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Erschienen in: Versicherungsmagazin 6/2023

Free Access 01.06.2023 | Branche

Mit steigenden Solvenzquoten ist zu rechnen

verfasst von: Sebastian Weißschnur

Erschienen in: Versicherungsmagazin | Ausgabe 6/2023

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Der Lebensversicherungsmarkt in Deutschland verändert sich. Dabei stellt sich die Frage, wie sich die derzeitigen Marktanpassungen auf das Verteuerungsrisiko auswirken. Wenn Solvenzquoten in die Bewertung dieses Risikos einbezogen werden, wird diese Kennzahl für die Lebensversicherer aussagekräftiger.
Das Risiko eines Beitragsanstiegs in der Risikolebens- oder Berufsunfähigkeits-Versicherung (BU) wird gemeinhin als Verteuerungsrisiko bezeichnet. Dabei wird der zu zahlende Beitrag zunächst einmal auf Basis nicht garantierter Überschüsse kalkuliert, so dass der Versicherer die Möglichkeit erhält, den Beitrag zu erhöhen, indem die Überschussanteile gesenkt werden.
Die Frage, die sich die Versicherten vor Abschluss ihres Vertrages stellen mögen: Gibt es erkennbare Parameter, die mir Anlass zur Sorge über zukünftig instabile Beiträge geben könnten? Oder: Wie viel Spielraum hat der Versicherer zwischen meinem Zahl- und dem - garantierten - Tarifbeitrag? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Versicherer Handlungsbedarf sieht und seine bislang prognostizierten Überschussanteile reduziert? Im Vergleich zu kapitalbildenden Lebensversicherern erwirtschaften Anbieter von BU- und Risikolebensversicherungen höhere Risikogewinne als Kapitalerträge. Allerdings erlauben uns die ausgewiesenen Überschüsse keinen Rückschluss auf die Bonität des Versicherers. Aus diesem Grund reicht der isolierte Blick auf die Differenz zwischen dem zu zahlenden Beitrag und dem Tarifbeitrag nicht aus. Ein bonitätsschwacher Risikoversicherer mit niedrigem Zahlbeitrag erscheint heute vielleicht attraktiv, könnte sich künftig jedoch als teure Fehlentscheidung entpuppen.
Betrachten wir die Solvenz einer Risikoversicherung, gibt es zahlreiche Kennzahlen, die wichtige Informationen enthalten. Durchgesetzt haben sich für das Verteuerungsrisiko vor allem die aus mehreren Parametern zusammengesetzten Kennzahlen zur Finanzstärke und zur Ertragsstärke. Dabei liefert die Finanzstärke einen eher längerfristigen, strategischen Ausblick, die Ertragsstärke einen eher kurzfristigen, taktisch-operativen Ausblick.

Was Volatilitätsanpassungen aussagen sollen

Die Finanzstärke setzt sich aus der Kennzahlensumme aus SCR-Quote und Vola-tilitätsanpassungen zusammen. Die SCR-Quote wiederum ergibt sich aus dem Verhältnis von vorhandenen Eigenmitteln zum erforderlichen Kapital, die so genannte Solvenzkapitalanforderung. Mit Volatilitätsanpassungen bewerten Lebensversicherer ihre Anleihen mit dem langfristig sicher zu erwirtschaftenden Zinssatz, obwohl die aktuelle Bewertung niedriger ausfällt. Von den Anbietern durchgeführte Bewertungen müssen stets von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) genehmigt werden. Durch Verknüpfung beider Kennzahlen blendet diese Definition der Finanzstärke kurzfristige Marktentwicklungen dadurch aus, dass sie Volatilitätsanpassungen einbezieht. Aus diesem Grund ist sie besonders aussagekräftig für das Verteuerungsrisiko.
Die Ertragsstärke stellt die laufenden Erträge des Versicherers ins Verhältnis zum Soll-Rechnungszins. Die Summe der Erträge soll dabei stets über der Beteiligungssumme liegen. Die Ertragsstärke deckt somit mögliche Quersubventionierungen auf, sofern Garantieanforderungen durch Risiko- und Verwaltungsgewinne gesichert werden müssen.
Eine Beispielrechnung: Die HDI Lebensversicherung bietet ihre selbstständige BU-Versicherung Stand April 2023 mit einem im Marktvergleich niedrigen Beitragssteigerungsrisiko von knapp 33 Prozent an und schneidet damit deutlich besser ab als der Marktdurchschnitt. Ergänzend kann der Versicherer mit einer ausreichenden Finanzstärke von 341 Prozent sowie Ertragsstärke von 137 Prozent punkten.
In der Formel zum Verteuerungsrisiko nimmt die Betrachtung der Solvabilität mit 30 Prozent den kleineren Anteil im Vergleich zum Beitragssteigerungsrisiko ein. Im Ergebnis reiht sich dieser Versicherer trotz marktdurchschnittlicher Finanzstärke an die Spitze des Anbieterfeldes ein.
Eine maßgebliche Änderung innerhalb der vergangenen zwölf Monate betraf das Zinsumfeld des Marktes. Die Europäische Zentralbank (EZB) hob den Leitzins 2022 gleich dreimal auf insgesamt zwei Prozent per annum an. Daraufhin haben viele der betrachteten Risikoversicherer entsprechende Anpassungen vorgenommen. Bereits 2021 gab es erste Entlastungen für deutsche Lebensversicherer bei der Bedeckung der Solvenzanforderungen: Das Zinsniveau hatte sich im Zuge der Corona-Pandemie etwas erholt. Die historische Zinsanpassung aus den vergangenen zwölf Monaten war aber reine Kosmetik, denn der rasante Zinsanstieg in den Bilanzen der Lebensversicherer kann zu Vermögenswerten führen, deren Buchwert deutlich über ihrem Zeitwert liegt.
Die Grafiken auf Seite 31 und oben stellen das Ranking von Risikoversicherern in Deutschland basierend auf dem "Verteuerungsrisiko nach Weißschnur" dar. Dieses Ranking ist transparent und ermöglicht so eine nachhaltigere Bewertbarkeit der Überschussdeklaration. Die empfehlenswertesten Risikoversicherer sind im unteren Teil des Rankings zu sehen, diese weisen das niedrigste Verteuerungsrisiko aus.
Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Rangfolge der Risikoversicherer erkennbar verändert. Lediglich zwei Anbieter haben die gleiche Position wie im Vorjahr. Neben fünf Gesellschaften, die sich verbesserten, haben sich mehr als die Hälfte der Versicherer leicht verschlechtert; drei Anbieter sind in ihrer Ranking-Position sogar deutlich abgerutscht. Dafür gibt es unterschiedliche Ursachen. Einige Versicherer haben trotz verbesserter Rahmenbedingungen des Marktes schlechtere Solvabilitätskennzahlen veröffentlichen müssen; andere Anbieter haben ihren Spread zwischen Tarif- und Zahlbeitrag teils massiv erhöht. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Faktoren, die den Versuch, das Verteuerungsrisiko neutral zu bewerten, beeinflussen, zum Beispiel nicht vergleichbare Kennzahlen wie Standardmodell versus gesellschaftsindividuelles internes Modell, unterschiedliche Annahmepolitik, heterogene Bestandsstruktur, restriktive Policierung und Leistungsfallbearbeitung.
Die historischen Zinsanpassungen der EZB in den zurückliegenden Jahren werden in diesem und und in den kommenden Jahren zu steigenden Solvenzquoten bei deutschen Risikoversicherern führen. Spannend bleibt die Frage, welche Auswirkungen die verbesserte Bonität auf die Überschussdeklaration haben wird. Umso wichtiger ist es, auf ein niedriges Verteuerungsrisiko zu achten.

Kompakt

  • Seit 2022 ist ein positives Wachstum bei Solvenzquoten deutscher Risikoversicherer aufgrund steigender Marktzinsen zu beobachten.
  • Das Verteuerungsrisiko berücksichtigt neben dem Risiko einer Beitragssteigerung die Finanz- und Ertragsstärke des Anbieters.
  • Versicherer mit sehr niedrigem Beitragssteigerungsrisiko und mindestens marktdurchschnittlicher Bonität sind bei sich stetig verbessernden Rechnungsgrundlagen empfehlenswert.

Rechenformel zum Verteuerungsrisiko nach Weißschnur

Das Verteuerungsrisiko nach Weißschnur errechnet sich aus dem Beitragssteigerungsrisiko, der Finanzstärke und der Ertragsstärke des Risikoversicherers. Alle Komponenten werden in der Berechnung unterschiedlich gewichtet. Da das Beitragssteigerungsrisiko im Fokus der Berechnung steht, nimmt es im Vergleich zur Finanz- und Ertragsstärke mit 70 Prozent den größeren Anteil ein.
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Metadaten
Titel
Mit steigenden Solvenzquoten ist zu rechnen
verfasst von
Sebastian Weißschnur
Publikationsdatum
01.06.2023
Verlag
Springer Fachmedien Wiesbaden
Erschienen in
Versicherungsmagazin / Ausgabe 6/2023
Print ISSN: 1616-1963
Elektronische ISSN: 2192-8622
DOI
https://doi.org/10.1007/s35128-023-1870-8

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