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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Wirtschaftliche Mitbestimmung und Demokratisierung — Zur Einführung in den Sammelband

Zusammenfassung
Auch 40 Jahre nachdem erstmals Aufsichtsräte in der Eisen- und Stahlindustrie, noch nach alliiertem Besatzungsrecht, paritätisch besetzt wurden, ist die wirtschaftliche Mitbestimmung, und die Unternehmensmitbestimmung allemal, in der Bundesrepublik Deutschland ein politisch heftig umstrittenes Thema. Die jüngsten Debatten um die Sicherung der Montanmitbestimmung vom Mai und Juni 1987 im Deutschen Bundestag zeigen dies deutlich. Aber die Kontroversen stehen unter dem Vorzeichen der Erhaltung der verbliebenen Restbestände der Montanmitbestimmung als eines Teils vom “Urgestein unserer Demokratie”. Von Auszehrung bedroht ist hier eine Form der Unternehmensmitbestimmung, die von den Gewerkschaften vor allem anderen als Bastion wirksamerer Interessenvertretung in Betrieb und Unternehmen begriffen und zu nutzen versucht worden ist. Leitbild von Unternehmensmitbestimmung wurde indessen immer deutlicher das Mitbestimmungsgesetz ’76, und auch die Einführung oder Erweiterung von Mitbestimmungsrechten im westeuropäischen Ausland während der siebziger und zum Teil noch frühen achtziger Jahre (vgl. Lecher, 1985) haben sich innerhalb eines Rahmens bewegt, wie ihn hierzulande die sozial-liberale “Reformpolitik” der siebziger Jahre gesetzt hat.
Helmut Martens, Gerd Peter

Mitbestimmung zwischen Arbeitspolitik und Interessenvertretung. — Skizze eines Forschungsansatzes

Zusammenfassung
Entsprechend der an der Sozialforschungsstelle vorherrschenden Orientierung auf empirische, anwendungsbezogene Projektforschung, handelt es sich bei dem vorliegenden Forschungsansatz um eine Theorie mittlerer Reichweite, die sich aus verschiedenartigen Theoriegebäuden speist. Der Ansatz ist interner Bezugsrahmen für empirische Projekte und als solcher durchaus in seinen verschiedenen theoretischen Elementen variierbar1). Die Einzelprojekte als Drittmittelprojekte sind aufgrund unterschiedlicher Bewilligungsbedingungen und Feldzugänge zu oft darauf verwiesen, nur wenige Elemente dieses theoretischen Ansatzes zu berücksichtigen. Gleichwohl wird auch für derartige Projekte ein umfassenderer Bezugsrahmen als notwendiger Hintergrund für die Interpretation der vorgefundenen Empirie angesehen.
Gerd Peter

Unternehmensmitbestimmung — mehr als Interessenvertretung mit anderen Mitteln?

Zusammenfassung
Modeil von “Mitbestimmung”, an dem sich kontroverse politische und wissenschaftliche Diskussionen entzünden, ist auch heute noch in jeder Hinsicht die Montanmitbestimmung. Sie selbst war nur die teilweise Realisierung eines Konzepts, von dem wohl zu Recht gesagt worden ist, es sei nicht mehr — aber auch nicht weniger — als die Pragmatisierung einiger Grundgedanken der Wirtschaftsdemokratie für die Kräftekonstellation der Nachkriegszeit gewesen (vgl. Borsdorf, 1982, S. 274). Der “Mitbestimmungsgedanke”, der so gewissermaßen in der Montanmitbestimmung Gestalt gefunden hatte, als Idee und als Modell, als “Urgestein unserer Demokratie” oder als “Faustpfand” für die Möglichkeit ihrer wirtschaftsdemokratischen Weiterentwicklung, muß deshalb in jeder Hinsicht, theoretisch wie praktisch, als ein unfertiges Modell von zugleich hohem Symbolgehalt bezeichnet werden. Mythenbildung, beginnend mit dem Kampf um die Montanmitbestimmung selbst (vgl. Thum, 1982), ist geradezu herausgefordert. Programmatisch-ideologische Überhöhungen der Gewerkschaften erwiesen sich gegenüber dem Versuch ideologiekritischer Analysen als sehr widerständig (vgl. Raehlmann, 1975).
Helmut Martens

Demokratisierung an der Macht vorbei — Mitbestimmung in Zeiten flexibilisierter Arbeitsverhältnisse

Zusammenfassung
“Demokratisierung der Wirtschaft” — heute klingt das fast wie ein Anachronismus. Gestern noch verband sich dieses Schlagwort mit den großen Hoffnungen, die deutsche Sozialdemokraten und Gewerkschaftler an die Weimarer Verfassung geknüpft hatten: Durch die Legalisierung von Sozialisierungsmöglichkeiten und die konstitutionelle Anerkennung der Gewerkschaften war damals der liberale Gleichheitsgedanke erstmals zu einem Postulat sozialer Gleichheit ausgeweitet worden. Grund genug für den reformistischen Flügel der deutschen Arbeiterbewegung, in dieser Verfassungskonstruktion ein wenn auch nicht ideales, so doch hinreichendes Instrument zur legalen Transformation der kapitalistischen Sozialordnung zu sehen. Auch wenn schon damals alle Versuche scheiterten, einige Schlüsselsektoren der Wirtschaft zu sozialisieren und den Beschäftigten größeren Einfluß auf die Gestaltung der Arbeitsbedingungen in den Betrieben zu sichern: Freie und christliche Gewerkschaftsvertreter verstanden die während der Weimarer Republik einsetzenden Prozesse einer “Durchstaatlichung der Gesellschaft” (K. Renner) und einer “Institutionalisierung von Klassenkonflikt” (Th. Geiger) als eindeutige Erfolge der Arbeiterbewegung. Im Ausbau staatlicher Sozialgesetzgebung sahen sie erste Schritte hin zu einer nach sozialen Rechtsprinzipien organisierten neuen Gesellschaftsordnung. Im Konzept der “Wirtschaftsdemokratie” (F. Naphtali) wurde die Überzeugung komprimiert, daß im Stadium des “organisierten Kapitalismus” (R. Hilferding) wirtschaftliche Konzentrationsprozesse und die zunehmende Steuerungsfunktion des Staates mehr oder weniger “naturwüchsig”, d.h. ohne zugespitzte Kämpfe zwischen den sozialen Klassen, die Transformation der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische zur Folge haben müßten.
Birgit Mahnkopf

Mitbestimmung am Arbeitsplatz: Eine neue Chance durch neue Technologien?

Zusammenfassung
Die zu Beginn der sechziger Jahre einsetzende Diskussion über die Mitbestimmung am Arbeitsplatz ist weitgehend ohne praktische Folgen geblieben. Dafür kann eine Reihe unterschiedlicher Erklärungen herangezogen werden:
  • Mitbestimmung am Arbeitsplatz war konzeptionell in eine normativ überfrachtete Mitbestimmungsdiskussion eingebunden.
    Die nur halbherzig geführte Debatte über eine betriebsnahe Gewerkschaftspolitik mündete nicht in eine Aufwertung von Vertrauensleutekörpern ein, die Protagonisten einer Mitbestimmung am Arbeitsplatz hätten sein können.
  • Gewerkschaftliche Berührungsängste, die die Mitbestimmung am Arbeitsplatz als trojanisches Pferd linker, basisdemokratischer Vorstellungen (Arbeiterkontrolle) betrachteten, blockierten eine offene innergewerkschaftliche Diskussion.
Ralph Greifenstein, Peter Jansen, Leo Kißler

Eine Verhandlungstheorie der Mitbestimmung. Ein empirischer Test anhand des niederländischen Systems betrieblicher Demokratie

Zusammenfassung
Betriebsräte nehmen im niederländischen System der betrieblichen Demokratie eine zentrale Stellung ein. Im Vergleich zu anderen Elementen dieses Systems, wie die Konsultierung der Belegschaft (“Werkoverleg”), die Einrichtung der Vertrauensleute (“Bedrijvenwerk”), Kollektivverhandlungen, Arbeiterdirektoren, Kooperativen oder direkter gewerkschaftlicher Intervention und Aktionen, ist ihre zentrale Stellung in den letzten Jahren beträchtlich verstärkt worden.
W. M. Teulings

7. Wirkungen und Interessenwirksamkeit des MitbestG 76

Zusammenfassung
Die Unternehmensmitbestimmung, und zwar eine paritätische nach dem Montanmodell, war und ist dem gewerkschaftlichen Selbstverständnis zur Folge, noch immer ein Kernstück einer Reform der industriellen Beziehungen — ja weitergehend von Wirtschaft und Gesellschaft, durch die eine demokratische Kontrolle wirtschaftlicher Macht und gleichberechtigte Teilhabe der Arbeitnehmer erreicht werden soll1). Gemessen an diesen Zielvorstellungen trägt das am 1. Juni 1976 in Kraft getretene Mitbstimmungsgesetz seinen Namen sicherlich zu unrecht. Zwar enthält es gegenüber dem Betriebsverfassungsgesetz von 1952, nach dem die Aufsichtsräte nur zu einem Drittel mit Arbeitnehmervertretern besetzt sind, einige Regelungen, die die Voraussetzungen für die Einflußnahme der Arbeitnehmer auf der Unternehmensebene verbessern; und dies sind vor allem:
  • die Ausweitung der Zahl der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat,
  • die obligatorische Wahl von Gewerkschaftsvertretern in den Aufsichtsrat und
  • das geänderte Bestellverfahren für Geschäftsführungsmitglieder, das für den ersten Wahlgang eine Zwei-Drittel-Mehrheit vorsieht.
Michael Bürger

8. Wirkungen von Unternehmensmitbestimmung im Hinblick auf die Wahrnehmung der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretung

Zusammenfassung
Die Anfang der achtziger Jahre von uns durchgeführten Forschungsprojekte in zwei nordhessischen Unternehmen haben erstmals sowohl eine Längsschnitt- als auch eine Querschnittsanalyse zur Mitbestimmungspraxis ergeben. Unsere erste, 1981 erfolgte Fallstudie (vgl. Diefenbacher u.a., 1984) führte uns dabei in einen Großbetrieb der Automobilindustrie, der bereits 1975 — noch vor Inkrafttreten des Mitbestimmungsgesetzes von 1976 — als Forschungsfeld gedient hatte (vgl. Georg/Kißler/Scholten, 1981). Dieser historische Vergleich erbrachte unseres Erachtens aber trotz aller festgestellten Defizite ein überdurchschnittlich positives Bild von der dort herrschenden Mitbestimmungspraxis, die wir nicht als repräsentativ für die Industriewirklichkeit der Bundesrepublik anerkennen konnten.
Volker Teichert, Hans G. Nutzinger

9. Mitbestimmung und Ansätze regionaler Struktur- und Beschäftigungspolitik

Zusammenfassung
In einer mehrjährigen empirischen Untersuchung haben wir Mitbestimmungsprozesse in einem montanmitbestimmten Großunternehmen und in seinem regionalen Umfeld untersucht1). Methodisch haben wir in einer Prozeßanalyse auf mehreren Ebenen Handlungsprozesse erarbeitet. Wir haben in einem Werk, dessen Teilstillegung geplant war, Planungsprozesse und ihre betrieblichen Realisierung bei den Beschäftigten an deren alten und neuen Arbeitsplätzen, bei Vertrauensleuten, Betriebsrat, Jugendvertretung, Paritätischen und gemischten Ausschüssen, beim Arbeitsdirektor und bei den Sachbearbeitern im Ressort des Arbeitsdirektors, bei Betriebsleitung, Werks-, Unternehmens- und Konzernieitung sowie bei Aufsichtsratsmitgliedern begleitet und teilweise für die Vergangenheit rekonstruiert und analysiert. In der Region haben wir bei den Gewerkschaften, Arbeitsämtern, Berufsschulen, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, kommunalen Verwaltungen und Kommunalpolitikern die Verflechtungen zwischen Unternehmen und Region untersucht.
Else Fricke

10. Industrielle Beziehungen im Wandel Ein internationaler Vergleich: Großbritannien, Italien und BRD

Zusammenfassung
Es ist offensichtlich, daß das Lexikon der industriellen Beziehungen neu geschrieben wird. Die sozialen Regelungssysteme in den fortgeschrittenen kapitalistischen Industrienationen unterliegen einem raschen und tiefgreifenden Wandel, der die Strukturen, Institutionen und Funktionsmechanismen der Arbeits- und Sozialbeziehungen ebenso erfaßt, wie er das Verhältnis zwischen den an der Regelung sozialer Interessengegensätze beteiligten Akteuren neu bestimmt.
Otto Jacobi

Kollektive Arbeitsbeziehungen und industrieller Wandel: Das Beispiel der Automobilindustrie

Zusammenfassung
Zu Beginn der siebziger Jahre sahen die Chancen der Automobildinsutrie in den traditionellen Herstellerländern Westeuropas und Nordamerikas alles andere als günstig aus. Eine Vielzahl von Faktoren, von denen jeder für sich schon bedrohlich genug gewesen wäre (Altshuler et al., 1984, S. 1 ff.), waren zusammengetroffen. Die einheimischen Märkte hatten schon seit einiger Zeit Anzeichen der Sättigung gezeigt. Der erste “Ölschock” von 1973/74 hatte Energieengpässe und höhere Benzienpreise zur Folge gehabt, die dazu führten, daß erhebliche Investitionen in eine Umstellung auf kraftstoffsparende Modelle notwendig wurden, und die anschließende allgemeine ökonomische Krise zog unausweichlich eine Verringerung der Kaufkraft und einen Rückgang der Nachfrage nach neuen Automobilen nach sich. Der Zusammenbruch der Vereinbarung von Bretten Woods und ihres wohlwollenden internationalen Handelsregimes mußte die Unsicherheit einer Industrie weiter verstärken, die in den meisten Ländern stark von ausländischen Märkten abhängt. Und als sei dies noch nicht genug gewesen, begannen die Japaner — mit ihrem überlegenen Produktionssystem und mit Produkten zu nicht zu unterbietenden Preisen und von hoher Qualität, die den veränderten Konsumentenwünschen ideal entsprachen — ihre Exportoffensive voranzutreiben. Weiter am Horizont drohten die sich neu industrialiserenden Länder mit ihrem ungeheuren Vorrat an billiger Arbeitskraft. Und schließlich hatte die wachsende Militanz der Arbeiterschaft in den späten sechziger Jahren nicht nur die Lohnkosten der Automobilindustrie erhöht, sondern auch zu einem Autoritätsverfall des Managements geführt und einen schwelenden tiefsitzenden Widerwillen gegen die Tayloristische Arbeitsorganisation der traditionellen Massenproduktion artikuliert.
Wolfgang Streeck

Mitbestimmung und politische Kultur im Ruhrgebiet

Zusammenfassung
“Gibt es eine Mitbestimmungskultur im Ruhrgebiet?”1) — so läßt sich zugespitzt fragen. In der Tat scheint es naheliegend, einen Zusammenhang anzunehmen zwischen den Montanindustrien und der montanindustriellen Mitbestimmung auf der einen Seite und der spezifischen politischen Kultur des Ruhrgebiets auf der anderen Seite. Diesem Zusammenhang soll hier nachgegangen werden, wobei insbesondere die Frage nach der Bedeutung der Mitbestimmung für die politische Kultur über den betrieblichen Raum hinaus aufgeworfen wird.
Bernd Faulenbach

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