"Die Unternehmenskultur ist entscheidend für Innovation"
- 26.02.2026
- Mittelstand
- Interview
- Online-Artikel
Aktivieren Sie unsere intelligente Suche, um passende Fachinhalte oder Patente zu finden.
Wählen Sie Textabschnitte aus um mit Künstlicher Intelligenz passenden Patente zu finden. powered by
Markieren Sie Textabschnitte, um KI-gestützt weitere passende Inhalte zu finden. powered by (Link öffnet in neuem Fenster)
Innovation ist kein Selbstläufer. Oft scheitert sie an internen Widerständen, fehlender psychologischer Sicherheit und einer trägen Unternehmenskultur. Drei Experten erklären, wie Führungskräfte Barrieren abbauen, Räume für Ideen schaffen und warum eine klare Haltung entscheidend ist.
Prof. Dr. Sebastian Pioch (v.l.n.r.) lehrt Digital Entrepreneurship an der Hochschule Fresenius und Innovationsmanagement an der Digital Business University in Berlin, Dr. Stephanie Rabbe begleitet als Senior Incubation Managerin bei der Miele & Cie. KG die Implementierung von Intrapreneurship und Dr. Carl Robert Brand ist Design Thinker und Innovationsexperte.
[M] Sebastian Pioch/Sebastian Pioch, Stefanie Rabbe/Bettina Weidler, Carl Robert Brand/Anna Stella Bonin
springerprofessional.de: Welche typischen Innovationsbarrieren erleben Sie in Unternehmen?
Sebastian Pioch: Sehr präsent erlebe ich interne Abwehrmechanismen gegen das Neue: "Das haben wir doch schon immer so gemacht.". Mitarbeitende haben oft Angst vor Veränderungen - was bedeutet das für mich?
Stefanie Rabbe: Ich möchte hier gerne mangelndes strategisches Kommittent ergänzen. Denn auch wenn viele Unternehmensleitungen und Vorgesetzte den Wunsch nach Innovation hegen, bedeutet dies auch, eine Verbindlichkeit für Zielrichtungen zu schaffen und die Konsequenzen von Innovationen zu antizipieren und als Ergebnis auch anzunehmen.
Sie betonen in Ihrem Buch die Bedeutung psychologischer Sicherheit für die Entwicklung von Ideen. Wie schaffen Führungskräfte ein Umfeld, in dem Mitarbeitende offen über Fehler sprechen können?
Sebastian Pioch: Indem zum einen klar zwischen Exploit-Modus (Tagesgeschäft -> bitte keine Fehler) und Explore-Modus (Innovationsgeschäft -> gelebte Fehlerkultur) unterschieden wird. Zum anderen sollten Führungskräfte wertendes Feedback wie "Ach Sibylle, das klappt doch niemals!" tunlichst vermeiden beziehungsweise strikt unterbinden. Stattdessen sind Fragen wie: "Wie meinst du das?" äußerst förderlich, um auch introvertierte Mitarbeitende in den Diskurs einzubinden.
Carl Robert Brand: Zum anderen entsteht psychologische Sicherheit nicht durch Regeln, sondern durch gelebtes Verhalten. Mitarbeitende beobachten sehr genau, wie Führungskräfte selbst mit Unsicherheit, Nicht-Wissen oder eigenen Fehlern umgehen. Wenn eine Führungskraft transparent kommuniziert und auch mal sagt "Das weiß ich gerade nicht - lass es uns gemeinsam herausfinden" und eigene Lernmomente teilt, sendet das ein starkes Signal: Fehler sind keine Schwäche, sondern Teil des gemeinsamen Entwicklungsprozesses.
Inwiefern sehen Sie die Unternehmenskultur als Treiber oder Bremse für Innovation?
Carl Robert Brand: Die Unternehmenskultur ist ein ganz entscheidender Faktor für Innovation, sie kann Treiber sein, aber genauso gut Bremse. Wichtig ist dabei, sich klarzumachen, was Unternehmenskultur überhaupt ist. Ich habe einmal eine Definition mitgenommen, die für mich sehr gut passt: Unternehmenskultur ist geronnenes Verhalten im Unternehmen. Darin steckt ein wesentlicher Punkt: Kultur reagiert träge auf Veränderungen. Während man kurzfristig mehr Geld bereitstellen kann, um einen Innovationsschub auszulösen, braucht es für eine innovationsfördernde Kultur Zeit, Geduld und kontinuierliche Arbeit. Erst dann wird Kultur wirklich zum Treiber.
Stefanie Rabbe: Innerhalb der Unternehmenskultur möchte ich die Entscheidungskultur hervorheben. Innovationen können nicht entstehen, wenn unter Unsicherheit immer versucht wird, im Konsens zu scheiden. Schlimmstenfalls wird dann nämlich nicht entschieden. Mit Konsent-Prinzipien à la "safe enough to try" und "good enough for now" ermöglicht man Entscheidungen unter Unsicherheit.
Welche Rolle spielt die eigene Führungshaltung beim Abbau von Widerständen gegenüber neuen Ideen?
Sebastian Pioch: Wenn ich als Führungskraft selbst Fehler eingestehe und Mitarbeitenden den Rücken stärke (Kommittent), dann kann das Widerstände signifikant reduzieren.
Stefanie Rabbe: Moderne Führung bedeutet heute: Systemarchitekt zu sein. Systeme sind nämlich aus sich heraus auf Anpassung und Veränderung programmiert. Dies bedeutet auch, die Kreativität der Mitarbeitenden, ihre Motivation, ihre Ambitionen und ihre Expertise bestmöglich miteinander zu verbinden, nicht nur, um neue Ideen zu generieren, sondern auch, um Innovationen anzunehmen oder umzusetzen.
Ihr Buch empfiehlt unter anderem Schutzräume für Ideen und die Kickbox-Methode. Wie gehen Unternehmen am besten vor, wenn sie eine dieser Methoden einführen wollen, und welche Hürden erwarten sie dabei?
Sebastian Pioch: Es sollte mit Prototypen experimentiert und nicht gleich Millionen in ein neues Innovationszentrum gesteckt werden. Ein gutes Beispiel für Innovationsräume ist die Dräger-Garage. Das Unternehmen hat iterativ für die verschiedenen Innovationsphasen unterschiedliche Räume eingerichtet und die Mitarbeitenden kommen sofort aus dem Tagesgeschäft heraus.
Stefanie Rabbe: Aus meiner Erfahrung ist das wichtigste, gängige Ansätze, Methoden und Instrumente nicht als Blaupausen einfach auf das eigene Unternehmen übertragen zu wollen. Wir haben uns diverse Kickboxen angeschaut und schließlich unsere eigene gebaut, weil wir damit sicherstellen, dass sie zu unseren Menschen und der Organisation passt. Die Freiheit der Individualisierung sollte immer gegeben sein.
Auf welche Trendthemen müssen Mittelständler unbedingt achten, um nicht den Anschluss zu verlieren?
Carl Robert Brand: Ich tue mich ehrlich gesagt schwer damit, eine konkrete Liste von Trendthemen zu nennen, denen Mittelständler einfach blind folgen sollten. Natürlich gibt es große Makrotrends wie Demografie oder Klimawandel, die man nicht aus den Augen verlieren darf. Gleichzeitig sehen wir aber, dass Trendzyklen immer kürzer werden. Deshalb halte ich es für einen Fehler, Trends hinterherzulaufen. Viel wichtiger ist es, das eigene Innovationsfundament stabil und resilient aufzubauen. Dazu gehört für mich vor allem, Innovationsmanagement wirklich systematisch zu implementieren, etwa entlang der ISO 56002. Wenn dieses Fundament steht, ist man für nahezu jeden Trend gut gewappnet.
Sebastian Pioch: Mit dem Wort "müssen" tue ich mich schwer. Kein Mensch kann tatsächlich vorhersagen, welche Trends sich durchsetzen - wie wir unter anderem durch Matthias Horx' Fehlprognosen wissen. Was jedoch nie aus der Mode kommen wird, ist den eigenen Kunden sowie den Mitarbeitenden aufmerksam zuzuhören und sich auch nicht zu schade dafür zu sein, einmal andere Unternehmen, ja, auch Wettbewerber, nach ihren Erfahrungen zu fragen.