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Über dieses Buch

Der Band nimmt die für die Migrationsforschung grundlegende Frage auf, wer auf welche Weise vor dem Hintergrund welcher Interessen aus welchen Gründen Einfluss auf räumliche Bewegungen und Prozesse der Niederlassung von Migrantinnen und Migranten gewonnen hat und gewinnen kann. Die Beiträge unternehmen den Versuch, Untersuchungsebenen unterhalb des Nationalstaates zu entwerfen und damit auf Arenen der Aushandlung von Wanderungs- und Niederlassungsvorgängen zu blicken, die durch je spezifische lokale, nationale, imperiale, supranationale oder globale Migrationsregime gerahmt sind.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einführung: Migrationsregime vor Ort und lokales Aushandeln von Migration

Zusammenfassung
Die Einführung des Sammelwerkes schildert, warum es belangvoll ist, Ebenen der Untersuchung von Migrations- und Niederlassungsvorgängen unterhalb des Nationalstaates zu entwerfen. Sie fragt dabei nach der Reichweite des Blicks auf das je spezifisch Lokale und unterstreicht das Erfordernis, eine Migrationsforschung zu betreiben, die Wert darauf legt, Relationen, Hierarchien und Wechselverhältnisse in gesellschaftlichen Näheverhältnissen und konkreten sozialen Praktiken offenzulegen – dabei aber immer das Handeln Einzelner oder die Mikrostrukturen in Meso- und Makrokontexte bzw. -strukturen zu fügen, um nicht im kleinen Untersuchungsfeld bei einer Tiefenbohrung mit vergrößertem Beobachtungsmaßstab den Bezug auf übergeordnete Perspektiven zu verlieren. Ansätze hierfür scheinen insbesondere die in den vergangenen Jahren verstärkt diskutierten Konzepte der ‚Migrationsregime‘ und des ‚Aushandelns von Migration‘ zu bieten.
Jochen Oltmer

Zwischen Mobilisierung, „Seßhaftmachung“ und Autonomie. Konflikte um ländliche Mobilität in Sachsen im 19. Jahrhundert

Zusammenfassung
In der ländlich geprägten sächsischen Oberlausitz existierten im 19. Jahrhundert vielfältige Formen ländlicher Alltagsmobilität. Diese schwer zu überwachenden Wanderungen waren das Thema anhaltender politischer Debatten und stellten für die zeitgenössische Verwaltung eine Herausforderung dar. Ein Streitpunkt war, wo die Grenze zwischen ‚Vagabondage‘ und landwirtschaftlichem Tagelohn mit häufig wechselndem Arbeitsort verlief. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde selbstbestimmte Mobilität auch vonseiten der Gutsherren bekämpft, um einer zunehmenden Landflucht entgegen zu wirken. Die vermehrte Anwerbung von Arbeitskräften aus Ost- und Ostmitteleuropa führte schließlich dazu, dass die soziale Grenze zwischen ‚Sesshaftigkeit‘ und ‚Mobilität‘ ethnisiert und räumlich umgedeutet wurde. Die Debatten konzentrierten sich nun auf Fragen des Grenzübertritts und der rechtlichen Hierarchisierung unterschiedlicher Gruppen, was direkte Auswirkungen auf die sächsisch-böhmische Nachbarschaft hatte: Während in früheren Jahrzehnten in Sachsen schlicht von den ‚Böhmen‘ die Rede war, wurden die Bewohner/innen des Nachbarlandes nun als ‚Tschechen‘ und rechtlich privilegierte ‚Deutschböhmen‘ klassifiziert.
Katrin Lehnert

Migration und Vergesellschaftung jenseits des nationalen Paradigmas. Neue Perspektiven auf die Geschichte der ‚Ruhrpolen‘

Zusammenfassung
Der Beitrag befasst sich mit der Geschichte der sogenannten ‚Ruhrpolen‘ im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Geschichtsschreibung über die ‚Ruhrpolen‘ hat lange Zeit beinahe ausschließlich eine organisierte polnische Minderheit und ihr Verhältnis zu den preußischen Behörden in den Blick genommen. Die Literatur vermittelt den Eindruck, es habe eine nahezu homogene ‚aufnehmende‘ Gesellschaft gegeben, von der sich die ‚Polen‘ in einer ‚Subkultur‘ abgegrenzt hätten. Demgegenüber soll der Beitrag anhand der seelsorgerischen Geschichte im Ruhrgebiet zeigen, wie verschiedene Entscheidungs- und Organisationsträger den Umgang insbesondere mit polnischsprachigen Zugezogenen verhandelten und welchen Einfluss Migration auf diese Weise auf die gesellschaftliche Organisation und das Leben in der Ruhrregion hatte. Auch wird deutlich, wie verflochten die Entwicklung war: Die katholische und die evangelische Kirche zogen für die ‚Polenseelsorge‘ zweisprachige, teils selbst erst in die Ruhrregion zuziehende Geistliche heran, die Mittlerpositionen einnahmen. So knüpft der Beitrag an die Historische Migrationsforschung an und verbindet diese mit neueren Ansätzen der transnationalen und Globalgeschichte.
Anne Friedrichs

Saisonale Migration als Bedrohung für den Staat? ‚Sachsengänger‘ und die Eisenbahn im östlichen Preußen vor 1914

Zusammenfassung
Mit der Erschließung der östlichen Regionen Preußens und dem angrenzenden Russländischen Reich durch Eisenbahnen in den 1860er Jahren wurden die Bedingungen für eine verstärkte saisonale Arbeitsmigration geschaffen. Diese erfasste einerseits Arbeiterinnen und Arbeiter aus den preußischen Ostgebieten, die auf der Suche nach Arbeit und besseren Löhnen in westlichere Regionen Deutschlands zogen, und andererseits LandarbeiterInnen aus dem Russländischen Reich, die sich in Deutschland, insbesondere aber in den preußischen Ostprovinzen verdingten. Die Zuwanderung fiel in eine Zeit, als eine zunehmend nationalistischere Rhetorik sowie Überfremdungsdiskurse die politische Debatte in Deutschland prägten, was unter Anderem zur bedeutenden Einschränkung der Zuwanderung aus dem Ausland führte. Im Widerspruch dazu stand das wirtschaftliche Interesse von Grundbesitzern, die an günstigen Arbeitskräften interessiert waren. Der Beitrag untersucht diese Dichotomie und stellt dabei die Rolle der Eisenbahn als Transportmittel in den Mittelpunkt.
Jan Musekamp

Selbsthilfe und soziale Kontrolle. Migrationspolitiken jüdischer Hilfsorganisationen in Berlin 1880–1930

Zusammenfassung
Am Beispiel der Migrationsbewegung osteuropäischer Juden nach und durch Berlin untersucht der Beitrag die Rolle privater Hilfsorganisationen im lokalen Migrationsregime. Er analysiert, wie deutsche und osteuropäische Juden in Berlin auf die seit den 1880er Jahren verstärkt zu beobachtende Regulation von Migrationsprozessen durch preußische Behörden reagierten und welche Rolle die jüdischen Hilfsorganisationen im Prozess der Kategorisierung der Migranten und der Steuerung der Migrationsbewegungen spielten. Bereits um die Jahrhundertwende war in Berlin ein Netzwerk deutsch- und westeuropäisch jüdischer Hilfsorganisationen entstanden, das Transitmigranten und Zuwanderer unterschiedlich adressierte und in weiten Teilen eine restriktive Migrationspolitik verfolgte. Die vor 1914 zu beobachtenden Prozesse der Zentralisierung und Transnationalisierung der Hilfstätigkeit erfuhren mit der kriegsbedingten Flucht- und Zuwanderung zehntausender osteuropäischer Juden in den Jahren der Weimarer Republik einen weiteren Professionalisierungsschub. Darüber hinaus gewannen jüdische Organisationen an Einfluss auf die Umsetzung der Migrationspolitik vor Ort.
Anne-Christin Saß

Das Heilsversprechen des Ackerbodens. Raumkonzepte und Interessenkonflikte im jüdischen Argentinien 1889–1939

Zusammenfassung
Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Baron Hirsch einen der prominentesten Versuche, die russländischen Juden aus ihrer Armut zu führen. Die verarmten Stadtbewohner sollten als Pioniere einer grundlegenden Erneuerung des Judentums in neu entstehende jüdische Agrarkolonien nach Argentinien auswandern. Zahlreiche dieser Kolonien scheiterten, einige bestehen bis heute, allesamt bilden sie den Ursprungsmythos des jüdischen Argentiniens. Dessen Langlebigkeit ruft angesichts der numerischen und ökonomischen Schwäche der Kolonien nach einer Erklärung. Dieser Beitrag nähert sich dem Mythos, indem er ihn als Ergebnis eines Migrations- und Kommunikationsprozesses begreift, der mit einer komplexen Migrationsgeschichte begann und erst später die konfliktreiche Geschichte der jüdischen Migration mit der argentinischen Nationalgeschichte harmonisierte. Dabei ging aber der Blick auf jene innerjüdischen Konflikte verloren, die das Migrationsgeschehen bestimmten. Denn im Widerstreit zahlreicher Akteure entfaltete sich ein Migrationsregime, in dem der argentinische Staat, die Migrationsorganisation ICA, die Kolonisten und die urbanen jüdischen Gruppen sowohl das Migrationsgeschehen als auch die Bedeutung der Kolonien aushandelten. Um das evasive Konzept eines Migrationsregimes empirisch zu fassen, schlägt dieser Beitrag eine geschichtete Regimeanalyse vor, anhand derer die konfligierenden Interessen und Praktiken der Akteure eines lokalen Migrationsregimes in seiner transnationalen Vernetzung herausgearbeitet werden können.
Frank Wolff

Konkurrierende Migrationsregime. Deutsche Einwanderung in Südbrasilien 1824–1945

Zusammenfassung
Der Artikel zeichnet anhand der deutschen Einwanderung nach Südbrasilien eine Migrationssituation mit konkurrierenden Migrationsregimen nach. Von deutscher Seite versuchte ein Netzwerk von nicht staatlichen Akteuren, die Ausgewanderten zum Erhalt ihres ‚Deutschtums‘ zu bewegen, während die brasilianische Seite eine Assimilation der Migranten in die brasilianische Gesellschaft forderte und ab 1930 mit Nationalisierungsmaßnahmen auch umsetzte. Die Eliten der Ausgewanderten versuchten mit dem Konzept des ‚Deutschbrasilianertums‘, beiden Forderungen zu entsprechen, und etablierten ihr hybrides lokales Migrationsregime als dritte Position.
Frederik Schulze

Identitätsmanagement von südslavischen MigrantInnen aus Österreich-Ungarn in den USA, ca. 1890–1940

Zusammenfassung
Wie organisierten sich transatlantische MigrantInnen aus Österreich-Ungarn in den USA? Welche Spuren haben sie hinterlassen? Was sagen quantitative Quellen über die MigrantInnen aus? Kann man rekonstruieren, wie sie sich identifizierten? Wenn ja, wie? Und wenn nein, was können wir dann über Identifikationsprozesse der Vergangenheit sagen? Dieser Aufsatz beruht auf Forschungen für das Projekt ‚Understanding the Migration Experience: The Austrian-American Connection, 1870–1914‘. Der Aufsatz legt einige strategische Entscheidungen des Projektteams dar, erklärt die methodische Herangehensweise des Projektes, um dann die südslavisch-sprachige migrantische Öffentlichkeit in den USA vorzustellen und schließlich anhand eines bestimmten Bereiches (Heiratsmanagement) zu zeigen, wie diese Öffentlichkeit funktionierte. Dabei können wir zwar nicht zur authentischen ‚Stimme‘ der MigrantInnen vordringen. Aber wir können sehen, dass kollektive migrantische Akteure politisch wirkten und damit eine relativ lange Zeit relativ erfolgreich waren, wenn wir uns auf das Studium der Diskurse und Infrastrukturen migrantischer Eliten einlassen, aber auch die Analyse der Statistiken des Zensus nicht vernachlässigen.
Wladimir Fischer-Nebmaier

Lokales Migrationsregime und Eigensinn. Osteuropäische MigrantInnen in Paris 1900–1940

Zusammenfassung
Während die Grundzüge nationaler und internationaler Migrationsregimes in den letzten Jahren relativ intensiv erforscht wurden, bleiben die konkrete lokale Umsetzung (Aufrechterhaltung, Ausgestaltung) dieser Regime und die Strategien kollektiver und individueller migrantischer Akteure häufig noch unberücksichtigt. Der Beitrag zeigt, wie diese Lücke zu füllen wäre, indem er einerseits migrantische Organisationen beleuchtet, die in bestimmten Situationen und über meist elitäre Netzwerke Zugriff und Einfluss auf Migrationsregime erhielten. Andererseits zeigt er, dass es jenseits von Einflussnahme auf das und Handlungskompetenz innerhalb des Regimes eine Vielzahl migrantischer Praktiken und Strategien gab, die die geltenden Regeln umgingen oder umlenkten. Diese informellen, häufig in Grauzonen angesiedelten Strategien beeinflussten Lebenswelt und Handlungsmöglichkeiten der betreffenden Migrantinnen und Migranten womöglich stärker als die organisatorische Einbindung migrantischer Akteure in das Regime, und schufen dadurch unter Umständen indirekt Verschiebungen in Migrationspolitiken.
Michael G. Esch

Sowjetische Regimeorte und sozialistische Migrationsregime. Konstellationen der Minsker ‚Treibsandgesellschaft‘ im Poststalinismus

Zusammenfassung
Um dem Wachstum der Großstädte entgegenzuwirken, forderte Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 eine rationelle Verteilung der Industrie und eine Regulierung der Migrationsbewegungen. Das System der „geschlossenen Städte“ schob dem unbegrenzten Zuzug in die urbanen Zentren zwar einen Riegel vor, indem eine Aufenthaltsgenehmigung vom Nachweis eines der sanitären Norm entsprechenden Wohnraums abhängig gemacht wurde. Wie das Beispiel Minsk zeigt, wurden die Restriktionen jedoch in der Praxis auf mannigfache Weise unterlaufen. Schlupflöcher resultierten aus dem latenten Dauerkonflikt zwischen dem Sowjet und den Betrieben. Während die Industriebosse auf die extensive Nutzung von Arbeitskräften setzten, ging es den Stadtvätern darum, die Bevölkerung mit Wohnraum zu versorgen und die Lebensbedingungen zu verbessern.
Thomas M. Bohn

Migrantenscreening vor Ort. Lokale Flüchtlingsverwaltungen als Akteure der Aussiedlermigration in den 1950er bis 1970er Jahren

Zusammenfassung
Dieser Beitrag betrachtet die Institutionen des Aussiedlermigrationsregimes der Bundesrepublik Deutschland während des Kalten Krieges in ihrer Verwaltungspraxis vor Ort. Auf der lokalen Ebene zeigt sich, dass die Determinanten dieser Art von ethnisch codierter Migration vermeintlicher ‚deutscher Volkszugehöriger‘ aus Ostmittel-, Südost- und Osteuropa nicht allein in den Dimensionen zwischenstaatlicher Politik, nationaler Gesetzgebung und großen Entwürfen nationaler Zugehörigkeit zu finden sind. Anhand von Fallstudien aus der jugoslawiendeutschen und der jüdischen Aussiedlermigration der 1950er und 1960er Jahre wird demonstriert, dass die Anerkennung einer Person als Aussiedler nicht zuletzt von ortsspezifischen Gegebenheiten und Interessenlagen abhing, die sich in den zuständigen Flüchtlingsverwaltungen bündelten. Der Blick ‚nach unten‘ öffnet somit die ‚black box‘ der ethnisch codierten Zuwanderung, die zwar auf nationaler Ebene betrieben, aber lokal ausgehandelt wurde.
Jannis Panagiotidis

Zwischen Zentralisierung und bürokratischem Widerstand. Lokale Behörden in den Migrationsregimen Belgiens und der Bundesrepublik seit 1945

Zusammenfassung
Der Beitrag analysiert die häufig unterschätzte Rolle lokaler Behörden in den westeuropäischen Migrationsregimen am Beispiel Belgiens und der Bundesrepublik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Im stark zentralisierten belgischen System durften die Lokalverwaltungen weder Entscheidungen über die Einreise von Migranten noch über privilegierte Aufenthaltstitel oder Ausweisungen selbstständig treffen, sondern mussten sich an die Fremdenpolizei in Brüssel wenden. Im Laufe der 1960er Jahre erhielten die Kommunen mehr Kompetenzen für den ohnehin privilegierten Aufenthalt von EG-Bürgern, während sich die Fremdenpolizei zunehmend auf Ausweisungen spezialisierte. Demgegenüber entschieden die westdeutschen Kommunen eigenständig über den Aufenthalt von Migranten. Zögerliche Zentralisierungstendenzen kamen in der Bundesrepublik erst während der 1970er Jahre vor, als Sicherheitsbedenken gegen ausländische Terroristen einen größeren Raum einzunehmen begannen. Es dauerte jedoch noch bis zum Ausländergesetz von 1990 bis der Bund den Ausländerbehörden, die weiterhin zuständig blieben, detaillierte Vorschriften über den Aufenthaltsstatus von Migranten machte.
Jenny Pleinen

Die erkaufte Abwanderung ausländischer Arbeitnehmer des Audi NSU-Werks Neckarsulm

Zusammenfassung
Der Aufsatz thematisiert die Krisenjahre 1974/1975 und den daraus resultierenden Abbau der Belegschaft türkischer Herkunft im Audi NSU-Werk Neckarsulm. Dabei steht die Frage nach der Beschäftigungspolitik und dem Krisenmanagement des Audi NSU-Werks im Zentrum. Seit der Verschmelzung mit der VW-Tochter Audi 1969 war es in die Unternehmensstrategie des Volkswagen-Konzerns eingebunden und konnte nicht mehr autonom entscheiden. Für die jüngere Werksgeschichte sind jedoch neben unternehmerischen auch politische Entscheidungen der baden-württembergischen Landesregierung von Bedeutung, die auf Landes- wie auch auf Bundesebene für Diskussionen sorgten. Die Ausländerpolitik von Bund und Ländern dieser Jahre war im Grunde nicht mehr als Arbeitsmarktpolitik und verfolgte das Ziel, die Arbeitsmigration nach Westdeutschland einzudämmen und die Zahl der Ausländer im Land zu reduzieren. Ein Beispiel dafür war die Einführung der Rückkehrhilfe für ausländische Arbeitnehmer 1975 durch die baden-württembergische Landesregierung.
Sakine Yıldız

Die Transitzone und die Fiktion der Nichteinreise. Das Flughafenasylverfahren im Zwielicht von Normalität und Ausnahme

Zusammenfassung
In diesem Beitrag steht die sozialräumliche Dimension lokaler Grenzregime im Mittelpunkt des Interesses. Anhand des Falls der Frankfurter Flughafentransitzone kann gezeigt werden, dass deren materielle, räumliche und rechtliche Gestalt einen Unterschied zu anderen Manifestationen des Grenzregimes, wie Binnengrenzen, Containerhäfen oder Seegrenzen, konstituiert. Durch ihr sozial-räumliches Arrangement erzeugen Flughafentransitzonen den kontrafaktischen Eindruck ihrer Extraterritorialität, der es paradoxerweise ermöglicht, eine Art nationalstaatlicher Hypersouveränität in ihrem Inneren auszuüben. Rechtlich ist dabei die Fiktion der Nicht-Einreise entscheidend, über die das Recht, insbesondere von Geflüchteten, Rechte in Anspruch nehmen zu können, moduliert werden kann. Dadurch lassen sich Abschiebungen erleichtern und Mobilität von Personen einschränken. Als Regierungstechnologie verwischen Flughafentransitzonen dabei die Differenzierung zwischen politisch-rechtlicher Normalität und Ausnahme.
Boris Nieswand
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