Erscheinung und werden im Kontext einer zunehmend polarisierten Gesellschaft diskutiert. Dabei wird das Bild einer Gesellschaft gemalt, die sich aufgrund mangelnden Konsenses und fehlender Kompromissbereitschaft im Mahlstrom egozentrischer Interessen- und Identitätskonflikte aufzureiben beginnt. Dieses pessimistische Gesellschaftsbild nährt den demokratischen Krisendiskurs und damit die Befürchtung, für Heilsversprechungen autoritär-populistischer Parteien, Sezessionsverlockungen oder Radikalisierung anfälliger zu werden (Heitmeyer, 2018).
Norbert Kersting, Julian David Müller, Uwe Hunger

Politische Teilhabekonflikte – Anerken nung und Repräsentation

Frontmatter
Karrieren mit Konfliktpotenzial? Abgeordnete mit Migrationshintergrund im Deutschen Bundestag, 2013–2021
Zusammenfassung
Der Beitrag beschäftigt sich mit der parlamentarischen Repräsentation von Abgeordneten mit Migrationshintergrund im Deutschen Bundestag. Nach einer Bestandsaufnahme der parlamentarischen Präsenz (deskriptive Repräsentation) von 2013 bis 2021 werden die Karriereverläufe dieser Abgeordneten näher untersucht. Zum einen werden thematische Schwerpunktsetzungen (substanzielle Repräsentation) und die Übernahme von Führungsaufgaben in Parlament und Fraktionen analysiert, zum anderen die Fortsetzung und das Ende der parlamentarischen Karrieren von Abgeordneten mit Migrationshintergrund. Die Beschäftigung mit möglichen Faktoren für ein Ausscheiden aus dem Parlament lässt die Autoren schlussfolgern, dass Konflikte aufgrund eines anderen persönlichen Hintergrunds eine untergeordnete Rolle für das Ende dieser parlamentarischen Karrieren spielen.
Henning Bergmann, Andreas M. Wüst
AusländerBYE(?)räte und Integrationskommissionen – Politische Neupositionierung zu Migration?
Zusammenfassung
Die politische Repräsentation von Migrant:innen stellt ein Problem auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene dar. Dass der Anteil von Migrant:innen in politischen Gremien nicht den Anteil der Bevölkerung widerspiegelt, wird bereits vielfach kritisiert. In diesem Beitrag werden daher die Debatten um Ausländerbeiräte als politische Repräsentationsgremien in den Blick genommen. Auslöser hierzu war die Hessische Gemeindereform 2020, die die Aufgaben und Konstituierung der Beiräte maßgeblich veränderte.
Anke Freuwört
Der Integrationsrat und lokale Konflikte. Symbolische Partizipation oder demokratische Innovation?
Zusammenfassung
Marginale politische Entscheidungsbefugnisse, limitierte Ressourcen und eine konstant niedrige Wahlbeteiligung legen nahe, Integrationsräte als im Wesentlichen symbolische Instrumente migrantischer Repräsentation zu betrachten. In der vorliegenden empirischen Fallstudie wird am Beispiel des Gelsenkirchener Integrationsrates untersucht, ob und wie die engen Handlungsspielräume zu politischer Einflussnahme auf kommunaler Ebene genutzt werden. Es zeigt sich, dass das Gremium von seinen formal stark eingeschränkten Kompetenzen zwar durchaus Gebrauch macht, um die eigene Bedeutung im stadtpolitischen Kontext ebenso wie die politische und gesellschaftliche Teilhabe von Migrant:innen zu stärken, ohne dabei allerdings in einem strengen Sinne konfliktiv in politische Prozesse oder mediale Öffentlichkeiten zu intervenieren. Die bewusste und bisweilen zielgerichtete Konfliktvermeidung gegenüber anderen politischen Akteuren ist in diesem Zusammenhang nicht lediglich als das Resultat defizitärer politischer Teilhabemöglichkeiten zu verstehen, sondern hat auch einen strategischen Hintergrund: die Vermittlerrolle im stadtgesellschaftlichen Kontext auszubauen und so auf informeller Ebene Einfluss zu üben.
Lara Fregin, Norbert Kersting, Julian David Müller
Geflüchtete in Deutschland und ihre Einstellung zur Demokratie – eine empirische Untersuchung
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt Ergebnisse aus einer Befragung von Geflüchteten in Bayern im Projekt „Demokratieakzeptanz und Partizipation von Geflüchteten (DePaGe) im Rahmen des Bayerischen Forschungsverbunds ForDemocracy vor. Hierbei geht es unter anderem um Einstellungen und Verhalten in Bezug auf politische Partizipation. Dargestellt werden soziodemographische Merkmale, soziales Kapital, die bisherige politische Partizipation im Herkunftsland und die geplante Partizipation in Deutschland und Einflussfaktoren. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der eingeschränkten Beteiligungsrechte und der politischen Beteilung in der Allgemeinbevölkerung diskutiert.
Sonja Haug, Simon Schmidbauer
Einbürgerung trotz Unionsbürgerschaft? Erkenntnisse aus einer Befragung unter Bulgar:innen in Hamburg
Zusammenfassung
Nach dem EU-Beitritt Bulgariens 2007 zeigen Bulgar:innen in Deutschland eine äußerst hohe Einbürgerungsbereitschaft, die im Gegensatz zum allgemeinen Trend niedriger Einbürgerungsneigung von Unionsbürger:innen steht. Die hohen Einbürgerungsraten von Bulgar:innen sind überraschend, da deren bessere rechtliche Stellung durch den Status der Unionsbürgerschaft die pragmatischen Anreize für den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit verringert. Die Einbürgerungspraktiken von Bulgar:innen, die bisher wenig Beachtung in der Forschung gefunden haben, werden in diesem Beitrag empirisch untersucht. Die Analyse basiert auf einer Befragung von 400 Menschen bulgarischer Herkunft. Ziel dieser Befragung war es, empirische Daten u.a. über ihre Einstellungen zur Einbürgerung sowie Beweggründe für und gegen den deutschen Pass zu erheben.
Vesela Kovacheva
Erkenntnis gegen Rassismus. Die Debatten um „Rasse“ seit Max Weber 1910
Zusammenfassung
Max Weber argumentierte 1910 überzeugend gegen „Rasse“ als soziologische Kategorie und ironisierte die aus den USA bezogenen Erzählungen ihrer Befürworter. Heute ist die gleiche Skepsis gegenüber dem aus den USA überschwappenden Rassediskurs angesagt. Auch wenn er in antirassistischer Absicht formuliert wird, wirkt er unweigerlich reifizierend und diskriminierend.
Dietrich Thränhardt

Soziokulturelle Alltagskonflikte und Zivilgesellschaft

Frontmatter
Konflikte als dynamische und komplexe Konstellationen verstehen
Zusammenfassung
Konflikte werden häufig als Ereignisse betrachtet, die identifizierbare Ursachen haben und in denen sich klar gegenüberstehende Konfliktparteien beschreiben lassen. Unser Beitrag erkundet dagegen die Komplexität sozialer Konflikte, den Einfluss unterschiedlichster Faktoren auf deren Dynamik und beleuchtet so die Kontingenz sozialer Konflikte, abrupte Wechsel der Dynamik statt schematischer Verläufe und sich wandelnde Rollen selbst zentraler Konfliktakteure. Anhand zweier empirischer Beispiele um den Bau einer syrischorthodoxen Kirche in einer hessischen Kleinstadt und einer Moschee in einer sächsischen Großstadt schlagen wir mit Rückgriff auf epistemologische Perspektiven der Assemblage Theorie und ANT vor, Konflikte als dynamische Konstellationen, als Gefüge zu untersuchen, in denen die Wechselbeziehungen der Konfliktkomponenten über die Zeit den Verlauf von Konflikten bestimmen. Dabei gehen vermeintlich klare Ursachen in einem Geflecht von Konfliktkomponenten auf, scheinbar unwesentliche Elemente, auch materielle bekommen durch ihre zeitliche und räumliche Position in diesem Geflecht eine Wirkmacht und tragen zur Eskalation, aber auch zu unerwarteter Deeskalation bei.
Katrin Großmann, Maria Budnik, Christoph Hedtke, Alexander Krahmer
Soziale Öffentlichkeiten als Orte der Konflikthegung: Zur Gestaltung differenzierter Gemeinwesen in der Migrationsgesellschaft
Zusammenfassung
Die Migrationsgesellschaft steht vor vielfältigen Herausforderungen, denn mit der zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft ist ein vorgängig vorhandener oder traditionell oder konventionell hergestellter Konsens über Werte nicht durchsetzbar und auch nicht wünschenswert. Hingegen müssen differenzierte Migrationsgesellschaften Mechanismen der Konsensbildung entwickeln, etablieren und die zivilgesellschaftliche Umsetzung unterstützen. Basierend auf der partizipativen Demokratietheorie werden Differenz und Konflikt als Movens der Entwicklung neuer gesellschaftlicher Einigungen und differenzierter und integrierender Gemeinwesen diskutiert. Die dazu notwenigen Verständigungsprozesse über divergierende und konfligierende Interessen, Bedürfnisse und Perspektiven werden hier mit dem Konzept der Sozialen Öffentlichkeiten gefasst. Durch die Generierung Sozialer Öffentlichkeiten können so Räume für moderierte Austausch- und Verständigungsprozesse geschaffen werden, in denen sowohl vulnerable als auch machtvolle Interessen zur Sprache und – im besten Fall – zur Einigung über das Zusammenleben gebracht werden können.
Martina Ritter, Monika Alisch
Diaspora und Konflikt. Das Beispiel der Tamilen in Deutschland
Zusammenfassung
Diasporas können auch eine entscheidende Rolle im Konflikt im Herkunftsland spielen. In dieser Fallstudie werden wir die Aktivitäten der deutschen tamilischen Diaspora-Organisationen in Sri Lanka im Kontext der breiteren globalen tamilischen Diaspora analysieren, basierend auf theoretischen Ansätzen des Nexus von Diaspora und Konflikt. Folgende Fragen sind dabei zentral: Nutzt die tamilische Diaspora in Deutschland ihre Ressourcen und mischt sich in den Konflikt in Sri Lanka ein? Wenn ja, wie tun sie das und gibt es Unterschiede in ihrem Engagement in den verschiedenen Phasen des Konflikts: vor, während und nach dem Krieg?
Sascha Krannich, Cecile van Maanen

Sozioökonomische Teilhabekonflikte und Administration

Frontmatter
Migration und Integration – eine Daueraufgabe der Kommunen?
Zukünftige Migrationen und die Gestaltung der Integrationspolitik zwischen EU, Bund, Ländern und kommunaler Ebene
Zusammenfassung
Angesichts der weltweit zu beobachtenden multiplen Krisen im Zuge von Krieg, Klimawandel und autokratischen Herrschaftsregimen zeigt der Beitrag, welche der krisenbedingten Fluchtursachen zu vermehrter Zuwanderung nach Deutschland führen und welche eher nicht. Vor dem Hintergrund des skizzierten Fluchtgeschehens wird die Dynamik der konfliktreichen Aushandlungen zur Migrationspolitik im europäischen Mehrebenensystem analysiert. Schließlich wird gezeigt, welche möglichen Rollen die Kommunen innerhalb der kontroversen Aushandlungen über Integrationsaufgaben zwischen Bund, Länder und Kommunen einnehmen können.
Roswitha Pioch
Leipzig auf dem Weg in eine postmigrantische Stadtgesellschaft?
Eine konfliktanalytische Betrachtung anhand exemplarischer Fallstudien
Zusammenfassung
Die Stadt Leipzig versteht sich als weltoffene Stadt und wird seit Jahren immer stärker durch international Zuwanderung geprägt. Gleichzeitig oder gerade deshalb sind im Alltag Diskriminierung und Rassismus Kontinuität, was immer wieder zu Konflikten verschiedener Art führt. Ist Leipzig also weniger postmigrantisch, als es dem vermittelten Selbstverständnis der Stadt entspricht? Unser Beitrag möchte vor dem Hintergrund dieser widersprüchlichen Ausgangssituation die Frage aufwerfen, in welcher Weise Leipzig tatsächlich als eine „postmigrantische Stadt“ verstanden werden kann, um dies anschließend an konkreten Beispielen von Konflikten aus der Kommunalpolitik zu illustrieren und zu diskutieren.
Annegret Haase, Christoph Hedtke, Dominik Intelmann, Alexander Krahmer
Wie viel „Willkommen“ ist möglich? Herausforderungen im Verwaltungsvollzug der Ausländerbehörden
Zusammenfassung
Im dynamischen Feld der Migrations- und Integrationspolitik nehmen die Ausländerbehörden eine zentrale Rolle ein. Formal waren sie historisch betrachtet lange Zeit ausschließlich für die Durchsetzung des für die meiste Zeit restriktiven Aufenthaltsrechts zuständig. Daher ist ihr Handeln noch heute stark ordnungsrechtlich geprägt, obwohl ihnen beginnend mit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 auch teils integrationspolitische Aufgaben zugewiesen werden. Seit einigen Jahren wird zudem wiederkehrend von unterschiedlicher Seite ein Kulturwandel hin zu „Willkommensbehörden“ gefordert bzw. versucht voranzutreiben. Gleichzeitig häufen sich die Meldungen zu langen Wartezeiten bzw. überlasteten Ausländerbehörden in den Kommunen. Hieran anknüpfend fragt der vorliegende Beitrag: Wie viel „Willkommen“ ist möglich?
Jonas Hafner, André Kastilan, Franziska Oehlert
Konflikte in der Kooperation mit Migrant:innenorganisationen
Zusammenfassung
Die Bedeutung von Kooperationen mit Migrant:innenorganisationen hat seit dem Paradigmenwechsel in der deutschen Integrationspolitik im Jahr 2005 deutlich zugenommen. Durch gezielte Förderprogramme wird nun vermehrt versucht, eine interkulturelle Öffnung sowohl auf Seiten der Migrant:innenorganisationen als auch auf Seiten der etablierten Trägern zu fördern. Konflikte in diesen Kooperationen erschweren jedoch häufig eine gleichberechtigte Zusammenarbeit. Dieser Beitrag untersucht die Konflikte, die in der Kooperation mit Migrant:innenorganisationen auftreten können und zeigt Unterschiede zwischen größeren und kleineren Migrant:innenorganisationen auf. Auf Grundlage von vier empirischen Fallstudien werden Konflikte entlang von Machtasymmetrien, Ressourcenverteilung, Anerkennung und Größe diskutiert. Der Beitrag liefert damit einen Einblick in Konflikt- und Kooperationsformen und leistet einen Beitrag aktuellen Debatte über Herausforderungen und Potenziale von Kooperationen mit Migrant:innenorganisationen als Mittel der Integrationspolitik.
Linda Horndasch, Uwe Hunger
Migration und Konflikt. Mythen und Maßnahmen
Zusammenfassung
In diesem Beitrag wird diskutiert, inwieweit migrationsbezogene Konflikte als Indiz gelungener Integration gelten können. In einem ersten Schritt wird argumentiert, dass die Entfaltung integrativen Potenzials von der Bereit- und Sicherstellung produktiver Konfliktaustragungsmöglichkeiten, d. h. vor allem von geeigneten institutionellen Kanälen, abhängt. Dabei wird deutlich, dass sich allgemeine Gelingenskriterien für produktive Konfliktverläufe kaum klar bestimmen lassen. Insofern kann ein auf gleiche Anrechte und Chancen umgestellter Integrationsbegriff zwar als notwendig, aber nicht als hinreichend für das Einstellen umfassender Kohäsionseffekte erachtet werden. Die in einem zweiten Schritt synthetisierten zentralen Befunde innerhalb dieses Bandes zeigen abschließend auf, an welchen Stellen in dieser Hinsicht weiterer Forschungs- bzw. politischer Handlungsbedarf besteht.
Julian David Müller, Norbert Kersting
Titel
Migration und Konflikt
Herausgegeben von
Norbert Kersting
Julian David Müller
Uwe Hunger
Copyright-Jahr
2025
Electronic ISBN
978-3-658-44919-3
Print ISBN
978-3-658-44918-6
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-44919-3

Informationen zur Barrierefreiheit für dieses Buch folgen in Kürze. Wir arbeiten daran, sie so schnell wie möglich verfügbar zu machen. Vielen Dank für Ihre Geduld.