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Gert G. Wagner war der „Mister SOEP“ in Deutschland und der Welt. Am 28. Januar 2024 ist er im Alter von 71 Jahren verstorben. Bis kurz vor seinem Tod hat er mit unermüdlicher Energie wissenschaftlich gearbeitet.
Begonnen hat seine wissenschaftliche Laufbahn mit einem Studium der Volkswirtschaftslehre und der Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Als stolzer Hesse, gebürtig in Kelsterbach, lag es wohl nahe, dass er dort studiert. Aus heutiger Perspektive war dies eine sehr gute Entscheidung – zumindest für die empirische, mikrodatenbasierte Forschung in Deutschland, denn an der Universität Frankfurt kam Gert G. Wagner mit dem legendären Sonderforschungsbereich 3 und seinem Vorläuferprojekt, dem SPES-Projekt, in Kontakt. Akademisch sehr jung wurde er Geschäftsführer dieses SFB 3. Es war dieser SFB, mit dem die erste große Panelstudie in Deutschland, das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), startete. Gert G. Wagner bereitete dieses Panel mit vor und war zeitlebens an seiner Weiterentwicklung beteiligt. 1989 übernahm er die Leitung des SOEP, das dann schon nach Berlin an das DIW umgezogen war.
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Mit diesem Panel wurde auch in Deutschland das relevant und bekannt, was in den USA mit der Panel Study of Income Dynamics (PSID) begonnen wurde, die Etablierung einer nationalen Haushalts- und Personenbefragung. Seit 1984 werden seither im Rahmen des SOEP in Deutschland alle in einem Haushalt lebenden erwachsenen Personen befragt und seit 2014 alle im Haushalt lebenden Personen im Alter von 11 Jahren und älter. Über die noch jüngeren Haushaltsmitglieder berichten die Eltern und der Haushaltsvorstand. Heute ist das SOEP weltweit eine der ältesten und renommiertesten Panelerhebungen. Generationen von empirisch arbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Sozialwissenschaften, der Ökonomie, der Statistik und vieler anderer Disziplinen haben mit diesen Daten ihre Karrieren bestritten. Gert G. Wagner hat den Erfolg dieses Panels ganz maßgeblich mitbeeinflusst. Er hat die Inhalte der SOEP-Befragung mitgeprägt, er hat die Surveymethoden eng begleitet und er hat das SOEP-Team gesteuert und weiterentwickelt; stets war es ihm wichtig, dass aktiv Forschende das SOEP entwickeln, da sie es sind, die wissen, was die Forschung braucht. Er hat das SOEP in die Welt und in viele andere Disziplinen hereingetragen, weit über seine erste Nutzergemeinschaft in der Soziologie und Ökonomie hinaus.
Mit Augenmaß hat er Innovationen in das SOEP eingeführt und dabei vieles im entscheidenden Moment richtig gemacht, so beispielsweise die Erweiterung des SOEP um Befragte in Ostdeutschland – dies geschah gleich nach dem Fall der Mauer, welche die beiden deutschen Staaten trennte. Die Erweiterung um die Bevölkerungsgruppen, die nach Deutschland zuwanderten, ist ein weiteres Beispiel. Bis zum Schluss hat ihn umgetrieben, wie alle Bevölkerungsgruppen besser erfasst werden können, auch diejenigen ohne einen festen Wohnsitz. Sie sind Teil der Nichtbefragten, die für ihn einmal als die eigentlich „interessanteste Gruppe“ für Befragungen bezeichnet wurden.
Gert G. Wagner hat sich nicht um disziplinäre Grenzen gekümmert, ihn hat als Wissenschaftler umgetrieben, menschliches Verhalten zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären. Er war bis ins hohe Alter neugierig und wollte besser verstehen, was die Menschen umtreibt. Er hat dabei bewusst disziplinäre Grenzen überschritten. Nach seinen Jahrzehnten am DIW, als SOEP-Leiter, als Vorsitzender und Mitglied des DIW-Vorstands, hat er am Ende seiner Karriere viele Jahre am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin mit Forschenden aus der Psychologie intensiv zusammengearbeitet und auch dort hochkarätig publiziert. So gelang es ihm, noch intensiver menschliches Verhalten zu verstehen und zu erklären. Gert G. Wagner war aber nicht nur am einzelnen Menschen und seinem Verhalten interessiert, sondern ihn interessierten ebenso intensiv die gesamtgesellschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen: Verteilungsfragen haben ihn ebenso umgetrieben wie der subjektive Wohlstand einer Nation.
Gert G. Wagner war sehr viel mehr als „nur“ der Mister SOEP; er hat maßgeblich dazu beigetragen, die Dateninfrastruktur in Deutschland zu verbessern. Er hat dies nicht aus einem Selbstzweck heraus getan, sondern immer vor dem Hintergrund idealerweise exzellente empirische Evidenz für Entscheidungen liefern zu können – empirische Evidenz für unterschiedliche Entscheidungsträger, für die Politik, die Administration, die Wirtschaft und viele mehr.
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Heute zählen Forschungsdatenzentren und auch der Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten fest zur deutschen Dateninfrastruktur – Gert G. Wagner hat dazu entscheidend beigetragen, auch in der Kommission zur Verbesserung der informellen Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Statistik (KVI). Als erster Vorsitzender des Rats für Sozial- und Wirtschaftsdaten hat er Standards gesetzt, hinter die nicht mehr zurückgegangen werden kann. In zahlreichen anderen Kontexten, Gremien und Expertengruppen hat er immer wieder auf die Bedeutung von guten Surveys und guten Daten hingewiesen und darauf, dass öffentlich finanzierte amtliche Daten oder Prozessdaten zur Analyse und damit Entscheidungsfindung aller herangezogen werden können – immer unter der Einhaltung des notwendigen und absolut wichtigen Datenschutzes. Von 2001 bis 2018 hat Gert G. Wagner dem Statistischen Beirat der amtlichen Statistik angehört, auch dort hat er mit seinen Impulsen zur Weiterentwicklung der amtlichen Statistik beigetragen. Ein Silodenken war ihm dabei stets fern, die Verbindung von unterschiedlichen Datensätzen, von Surveydaten mit amtlichen Daten oder prozessgenerierten Daten hat ihn früher als viele andere umgetrieben. Er war Vorsitzender der Kommission zum Zensus 2011, zu dem er wie zu vielen ein freundschaftlich kritisches Verhältnis entwickelte. Er setzte sich sehr dafür ein, dass Daten qualitativ hochwertig ausgewertet werden. Ihm war es aber auch wichtig, dass dies in einem angemessenen Zeitraum geschieht, und damit nicht zu spät, denn Entscheidungsträger brauchen Ergebnisse, die auf der Basis aktueller Daten beruhen – Daten am aktuellen Rand hat er immer wieder angemahnt. Eine Erkenntnis, die sehr nahe liegt, aber keinesfalls immer umgesetzt wird.
Gert G. Wagner war bei alldem stets auch ein Vermittler zwischen der Wissenschaft, wie sie im berühmten Elfenbeinturm oder auch im angewandten Bereich gemacht wird und der Praxis, der Politik sowie der Gesellschaft. Als Universitätsprofessor, der mehrere Rufe erhielt und an mindestens drei Universitäten lehrte, wusste er wie mit beiden Seiten zu sprechen war. Er publizierte für viele Zielgruppen, seine Publikationsliste ist mächtig und zählt bei den Fachaufsätzen über 60 Seiten, während journalistische Arbeiten auf „nur“ 53 Seiten aufgeführt sind. Er war im Wissenschaftsrat, Vorsitzender des Sozialbeirats der Bundesregierung, Mitglied in der „Rürup-Kommission“, im Sachverständigenrat für Verbraucherfragen (SVR) und vieles mehr. Er war Mitglied der Arbeitsgruppe Hochschulsystem und demographischer Wandel, die sich mit der Frage befasste, wie Hochschulen auf den demografischen Wandel reagieren sollten. Er war Fellow zahlreicher renommierter Forschungseinrichtungen. Auch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) konnte ihn als einen seiner Fellows berufen und auch hier hat er seine jahrzehntelange Erfahrung bei der Entwicklung von Paneldaten eingebracht, in diesem Fall bei der Weiterentwicklung von FReDA – dem familiendemografischen Panel Deutschlands.
Die Dateninfrastruktur in Deutschland und damit auch die deutsche Statistik hat mit ihm einen Streiter für innovative Lösungen und eine an der Sache orientierte Weiterentwicklung der Dateninfrastruktur verloren. Wir erinnern uns bei der Weiterentwicklung einer exzellenten Dateninfrastruktur gerne an seine Ratschläge.
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