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04.08.2021 | Mittelstand | Interview | Onlineartikel

"Die Digitalisierung wird in KMU inkonsequent eingeleitet"

Autor:
Andrea Amerland
4 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Dr. Jörg Schumacher

ist seit 2011 Partner bei Haselhorst Associates.

Die Digitalisierung ist in der Breite noch gar nicht angekommen, so Berater Jörg Schumacher. Insbesondere im Mittelstand fehlen oft das Know-how und die personelle Ressourcen für die Transformation. Wie KMU aufholen können.

Springer Professional: Im Mittelstand verläuft die Digitalisierung noch immer schleppend, auch wenn die Corona-Krise manche Prozesse beschleunigt hat. Woran liegt es, das KMU bei der Transformation im Vergleich zu großen Konzernen noch immer hinterherhinken?

Jörg Schumacher: Tatsächlich ist seit Ausbruch der Corona-Pandemie ein Digitalisierungstrend in Unternehmen festzustellen. Dass die digitale Transformation jedoch in der Breite angekommen ist, davon kann keine Rede sein. Generell darf der Wandel nicht unterschätzt werden. Was gemeinhin als Digitalisierung bezeichnet wird, ist ein vielschichtiges Unterfangen und der Prozess keineswegs trivial. So ist es auch mit der Einführung digitaler Abläufe oder der Umstellung vereinzelter Unternehmensbereiche längst nicht getan. Soll die Digitalisierung ihr volles Potenzial entfalten, müssen alle Abteilungen einer Firma vollständig transformiert werden: von der Produktion über den Vertrieb bis hin zur Logistik.

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Und genau hier tun sich viele kleinere und mittlere Unternehmen noch immer schwer. Die Digitalisierung wird in KMU oft bereits zu Beginn inkonsequent eingeleitet, schlichtweg weil den Firmen sowohl die personellen Ressourcen fehlen, aber auch das Know-how. Aufgrund dessen sind zahlreiche Unternehmen per se gar nicht in der Lage, zügig ein erforderliches Digitalisierungsteam aufzubauen. Zudem sorgt allein das hohe Tempo digitaler Innovationen für einen kontinuierlichen Handlungsbedarf – mit einmal ergriffenen Maßnahmen ist es bei Weitem nicht getan.

Wie groß sind die Digitalisierungspotenziale bei KMU überhaupt? Gibt es Unterschiede je nach Branche?

Jörg Schumacher: Sicherlich gibt es branchenbezogene Unterschiede. Wir alle kennen den Begriff der 'Disruption', der massive, teilweise existensbedrohende Auswirkungen der Digitalisierung beschreibt. Die digitale Disruption hat den Video-Verleih und das Reisebüro überflüssig gemacht und bereitet Printmedien, Fernsehen oder Einzelhandel Kopfzerbrechen. In Zukunft werden auch Branchen wie Finanzen, Bildung und Gesundheitswesen stark beeinflusst werden. Viele Firmen werden sich neu erfinden müssen. Aber selbst wenn sich nicht gleich das ganze Marktumfeld komplett verändert, wird Digitalisierung an keinem Unternehmen vorbei gehen. Für den produzierenden Mittelstand ist die Disruptionsgefahr geringer als für Medien- oder Finanzdienstleister, aber die kontinuierliche Optimierung der Unternehmensabläufe durch den Einsatz digitaler Lösungen wird dennoch eine Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit sein. Hier gibt es noch viel Nachholbedarf.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Erfolgsfaktoren für eine Digitalisierungsstrategie bei Mittelständlern?

Jörg Schumacher: Eine strukturierte Vorarbeit sowie ein klar definiertes Vorgehen sind unabdingbar. Ein steter digitaler Optimierungsprozess sollte implementiert werden. Dafür gilt es zunächst, den Status quo und die Möglichkeiten einer digitalen Transformation zu erörtern. Das Ergebnis kann mit den marktgängigen Standards und State-of-the-Art-Lösungen verglichen werden. Die Differenz ist ein Ansatzpunkt für den nötigen Handlungsbedarf und die Basis für die Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie. Diese sollte sämtliche Bereiche, Produkte und Services verbinden. Wichtig ist, neben den Maßnahmen die Planung der Zeit, der Kosten- sowie der Nutzeneffekte zu integrieren. Sind diese Schritte erfolgt, beginnt sowohl die Personalplanung für ein Digitalisierungsteam, das die Umsetzung betreut und mit den Zielen abgleicht, als auch die für eine Partner- und Lieferantenstrategie. Letztlich sollte ein etabliertes Programmmanagement dann dafür sorgen, die Projekte tatsächlich in die Tat umzusetzen.

Ist Digitalisierung im Mittelstand Chefsache?

Jörg Schumacher: Natürlich gilt das Commitment der Führungsebene als eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass die Transformation angestoßen wird. Doch betrifft der Wandel das gesamte Unternehmen und somit alle Mitarbeitenden. Hier ist es Führungsaufgabe, Überzeugungsarbeit zu leisten, sodass alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Hilfreich können dabei spezielle Workshops, Schulungen oder Fortbildungen sein, um die Mitarbeitenden für die Transformation zu wappnen. Was die konkrete Umsetzung der Digitalisierungsmaßnahmen angeht, obliegt diese dem Digitalisierungsteam beziehungsweise dem Programmmanagement. Sämtliche operative Aufgaben werden von hier aus gesteuert.

Was bringt ein CDO, um die digitale Transformation im Unternehmen voranzubringen?

Jörg Schumacher: Der interimistische Einsatz eines CDO birgt zahlreiche Vorteile, die für KMU von großem Nutzen sind – vor allem dann, wenn ein solcher Interim Manager gemeinsam mit einem erfahrenen und direkt arbeitsfähigen Team auftritt. Denn dank einer solchen vorübergehenden externen Lösung kann die Digitalisierung des Unternehmens nicht nur autonom vorangetrieben werden. Mittelständler schonen auf diese Weise ihre Ressourcen und Mitarbeiter. Und können ihre eigenen digitalen Strukturen parallel zum Einsatz des CDO-Teams aufbauen. Das spart Zeit und stellt sicher, dass die Unternehmensabläufe zu keinem Zeitpunkt gestört werden und die Firmen handlungsfähig bleiben.

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